Onkologisches Forum Celle e. V.

11.08.17: Schulmedizin wirkt
13.06.18: Schaden und Nutzen ergänzender Therapien
22.11.16: Sind alternative Therapien sinnvoll?

22.01.18: Lichttherapie lindert Schlafprobleme
27.11.17: Mit Heilkräutern gegen Krebs

20.10.14: Komplementär gegen Krebs
08.09.14: Lebensqualität trotz Krebs
21.10.14: Kochbuch gegen Krebs

05.12.16: Krebs: Pilz-Halluzinogen lindert Depression und Angst
13.09.14: Dem Krebs für ein paar Stunden Adieu sagen
30.09.14: "Viele weinen schon am Telefon" - Perückenmacherin im Portrait
02.01.15: Wenn der Krebs kommt, fühlt sich alles hässlich an
27.05.15: Mit Kühlhaube Haare trotz Chemo?

16.12.15: Misteltherapie wird nicht bezahlt
25.10.16: Misteln bei Krebs

11.10.14: Krebs und Fatigue
14.08.14: Fatigue: Unendlich erschöpft
03.03.15: Der Humor trotzt dem Tumor
23.03.15: "Fighting Spirits" sagen dem Krebs singend den Kampf an

01.10.16: Kunstherapie kann helfen

 

 

Ohne Schulmedizin sinken die Überlebenschancen

Wer sich gegen eine etablierte Krebstherapie entscheidet und auf alternative Medizin setzt, senkt seine Chancen, die kommenden fünf Jahre zu überleben – durchschnittlich steigt das Sterberisiko um das 2,5-Fache. Das berechneten Forscher von der Yale School of Medicine in Connecticut anhand der Daten von 840 Patienten mit Erstdiagnose behandelbarer Krebsarten wie Brust-, Lungen-, Darm- und Prostatatumoren. 560 Probanden hatten eine konventionelle Behandlung mit Chemo-, Strahlen-, Hormontherapie oder Operation gewählt. 280 Erkrankte hatten sich dagegen entschieden. Welche Alternativen die Patienten ausprobierten, ob Homöopathie, Anthroposophie, hoch dosierte Vitamine, spezielle Diäten oder anderes, wurde in der Studie nicht weiter aufgeschlüsselt.

Bei Brustkrebs stieg das Sterberisiko bei alleiniger alternativer Behandlung um das 5,7-Fache, bei Darmkrebs um das 4,6-Fache und bei Lungenkrebs um das 2,2-Fache, schreiben die Mediziner im «Journal of the National Cancer Institute». So überlebten 41 Prozent der Lungenkrebs-Patienten unter konventioneller Therapie die kommenden fünf Jahre im Gegensatz zu 20 Prozent unter alternativer Behandlung. Bei Darmkrebs überlebten 79 Prozent unter herkömmlicher Behandlung im Gegensatz zu 33 Prozent, die sich der Schulmedizin verweigerten.

«Wir haben nun Evidenz zur der Annahme, dass der Gebrauch alternativer Medizin anstelle etablierter Krebstherapien zu schlechteren Überlebensraten führt», kommentiert Hauptautor Dr. Skyler Johnson. Die Wissenschaftler hoffen, dass diese Information bei der Entscheidung von Patienten und Ärzten für oder gegen eine bestimmte Therapie helfen kann.

(Pharmazeutische Zeitung, 16.08.2017, dh)

 

 

Schaden und Nutzen ergänzender Therapien bei Krebs

WIESBADEN - „Antioxidantien wie Vitamin A, C, E und Betacarotin sind als Nahrungsergänzungsmittel ohne Wirkung, in der Prävention eventuell sogar schädlich und während der Tumortherapie wahrscheinlich gefährlich! Sparen Sie dieses Geld und nutzen es für eine ausgewogene Ernährung!“ Die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft PRIO (Prävention und integrative Medizin in der Onkologie) der Deutschen Krebsgesellschaft, Professor Dr. Jutta Hübner, sprach deutliche Worte auf der Veranstaltung der „PRIO Wiesbaden“. Darin engagieren sich das St. Josef-Hospital (Joho), die Gemeinschaftspraxis für Radiologie und Strahlentherapie RNS sowie die Praxis für Hämatologie und internistische Onkologie im Medicum.

Im Joho erläuterte Hübner vor Tumorpatienten, die neben der klassischen Therapie selbst etwas mit Naturheilkunde für sich tun wollen, welche Risiken sie mit Begleittherapien eingehen, wenn sie nicht zuvor Nutzen, Schaden, Neben- und Wechselwirkungen abklären. „Also immer erst fragen: ‚Ist das bei meiner Krebsart und Therapie angebracht?‘!” Die pflanzliche Anregung der körpereigenen Abwehr etwa könne bei einer Immuntherapie absolut kontraproduktiv sein, sich als „Krebstherapie-Bremse“ erweisen. In jedem Fall tabu sei sie bei Leukämie, Lymphom, Melanom, bei Allergikern, Organtransplantierten sowie Menschen mit Autoimmun-Erkrankungen.

Hübner klärte leicht verständlich und überzeugend auf. Sie warnte eindringlich vor Scharlatanangeboten wie etwa Spritzen mit Blausäure haltigem „Vitamin B17“ und anderen Heilsversprechen durch teure „Alternativmedizin“ als Ersatz für schulmedizinische Therapien.

Dagegen empfiehlt die PRIO die Einnahme des für die Knochengesundheit bedeutsamen Vitamins D bei antihormonellen Therapien, häufiger Kortisongabe, wenig Bewegung und wenig Aufenthalt am Tageslicht. Zu einer vorherigen Vitaminspiegel-Bestimmung wird ebenso geraten wie zum Ausschluss eines Mangels an Selen, das übrigens insbesondere in Fleisch, Para- und Kokosnüssen enthalten ist.

Gegen Übelkeit und Erbrechen helfen Ingwer und Akupressur, gegen Fatigue ist Ginseng nur jenen zu empfehlen, die nicht unter hormonabhängigem Krebs leiden. Mundschleimhautentzündungen lassen sich mit Honig, Kamille, Salbei und eventuell auch Ölziehen lindern. Bei Durchfall helfen Probiotika in Joghurt, Buttermilch oder Kefir, gekochte Möhren, geriebener Apfel, Bananen oder Schokolade. „Heilerde kann gefährlich sein, denn sie bindet Medikamente im Darm!“

Sport hilft in den meisten Fällen

Die Empfehlungen der PRIO-Vorsitzenden ergänzten drei Ärztinnen der Joho-Frauenklinik, Dr. Carolin Hammerle, Dr. Verena Dumler und Dr. Bettina Blau-Schneider. So führte Dumler die nachgewiesenen positiven Auswirkungen von Sport und Bewegung für Tumorpatienten vor Augen: „Zunahme von Kraft und Muskelmasse, bessere Durchblutung der Muskulatur, besserer Lymphfluss, Stärkung der Knochengesundheit und des Immunsystems: Die Zahl der Abwehrzellen im Blut steigt.” In Wiesbaden decken spezielle Sportgruppen ein Angebot von Nordic Walking über Paddeln bis Yoga ab. Im Rahmen der begleitenden Therapieangebote veranstaltet PRIO sogar Tageswandertouren sowie ärztlich begleitete Winter- und Sommerreisen.

(Wiesbadener Kurier, 13.6.18, Angelika Eder)

 

 

Sind alternative Therapien sinnvoll?

Diagnose Krebs: Nach dem ersten Schock und belastenden Therapien hoffen viele Betroffene auf unterstützende und lindernde Effekte aus der Naturheilkunde, zum Beispiel Vitamin-Cocktails und Pflanzenextrakte zur Stimulierung des Immunsystems. In Deutschland gibt es mehr als 500 sogenannte biologische Krebsmittel, in der Regel fehlen jedoch wissenschaftliche Beweise für deren Wirksamkeit. Viele Ärzte halten einen unbestimmten Nutzen der natürlichen Methoden für möglich, wissen selbst aber wenig darüber.

Als Ergänzung zur Schulmedizin hoffen viele Krebskranke auf Therapien aus der Naturheilkunde. Wie sinnvoll ist die Behandlung mit Pflanzen, Enzymen und Vitaminen?

Schulmedizinische Krebstherapie nicht abbrechen

Wer auf schulmedizinische Therapien verzichtet, gibt auch einen Teil der Heilungschancen auf. Daher sollten Chemotherapie und Bestrahlung nicht wegen einer alternativen Therapie abgebrochen werden. Der betreuende Arzt sollte wissen, welche Therapien der Krebskranke zusätzlich anwendet. Denn zusätzliche Behandlungen können die Haupttherapie beeinträchtigen oder den Krebs sogar verschlimmern. Nicht alles hilft bei jedem Krebs und in verschiedenen Stadien. Schädlich ist eine Zusatztherapie auch, wenn sie nichts nützt, den Patienten aber finanziell belastet und so in Schwierigkeiten bringt.

Unseriöse Krebstherapeuten erkennen

Immer wieder werden Fälle von unseriösen Therapeuten bekannt, zum Beispiel die experimentelle Therapie eines Heilpraktikers mit der Substanz 3-Bromopyruvat (3BP), bei der drei Menschen starben. Bei alternativen Krebstherapien ist in folgenden Fällen große Vorsicht geboten:

Der Anbieter besteht darauf, dass alle schulmedizinischen Behandlungen wie Chemo- und Strahlentherapie abgebrochen werden.

Er besteht auf einen langfristigen privaten Behandlungsvertrag.

Die Wirksamkeit der Therapie wird allein mit Referenzen, Empfehlungen und Fallberichten "belegt", aber ohne anerkannte wissenschaftliche Publikationen.

Die Sprache der "Belege" klingt wissenschaftlich und ist für Nicht-Mediziner schwer zu verstehen.

Die Therapie wirkt angeblich gegen alle Krebserkrankungen in allen Stadien und gegen andere schwere Erkrankungen wie AIDS und Multiple Sklerose.

Die Methode wird als natürlich, sanft und zugleich nebenwirkungsfrei angepriesen.

Angeblich wurde eine Vielzahl von Erkrankten geheilt, die von Schulmedizinern bereits aufgegeben wurden.

Der Anbieter verweist auf eine Verschwörung schulmedizinischer Ärzten und der Pharmaindustrie, die den Durchbruch einer alternativen Methode verhindern soll.

Verfahren der komplementären Onkologie

Zunehmend werden alternative Krebstherapien auch in der Schulmedizin erforscht und eingesetzt. Meist handelt es sich um Verfahren aus der Traditionellen Chinesischen Medizin, der Pflanzenheilkunde, der Ayurvedischen Medizin sowie um Entspannungstechniken und Meditation. Dazu zählen:

Aus der Hanfpflanze synthetisch gewonnen Substanzen (Cannabinoide) sollen Schmerzen lindern sowie Übelkeit und Erbrechen bei Strahlen- und Chemotherapien lindern. In Deutschland sind Cannabinoide ab 2017 kontrolliert zugelassen.

Der Effekt von Mistelextrakt auf die Stärkung des Immunsystems ist wissenschaftlich umstritten. Eine Misteltherapie kann subjektiv die Lebensqualität steigern. Bei bestimmten Krebsarten kann die Einnahme aber gefährlich sein.

Weihrauch wird bei Hirntumoren als zusätzliches Mittel gegen Gewebeschwellungen eingesetzt.

Bei einer Strahlen- oder Chemotherapie sollen Enzyme (Papain, Chemotrypsin, Trypsin, Glutathion) und  Pflanzen (Ingwerwurzel, Shiitake-Pilze) Nebenwirkungen wie Haarverlust, Erbrechen und Nerven-Gefühlsstörungen lindern.

Eine Ernährungstherapie soll einem Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen vorbeugen. Bei Betroffenen mit Leberkrebs und Darmkrebs sollen ernährungsmedizinische Ansätze lebensverlängernd wirken können.

Eine onkologische Sporttherapie soll das Immunsystem stärken, die Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität erhöhen. Auch Tai-Chi und Quigong werden Krebskranken häufig empfohlen.

Meditation kann die negativen psychischen Folgen einer Krebserkrankung reduzieren.

Selen nicht immer sinnvoll

Das Spurenelement Selen kann der Körper nicht selber herstellen, sondern muss es mit der Nahrung aufnehmen. Sowohl in der Prävention als auch in der Krebstherapie wird Selen als unerlässlich angesehen: Das Mineral hilft, schädliche Radikale einzufangen, stabilisiert Immunzellen und kann die DNA reparieren. Zudem soll der Stoff vor Nebenwirkungen einer Strahlen- oder Chemotherapie schützen. Allerdings stehen zellschützende Mittel wie Selen oder bestimmte Vitamine im Verdacht, auch die Krebszellen zu schützen. Daher sollten diese Mittel erst als Nachsorge zur Chemotherapie in der Aufbauphase eingenommen werden.

Krebszellen töten, ohne gesunde Zellen zu schädigen

Die Schwierigkeit im Kampf gegen Tumore besteht nicht darin, Krebszellen abzutöten. Das wäre mit einfachen Hausmitteln wie Alkohol oder Salz möglich. Dabei werden jedoch auch gesunde Körperzellen geschädigt. Voraussetzung für eine Krebstherapie ist, dass Mediziner Medikamente finden, die ausschließlich in Krebszellen wirken, ohne gesunde Zellen zu schädigen.

Interviewpartner

PD Dr. Jutta Hübner, Fachärzten für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie
Deutsche Krebsgesellschaft e. V., Kuno-Fischer-Straße 8, 14057 Berlin
Tel. (030) 322 932 951, Fax. (030) 322 932 966
E-Mail: huebner@krebsgesellschaft.de
Internet: www.krebsgesellschaft.de
Priv.-Doz. Dr. Isabell Witzel, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Zentrumsleiterin
Brustzentrum
Universitätsklinikum Eppendorf
Martinistraße 52, 20246 Hamburg
Tel. (040) 7410 23800, Fax. (040) 7410 54355
E-Mail: iwitzel@uke.de
Internet: www.uke.de

(NDR-Visite, 22.11.2016, Tina Roth)

 

 

Krebs: Lichttherapie lindert Schlafprobleme

Viele Krebspatienten leiden unter schlechtem Schlaf, selbst wenn die Therapie schon länger zurück liegt. Eine systematische Lichtbestrahlung könnte Überlebenden einer Krebskrankheit möglicherweise helfen, besser zu schlafen. Darauf hoffen lässt eine erste kleine Pilotstudie aus den USA.

Wie sich in der Studie zeigte, verbesserte sich die Schlafeffizienz – also der prozentuale Anteil der Zeit, die eine Person schlafend im Bett verbringt – bei Studienteilnehmern, die eine Lichttherapie mit hellem Licht durchführten, auf normale Werte. Dies berichten Forscher um Professor William H. Redd von der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in der Fachzeitschrift Journal of Clinical Sleep Medicine. Die Teilnehmer dieser Gruppe hatte sich über vier Wochen jeden Morgen ein halbe Stunde mit hellem, weißen Licht bestrahlt. Eine andere Gruppe hatte alternativ eine gedimmte Lichtquelle verwendet. Die Verbesserung hielt auch drei Wochen nach der Maßnahme noch an. Im Gegensatz dazu verblieb die Schlafeffizienz in der Gruppe mit dem dunkleren Licht auf einem schlechteren Stand. Mittlere bis große Effekte hatte die Lichttherapie zudem auf die Schlafqualität und die Zeit, in der die Studienteilnehmer wach im Bett lagen.

Licht spiele für die innere Uhr eine wichtige Rolle, berichten die Forscher. Dank seiner Auswirkungen auf den Tag-Nacht-Rhythmus habe es das Potenzial, den Schlaf zu verbessern. Tatsächlich habe sich bereits in früheren Studien gezeigt, dass die Therapie mit hellem Licht die Schlafqualität bei Menschen, die nicht an Krebs erkrankt sind, verbessern könne. Nun zeigte sich, dass die Lichttherapie unter Verwendung von hellem weißem Licht auch für Krebsüberlebende eine effektive Methode sei, um Schlafprobleme zu lindern, so die Forscher.

(aponet.de, 22.1.18, HH)

 

 

Mit Heilkräutern gegen den Krebs

Chinesische Medizin als Begleittherapie war Thema in Amberg. Heilkräuter und Akupunktur unterstützen die Tumortherapie.

Amberg. Die ganzheitliche Therapie von Krebspatienten ist Kernaufgabe des Projekts der „Integrativen Onkologie“. Beim vierten Vortrag der neuen, gleichnamigen Veranstaltungsreihe am Klinikum St. Marien Amberg informierte Dr. Stefan Hager über die traditionelle chinesische Medizin und deren positive unterstützende Wirkung bei Krebs.

Dr. Stefan Hager ist Ärztlicher Leiter der TCM-Klinik in Bad Kötzting, der ersten deutschen Klinik für traditionelle chinesische Medizin. Hier werden Jahrtausende altes medizinisches Wissen aus Fernost und modernen Verfahren der Psychosomatik und Psychotherapie sinnvoll kombiniert. Dr. Hager weiß laut einer Mitteilung des Klinikums, dass sich bestimmte Methoden auch im Kampf gegen Krebs bewährt haben: „Im Vordergrund steht die Heilkräutertherapie. Sie kann zur Kräftigung des Immunsystems beitragen, das Krebswachstum unterdrücken und die Nebenwirkungen einer Strahlen- oder Chemotherapie lindern beziehungsweise die Verträglichkeit verbessern. Mit Akupunktur lassen sich zudem gezielt Schmerzen behandeln.“ Diese These untermauerte der Referent mit wissenschaftlichen Studien: Eine Studie arbeitete demnach mit 326 Probanden, die an einem fortgeschrittenen Magenkarzinom litten. 180 Patienten hätten zusätzlich zur Chemotherapie eine chinesische Kräutertherapie erhalten, die anderen „nur“ eine Chemotherapie.

Natürliche Heilkräfte nutzen

Das Ergebnis, so Hager: Die Fünf-Jahres-Überlebensrate lag bei der Kombinationsgruppe bei 51,7 Prozent im Verhältnis zu 31,2 Prozent bei der anderen Gruppe, die nur eine Chemotherapie erhalten hatten. Als weiteren positiven Nebeneffekt nannte er, dass die Kombi-Gruppe im Vergleich während der Behandlung über 95 Prozent weniger Nebenwirkungen geklagt habe.

„Die chinesische Medizin kommt in den meisten Bereichen zu denselben Ergebnissen wie die Schulmedizin, drückt sich aber anders aus“, erklärte Dr. Hager. Jede Art von Krankheit werde in der chinesischen Medizin als Zeichen von Disharmonie verstanden. Aufgabe der Therapeuten sei es daher, die Harmonie und das Gleichgewicht wieder herzustellen, so dass die natürlichen Heilkräfte des Körpers wieder besser zum Tragen kommen würden. Dafür greift die chinesische Medizin auf fünf Methoden zurück: Arznei- oder Heilkräutertherapie, Akupunktur, Tuina-Massage, Taiji und Qigong und Ernährung. Der Diagnostik komme eine besondere Rolle zu: Neben der ausführlichen Befragung des Patienten zu dessen Krankengeschichte und der Schmerzlokalisation arbeiten die Therapeuten mit Blick-, Puls- und Zungendiagnostik.

Eine Auszeit gönnen und entspannen

Speziell mit Blick auf eine Krebserkrankung riet Hager: „Schauen Sie darauf, sich nicht zu sehr von Ängsten und Sorgen überwältigen zu lassen. Nehmen Sie sich täglich eine halbe bis dreiviertel Stunde Auszeit. Üben Sie eine Tiefenentspannungsmethode ein.“ Die chinesische Medizin arbeite mit Taiqi-Qigong. Dabei würden eine tiefe, entspannende Atmung, langsame und beruhigende Bewegungsmuster eingeübt und gleichzeitig Gelenkigkeit und Konzentration auf das Hier und Jetzt gefördert. Wohltuend könnten auch progressive Muskelentspannung, tiefe Bauchatmung oder das Gespräch mit einem Psychoonkologen sein.

Rat: 10 000 Schritte am Tag

Bewegung sei ebenso wichtig. Dr. Hager empfahl „10 000 Schritte am Tag“; das entspreche etwa einer guten Stunde zügigem Spazieren gehen. „Eine Studie aus den USA mit Brustkrebspatientinnen, die zwei Wochen lang jeden Tag eine halbe Stunde walken waren, hat gezeigt, dass sich die Fähigkeit des Blutes, Krebszellen abzuwehren, vervierfachte.“

Auch eine maßvolle Ernährung trage viel zur Genesung bei. Nach der sogenannten Organ-Uhr sei die beste Zeit zwischen neun und elf Uhr vormittags. Abends sollte man dagegen eher mäßig essen. „Eine ruhige Atmosphäre während des Essens, warme Getränke und der weitgehende Verzicht auf tierische Eiweiße ist vor allem für Krebspatienten sinnvoll. So sammeln wir Qi, das Herz ist gut genährt und wir haben weniger Ängste“, schloss Dr. Hager.

(Mittelbayerische Zeitung, 27.11.17)

 

 

Komplementär gegen Krebs

Verbesserung der Lebensqualität führt zu Therapietreue und vermutlich auch zu einer Lebensverlängerung.

Wien. Das Immunsystem besitzt mit seinen Killerzellen die Fähigkeit, krankhaft veränderte Körperzellen zu erkennen und zum Wohle der Gesundheit effizient aus dem Weg zu räumen. Dies passiert tagtäglich in unserem Organismus. "Bei an Krebs Erkrankten ist es jedoch so, dass diese Fähigkeit an einem Punkt oder in einem System des Körpers versagt", beschreibt Michael Frass, Leiter der Spezialambulanz "Homöopathie bei malignen Erkrankungen" an der Klinik für Innere Medizin I im Wiener AKH den Knackpunkt der Krebsentstehung. Die natürlichen Killerzellen sind dann in ihrer Zahl und Aktivität reduziert.

Während es das Ziel der konventionellen Medizin ist, mit Chemotherapie, Strahlen und chirurgischen Eingriffen den Tumor gezielt zu treffen, bietet die Komplementärmedizin begleitend dazu unterstützende Maßnahmen, die während und nach diesen den Körper massiv belastenden Behandlungen vor allem zur Verbesserung der Lebensqualität beitragen. Auch gebe es bereits Hinweise darauf, dass ein Mehr an Lebensqualität verglichen mit der erwarteten Lebenszeit eine Lebensverlängerung mit sich bringt, betont der Mediziner. Eine entsprechend umfangreiche Studie führt Frass derzeit in Zusammenarbeit mit mehreren heimischen Kliniken an der Meduni Wien durch.

Nebenwirkungen lindern

Mit komplementärmedizinischen Maßnahmen wie dem Einsatz von Pflanzenextrakten, Enzymen, Vitaminen, Spurenelementen, Traditioneller Chinesischer Medizin, aber auch der Homöopathie, ist es möglich, Nebenwirkungen der konventionellen, schulmedizinischen Therapien zu lindern. Vorwiegend sind dies Übelkeit, Müdigkeit (Fatigue-Syndrom), Hautausschläge, Gefühlsstörungen an Händen und Füßen (Polyneuropathie) sowie der Abfall der Zellzahlen im Immunsystem (Leukopenie). Auch können Schmerzen reduziert und Zweiterkrankungen schneller geheilt werden.

Ziel ist es überdies, den Körper "wieder so in die ursprüngliche Form zu versetzen, dass er imstande ist, sich wieder selbst gegen Krebszellen zu wehren", betont Frass im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Jede komplementärmedizinische Methode bewirkt dies jedoch auf unterschiedliche, oft auch ergänzende, Art und Weise.

Einen der Schwerpunkte in der Begleitung von Krebspatienten bildet die meistens hoch dosierte Verabreichung von Vitaminen, Spurenelementen, Aminosäuren und Fettsäuren - die orthomolekulare Medizin. Für einen reibungslosen Ablauf der Stoffwechselvorgänge im Körper sind diese Substanzen unentbehrlich.

Hier kommt vor allem der Selentherapie eine besondere Rolle zu. In Form von Natriumselenit ist dieses Spurenelement in der Lage, die durch Chemo- und Strahlentherapie vermehrt entstehenden freien Radikale weitgehend zu neutralisieren. In gesunden Zellen rufen diese sogenannten freien Radikale, das sind chemisch hochreaktive Sauerstoffmoleküle, die auch der gesunde Körper tagtäglich produziert, Entartung, Funktionsverlust und Entzündungsreaktionen hervor. Bestimmte durch das Selen aktivierte Enzyme können die gesunden Körperzellen davor schützen.

Selen, Vitamin C, Enzyme

Bei Tumorzellen hingegen reduziert das hoch dosiert zugeführte Natriumselenit erheblich den Schutzmechanismus und macht diese damit auch anfälliger gegenüber Chemotherapeutika und Strahlen. Der unterschiedliche Effekt liegt vor allem in den unterschiedlichen Stoffwechselvorgängen und Regenerationsmechanismen von gesunden und Krebszellen begründet, erklärt der Wiener Komplementärmediziner und Allgemeinarzt Christian Plaue. Weitere Vorteile von Selen sind die Stabilisierung des Immunsystems und die Reduktion von Nebenwirkungen.

Auch Ascorbinsäure (Vitamin C) kann eine Krebsbehandlung unterstützen. Dieses Vitamin ist nicht nur für die Wundheilung nach Operationen, sondern auch die Regeneration wichtig, betont Plaue. Es dürfe jedoch nie gleichzeitig mit Natriumselenit verabreicht werden, da Vitamin C dessen Wirkung aufhebt, warnt der Mediziner. Hoch dosiertes Vitamin C ist auch in der Lage, den durch eine Chemotherapie stattfindenden Abfall der weißen Blutkörperchen einzudämmen.

Eine weitere Begleitung stellt die Enzymtherapie dar. Die natürlichen Killerzellen werden stimuliert und das Risiko zur Entstehung von Metastasen kann damit verringert werden. Enzympräparate bestehen vor allem aus Bromelain, Papain, Trypsin und Chymotrypsin. Sie verbessern die Fließeigenschaften des Blutes, machen die Tumorzellen erkennbarer und erhöhen die Verträglichkeit von Chemo- und Strahlentherapie.

Einen wesentlichen Anteil an einer effektiven Behandlung haben auch die Bereitstellung von Nährstoffen wie Vitaminen und Spurenelementen und ihre Zusammensetzung, betont der deutsche Ganzheitsmediziner Marcus Stanton. Denn diese wirken unmittelbar auf den Zustand der Zelle und damit auf die Mitochondrien - die Zellkraftwerke - ein.

Das Kraftwerk der Zelle

Durch krankmachende äußere und innere Einflüsse werden die Mitochondrien geschädigt. Je nach Gewebe besitzt der Mensch pro Zelle 800 bis 12.000 solcher Kraftwerke. "Schwermetalle, Gifte, freie Radikale, bestimmte Arzneien und eine mangelnde Nährstoffversorgung setzen deren Funktionen herab", erklärt Stanton. Durch den richtigen Impuls könnten diese Mitochondrien jedoch wieder angeschaltet werden.

Dabei zielt Stanton auf Nahrungsergänzungsmittel ab, die der durch eine Krebsbehandlung meist gestörte Darm auch tatsächlich verwerten kann. Diese sogenannte Bioverfügbarkeit hat etwa der deutsche, 2003 verstorbene Apotheker Hans Niedermaier durch spezielle Verarbeitungsschritte - die Kaskadenfermentation - erreicht. Seinen Anweisungen zufolge werden auch heute noch für die enzymreiche Nährstoffmischung "Regulatpro Bio" Früchte, Nüsse und Gemüse stufenweise mit Milchsäurebakterien vergoren, wodurch die Stoffwechselprozesse im Körper wieder ins Lot gebracht werden können, erklärt Stanton.

Neben dem Einsatz von speziellen Nahrungsergänzungsmitteln setzt die Komplementärmedizin auch auf Maßnahmen wie die Misteltherapie. Die Mistel enthält Stoffgruppen, die im Körper einerseits zu einer Anregung des Immunsystems führen und andererseits zerstörerisch auf die Tumorzellen einwirken. Die Anwendung während einer Chemo- und Strahlentherapie verbessert das Abwehrsystem, vermindert die Nebenwirkungen der Zytostatika, verbessert die Rehabilitation und wirkt schwach schmerzlindernd.

Bonus Homöopathie

Michael Frass setzt in seiner Behandlung vor allem auf die Homöopathie. Nach einer genauen Anamnese, bei der alle akuten, früheren und Familienerkrankungen, vegetative Symptome, die psychische Situation sowie das private und berufliche Umfeld beleuchtet werden, wählt der Homöopath das geeignetste Mittel. Dadurch können vor allem Nebenwirkungen gelindert und Zweiterkrankungen (etwa auftretende Infekte) bekämpft werden. So kommt etwa das bewährte homöopathische Mittel Nux Vomica (Brechnuss) vorwiegend bei Magen-Darm-Beschwerden zum Einsatz. Mit Cadmium sulfuricum können strahlenbedingte Entzündungen der Haut sowie Schwäche und Müdigkeit gelindert werden, nennt Frass zwei Beispiele. Er spricht von einem "dualen System, das man hier zum Wohle des Patienten anwenden kann".

Bei den Betroffenen führen Behandlungen wie diese vor allem zur Verbesserung des subjektiven Befindens und damit zur Hebung der Lebensqualität. Immerhin beendet ein erheblicher Anteil der Krebspatienten wegen der Nebenwirkungen die Behandlung und riskiert damit ein schlechteres Therapieergebnis - im schlimmsten Fall den früheren Tod, wie eine zuletzt beim Europäischen Krebskongress vorgelegte britische Studie zeigt. "Aus dieser Studie geht hervor, dass die Verabreichung und Verschreibung von unterstützenden, supportiven, Therapien und ihre Befolgung durch Patienten essenziell sind", betonte Christoph Zielinski, Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie (Meduni Wien) beim Kongress.

Wenn komplementärmedizinische Methoden dazu beitragen können, die konventionelle Behandlung in optimaler Dosierung und Zeitabfolge durchführen zu können, dann haben sie wohl auch in der Krebstherapie klar ihre Berechtigung.

(Wiener Zeitung, 20.10.14, Alexandra Grass)

 

 

 

Mülheimer Workshop behandelt Lebensqualität trotz Krebs

Mülheim a.d.R. Bei einem Tagesworkshop ging es jetzt um das Thema: Wie ist trotz Krebs Lebensqualität möglich? Auch Vorbeugung spielte eine Rolle: Sport und Gemüse sind quasi die halbe Miete gegen Krebs, denn zusammengenommen senken sie das Risiko um gut 50 Prozent.

Kann man Tanzen gegen den Krebs? Hilft es, wenn man etwa an Zitronen denkt? „Ja“, glauben Anke van den Bosch und Bettina Jansen. Das schwere Thema haben die Koordinatorin der Mülheimer Selbsthilfegruppen und die stellvertretende Leiterin des Instituts für Psychosoziale Medizin am Samstag mit leichten Ansätzen aufgegriffen, die jedoch nur beim ersten Hören ungewöhnlich scheinen.

Die Idee zu einem Tagesworkshop mit Informationen und praktischen Übungen kam offensichtlich gut an. Zahlreiche Betroffene teils aus Selbsthilfegruppen wie auch die Kinder von Betroffenen besuchten die Veranstaltung im Katholischen Stadthaus und wollten wissen, wie man mehr Lebensqualität mit Krebs erreicht. „Alles, was Stress reduziert, reduziert auch Fatigue, also das Erschöpfungsgefühl, und sorgt für Lebensfreude“, erläuterte Psychologin Jansen gegenüber dieser Zeitung die Grundidee der Mischung: „Wir wollen zudem weder Fachchinesisch reden, noch Horror vor der Krankheit erzeugen.“ Die Katholische Familienbildungsstätte stellte dafür den Veranstaltungsort zur Verfügung.

Bewegung und Visualisierung

Für ein Beispiel, welche Macht allein Gedanken haben können, sorgte eindrucksvoll der eingeladene Oberarzt der Onkologie im St. Marien-Hospital, Gerhard Schnitzler: „Stellen sie sich eine Zitrone in ihrer Hand vor, öffnen sie die Zitrone, riechen sie daran, jetzt beißen sie hinein“, schilderte er den Gästen, von denen nicht wenige durch leichte Kau- und Schluckgeräusche verrieten, dass sie die Frucht quasi vor Augen hatten.

Vor den vergnüglichen Übungen aus Bewegung und Visualisierung führte Schnitzler in das ernste Thema ein: Gut 436.000 Menschen pro Jahr erkranken an Krebs. „Jeder Dritte bis Vierte muss in seinem Leben mit Krebs rechnen.“ Bei den Männern stehen Prostata- und Dickdarmkrebskrebs an der Spitze, bei den Frauen Brustdrüsen- und ebenso Dickdarmkrebs. „Jeder Zweite aber kann geheilt werden.“

Selbsthilfegruppen machen stark

Sport und Gemüse sind quasi die halbe Miete gegen Krebs, denn zusammengenommen senken sie das Risiko um gut 50 Prozent. Sogar Kaffee kann zur Risikoreduktion beitragen, wenn auch mit bescheidenen fünf Prozent. Und auch Selbsthilfegruppen sind wichtige Faktoren, sagt Anke van den Bosch als Mitinitiatorin der Veranstaltung, sie machten stark und helfen dabei, aktiv zu leben und die Krankheit weniger zu erleiden.

(Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Dennis Vollmer, 8.9.14)

 

 

 

Ein Kochbuch als Therapie

Kochen gegen den Krebs

Eine Krebserkrankung ist das schlimmste, was sich viele Menschen vorstellen können. hr1-Köchin Sybille Schönberger stellt jetzt ein Kochbuch vor, das bei der Vorbeugung und im Krankheitsfall helfen soll.

Von jedem verkauften Buch gehen 2 Euro als Spende an die DKMS LIFE.

Kochen gegen Krebs. Das ist eine gewagte These, schließlich kämpft die Wissenschaft noch immer mit dieser Krankheit. Da erscheint es schon erstmal abwegig, mit einer Diät, ernährungsplan oder den richtigen Rezepten dagegen anzukommen. Und zugegeben: rein wissenschaftlich gesehen gibt es natürlich weder eine Diät gegen Krebs noch ein Heilungsversprechen bei einer bestimmten Ernährung bzw. konkreten Lebensmitteln.

hr1-Köchin Sybille Schönberger sieht ihre neue Rezeptsammlung als Hilfe, die persönliche Herausforderung anzunehmen. Egal ob es als Patient ist oder auch einfach als bewusst lebender Mensch, der seine Chancen auf ein längeres Leben mit der entsprechenden Ernährung erhöhen möchte.

Mit Dietmar Pötter hat Sybille Schönberger am Dienstag, 21. Oktober, über ihr neues Buch gesprochen, das möglichst viele Menschen dazu motivieren soll, es dem Krebs es so schwer wie möglich zu machen. Und dabei soll genussvolles Essen – auch nach einer Erkrankung – eine wichtige Rolle spielen und helfen, die "Lust auf Leben" nie zu verlieren. Dazu gehören die richtigen Zutaten und die besten Kochverfahren um die Lust auf Ungesundes zu überwinden.

Sybille Schönberger & Prof. Dr. Hans Hauner:
Lust auf Leben – Kochen gegen Krebs
Verlag: 99 Pages, ISBN 978-3-942518-25-3, 36 €

(Hessischer Rundfunk, 21.10.14, jaac / tiha)

 

 

Pilz-Halluzinogen lindert Depression und Angst

Das in psychedelischen Pilzen vorkommende Halluzinogen Psilocybin kann bei Krebspatienten im Endstadium Angst und Depression mildern. Wie zwei Forscherteams im Fachjournal «Journal of Psychopharmacology» berichten, könne bereits eine einmalige psychedelische Erfahrung anhaltende mentale und gesundheitliche Vorteile bewirken. Wie der Effekt zustande kommt, ist unklar.

Die beiden Studien, die in Baltimore und New York unter der Leitung von Professor Dr. Steven Ross von der New York University School of Medicine und Professor Dr. Roland Griffiths vom Johns Hopkins Bayview Medical Center stattfanden, bestätigen frühere positive Ergebnisse zum Effekt des Halluzinogens Psilocybin bei Krebspatienten. An der Baltimore-Studie nahmen 51 Patienten teil, die unter Depressionen und/oder Ängsten litten. Sie erhielten entweder Psilocybin in einer sehr niedrigen, placeboähnlichen Dosis (1 oder 3 mg/70 kg) oder in zwei hohen Dosen (22 oder 30 mg/70 kg). Nach fünf Wochen folgte eine weitere Behandlung, wobei in einem Cross-over-Design die Placebogruppe nun hoch dosiertes Psilobycin erhielt und umgekehrt. An der New-York-Studie nahmen 29 Krebspatienten mit Depressionen und/oder Ängsten teil. Sie erhielten randomisiert einmalig entweder Psilocybin (0,3 mg/kg) oder Placebo. Als Placebo wurde Niacin verwendet, das eine Gefäßreaktion auslöst. Dieser Effekt sollte verhindern, dass die Patienten zwischen Wirkstoff und Placebo unterscheiden konnten. Beide Gruppen erhielten begleitend eine Psychotherapie. Auch hier folgte nach sieben Wochen ein Cross-over. Als primärer Endpunkt war die Veränderung in puncto Angst und Depression nach der Behandlung definiert, die anhand gängiger Skalen wie dem Beck-Depressions-Inventar (BDI), der Hospital Anxiety and Depression Skala (HADS) sowie des State-Trait Anxiety Inventars (STAI) bestimmt wurde.

Beide Forschergruppen berichten von ähnlichen Behandlungserfolgen: Bei jeweils rund 80 Prozent der Probanden besserten sich nach der Psilocybin-Einnahme spürbar Wohlbefinden und Lebensqualität. Die Studienteilnehmer hatten zwar weiter Angst vor dem Tod, sahen dem Sterben jedoch gelassener entgegen. Ihre allgemeine Lebenseinstellung wurde positiver und ihre Spiritualität stieg, was sich deutlich auf ihr allgemeines Wohlbefinden auswirkte. Der Effekt hielt auch sechs Monate später noch an. Studienleiter Ross beschrieb die Ergebnisse als beispiellos. Es gebe nichts Vergleichbares, so der Psychiater gegenüber der britischen Zeitung «The Guardian».

Wie Psilocybin die nachhaltige Wirkung erzielt, ist unklar. Bekannt ist, dass das Halluzinogen mit hoher Affinität an Serotonin-Rezeptoren des Subtyps 5-HT2A im Gehirn bindet. Da die Rezeptor-Bindung jedoch nicht dauerhaft ist, lassen sich damit die langfristigen Effekte nicht erklären. Diese sollten in größeren Studien überprüft werden.

(Pharmazeutische Zeitung, 5.12.16, kg)

 
 

Dem Krebs für ein paar Stunden Adieu sagen

Die DKMS bietet ein Schminkseminar für Patientinnen an, die eine Chemotherapie machen müssen. Der Kurs kommt gut an. Den "ganzen Krebs und das Drumherum" mal vergessen, das möchte Marianne H. (Name von der Redaktion geändert). Die 60-Jährige hat Tränen in den Augen, wenn sie über ihre schwere Erkrankung und die belastende Chemotherapie spricht.

Der Schminkkurs bei Kosmetikerin Nina Knies im Sana-Klinikum hilft ihr und sieben anderen Damen, die Krankheit für einen Nachmittag in den Hintergrund zu drängen.

"Look good - feel better" (zu deutsch: "Sieh gut aus, fühle dich besser!") heißt das von der DKMS angebotene Schminkseminar für Krebspatientinnen. Es ist für die Damen kostenlos, zudem bekommt jede eine Tasche mit hochwertigen Hautpflege- und Schminkutensilien im Wert von rund 300 Euro.

"Die Teilnehmerinnen blühen an diesem Nachmittag richtig auf", hat Nina Knies beobachtet. "Es dreht sich einmal nicht um die Krankheit, sondern ums gute Aussehen." Die Kosmetikerin bietet die von der DKMS getragenen Seminare in verschiedenen Krankenhäusern der Region an. Auch in Remscheid regelmäßig: "Die Kurse werden bei uns sehr gut angenommen", sagt Claudia Hilger vom Brustzentrum, die Brustkrebserkrankte von der Diagnose bis zur Reha betreut.

Für die Frauen ist es wichtig, sich anzunehmen

Wie kaschiere ich fehlende Augenbrauen und Wimpern? Wie helfe ich der durch Chemotherapie und Bestrahlung angegriffenen Haut? Und wie schminke ich mich möglichst natürlich und doch sichtbar? Diese und andere Fragen stehen im Fokus des Schminkseminars. "Es ist ganz wichtig für die Frauen, sich anzunehmen und im Spiegel etwas zu sehen, was ich akzeptieren kann", sagt Nina Knies. Dabei möchte sie unterstützen.

Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Die Teilnehmerinnen sind zufrieden mit roten oder zartrosa Lippen, dezentem Lidschatten und getönter Haut. Monika Kusche hat einen Lidschatten farblich abgestimmt zu ihrer Kleidung gewählt. Der Lidstrich betont ihre Augenfarbe. "Vorher habe ich mich nie großartig geschminkt", sagt sie. "Die Tipps sind schon hilfreich, vielleicht auch für später." Zusätzlich gibt es für die Frauen eine Broschüre über Perücken und Kopftücher.

Gleichwohl die Patientinnen beliebig oft am Seminar teilnehmen dürfen - nur die Schminktasche müssten sie wieder mitbringen, kommen die meisten nicht wieder. "Woran das liegt, weiß ich nicht genau", sagt Claudia Hilger. "Ich hoffe aber, dass sie für Zuhause etwas mitnehmen können und das gute Gefühl ein bisschen anhält."

Bei Hannelore Goldmaier und Monika Kusche ist das so. "Mal was anderes. Und auf jeden Fall etwas, das sie auch anderen Frauen empfehlen würden.

(Remscheider General-Anzeiger online, 13.9.14, Anja Carolina Siebel)

Anm.: Auch das AKH Celle bietet „Look good - feel better“-Seminare an.
Kontakt: Sonja Hammer, 05141/727399.

 

 

 

"Viele weinen schon am Telefon"

Perückenmacherin Gudrun Schinagl betreut seit 20 Jahren Krebspatientinnen. Zum Brustkrebstag erzählt sie, dass es dabei nicht nur um Haare geht.

Gemütlich ist es im Perückenstudio. Mit Kappen und Ketten drapiert, tragen die Plastikköpfe die Perücken mit Würde. Das weiße Sofa lädt zum Anlehnen, die Schatzkisten voller Schals zum zeitvergessenen Stöbern ein. Vergessen, anlehnen, ankommen: Wenn Hausherrin Gudrun Schinagl sagt: "Es geht mir nicht nur um die Haare", hat man das schon zuvor geahnt.

Seit 20 Jahren arbeitet die gelernte Friseurin mit Krebspatientinnen - seit 20 Jahren ist sie eine der Ersten, zu der Frauen nach ihrer Krebsdiagnose kommen. So auch Martina Schreiber, als bei ihr mit 45 Jahren Brustkrebs diagnostiziert wurde. Der fünf Millimeter große Knoten war aggressiv, die Operation folgte nach drei Tagen, danach Chemo- und Strahlentherapie. "Und mein erster Gedanke: Mein Sohn hat bald Maturaball und ich werde keine Haare haben", sagt Schreiber.

Ein Ort zum Durchatmen

Gudrun Schinagl weiß, dass das Wort "Chemo" den Angstpegel ins Unendliche schnellen lässt. "Die Frauen wissen nicht, was mit ihrem Körper passiert." Deshalb ist das weiße Sofa ein Ort zum Durchatmen. Und Schinagl wird zur Beraterin, Trösterin, Paartherapeutin oder nur Zuhörerin. "Ich brauchte jemanden, der mir zur Seite steht", erinnert sich Schreiber - und fühlte sich hier aufgefangen.

"Viele weinen schon am Telefon, wenn sie den Termin ausmachen", sagt Schinagl. In der Erstberatung geht es daher darum, Vertrauen aufzubauen - auch für den nächsten Schritt. "Zehn Tage nach der ersten Chemo konnte ich ganze Haarsträhnen vom Kopf ziehen", erzählt Schreiber. Und fand wieder den Weg ins Perückenstudio - zum Abrasieren.

"Die Haare abzurasieren ist, als würde man sich nackt ausziehen, dafür braucht es Vertrauen", sagt Schinagl. Und erinnert sich an Geschichten, wie sie der Krebs schreibt: an Mütter, deren kleine Kinder dabei zusahen, wie die Haare fielen. An Frauen, die sich solidarisch mit ihren krebskranken Freundinnen den Kopf rasierten. Oder an das 18-jährige Mädchen, das ihre Modelkarriere startete, als die Krebsdiagnose kam. Zwei Stunden dauerte es, bis sie den Rasierer auf der Kopfhaut ertragen konnte. "Sie hat geschrien und geweint, und ihre Eltern und ich, wir haben mitgeweint", sagt Schinagl und die Tränen kehren in ihre Augen zurück.

Ist man gesund, ist die Perücke vor allem Faschingsrequisit. Doch für Krebspatientinnen wird sie zum Schutzpanzer. "Hat man keine Haare, zeigt man jedem, dass man krank ist", sagt Schreiber. Und man wird mit mitleidsvollen Blicken bedacht. Doch mit ihrer Perücke bekam Schreiber damals auch Tipps fürs Schminken, begann Ketten zu tragen, sich mit Schals zu schmücken. "Die Leute sagten nur ,wow', das gab mir Lebensmut zurück", lächelt sie. Zehn Monate trug sie die Perücke, dann war die Therapie vorbei. Nach der ersten Kontrolluntersuchung war der erste Weg wieder der "zur Gudrun", mit guten Nachrichten: Seit einem Jahr ist Schreiber krebsfrei.

Gudrun Schinagl hat inzwischen ihre Tränen getrocknet. "Ich kann gut weinen", sagt sie. "Aber auch schnell wieder lachen."

(Kleine Zeitung, Graz, 30.9.14, Sonja Saurugger)

 

 

Friseur als Therapeut

Wenn der Krebs kommt, fühlt sich alles hässlich an

Zuerst die Tumor-, dann die Beautytherapie: In den USA bieten Friseure spezielle Haar- und Perücken-Behandlungen für Krebspatienten an. Die Nachfrage ist groß, denn die Zahl der Chemotherapien steigt.

Als der Moment da war, vor dem sie sich gefürchtet hatte, fackelte Susan Webster nicht lange. Es war der zehnte Tag nach dem Beginn ihrer Chemotherapie. Am Morgen hatte sie ein Büschel ihrer blonden Haare in der Hand. Am Mittag rief sie ihren Friseur an. Der kam am Abend zu ihr nach Hause, erklärte ihren Kindern, damals neun und zwölf, was passieren würde. Dann rasierte Harry Wood, Susan Websters Friseur seit vielen Jahren, den Schädel seiner Kundin kahl.

"Du weißt, was kommen wird", sagt Webster. "Und du bist trotzdem nicht vorbereitet." Das ist jetzt elf Jahre her. Webster ist heute 56, eine gepflegte Frau mit hellen Augen und Bob-Frisur. Die Wintersonne scheint durch die Fensterscheiben des Cafés in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia. "Ich war froh, dass Harry damals da war", sagt sie. An diesem Tag und an vielen weiteren Tagen. Das habe ihr geholfen, sich normal zu fühlen. So normal es eben geht mit der Diagnose Brustkrebs, nach einer Brustamputation und mit sechs Runden Chemotherapie.

„Die Frage ist nicht, ob einer unserer Kunden Krebs bekommt. Die Frage ist, wann das passiert.“ (Harry Wood, Friseur aus Leidenschaft)

Harry Wood, 43, drahtig, blond und fast immer in Schwarz, arbeitet für die Edelsalonkette "Van Michael" in Atlanta und hat eine eigene Consultingfirma, Six Figure Hairdresser. Was er damals für Susan getan habe, dürfe keine Ausnahme sein, kein Freundschaftsdienst, sagt er. "Der Umgang mit Krebspatienten muss fester Bestandteil in der Aus- und Weiterbildung von Friseuren werden, ein Branchenstandard."

Nicht nur für jene, die in den Perückenshops und Haarstudios der Krankenhäuser arbeiten, die spezialisiert sind auf Krebspatienten. Sondern für alle Friseure, die in den kleinen und großen Salons arbeiten, den exklusiven und den einfachen. "Das Verhältnis zwischen Kunde und Friseur ist an sich schon ein sehr persönliches", sagt Wood. "Und die Frage ist nicht, ob einer unserer Kunden Krebs bekommt. Die Frage ist, wann das passiert."

Bis 2025 sollen Krebserkrankungen um 36 Prozent steigen

Tatsächlich bietet die Brücke zwischen Medizin und Schönheitsindustrie einen immer größeren Markt: Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird die Zahl der neuen Krebserkrankungen weltweit bis 2025 um 36 Prozent ansteigen – weil die Bevölkerung älter wird und weil sie wächst.

Harry Wood ist seit 25 Jahren im Geschäft, schreibt digitale Lehrbücher für die Friseurausbildung, die in den USA und Kanada vertrieben werden. Ein Handbuch für den Umgang mit Krebspatienten soll 2015 erscheinen. Damit ist Wood einer der Pioniere einer Bewegung, die sich anschickt, zum Trend zu werden – in den USA und weltweit.

In Deutschland sind die Haar- und Kopfhautdiagnose sowie die Pflege von Kunsthaar bereits Teil der Rahmenausbildung für den Friseurberuf. Der Zentralverband des Friseurhandwerks bemüht sich, über Zusatzprüfungen die Standards im Umgang mit Krebspatienten im medizinischen und psychologischen Kontext weiter zu heben.

In der Kosmetikbranche zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Die südafrikanische Kosmetikerin und Autorin Morag Currin entwickelte 2007 in Kanada ein Trainings- und Zertifizierungsprogramm für Kosmetikberufe, genannt "Oncology Esthetics". "Wenn man als Kosmetikerin Kunden mit Krebs behandelt, muss man zuerst die Krankheit verstehen und die Auswirkung von Krebstherapien auf die Haut", sagt Currin.

Da sind Narben und Verfärbungen nach Operationen. Trockenheit und Akne bei Chemotherapien, Ausschläge bei Bestrahlung, brüchige Nägel und Pilzinfektionen. 1500 Kosmetikerinnen haben Currin und ihr Team bereits trainiert – vor allem in den USA, in Kanada und Italien.

Ein kleiner Schritt aus dem Tal der Krankheit

Aufklären, die Kompetenz erhöhen – das will auch Harry Wood für das Friseurhandwerk tun. Die Basis sei ein medizinisches Grundverständnis. "Was vielen Leuten nicht bewusst ist: Wenn die Haare bei einer Chemotherapie ausfallen, ist das extrem schmerzhaft", sagt Wood. "Die Kopfhaut brennt und sticht und ist sehr empfindlich." Auch bei der Auswahl, der Pflege und dem Styling der Perücken – ob synthetisch oder Naturhaar – könne der Friseur helfen.

Und das Haar, das nach der Chemotherapie wächst, sei anders; es brauche einen anderen Schnitt, eine andere Pflege, erklärt Wood. "Es ist kräftiges Haar, rau und sehr lockig." Etwa ein Jahr dauere es, bis es wieder seine alte Struktur annehme. In dieser Zeit sei es wichtig, dass der Friseur für die Patienten eine Strategie entwickele: "Wie schneide, färbe, style ich es, bis es wieder so aussieht wie vor der Krankheit?"

Für Krebspatienten sei das wichtig, weil sie so das Gefühl bekämen, das Tal der Krankheit zu verlassen. Der Friseur als Therapeut: Das alte Klischee hat eine neue Bedeutung.

Die Salonbetreiber müssten sich ebenfalls auf die wachsende Klientel der Krebspatienten einstellen. "Viele Salons haben bereits private, abgetrennte Bereiche; häufig sind das VIP-Räume", sagt Wood. Die könnten auch für jene Kunden genutzt werden, die sich den wohlmeinenden Gettos der Klinik-Friseure entziehen wollten, aber noch nicht bereit seien für die ungeschützte Öffentlichkeit eines normalen Salons.

Die beste Therapie ist Normalität

Michelle Fingeret ist klinische Psychologin am MD Anderson Cancer Center in Houston, Bundesstaat Texas, einem der größten Krebszentren der USA. Ihr Arbeitsgebiet befasst sich mit den psychosozialen Aspekten der Krebsbehandlung, vor allem mit dem gestörten Körperbild vieler Krebspatienten. Einige ihrer Patienten haben entstellende Operationen hinter sich, verlieren Zähne oder haben Hautverpflanzungen.

Kampagne: Beth Whaangas Kampf gegen den Krebs

Im Vergleich dazu sei das Ausfallen der Haare das vergleichsweise geringere Übel, sagt Fingeret, weil die Wirkung vorübergehend ist. "Und dennoch ist es vor allem für Frauen verstörend. Weil es mit einem Stigma daherkommt. Weil sie dann genauso aussehen wie der prototypische Krebspatient."

Das Gesicht des Krebses zu verwandeln: Michelle Fingeret unterstützt Initiativen von Schönheitsarbeitern wie Harry Wood und Morag Currin, die den Umgang mit Krebspatienten als festes Portfolio in Salons integrieren wollen. Die Psychologin geht davon aus, dass der Markt eine solche Entwicklung ohnehin diktieren werde.

"Denn die Perückenshops und Kosmetikstudios der Kliniken werden auf Sicht mit der steigenden Zahl der Krebspatienten überfordert sein." Außerdem helfe es vielen Patienten, während der Behandlung ihre vertrauten Salons zu besuchen. Sie habe bei ihren eigenen Patienten beobachtet: Die beste Therapie sei häufig Normalität, sagt Fingeret.

"Der Perückenshop im Krankenhaus ist mir zu klinisch"

So war es auch für Susan Webster. Die ging zurück in den Salon, als ihre Haare ausgefallen waren, ihr Schädel rasiert und die Perücke selbstverständlicher, wenn auch ungeliebter Teil ihres neuen Alltags geworden war. Sie brachte eine der beiden Perücken mit, die sie zusammen mit Harry Wood ausgesucht hatte, und der Friseur wusch und stylte sie. "Ich wollte nicht in den Perückenshop im Krankenhaus gehen", sagt sie. "Das war mir zu klinisch. Da hätte ich mich noch elender gefühlt."

Schon vor der Chemotherapie habe sie ein paar graue Strähnen gehabt, "aber als meine Haare nachwuchsen, waren sie schneeweiß". Sie spielte kurz mit dem Gedanken, sie so zu belassen, entschied sich aber dann, die neuen Haare in ihrem Naturton zu färben, mittelblond. "Ich sah zwar immer noch aus wie ein Pudel", sagt sie. "Aber wenigstens hatte ich meine alte Haarfarbe."

Und damit auch ein kleines Stück mehr Normalität.

(Die Welt, 2.1.15, Katja Ridderbusch/Atlanta)

 

 

Neues Verfahren

So behalten Krebspatienten trotz Chemo ihre Haare

Haarausfall ist eine der gefürchtetsten Nebenwirkungen einer Chemotherapie, die Betroffene psychisch enorm belastet. Ärzte wollten diesen Patienten helfen - und kamen auf eine ungewöhnliche Idee.

Die Medikamente, die bei einer Chemotherapie zum Einsatz kommen, sind spezialisierte Killer. Die sogenannten Zytostatika greifen in den Zyklus von Zellen ein, die sich schnell und häufig teilen - in den von Krebszellen etwa. Der Nachteil: Die Medikamente können nicht zwischen gefährlichen und gesunden Zellen unterscheiden und schädigen auch normale Körperzellen. Dazu zählen die Zellen der Schleimhaut, des Knochenmarks und die der Haarwurzeln.

Patienten, die eine Chemotherapie bekommen, entwickeln deshalb häufig schwere Nebenwirkungen: Sie haben keinen Hunger mehr, müssen erbrechen, leiden unter Blutarmut und Gerinnungsstörungen. Zu den körperlichen Beschwerden verändert sich meist auch das Erscheinungsbild der Betroffenen: Ihnen fallen die Haare aus, manchmal sogar die Augenbrauen und Wimpern, was den Leidensdruck erhöht und eine enorme psychische Belastung darstellt.

Kältehauben sollen Haarausfall verringern

Diesen Patienten könnten künftig spezielle Kühlkappen helfen - sie sollen den Haarausfall während einer Krebstherapie deutlich reduzieren. An der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) wird das System mit Kühlkappen aus Silikon seit einem Jahr erprobt. "Wir waren äußerst skeptisch, sind aber verblüfft über die Ergebnisse", sagt die stellvertretende Direktorin der Frauenklinik, Tjoung-Won Park-Simon. Bisher hätten 19 Brustkrebs-Patientinnen eine Chemotherapie mit begleitender Kopfkühlung abgeschlossen.

Eine davon ist Sabine G. Bei ihr wurde im vergangenen September Brustkrebs diagnostiziert. Die 48-Jährige wollte das Kühlverfahren sofort ausprobieren. "Die erste Frage in einer solchen Situation ist natürlich: Werde ich wieder gesund? Aber schon die zweite war bei mir: Kann ich meine Haare behalten?", sagte die Patientin aus Hannover. "Bei mir hat es gut funktioniert. Mein Haar wurde zwar dünner, aber ich habe nie einen Hut oder ein Kopftuch gebraucht."

Allerdings ist der Effekt bei manchen Frauen schwächer, zudem wirkt das Verfahren nicht bei allen Tumorarten. Beim Krebsinformationsdienst (KID) des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg erkundigen sich viele Patientinnen vor einer Chemotherapie, was sich gegen Haarausfall tun lässt. "Die Kältehauben verschiedener Hersteller gibt es schon länger", sagt Birgit Hiller vom KID. "Bisher konnte aber nicht sicher belegt werden, dass die Kühlung Haarausfall zuverlässig bei allen oder zumindest vielen Patienten verhindert." Es gebe aber Hinweise darauf, dass sie zumindest bei einigen Menschen etwas nützt.

"Es hat mir Stärke verliehen."

Wesentlicher Bestandteil des Gerätes ist eine Silikonkappe, welche die Patientin während der Infusion der Chemotherapie trägt. Mit Hilfe der Kappe wird die Kopfhaut sensorgesteuert auf drei bis fünf Grad Celsius heruntergekühlt. Dadurch verengen sich die örtlichen Blutgefäße, das Medikament kommt lokal nicht so gut an, wodurch die Haarwurzeln geschont werden.

Bisher deutet Experten zufolge kaum etwas darauf hin, dass sich Patientinnen mit den Kühlhauben schaden könnten. Einige klagen über Kopfschmerzen aufgrund der Kälte. Sabine G. empfand es als Riesen-Gewinn, dass sie ihre Haare behielt und man ihr den Krebs nicht ansah. "Es hat mir Stärke verliehen. Ich konnte selbst entscheiden, mit wem ich über die Krankheit spreche."

An der MHH hatten etwa 70 Prozent der Krebspatientinnen Interesse an dem Verfahren. Auch ohne Kühlung wachsen die Haare nach einer Chemo in jedem Fall wieder nach. Für die Zwischenzeit übernehmen die Krankenversicherungen Kosten für eine Perücke. Die Kosten von 85 Euro pro Kühlanwendung erstatten sie hingegen nicht.

(Stern online, 27.5.15, ikr/dpa)

 

 

Keine Mistel-Heilbehandlung auf Krankenkassenkosten

Kassel (jur). Homöopathische und anthroposophische Arzneimittel bleiben zu weiten Teilen von der Leistungspflicht der gesetzlichen Krankenkassen ausgeschlossen. Das hat das Bundessozialgericht (BSG) am Dienstag, 15. Dezember 2015, in Kassel entschieden (Az.: B 1 KR 30/15 R). Danach unterliegen auch die „besonderen Therapierichtungen“ und auch bei schweren Krankheiten dem gesetzlichen Ausschluss nicht verschreibungspflichtiger Arzneimittel, soweit keine Sonderregelung besteht. Konkret lehnte das BSG die Kostenerstattung für die begleitende Heilbehandlung einer Krebspatientin mit einem anthroposophischen Mistelpräparat ab.

Der Frau wurde 2007 ein besonders aggressiver Brusttumor entfernt. Begleitend zur Chemotherapie verordnete Ihr Arzt ein anthroposophisches Mistelpräparat. Das Arzneimittel soll die Nebenwirkungen der Chemotherapie abmildern, die Lebensqualität verbessern und auch die Zahl der Rückfälle verringern. Eine Erstattung der Kosten von 1.500 Euro lehnte die Krankenkasse ab. Dies sei nur in der „palliativen Therapie“ zulässig, also wenn die Krankheit einen unheilbaren Verlauf nimmt.

Hintergrund ist der generelle Ausschluss rezeptfreier Arzneimittel aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung. Weil anthroposophische und auch homöopathische Arzneimittel meist keine Nebenwirkungen haben, sind sie weitüberwiegend rezeptfrei und daher von dem Ausschluss erfasst. Seit 2004 gibt es allerdings eine Ausnahmeliste mit Medikamenten, die bei schwerwiegenden Erkrankungen als Standardtherapie gelten. Diese Medikamente werden von den Kassen wieder bezahlt. Nach den gesetzlichen Vorgaben soll der vorrangig von Ärzten und Krankenkassen besetzte Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) über diese Liste entscheiden.

In diese Liste wurden schulmedizinische Wirkstoffextrakte der Mistel aufgenommen – allerdings nur für die palliative Therapie, weil diese Mittel auch nur für die palliative Therapie zugelassen sind. Anthroposophischer Mistelextrakte enthalten alle Stoffe der Pflanze und sind auch für die begleitende Heilbehandlung zugelassen.

Dennoch schlagen die für die Schulmedizin geschaffenen Regelungen auch auf die anthroposophische Misteltherapie durch, urteilte nun das BSG. Das Präparat sei nicht verschreibungspflichtig und daher von den Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung ausgenommen. Die vom G-BA beschlossene Ausnahme gelte nur für die palliative Therapie zur Verbesserung der Lebensqualität. Hier sei es aber um die begleitende Heilbehandlung gegangen.

Bereits 2011 hatte der 6. BSG-Senat die Regelung des G-BA für zulässig und wirksam erklärt (Urteil vom 11. Mai 2011, Az.: B 6 KA 25/10 R; JurAgentur-Meldung vom 14. September 2011). Vorrangig ging es damals allerdings darum, ob das Bundesgesundheitsministerium die Entscheidung des G-BA beanstanden durfte; das BSG hatte dies verneint. Seitdem werden allerdings Mistelpräparate in der begleitenden Heiltherapie nicht mehr bezahlt. Dies hat der 1. BSG-Senat nun bestätigt.

In seiner mündlichen Urteilsbegründung betonte der 1. BSG-Senat auch die Regelungskompetenz des G-BA. Er verfüge „über eine hinreichende demokratische Legitimation“. Der Ausschuss sei an umfassende gesetzliche Vorgaben gebunden und unterliege der staatlichen Kontrolle, erklärten die Kasseler Richter zur Begründung.

Das Bundesverfassungsgericht hatte kürzlich entschieden, dass es Angriffe gegen den G-BA nur bezüglich konkreter einzelner Entscheidungen akzeptiert (Beschluss vom 10. November 2015, Az.: 1 BvR 2056/12; JurAgentur-Meldung vom 20. November 2015). Der Rechtsanwalt der Klägerin vor dem BSG kündigte an, er werde eine Verfassungsbeschwerde prüfen.

(juraforum.de, 16.12.15, Quelle: © www.juragentur.de)

 

 

 

Misteln bei Krebs

Zur Chemo ein bisschen Natur?

Beim Kampf gegen Krebs setzen neben Chemo- und Strahlentherapie immer mehr Patienten auch auf naturheilkundliche Verfahren wie der Misteltherapie. Ob diese hilft, gilt als umstritten – doch es finden sich immer mehr Fürsprecher – auch in Stuttgart.

Stuttgart - Wer im botanischen Garten von Hohenheim spazieren geht, kann sehen, wie besitzergreifend Pflanzen sein können: zwischen den herbstlich gefärbten Laubbäumen steht die Silberweide noch grün da – dank der Misteln, die den Baum überwuchern. Um die hundert der vogelnestartigen Büschel zapfen die Äste der Weide an. „Sie versuchen so an Wasser und einen Teil der Nährstoffe zu kommen, an die die Mistel allein nicht herankommen kann“, sagt Robert Gliniars, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Botanischen Gärten Hohenheims. Experten wie Gliniars bezeichnen die Mistel daher botanisch korrekt als „Halbschmarotzer“. Im Volksmund jedoch hat die Mistel eine ganze Fülle von Namen wie „Hexenkraut“ oder „Donnerbesen“. Gliniars bestätigt: „Es gibt viele abergläubische Bräuche, mal gilt sie als giftig und böse, mal als Glücksbringer.“

Die Mistel hat eine lange Tradition als Heilpflanze

An der Mistel scheiden sich auch die wissenschaftlichen Geister. Insbesondere, wenn es um ihre Heilkraft geht. „Die Mistel hat eine lange Tradition als Heilpflanze“, bestätigt Wolfgang Kreis, Professor für Pharmazeutische Biologie an der Universität Erlangen. In der Volksmedizin beruhigt Tee aus Mistelkraut die Nerven, lindert Epilepsien und Krämpfe von Kindern, hilft bei leichten Herzbeschwerden und reguliert den Blutdruck. Heute werden Mistelpräparate vor allem von Tumorpatienten eingenommen: Nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts nutzt rund jeder zweite Krebspatient in Deutschland zusätzlich zur Standardbehandlung mindestens eine Komplementär- oder Alternativmedizin. Die Misteltherapie gehört dabei zu den am häufigsten verwendeten Naturheilmitteln.

Die Einschätzung, dass Mistel auch bei Krebsleiden helfen soll, kam bereits Anfang des 20. Jahrhunderts mit Rudolf Steiner auf, dem Begründer der Anthroposophie. „Er bezog sich dabei auf die Analogie zwischen dem parasitären Wachstumsmuster der Mistel und des Tumors“, sagt Wolfgang Kreis. Doch erst vor rund 20 Jahren begann die wissenschaftliche Erforschung der Mistel als Krebsbekämpfungsmittel.

Misteltherapien sind hauptschlich in anthropsophischen Kliniken üblich

Heute greifen vor allem Ärzte anthroposophisch geführter Kliniken zu Mistelpräparaten. So auch in der Filderklinik im Landkreis Esslingen. „Wir empfehlen allen unseren Krebspatienten die Mistelpräparate als begleitende Maßnahme zusätzlich zu den Standardtherapien wie Chemo- oder Strahlentherapie“, sagt der Chef der Onkologie, Stefan Hiller. Die Patienten fühlten sich besser. Sie hätten mehr Appetit und eher Lust sich zu bewegen oder etwas zu unternehmen. Die positiven Effekte sind auch dem Pharmazeut Wolfgang Kreis bekannt: „Die Inhaltsstoffe der Mistel können durchaus zur Verbesserung der Abwehrlage, des Allgemeinbefindens und der Lebensqualität beitragen.“

Studien, die diese Effekte wissenschaftlich belegen wollen, gibt es durchaus: Eine der bekanntesten ist wohl eine 2013 veröffentlichte serbische Untersuchung, nach deren ersten Ergebnissen Patienten mit fortgeschrittenem aggressivem Bauchspeicheldrüsenkrebs von einer Misteltherapie deutlich profitierten: Sie lebten zwei bis drei Monate länger und das mit mehr Lebensqualität. Allerdings wird eben dies von Kritikern der Misteltherapie bezweifelt. Ihr Vorwurf: Die Studie habe schwere methodische Mängel.

Studienlage zur Wirksamkeit ist dürftig

Tatsächlich macht es die Mistel der Wissenschaft schwer, ein eindeutiges Urteil zu fällen: Zuletzt wurde 2015 eine Meta-Analyse sämtlicher Studien zur Wirksamkeit der Misteltherapie vorgenommen – mit dem Ergebnis, dass es zwar Hinweise gebe, dass diese die Lebensqualität von Patienten während einer Chemotherapie verbessern kann. Auch zeigten manche verbesserte Überlebenschancen. Allerdings sei die Qualität der Studien so kritisch, dass eine abschließende Bewertung nicht möglich sei.

Anhänger der Misteltherapie lassen sich davon nicht entmutigen. Im Gegenteil: In Stuttgart hat ein kleiner Kreis von Ärzten und Wissenschaftlern die Stiftung „Integrative Medizin“ gegründet. „Nach unserer Überzeugung versprechen schulmedizinische und alternative Therapien aus der Naturheilkunde, die nebeneinander angewandt werden, den größten Heilungserfolg“, sagte Wolfgang Schuster, einer der Stiftungsgründer bei der Jahresfeier am vergangenen Sonntag.

Antrag für neue Studie bei Gehirntumor-Patienten liegt vor

Das soll nun eine US-amerikanische Studie der Harvard University in Kooperation mit deutschen Kliniken zeigen, die von der Stiftung mitfinanziert werden soll: Etwa 150 Patienten des Massachusetts General Hospital in Boston, die an einem bestimmten Gehirntumor erkrankt sind, sollen zusätzlich zur Chemo- und Strahlentherapie auch mit Mistelpräparaten behandelt werden. Mitwirken werden dabei auch die Charité in Berlin und das Freiburger Universitätsklinikum. Auch die Unikliniken Tübingen und Ulm würden großes Interesse daran zeigen, sagt Schuster. Wann die Studie anlaufen soll, hängt von der Deutschen Krebshilfe ab. Der Antrag zur Finanzierung der bis zu 1,5 Millionen Euro teuren Studie sei schon eingereicht, so Schuster.

Ob die Ergebnisse der Studie die von den Stiftungsgründern erhoffte allgemeine Anerkennung der Mistel als Heilmittel bringen, wird sich zeigen. Bislang ist es Krebspatienten in Deutschlandfreigestellt, in der Apotheke nach Mistelpräparaten zu fragen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten aber nur, wenn die Patienten sich bereits im palliativen Stadium befinden – also eine Heilung nicht mehr möglich ist.

Mistelpräparate nie ohne ärztliche Rücksprache verwenden

In der Regel werden die Lösungen in oder unter die Haut gespritzt. Beim Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg heißt es: „Die allermeisten Patienten vertragen die Behandlung gut. Die Misteltherapie gilt als vergleichsweise sicher.“ Allerdings warnen die Krebsforscher vor dem unbedachten Imgang: Es gibt zur Anwendung der Mistelpräparate, keine verbindlichen Auskünfte – weder von Herstellern noch von Experten.

Auch in der Filderklinik lehnen die Ärzte eine Misteltherapie ohne ärztliche Begleitung ab. „Die Therapie muss individuell auf die Patienten und mit ihrem Medikamentenplan abgestimmt werden“, sagt Stefan Hiller. Ansonsten können auch pflanzliche Mittel Nebenwirkungen entfalten. Dass er mit dieser Abwägung auf einem guten Weg ist, sieht er nicht nur anhand seiner Patienten: In jüngster Zeit bekommt die Filderklinik Besuch von Belegschaften anderer Krankenhäuser, die zuvor der Naturheilkunde nicht groß Beachtung geschenkt haben. „Wir sind soweit, dass die Schulmedizin sich für die komplementäre Medizin interessiert.“

(Stuttgarter Zeitung, 25.10.16, wa)

 

 

 

Krebs und „Fatigue“

Eine Mehrzahl der Krebspatienten leidet an Schlafstörungen

Krebspatienten können ein Lied davon singen, denn chronische Müdigkeit – im Fachjargon auch „Fatigue“ genannt – ist eine der häufigsten und sehr unangenehmen Begleiterscheinungen einer Krebserkrankung.

Bei einer „Fatigue“ handelt es sich nicht um eine vorübergehende Phase der Abgeschlagenheit oder Energielosigkeit, Fatigue ist vielmehr ein anhaltender Erschöpfungszustand, der sich auch mit Schlaf nicht bessert. Sie beeinträchtigt das Lebensgefühl, den Alltag sowie die Beziehungen zu Angehörigen und Freunden.

Die Symptome gehen weit über eine reine Müdigkeit hinaus: Die Patienten verfügen nur noch über eine geringe körperliche Belastbarkeit, sie leiden unter Konzentrationsstörungen, Motivationsmangel, Reizbarkeit oder Störungen des Kurzzeitgedächtnisses.

Belastung für Kopf und Körper

Die Angst, eventuell nicht wieder genesen zu können, führt häufig zu einer Depression, und die Schwierigkeit, den Alltag zu bewältigen hat oft einen Rückzug aus der Gesellschaft zur Folge.

Etwa 80 Prozent der Betroffenen leiden während oder kurz nach der Krebsbehandlung unter einer akuten Fatigue, bei etwa 40 Prozent der Patienten hält der Erschöpfungszustand über Wochen, manchmal sogar über Monate hinweg an, selbst wenn die Behandlung bereits abgeschlossen ist. Dann spricht man von einer chronischen „Fatigue“.

Diese chronische Müdigkeit bei Krebspatienten kann verschiedene Ursachen haben: Zum einen die Krankheit selbst, sie kann aber auch als Begleiterscheinung unterschiedlicher Behandlungen wie Chemotherapie oder Bestrahlungen auftreten. Diese Therapien greifen meist nicht nur Krebsgewebe an, sondern schädigen auch gesunde Zellen.

Oftmals kommt es somit zu einer Veränderung des Blutbilds, was sich in verminderter Abwehrbereitschaft des Körpers, erhöhter Blutungsneigung oder Reduktion der roten Blutkörperchen, einer so genannten Anämie, äußern kann. Eine Anämie zieht wiederum die Unterversorgung der Organe mit Sauerstoff und somit eine Schwächung des ganzen Organismus nach sich.

Medikamente und Therapie

Auch Stoffwechselstörungen oder Medikamente können eine Fatigue auslösen. Als ein weiterer Grund für die chronische Müdigkeit wird ebenfalls häufig die psychische Belastung, die mit einer Krebserkrankung einhergeht, genannt. Schmerzen sowie depressive Verstimmungen verstärken den Effekt. „Fatigue“ ist eine enorme Belastung für die Patienten, deshalb sollte sie nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Denn man kann durchaus etwas dagegen tun. Es gibt eine Reihe organischer Gründe für die chronische Müdigkeit, die sich medikamentös behandeln lässt.

Können organische Gründe ausgeschlossen werden, sollte sich die Therapie danach richten, welcher Bereich des täglichen Lebens besonders beeinträchtigt ist: die körperliche Leistungsfähigkeit, das seelische Befinden oder die geistigen Fähigkeiten. Krebspatienten sollten sich daher nicht scheuen, gemeinsam mit ihrem behandelnden Arzt eine individuelle, auf ihr Problem zugeschnittene Therapie zu finden.

(Luxemburger Wort, dpa-tmn, 11.10.14, Julie Henkel)

 

 

Fatigue: Unendlich erschöpft

Nach einer Krebstherapie fühlen sich viele Patienten dauerhaft kraftlos. Experten stehen vor einem Rätsel.

Den Krebs haben sie besiegt. Sie freuen sich, dass sie "es" geschafft, dass sie die OP und die Chemotherapie-Qualen hinter sich haben. Mit dem nun folgenden, neuen schweren Eingriff in ihr Leben haben sie nicht gerechnet: Fatigue, das massive Erschöpfungssyndrom nach Krebs. "Ich habe jetzt viel weniger Kraft, als während der Chemo", klagen Patienten und beschreiben ihre Situation als "niederschmetternd" und "äußerst deprimierend". Von Fatigue Betroffene müssen ihre Ansprüche an den Alltag weit herunterschrauben, manche sogar ihren Beruf aufgeben, weil es an Energie mangelt. Zu den Symptomen zählen Konzentrationsschwäche und Vergesslichkeit. Mit dem neuen Feind könne man sich bestenfalls arrangieren, sagen sie. Besiegen lasse er sich leider nicht.
Dr. Jens-Ulrich Rüffer ist Vorsitzender der "Deutschen Fatigue Gesellschaft" in Köln. Sie will Fatigue unter Ärzten und Patienten bekannter machen und unterstützt die Fatigue-Forschung.
GESUND: Wie viele Krebs-Patienten sind von Fatigue betroffen?
Dr. Jens-Ulrich Rüffer: Das ist verschieden. Bei Prostata-Krebs sind es 10 bis 15 Prozent, beim Brustkrebs 25 Prozent, beim Lymphknoten-Befall ?Morbus Hodgkin' 30 bis 40 Prozent.
GESUND: Wer bekommt Fatigue, und warum bekommt es der eine Patient, der andere nicht?
Dr. Rüffer: Das weiß man nicht, es gibt keine bekannten Risikofaktoren. Da gibt es noch viel zu erforschen.
Jeder fünfte Krebs-Überlebende von Fatigue betroffen
GESUND: Ab wann spricht man von einer Fatigue?
Dr. Rüffer: Wenn die Erschöpfung nicht anderweitig erklärbar ist. Von einer chronischen Form kann man ausgehen, wenn die Erschöpfung mindestens sechs Monate nach Behandlungsbeginn anhält, bzw. neu auftritt.
GESUND: Gibt es verschieden starke Fatigue-Formen?
Dr. Rüffer: Ja. In Deutschland gibt es fünf Millionen Krebs-Langzeitüberlebende, davon sind eine Million erschöpft, von Fatigue betroffen. Die einen leicht, andere massiv. Von dieser einen Million Patienten sind schätzungsweise 10 bis 20 Prozent nicht mehr oder nur eingeschränkt in der Lage, berufstätig zu sein.
GESUND: Viele Krebs-Patienten, die nach der Chemo über extreme Müdigkeit und Erschöpfung klagen, hören von ihrem Onkologen Beschwichtigendes wie: Das ist normal, dass Sie nach den Chemo-Strapazen müde sind. Und werden heimgeschickt. Wird man mit dem Problem alleingelassen?
Dr. Rüffer: Eigentlich ist inzwischen jedem Onkologen Fatigue bekannt, dafür hat nicht zuletzt meine Gesellschaft mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit gesorgt. Das Problem bei Ärzten, die wie geschildert reagieren und die Symptome abtun, ist ein anderes: Sie haben dem Patienten, der nun vor ihnen sitzt, das Leben gerettet, sind stolz, erwarten Dankbarkeit. Und nun kommt er und jammert, er sei müde, erschöpft und schaffe nichts mehr. Dann reagieren sie ?angefressen'. Das zweite Problem: Manch ein Arzt tut sich schwer mit einer Fatigue-Diagnose, weil sie schwer greifbar ist, weil er selbst nicht medizinisch eingreifen kann.
GESUND: Medikamentös kann man nichts tun?
Dr. Rüffer: Nein. Als Fatigue entdeckt und definiert wurde, freute sich die Pharma-Industrie, verdiente viel Geld mit Erythropoetin – mit Medikamenten also, die wir von Dopinglisten im Radsport kennen. Diese Mittel helfen aber nur in der akuten Erschöpfung unter Therapie.
Drei-Stufen-Plan gegen das Erschöpfungs-Syndrom
GESUND: Was kann der Patient gegen Fatigue tun?
Dr. Rüffer: Zunächst muss feststehen, ob es wirklich eine Tumor-Erschöpfung ist, andere Ursachen müssen ausgeschlossen sein. Dann gibt es ein Drei-Säulen-Modell. Erstens: Körperliche Betätigung. Ideal ist täglich eine Stunde Bewegung, auf keinen Fall erschöpfender Sport. Eher strammes Spazierengehen oder Radfahren. Das Pensum sollte man stur beibehalten, um vergleichen zu können, wann es einem besser, wann schlechter geht. Zweitens: Psycho-onkologische Betreuung in Anspruch nehmen, die Krankheit mit einem Experten verarbeiten! Und drittens: Anwendung von Heilverfahren wie Akupunktur, Einnahme von Ginseng. Zu dieser dritten Säule sollte man sich aber erst entschließen, wenn die anderen beiden nicht effektiv genug sind.
GESUND: Fatigue ist in der Gesellschaft weitgehend unbekannt. Viele Patienten beklagen, dass es in ihrem Umfeld heruntergespielt wird: ?Du siehst gut aus, es ist doch alles okay!' Wie kann ein Betroffener vermitteln, wie sehr ihn Fatigue ?aus dem Rennen' nimmt und beeinträchtigt?
Dr. Rüffer: Das ist nicht einfach, weil es viele als plumpe Müdigkeit abtun. Dann fallen Bemerkungen wie "Ach, lass dich nicht so hängen" oder "Schlaf dich mal aus!" Da hilft nur eins: Klartext reden, den Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen klar sagen, dass man an kleinsten, alltäglichen Tätigkeiten scheitert, dass Wäsche-Aufhängen oder ein Telefonat zu führen eine Strapaze sein können. Oder man besorgt sich den Film "Fatigue" bei der Deutschen Krebshilfe und schaut ihn sich mit diesen Leuten zusammen an. Danach reagieren sie bestimmt rücksichtsvoll!

(Quelle: Gespräch mit Dr. Jens-Ulrich Rüffer, Vorsitzender der "Deutschen Fatigue Gesellschaft" in Köln, Mai 2014, aus: Gesund, Beilage im Hamburger Abendblatt, 14.8.14, von Michael Santen)
 

   

 

"Der Humor trotz(t) dem Tumor": Dem Krebs mit Humor begegnen

Kabarettist Gerald Holzinger trotzte mit Humor dem Tumor.  

WINDISCHGARSTEN. Gerald Holzinger aus Liezen verfasste ein humorvolles Buch und ein Kabarettprogramm zum Thema Krebs. Der Kabarettist ist selbst durch die Tiefen der Chemo-Strahlentherapie gegangen und weiß: „Humor erleichtert den Therapiealltag und heilt nicht nur die Psyche." Am 18. März gastiert er im Kulturhaus Römerfeld.
Das Buch „Der humorvolle Krebs" präsentierte Holzinger im Herbst 2014. Anstatt anschließend Lesungen zu halten, schrieb er ein Kabarettprogramm frei nach dem Motto: „Lachen schließt Tiefsinnigkeit nicht aus – der Humor trotz(t) dem Tumor".
Der klinische Psychologe kann mit dem Patienten Holzinger wenig anfangen, weil dieser bei den Therapiegesprächen glücklich grinst – hat er doch schon die nächsten genialen medizinischen Schüttelreime im Kopf. Diese kann er aber dem medizinischen Personal der Onkologie nicht sagen, denn „die sind hier irgendwie schüttelreim-resistent."
Ob eine Live-Fahrt durch den Darm bei der Koloskopie oder die musikalische Gegenüberstellung eines Operntenors mit dem lockeren Jungarzt, der irgendwie mehr dem Jazz zugetan ist – Buch und Kabarett bearbeiten viele Situationen im Krankenhausalltag und im Leben nach der Therapie.

Zuversicht für Patienten

Holzinger zieht als diplomierter Musical-Darsteller am Klavier alle Register und springt mit Leichtigkeit in den Genres herum. Gerald Holzinger vermittelt zwei Stunden lang spielend und singend Zuversicht und Optimismus für Krebspatienten und Angehörige. Am Ende bleibt ein Zuschauer, der sich zwar köstlich unterhalten hat, aber trotzdem mit Psychonahrung für die nächsten Tage entlassen wird.

(tips.at, 3.3.15, Susanne Egelseder)

 

 

„Fighting Spirits“ sagen dem Krebs den Kampf an

Düsseldorf. Kurz bevor es losgeht, kommen sie alle noch mal hinter den Kulissen zusammen: Sie stellen sich in einen Kreis, legen die Hände in der Mitte aufeinander – dann ihr Schlachtruf: „Weil wir die Fighting Spirits sind!“ Kurz darauf stürmen sie gemeinsam die Konzertbühne.
Für die rund 25 Kinder und Jugendlichen ist es mehr als nur ein Name, denn ihr Kampfgeist ist es, der sie ausmacht. Sie sind keine gewöhnliche Musikgruppe, denn eins verbindet sie alle: Der Kampf gegen Krebs. Das 2011 ins Leben gerufene Projekt „Fighting Spirits“ ist von und für onkologisch schwer erkrankte Kinder, Jugendliche und deren Geschwister.

Einige von ihnen machen derzeit eine Krebstherapie durch, andere haben sie bereits hinter sich. Sängerin Lina war vor vier Jahren an Leukämie erkrankt und ist ein „Fighting Spirit“ der ersten Stunde. „Früher waren wir als Mitglieder mit unserer Musik selbst wie in Therapie, um das alles zu verarbeiten. Doch mittlerweile ist unser Zusammenhalt so groß, dass wir anderen Erkrankten dadurch Mut machen können“, sagt die 16-Jährige.

An diesem Samstagabend findet im Theater der Träume in Heerdt der Auftakt ihrer „Komm mit“-Tour statt. Mit rund 800 Leuten im Publikum ist es das größte von drei Konzerten. Auftritte in Münster und Nordhorn werden folgen. Der Abend gestaltet sich als bunter Mix aus Darbietungen des gesamten Chors und einzelnen Solonummern, die vom Background unterstützt werden. Sie singen einige Covers, aber auch selbst getextete Songs, die Hoffnung geben sollen und aus denen sie Energie schöpfen. Andere hingegen erzählen die von Mitgliedern, die sie für immer verloren haben.

Stadt Münster nimmt sich Düsseldorf als Vorbild

Initiator und Ideengeber des Projekts ist Frank Gottschalk. Er ist Ergotherapeut in der Onkologie der Uni-Klinik Düsseldorf und spricht dort die Kinder an, ob sie nicht Teil des Projekts werden wollen.

Michaela Steffen ist Mutter eines „Fighting Spirit“ und die Pressesprecherin der Gruppe. „Das Schöne ist, dass die Kinder locker miteinander umgehen. Es existiert zwischen ihnen nicht die Sprachlosigkeit, die sich häufig in so einer Situation bei Freunden und im Bekanntenkreis breitmacht“, sagt sie. Das gesamte Projekt werde durch Spenden finanziert. Die Idee wurde bereits in Münster aufgegriffen. Auch dort sollen nun, nach dem Düsseldorfer Vorbild, erkrankte Kinder und Jugendliche gestärkt werden.

(Westdeutsche Zeitung, 23. März 2015, Charlene Optensteinen)

 

 

 

Mit der Kunst den Kampf aufnehmen gegen den Krebs

Vor zehn Jahren wurde am Klinikum Heidenheim begonnen, Patienten mittels Kunst zu therapieren.

Nach Tagen oder Wochen der nagenden Unsicherheit erhält ein Patient die Diagnose: Krebs. Plötzlich steht die Zeit still. Zukunftspläne weichen der Verzweiflung, Selbstbestimmtheit wandelt sich in Resignation. Aus dem täglichen Leben wird eine Kette von Arztbesuchen, Krankenhausaufenthalten, vernichtenden Diagnosen und nebenwirkungsträchtigen Behandlungen.

Nahezu unweigerlich ist die Diagnose Krebs mit Fragen der Sinnhaftigkeit und der Endlichkeit des Lebens verbunden. Besonders wichtig wäre es in dieser Zeit für Betroffene, über Nöte und Ängste zu sprechen. Nicht selten jedoch verfallen sie aber in einen schockähnlichen Zustand, der teilweise mit einer umfassenden Sprachlosigkeit einhergeht. Dadurch haben Betroffene keine Möglichkeit, ihr Leid zu teilen.

Und der Sinn des Lebens?

Genau an dieser Stelle setzen die verschiedenen Formen der Kunsttherapie an: sich ausdrücken ohne Worte. Als gebräuchlichste Form gilt dabei die gestaltende Kunsttherapie, häufig im Sinne einer Maltherapie. Diese wurde vor nunmehr zehn Jahren am Klinikum Heidenheim im Bereich Palliativmedizin und Onkologie eingeführt.

Die Kunsttherapie zu einer bleibenden Einrichtung am Klinikum zu machen, wäre aber vermutlich nicht gelungen, hätten der Förderverein Palliativmedizin sowie die Geschäftsleitung des Klinikums nicht zugesagt, die Kunsttherapie nicht nur beim Start, sondern schließlich auch kontinuierlich über Jahre hinweg zu unterstützen.

Betreut und weiterentwickelt wird die Kunsttherapie seit sieben Jahren von der Kunsttherapeutin Monika Zürn. Zu den Projekten, die von ihr realisiert wurden, zählen das Malprojekt „Dem Leben Farbe geben – Zeichen setzen“ und der „Lebenszeichen-Kalender“. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Kunsttherapie hat Zürn außerdem eine Ausstellung mitgestaltet: Ab 7. Oktober werden Werke von Patienten im Foyer des Klinikums ausgestellt. Für Zürn ist es zugleich ein sehr persönliches Jubiläum, da sie 70 Jahre alt wird und sich am Ende des Jahres in den Ruhestand verabschiedet.

Mit Hilfe der Kunsttherapie ist es am Klinikum gelungen, das seelische Gleichgewicht vieler Patienten wiederherzustellen. Denn Ziel der Therapie in der Onkologie und Palliativmedizin ist es, körperlicher Beschwerden durch Ablenkung und Entspannung zu lindern, innere Bilder, Gefühle und Gedanken auszudrücken und dadurch Ressourcen und Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Außerdem lernen die Patienten neue Sichtweisen kennen, sind aktiv, haben Freude und setzen sich künstlerisch mit dem Tod und dem Sterben auseinander.

Ziele und Motivation

Die meisten Patienten sagen zunächst, sie könnten nicht malen, doch in der Kunsttherapie gibt es kein „falsch“. Jedes Bild ist ein individueller Ausdruck. Durch das kreative Tun kann die Lebensqualität verbessert werden. Denn durch eine neu entdeckte Kreativität erlebt sich der Patient im Tun autonom, in einer Zeit, in der er sich Krankheits- und Therapie-bedingt vielem ausgesetzt fühlt. Er kann ganz neue Stärken entdecken.

Während einige Patienten davon sprechen, dass sie die Welt um sich herum vergessen, wenn sie malen, ist es für andere eine eigene Welt, in die sie eintauchen. Für manche bedeutet das Malen gute Laune, manche möchten ihren Angehörigen ein ganz persönliches Geschenk machen – und wenn es Abschiedsbilder sind. Die Beweggründe, zu Papier und Stift oder Pinsel zu greifen, sind sehr verschieden, und doch haben sie am Ende eines gemeinsam: sie sind für die Ewigkeit.

(Heidenheimer Zeitung, 5.10.16, Elena Kretschmer)

 

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