Onkologisches Forum Celle e. V.

26.04.18: Stress und andere Mythen
26.02.18: "German Cancer Survivors" - live im Internet
20.02.18: Psychische Faktoren als Ursache für Krebs?
24.01.18: Wie viel Einfluss hat die Psyche auf Krebs?
18.08.17: Hilfe für die Seele gefordert
11.08.17: Angebot noch lange nicht flächendeckend

31.03.17: Psychotherapie bei Krebs - das ändert sich ab April
31.01.17: Wie die Psyche nach der Diagnose mit leidet
20.12.16: Der schlechte Einfluss von Depressionen
15.08.16: Aktiv leben gegen Krebs - Das Drei-Säulen-Prinzip
20.05.16: Gespräche verbessern die Heilungschancen
17.08.16: Unterschiedliche Einschätzungen über den Redebedarf
06.04.16: Dem Leben trotz Krebs einen Sinn geben

31.01.17: Krebs in jungen Jahren belastet lange
10.01.17: Zu wenig Beratungsangebote für Familien
10.01.17: Als plötzlich Mamas Haare weg waren

31.01.17: Krebsnachsorge muss verbessert werden
25.02.16: Psychologische Hilfe im "Test"
10.12.15: "Attentat auf mein Leben"
24.10.16: Mit dem Krebs klarkommen
15.12.15: Lindert "Pilz-Trip" die Angst?
14.01.15: Psychotherapeutin am AKH Celle
19.12.14: Die Psyche ist nicht schuld, wenn Sie Krebs bekommen
19.09.15: Krebs hat keine seelischen Ursachen
17.06.15: Wie die Seele mitkämpft
24.11.14: Experten fordern bessere Therapien für junge Erwachsene
28.08.14: Psychotherapie hilft Krebspatienten mit Depressionen kosteneffektiv
23.09.14: Psychoonkologische Betreuung verstärkt Therapie-Erfolge
20.11.14: Psychoonkologischer Ratgeber aus Wien
12.10.14: Jeder Dritte Patient braucht psychische Hilfe
04.12.14: Diagnose lässt viele ins Bodenlose stürzen
02.10.14: Onkologen empfehlen gezielte Betreuung der Kinder von Krebspatienten
08.07.16: Kinder brauchen Hilfe
28.01.15: Familienleben mit Krebs
26.02.15: Software soll Patienten-Gespräch bei Krebs verbessern
05.04.15: "Nach dem Krebs kam das bessere Leben"
07.06.15: Der Krebs ist geheilt und doch nicht weg
27.05.15: Prostattakrebs - Meine Nachbarn wissen nichts von meiner Diagnose
27.05.15: Krebs - Angriff auf die Weiblihckeit
09.09.15: Über den Krebs mit anderen reden
28.01.16: Krebs und Entertainment
16.04.16: Psychoonkologische Beratung auf türkisch
30.07.16: Die Liebe und der Krebs
07.07.16: Musik hat geholfen

 

 

Stress und andere Mythen

Onkologen schließen die Existenz von »Krebspersönlichkeiten« aus und warnen vor dem Druck, positiv denken zu müssen

Ein 55-jähriger Mann aus Freiburg ist sicher, dass seine schwere Kindheit ihn anfällig für Krebs mache. Eine zweifache Mutter macht die lieblose Beziehung zu ihrem Mann dafür mitverantwortlich, dass sie Lymphknotenkrebs bekommen hat. Eine Journalistin Mitte 40 glaubt, dass sie sich beruflich zu viel mit »negativen Dingen beschäftigt« habe und deswegen an Brustkrebs erkrankt sei. Wie diese Personen glauben viele Menschen, dass Stress und Krebs eng zusammenhängen. In einer repräsentativen Umfrage des Informationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszen-trums in Heidelberg im vergangenen Jahr stimmten 61 Prozent von 2023 Befragten der Aussage zu, dass Stress und psychische Belastungen Krebs auslösen können. Lange glaubten sogar Psychiater und Psychologen an die Existenz von »Krebspersönlichkeiten«: Laut dieser Theorie neigen Menschen mit depressiven Zügen, die Ärger und Wut oft unterdrücken, vermehrt zu Krebs.

Susanne Weg-Remers vom Krebsinformationsdienst nennt dies »weitverbreitete Krebsmythen«. Auch Judith Alder, Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoonkologie und Privatdozentin an der Universität Basel, stellt klar: »Stress und psychische Belastungen tragen nach heutigem Wissen nicht zur Entstehung von Krebs bei.« Es gebe keine typischen »Krebspersönlichkeiten«. Auch der Krebsarzt Thomas Cerny, Präsident von Krebsforschung Schweiz, sagt: »Tumore lassen sich nicht mit psychischen Auffälligkeiten erklären.« Bei allen Formen von Krebs beginnt eine ungebremste Zellteilung.

Zahlreiche Studien unterstreichen das: Zum Beispiel analysierten im Jahr 2004 holländische Forscher 70 einschlägige Studien: Den Autoren zufolge zeigte keine »überzeugend«, dass psychische Faktoren einen Effekt auf die Krankheit hatten. 2013 werteten Forscher aus mehreren EU-Ländern ein Dutzend Studien mit insgesamt 116 000 Teilnehmern aus Frankreich, Holland, Schweden, Finnland, Dänemark und Großbritannien aus. Die Wissenschaftler fanden keinen Zusammenhang zwischen Arbeitsstress und Krebsrisiko. Im Jahr 2016 analysierten britische Forscherinnen und Forscher die Daten von 106 000 Frauen und fanden heraus, dass das Erleben von Stress in den vorherigen fünf Jahren oder der frühe Verlust eines Elternteils das Risiko nicht erhöhten, Brustkrebs zu bekommen.

Susanne Weg-Remers vom Krebsinformationsdienst betont, dass »Stress das Krebsrisiko allenfalls indirekt erhöht, indem er zu einem ungesunden Lebensstil führen kann«. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt rund 30 Prozent aller Krebsfälle in westlichen Ländern auf ungünstige Ernährung und zu wenig Bewegung zurück. Übergewicht erhöht laut der Internationalen Krebsforschungsagentur zum Beispiel das Risiko für mindestens 13 Krebsarten. Der Konsum von Alkohol steigert die Wahrscheinlichkeit von Krebs an Dick- und Enddarm, der Speiseröhre, in der Mundhöhle, von Lebertumoren und von Brustkrebs bei Frauen. Neun von zehn Lungenkrebserkrankungen bei Männern und sechs von zehn bei Frauen sind eine Folge des Rauchens. Die Vererbung verursacht indes höchstens zehn Prozent aller Darm- und Brustkrebserkrankungen. Klar ist auch: Ältere erkranken häufiger als Jüngere. Denn mit dem Alter steigt das Risiko, dass sich Zellen ungebremst zu teilen beginnen und so Krebs entsteht. Auf einen unter 15-jährigen Krebskranken kommen daher 200 bis 300 Krebspatienten, die über 80 sind.

Im Einzelfall lässt sich die Ursache meist jedoch nicht exakt benennen. Laut Krebsforscher Thomas Cerny stellen sich fast alle Betroffenen die Frage: Warum ich? Psychoonkologin Judith Alder erkennt darin den Wunsch, klare Ursachen für eine oft unerklärliche Krankheit zu benennen: »Es ist schwer zu akzeptieren, dass man nur Pech hatte.«

Hartnäckig hält sich auch der Glauben, dass die richtige Einstellung zur Heilung von Krebs beitragen könne. Bei der bereits erwähnten repräsentativen Umfrage stimmten 84 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass eine kämpferische Grundhaltung die Überlebenschancen erhöhe. Massenhaft publizierte Zeugnisse von Betroffenen könnten dazu beigetragen haben. Psychoonkologin Judith Alder warnt jedoch vor der Idee, Krebs durch »positives« Denken günstig beeinflussen zu wollen. Denn »offensichtlich klappt das nicht«. Es gebe auch keine wissenschaftlichen Belege, dass Gedanken Krebszellen verändern könnten. Der Zwang zum »positiven« Denken könne Patienten jedoch unter Druck setzen. Sie unterdrückten im schlimmsten Fall durch den Krebs ausgelöste Gefühle wie Trauer, Wut oder Todesangst. Das erhöht laut Experten das Risiko, sich nicht angemessen behandeln zu lassen.

Psyche und Krebs spielen letztlich anders zusammen als gedacht: Etwa jeder dritte Krebspatient entwickelt laut Studien aufgrund der Krebsdiagnose erst Depressionen oder starke Ängste bis hin zu Panikattacken. Psychoonkologen bieten den Betroffenen professionelle Hilfe an, damit sie lernen, mit den psychischen Nebenwirkungen ihrer physischen Erkrankung besser klarzukommen.

(Neues Deutschland, 26.4.18, Eric Breitinger)

 

Initiative „German Cancer Survivors“ – digitale Anlaufstelle für Krebspatienten

Die Internetplattform der „German Cancer Survivors“ (GCS) ist im Rahmen des 33. Deutschen Krebskongresses live gegangen. Das Projekt ist die digitale Anlaufstelle für Krebspatienten während und nach ihrer Erkrankung, für ihre Angehörigen und die Öffentlichkeit. Die Initiative kooperiert eng mit der Deutschen Krebsstiftung (DKS) und vernetzt zahlreiche relevante Akteure aus dem Umfeld der Onkologie, wie Mediziner, Forscher, Medien und Politik.

Krebs hat viele Gesichter. Die Initiative GCS zeigt diese Gesichter und die Geschichten dahinter – auf sehr bewegende und menschliche Weise. Patienten teilen auf www.german-cancer-survivors.de ihre persönlichen Geschichten, sie berichten von den Schwierigkeiten und Tiefpunkten, aber auch von den kleinen Siegen im Alltag, und sie erzählen von ihrer Hoffnung – und machen anderen Betroffenen Mut. Mit diesen Geschichten will GCS das Tabu abbauen, das mit der Auseinandersetzung von Patienten, Angehörigen und der Gesellschaft mit der Diagnose Krebs noch immer verbunden ist.

"Jährlich erkranken etwa 500.000 Menschen neu an Krebs“, sagt Prof. Dr. Michael Bamberg, Vorstandsvorsitzender DKS. „Damit diese Neuerkrankten nicht ausgegrenzt werden, sondern schnellstmöglich wieder das Gefühl der Zugehörigkeit empfinden, helfen Beispiele und Lebenserfahrung anderer Krebspatienten. Gleichzeitig ermöglichen Geschichten, wie sie über die neue Plattform der ‚German Cancer Survivors‘ veröffentlicht werden, aktiv und positiver nach vorne zu blicken.“

"Unabhängig von der Art der Krebserkrankung ist es wichtig, dass wir organisationsübergreifend denken und handeln“, ergänzt Prof. Dr. Jürgen F. Riemann, Kuratoriumsvorsitzender DKS. „Das Dach der ‚German Cancer Survivors‘ gibt nicht nur eine Identifikationsidee, sondern fördert auch das Bewusstsein dafür, dass alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Die digitale Plattform wird hierzu neue Wege und Möglichkeiten eröffnen, die der Zeit entsprechen.“

„Uns eint ein Antrieb: Krebs zu heilen“, so Günter Kloucek, Geschäftsführer von Takeda in Deutschland auf dem Deutschen Krebskongress anlässlich des Startschusses der Initiative. „Dafür setzen sich unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jeden Tag aufs Neue ein.“ Als forschendes Arzneimittelunternehmen und Spezialanbieter von innovativen Medikamenten gegen Krebs ist Takeda einer der beiden Gründungssponsoren. Als Zeichen der Wertschätzung des Engagements für die Initiative überreichten die Initiatoren von GCS und die Repräsentanten der DKS eine von der Bildhauerin Heidi Sand gestaltete Bronzeskulptur an Günter Kloucek. „Als German Cancer Survivors auf uns zugekommen ist, haben wir nicht eine Sekunde gezögert, diese großartige Initiative zu unterstützen“, betont Günter Kloucek „Ich wünsche mir, dass diese Plattform vielen Krebspatienten und deren Angehörigen Kraft und Hoffnung im Kampf gegen den Krebs gibt.“

(journalonko.de, 26.2.18, Takeda-PR)

 

 

Psychische Faktoren als Ursache für Krebs?

Fragt man einmal nach, erhält man unerwartete Ergebnisse: Ein Großteil der Bevölkerung ist fest davon überzeugt es bestehe ein Zusammenhang zwischen psychischen Faktoren und Krebs. Erstaunlich ist das vor allem, da die Forschung bislang keinen Zusammenhang nachweisen konnte. Dennoch scheint sich das Bild in den Köpfen der Menschen zu halten. Der Krebsinformationsdienst befragte über 2000 Männer und Frauen der Altersgruppe 14 bis 70 und erhielt spannende Ergebnisse.

Psychische Faktoren werden differenziert betrachtet

Nicht in allen Punkten wich die Meinung der Masse vom aktuellen Wissensstand ab: Dass die charakterliche Veranlagung keinen Einfluss auf die Erkrankung hat, darin sind sich mit 72 Prozent immerhin der Großteil der Befragten einig. Schon lange ist nicht mehr die Rede von der mystisch anmutenden Krebspersönlichkeit, deren Melancholie oder Unfähigkeit, Gefühle zum Ausdruck zu bringen, ihr zum Verhängnis wird.

Wenn es nicht die Persönlichkeitsstruktur ist, welche die Menschen einen Zusammengang zwischen Krebs und Psyche vermuten lässt, was ist es dann? Aussagekräftig sind die Antworten auf die Frage, ob seelische Probleme und Stress Krebs verursachen können. 61 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu. Wissenschaftlich belegt ist das jedoch nicht – es sei denn die Probleme manifestieren sich in erhöhtem Alkoholkonsum, Kettenrauchen oder ungesunder Ernährung.

Die Verknüpfung von Psyche und Krebs kann eine Belastung darstellen

Weitestgehend einig waren sich die Befragten darin, dass eine kämpferische Grundhaltung und positive Einstellung der Krankheit wirkungsvoll entgegentritt. 84 Prozent der Befragten glaubt an bessere Heilungschancen durch eine optimistische Einstellung. Patienten durchlaufen während ihrer Krankheitsgeschichte bewiesenermaßen verschiedene Verarbeitungsphasen. Was aber im Endeffekt in Puncto Krankheitsbewältigung hilfreich ist und was nicht, ist von Patient zu Patient anders. Manchen hilft es, wütend zu werden, für andere ist das Zulassen der Trauer und die daraus resultierende Akzeptanz ein großer Schritt im Verarbeitungsprozess.

Die Forderung nach einer positiven und kämpferischen Haltung kann Patienten auch unter Druck setzen, da ihnen damit das Gefühl suggeriert wird, den Verlauf der Erkrankung selbst in der Hand zu haben. Die Ursache dann außerdem noch in Defiziten der eigenen Stressbewältigung zu suchen kann durchaus Schuldgefühle und wiederum weitere psychische Belastungen zur Folge haben – ein Teufelskreis, dem man unbedingt entgehen sollte.

Die Diagnose Krebs löst im Menschen eine Vielzahl an Gefühlen aus.  In der ersten Zeit befinden sich die Betroffenen meist in einem Schockzustand, dann kommen Verzweiflung und Wut. Schließlich beginnt ein langer Prozess der Bewältigung, in dem sich die Krebserkrankung mehr und mehr zur gelebten Realität entwickelt – ein Patentrezept zum Umgang mit Krebs gibt es da nicht. Wenn das positive Denken also einmal nicht die vordergründige Emotion sein sollte, ist das weder schlimm noch wird die Genesungsaussicht dadurch verschlechtert.

Krebserkrankungen können viele Ursachen haben

Da die Psyche nach aktuellen Erkenntnissen aus der Liste der Krebsursachen gestrichen werden kann und wenn überhaupt erst eine Rolle in der Bewältigung spielt, sollen an dieser Stelle die  noch einmal auf die wissenschaftliche belegten Ursachen für eine Erkrankung hingewiesen werden: Der Ausgangspunkt von Krebserkrankungen ist immer das Erbgut. In den Genen, den Trägern der Erbanlagen, entstehen Schäden, die nicht mehr repariert werden können. Versagt das Reparatursystem entsteht dann ein Ungleichgewicht, das ein unkontrolliertes Wachstum von Zellen nach sich zieht. Ein gesunder Lebensstil inklusive Bewegung, gesunder Ernährung und Einhaltung von vorbeugenden Maßnahmenkann  einer Erkrankung zu einem gewissen Grad vorbauen. Wissenschaftlich bestätigt sind zudem einige negative Einflüsse, welche die Zellen beschädigen, Erbmaterial verändern und dadurch Krebs nach sich ziehen. Dazu zählen intensive, direkte Sonneneinstrahlung, toxische Stoffe, Zigaretten- und Alkoholkonsum, Übergewicht und ungesunde Ernährung.

Quelle: [1] https://www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2017/dkfz-pm-17-43-Psychische-Faktoren-als-Ursache-fuer-Krebs.php

(Onko-Internetportal, 20.2.18, jk)

 

 

Psyche - Ein Risikofaktor?

Wie viel Einfluss die Psyche auf eine Krebs-Erkrankung hat

Hamburg  - Bekommen depressive Menschen häufiger Krebs? Machen Stress oder Unglück krank? Wissenschaftler sagen: Nein. Beim Umgang mit einer vorhandenen Krebserkrankung spielt die Psyche aber eine wichtige Rolle.

Als Sabine Dinkel vor zwei Jahren erfuhr, dass sie an fortgeschrittenem Eierstockkrebs erkrankt war, sah sie sich schon auf dem Friedhof.

Als Sabine Dinkel den ersten Schock überwunden hatte, machte sie sich auf die Suche nach hilfreicher Ratgeber-Literatur. Doch was sie fand, deprimierte sie nur noch mehr. Viele Bücher suggerierten ihr: Du bist selbst schuld. Weil du falsch gelebt hast. Weil du nicht genug auf dich geachtet hast.

In der Bevölkerung hält sich hartnäckig der Glaube, dass Krebs psychisch bedingt sei. In einer repräsentativen Umfrage des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) stimmten 61 Prozent der Aussage zu, dass seelische Belastungen und Stress Krebs auslösen können. Eindeutige wissenschaftliche Belege dafür gibt es nicht. Im Gegenteil.

Imad Maatouk, Psychoonkologe am Universitätsklinikum Heidelberg erklärt: "Die Vorstellung, dass man aufgrund seiner Persönlichkeitsmerkmale, durch Stress am Arbeitsplatz oder weil man eine wichtige Person verloren hat, an Krebs erkrankt, ist wissenschaftlich nicht haltbar." Ob jemand Krebs bekommt, hänge von mehreren Faktoren ab: von genetischen Einflüssen, von Verhaltensrisiken - wie dem Rauchen - und vom Zufall.

Ebenfalls keine Belege gibt es für die These, dass eine positive Lebenseinstellung den Ausbruch oder das Wiederkehren einer Krebserkrankung verhindern kann. Das in Ratgeberbüchern häufig propagierte Konzept des "Positiven Denkens" sieht Maatouk daher sehr kritisch. Trotzdem hält er subjektive Krankheitstheorien von Patienten nicht grundsätzlich für schlecht. Auch wenn viele Vorstellungen wissenschaftlich nicht haltbar sind, hätten sie doch eine Funktion. Gerade zu Beginn einer Erkrankung könnten sie ein Gefühl von Kontrolle über die Krankheit vermitteln.

Zwar kann die Psyche den Krebs nicht heilen - mit den richtigen Strategien lassen sich aber das Wohlbefinden und die Lebensqualität verbessern. Etwa 30 Prozent der Krebspatienten bekommen aufgrund ihrer Krankheit psychische Probleme, berichtet Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes am DKFZ. Manchen Betroffenen helfen bei innerer Unruhe und Angst Entspannungstechniken. Viele benötigen eine Psychotherapie.

Bei Sabine Dinkel war es der Humor, der sie ins Leben zurückholte. Weil sie kein lustiges Ratgeberbuch fand, schrieb sie selber eins: "Krebs ist, wenn man trotzdem lacht". Darin erfindet sie zunächst einmal neue Wörter für ihr neues Leben. Ihre Krankheit nennt sie "Schnieptröte", ihre Angst "Hildegard".

Wie das Umfeld auf die Erkrankung reagiert, ist für die Betroffenen oft schwierig. "Die Angehörigen können Hilfe bieten, sie können aber auch für zusätzliche Belastung sorgen", sagt Weg-Remers. Sie rät Freunden und Familienmitgliedern, nicht zu überlegen, was sie selbst in einer solchen Situation erwarten würden, sondern die Betroffenen direkt zu fragen, was sie brauchen.

Sabine Dinkel ist genervt von gut gemeinten Bemerkungen ihrer Bekannten. Im Krankenhaus hat sie daraus ein Krebs-Bullshit-Bingo gemacht. Auf den Karten stehen typische Sätze, die sie von Gesunden nicht mehr hören kann: "Du musst nur positiv denken", "Du schaffst das schon".

Dinkels Krebs kam ein Jahr nach der Chemotherapie zurück. "Davor dachte ich immer: Wenn das passiert, haut es mich aus den Schuhen. Aber das war gar nicht so." Sie rief ihr Umfeld dazu auf, ihr in die Klinik Postkarten mit Aufgaben zu schicken, die sie zum Lachen bringen sollten. "Giggel-Chemo" nannte sie das Konzept. Sie hat ihre Situation akzeptiert: "Ich werde wahrscheinlich nicht so alt wie Johannes Heesters, aber ich kann noch ein schönes Leben haben."

Literatur:

Sabine Dinkel: Krebs ist, wenn man trotzdem lacht: Wie ich von heute auf morgen Krebs hatte und wieder zu neuem Lebensmut fand, Humboldt, 160 Seiten, 19,99 €

(WAZ, 24.1.18, dpa)

 

 

Diagnose "Krebs"

Hilfe für die Seele gefordert

Eine Krebsdiagnose ist ein Schock. Die Psychoonkologie soll helfen. Aber die Unterstützung ist wenig bekannt und unterfinanziert.

BERLIN. Die Psychoonkologie ist nach wie vor ein Stiefkind der onkologischen Versorgung. Befragungen haben ergeben, dass die Angebote nach wie vor nicht flächendeckend bekannt sind. Nur rund die Hälfte der Patienten nutzten die Unterstützungsangebote, berichtete Professor Peter Herschbach, Direktor des Comprehensive Cancer Centers in München, beim Weltkongress für Psychoonkologie in Berlin.

Im Gesundheitsministerium hat man den Bedarf erkannt. Die Finanzierung der 18 Krebsberatungsstellen in Deutschland solle in der kommenden Legislaturperiode auf gesetzliche Grundlage gestellt werden, hat Ministerialdirigent Dr. Antonius Helou am Mittwoch angekündigt.

Ärzten reichen diese Perspektiven nicht aus. Sie fordern die Integration der Psychoonkologie in die klinischen Abläufe: zum Beispiel die Einbindung in die Tumor-Boards, aber auch die Aufnahme psychoonkologischer Befunde in den einheitlichen onkologischen Basisdatensatz der Tumorzentren (ADT) und der epidemiologischen Krebsregister (GEKID) und in Entlassbriefe.

Trotz aller Absichtserklärungen der Politik: Die Finanzierung der Psychoonkologie bereitet Kummer. Bei einem Kongress-Symposium wurde deutlich, dass sich ambulant tätige Psychoonkologen eine reguläre Abrechnungsziffer für die Behandlung des vom Krebs ausgelösten erhöhten Distress wünschen. Bislang sind lediglich Behandlungen aufgrund vom Krebs ausgelöster tatsächlicher seelischer und psychosomatischer Begleiterkrankungen regelhaft abrechenbar. Klinikverwaltungen beklagen zudem, dass das in der Psychoonkologie eingesetzte Personal nicht DRG-relevant sei.

Knapp 500.000 Menschen im Jahr erkranken in Deutschland neu an Krebs. Die Diagnosen lösen oft Ängste und Unsicherheit aus. Belastend seien nicht allein die Konfrontation mit Sterben und Tod, sondern auch die Beeinträchtigungen von Körperfunktionen, Beschränkungen im Alltag und spirituelle Herausforderungen, sagte Professor Hermann Faller von der Universität Würzburg. Seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Menschen zu, deren Krebserkrankung chronifiziert oder die sogar geheilt werden. Auch diese Entwicklungen stellen Herausforderungen für die Psychoonkologie dar.

Der Nationale Krebsplan hat das Ziel formuliert, dass alle Betroffenen bei Bedarf eine angemessene psychoonkologische Versorgung erhalten. Eine Befragung von 4020 Patienten unter Federführung der Uniklinik Freiburg mit 30 Kliniken und niedergelassenen Onkologen hat ergeben, dass etwa die Hälfte der Patienten von der Krebsdiagnose stark belastet wird.

Krebsdiagnosen und Psychoonkologie
500.000 Menschen im Jahr erkranken in Deutschland an Krebs.
Die Hälfte fühlt sich von einer Krebsdiagnose stark belastet.
Ein Drittel wünscht psychosoziale Unterstützung.
Ein Viertel nutzt psychoonkologische Unterstützung.

Quellen: Universitäten Freiburg, Heidelberg, Hamburg, Würzburg, Leipzig und München.

(Ärzte-Zeitung, 18.8.17, Anno Fricke)

 

 

Psychoonkologische Versorgung in Deutschland längst nicht für alle Krebspatienten sichergestellt

Vom 14. bis 18. August 2017 findet der 19. Weltkongress für Psychoonkologie in Berlin statt. Die Tagung trägt den Titel "Cancer throughout the Lifespan - addressing the psychosocial needs of diverse populations". Sie fokussiert angesichts einer weltweit steigenden Krebsprävalenz auf die spezifischen psychosozialen und medizinischen Folgeprobleme einer Krebserkrankung bei Patienten in verschiedenen Altersgruppen und Erkrankungsstadien. Außerdem haben die beiden Leipziger Kongresspräsidenten eine klare Botschaft: Die Psychoonkologie ist Teil einer patientenzentrierten onkologischen Versorgung, weshalb es mehr Angebote bedarf. Doch eine flächendeckende Versorgung ist noch nicht sichergestellt.

Laut Kongresspräsidentin, Prof. Dr. Anja Mehnert, sind die Problemlagen und daraus
resultierenden psychosozialen Bedürfnisse von Krebspatienten je nach Lebensphase, in der die Erkrankung auftritt, enorm unterschiedlich. Bislang lag der Fokus der Psychoonkologie besonders auf der mittleren Altersgruppe, also auf Menschen zwischen 40 und Ende 50. Bei ihnen sind die Mehrfachbelastungen sehr hoch, sie haben Beziehungen, Familie, Kinder, manche pflegen auch ihre Eltern, hinzu kommen Beruf und Karriere. Sie werden durch die Diagnose mitten aus dem Leben gerissen und sind mit vielen Herausforderungen konfrontiert, weil sie wissen, dass sie als Eltern, Partner oder auch Kollegen gebraucht werden. Doch auch andere Patientengruppen benötigen psychoonkologische Unterstützung. Die Problemlagen sind teilweise andere, werden von den Betroffenen aber als ebenso belastend wahrgenommen. Bei betagten Patienten bestehen z.B. häufig Multimorbidität und daraus resultierend schwierige Behandlungsentscheidungen, aber auch Probleme der Alltagsbewältigung oder die Gefahr der sozialen Vereinsamung. Bei sehr jungen Menschen kann die Krankheit psychische und soziale Entwicklungsaufgaben beeinträchtigen, die Betroffenen haben aber gleichzeitig weniger Verarbeitungsmechanismen, mit Lebenskrisen umzugehen als ältere Patienten.

Junge und alte Patienten sind in den vergangenen Jahren zwar zunehmend in den Fokus der psychoonkologischen Forschung gerückt, etablierte psychoonkologische Versorgungskonzeptefehlen allerdings noch für diese Patientengruppen.

Auch der Anteil der "Krebs-Survivor" hat in den vergangenen Jahrzehnten die Anforderungen an des Fach erheblich verändert und den Bedarf an psychoonkologischer Versorgung und Cancer Survivorship Programmen erhöht. "Wir haben viel mehr onkologische Erkrankungen, die heilbar sind oder über eine lange Zeit behandelt und versorgt werden können, - und damit ist auch die psychische Belastung unserer Patienten eine andere geworden. Während es früher häufiger darum ging, mit der unmittelbar bevorstehenden Bedrohlichkeit des Todes zurechtzukommen, ist nun in den Vordergrund gerückt, Hilfestellungen für ein Leben mit einer oder nach einer Krebserkrankung zu geben", erklärt Prof. Dr. Anja Mehnert, zugleich Leiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universitätsmedizin Leipzig. "Man erkennt, dass diese Fragen und Problemlagen sowohl
medizinisch als auch psychologisch adressiert werden müssen und wir Onkologie und
Psychoonkologie nicht getrennt voneinander sehen dürfen", ergänzt Ko-Kongresspräsident Prof. Dr. Florian Lordick - er ist übrigens Onkologe und Direktor des Universitären Krebszentrums (UCCL) in Leipzig. "Das ist auch der Grund, warum Frau Prof. Mehnert und ich die Kongresspräsidentschaft des psychoonkologischen Weltkongresses gemeinsam übernommen haben. Wir möchten hier ein Zeichen für Interdisziplinarität setzen!"

Für beide Kongresspräsidenten ist die Psychoonkologie für eine patientenzentrierte onkologische Versorgung unabdingbar. "Psychoonkologen sollten Teil des in multidisziplinären Behandlungsteams sein", so Lordick. Denn die psychologische Versorgung ist weit mehr als nur "nice to have": Erlebens- und Verhaltensfaktoren spielen eine wichtige Rolle u.a. für die Therapieadhärenz, die Lebensqualität und nicht zuletzt für die Morbidität und Mortalität, wie z.B. große, registerbasierte Studien aus Dänemark zeigten.

Der Versorgungsbedarf ist hoch und wurde auch im "Nationalen Krebsplan" reflektiert,
allerdings fehlen nach wie vor strukturelle Schritte, wie man die Psychoonkologie in die
ambulante und stationäre Versorgung überführen und auch finanzieren kann. "Die
psychoonkologische Versorgung ist in Deutschland noch längst nicht für alle Patienten
sichergestellt, verbesserte Konzepte und eine Regelfinanzierung sind notwendig", so die
Kongresspräsidenten.

(Informationsdienst Wissenschaft, 11.8.17, Dr. Bettina Albers)

 

 

Psychotherapie bei Krebs – das ändert sich ab April

Sprechstunde und Akutbehandlung soll Wartezeit verkürzen

Die Diagnose Krebs löst bei vielen Betroffenen Angst und ein Gefühl der Hilflosigkeit aus. Das ist mehr als verständlich, kann auf Dauer aber zur großen Belastung werden.
Symptome psychischer Beschwerden können zum Beispiel über längere Zeit anhaltende Schlaflosigkeit, niedergeschlagene Stimmung oder fortwährendes Grübeln sein. Auch Angehörige sind mitunter betroffen.
Wer über längere Zeit unter entsprechenden Beschwerden leidet, dem kann eine psychotherapeutische Behandlung helfen.

1. April 2017: Neue Angebote für Kassenpatienten

Doch einen Termin bei einem von den Krankenkassen anerkannten Psychotherapeuten zu bekommen, gestaltet sich mitunter schwierig. Patienten müssen mit langen Wartezeiten rechnen. Jetzt schaltet sich der Gesetzgeber ein. Er möchte die Wartezeiten verkürzen.

Ab 1. April 2017 steht gesetzlich Versicherten die Möglichkeit offen, eine psychotherapeutische Sprechstunde zu besuchen und bei Bedarf auch eine Akutbehandlung wahrzunehmen. Dafür wurde die Psychotherapie-Richtlinie im Zuge des Versorgungsstärkungsgesetzes überarbeitet.

Die Sprechstunde soll den tatsächlichen Bedarf einer Therapie klären, die Akutbehandlung Beschwerden kurzfristig lindern. Für die Behandlung müssen Patienten jedoch einen separaten Termin vereinbaren. Sie findet nicht zwingend bei dem Therapeuten statt, den man zur Sprechstunde aufgesucht hat. Patienten, die weiterhin Schwierigkeiten haben, einen Behandlungsplatz zu finden, sollen sich zur Terminvergabe an die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung ihres jeweiligen Bundeslandes wenden. Der Psychotherapeut kann bei einer Vermittlung durch die Terminservicestellen jedoch nicht frei gewählt werden.

Ob die Neuerungen tatsächlich zu einer besseren Versorgung führen werden, ist umstritten. Kritiker gehen davon aus, dass die Zahl der eigentlichen Behandlungsplätze aufgrund der zusätzlichen Angebote eher zurückgehen wird.

Wir beantworten Ihre Fragen

0800 - 420 30 40

krebsinformationsdienst@dkfz.de

(Krebsinformationsdienst, 31.3.17)

 

  

Wie die Psyche nach der Diagnose "Krebs" mitleidet

Nach einer Krebsdiagnose bestimmen Angst und Verzweiflung die Gefühle der Betroffenen. Aber die Erkrankung kann auch eine Chance sein.

Leipzig.  Es ist nicht so, dass sie nicht vorbereitet gewesen wäre. Ihre Mutter hatte Brustkrebs, eine der häufigsten Krebsarten. Deshalb geht Ingrid Hager regelmäßig zur Vorsorge. Und plötzlich ist da auch bei ihr dieser Knoten. Eine Operation und Bestrahlung folgen. Ingrid Hager ist zum Zeitpunkt der Diagnose 50 Jahre alt, verheiratet, Mutter, arbeitet bei der Post. "Alles hat funktioniert." Und auf einmal nichts mehr.

Diesen Schockmoment kennen die meisten der derzeit rund vier Millionen Menschen in Deutschland, die schon einmal an Krebs erkrankt waren. Denn für viele gilt Krebs immer noch als unausweichlich tödlich. Aber: Die Überlebensaussichten in Deutschland haben sich in den letzten 30 Jahren deutlich verbessert.

Heilungschance bei einigen Krebsarten sind gut

Während hier jährlich etwa eine halbe Million die Diagnose "Krebs" bekommen, sterben daran pro Jahr 220.000 Menschen. Das Robert-Koch-Institut, die zentrale Gesundheitsforschungseinrichtung der Bundesrepublik Deutschland, belegt: Die Heilungschancen bei Brust-, Hoden- oder Schilddrüsenkrebs sind gut.

Im Rückblick auf die Zeit nach dem ärztlichen Befund sagt Ingrid Hager: "Ich habe mich wie tot gefühlt." Keine Träume mehr, das ganze Leben farblos. Keine Motivation. 14 Jahre später, heute, sprüht sie vor Energie.

Viele Krebspatienten haben Schuldgefühle

Verzweiflung und Angst vor dem Tod sind typische erste Reaktionen auf die Krebsdiagnose. Betroffene stellen Fragen wie: Wer kümmert sich um mich? Wie halte ich die Schmerzen aus? Aber auch: Trage ich selbst die Verantwortung? Schuldgefühle beobachten Psychologen, die Krebspatienten betreuen – sogenannte Psychoonkologen – immer wieder. Man muss aber nichts falsch gemacht haben, um an Krebs zu erkranken.

Es gibt zwar bestimmte Risikofaktoren, die es wahrscheinlicher werden lassen, an Krebs zu erkranken. Laut der Deutschen Krebshilfe zählen dazu eine unausgewogene Ernährung, zu wenig Bewegung, Rauchen, ein hoher Alkoholkonsum und zu viel UV-Strahlung. Dass die Zahl der Krebserkrankungen steigt, liegt aber vor allem daran, dass die Bevölkerung immer älter wird und damit die Anfälligkeit steigt.

Schwieriger Weg zurück in den Alltag

Welche Rolle Stress beim Entstehen von Krebs spielt, sei noch ungeklärt, sagt der Psychoonkologe Joachim Weis vom Universitätsklinikum Freiburg und Experte im Programm "Nationaler Krebsplan" des Bundesministeriums für Gesundheit. Klar sei: "Es gibt keine Krebspersönlichkeit." Jemand, der alle Sorgen in sich hineinfrisst, bekomme nicht automatisch Krebs.

Bestimmte Ängste tauchen auf, wenn Patienten nach der Behandlung in der Klinik wieder in den Alltag finden wollen: Jobverlust, Probleme in der Partnerschaft und die Furcht, es könne wieder ein bösartiger Tumor wachsen. Etwa ein Drittel der Krebspatienten leidet unter psychischen Folgestörungen wie Depressionen.

Ingrid Hager merkte, dass viele Freunde und Angehörige ihre Sorgen nicht verstehen konnten. Sie besuchte ein Treffen der Leipziger Gruppe des Vereins "Frauenselbsthilfe nach Krebs". Der Austausch und das Verständnis dort taten ihr gut. Als sie 2007 die Leitung der Gruppe übernehmen sollte, fühlte sie sich erst überfordert und spürte dann: "Das ist genau mein Ding." Seit 2016 ist sie Landesvorsitzende. Die neue Aufgabe gibt ihr Auftrieb. Einen weiteren Tumor hat es bei ihr nicht gegeben.

Krebs als Chance, das Leben zu verändern

Gespräche und sinnstiftende Hobbies können hilfreich sein, um etwas gegen die psychischen Begleiterscheinungen einer Krebserkrankung zu tun, sagt der Tübinger Diplom-Psychologe Martin Wickert. Der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für ambulante psychosoziale Krebsberatung weiß: "Ablenkung hingegen hilft nur bedingt. Im Gegenteil: Oftmals plagen die Betroffenen dann Alpträume."

Die Gefühle und Sorgen nach außen bringen: Das hält auch Ingrid Hager für sinnvoll. "Es sagen oder aufschreiben." So ist aus der einstmals stillen Frau ein Mensch geworden, der sich für andere öffnet. "Durch den Krebs hatte ich die Chance, mein Leben zu verändern. Das war kein leichter Weg. Aber während ich früher nur funktioniert habe, lebe ich jetzt."

(Berliner Morgenpost, 31.1.17, epd)

 

 

Der schlechte Einfluss von Depressionen auf Krebs

Patienten sprechen schlechter auf Therapie an

Die Diagnose Krebs ist für jeden ein schwerer Schlag. Doch manche können die Belastung besser bewältigen als andere. Eine beim ESMO Asia Kongress vorgestellte Studie zeigt nun, dass Depressionen beeinflussen, wie gut oder schlecht jemand auf die Chemotherapie anspricht. "Es ist entscheidend, dass Ärzte der Stimmung und dem emotionalen Status ihrer Patienten mehr Aufmerksamkeit widmen", fordert der Studienautor Yufeng Wu vom Krebszentrum an der chinesischen Zhengzhou Universität.

Eine entscheidende Rolle dabei dürfte der Wachstumsfaktor BDNF in ihrem Blut haben – ein Protein, das bei depressiven Patienten offenbar deutlich reduziert ist. Niedrige BDNF-Werte sind wichtig für die Hirnfunktion und wurden auch schon mit psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Durch den niedrigen Status sprechen die Krebspatienten offenbar schlechter auf die Therapie an und reagieren auch sensibler gegenüber Nebenwirkungen.

Ausbreitung

Schlechte Stimmung tritt bei Krebspatienten naturgemäß sehr häufig auf. Für die Studie wurden 186 Patienten mit neuen Krebs-Diagnosen befragt. Am Tag bevor sie ihre Chemotherapie erhielten, beurteilten sie unter anderem, wie depressiv sie sich fühlten. Die Ergebnisse zeigten, dass der Krebs sich bei jenen, die sich am depressivsten fühlten, auch am meisten auf andere Organe ausgebreitet hat. Zudem haben sie die Chemotherapie schlechter vertragen als die anderen, mussten sich häufiger übergeben und hatten längere Krankenhausaufenthalte. Folglich waren dadurch auch ihre Überlebenschancen vergleichsweise niedriger.

Das Protein BDNF trägt offenbar dazu bei, dass bei der Therapie mehr Tumorzellen getötet werden. Studienleiter Wu will nun erforschen, ob die Chemotherapie bei depressiven Patienten mithilfe von Stimmungsaufhellern besser anschlägt und damit die Überlebenszeit verlängert werden kann.

(kurier.at, 20.12.2016)

 

 

Aktiv leben gegen Krebs

Das Drei-Säulen-Prinzip

Auch nach einer erfolgreichen Tumorbehandlung leiden viele Menschen weiter an anhaltenden Beschwerden. Probleme mit Essen und Verdauung, Mattigkeit und Depressionen machen ihnen oft noch jahrelang zu schaffen. Studien zufolge hilft die sogenannte optimierte Krebstherapie aus diesem Teufelskreis heraus.

Als Michael Schoenberg vor 45 Jahren sein Medizinstudium begann, war die Diagnose »Krebs« meistens noch ein Todesurteil. Die Überlebensraten der verschiedenen Erkrankungen unterscheiden sich auch heute noch erheblich, je nachdem, wo und an welchem Tumor man erkrankt. 

Insgesamt haben sich in Deutschland die Prognosen aber deutlich verbessert. Neueste Statistiken gehen von einer Gesamtüberlebensrate von 68 Prozent für Krebspatienten aus. In den 1980er-Jahren lag sie für Frauen bei etwa 50 und für Männer sogar unter 40 Prozent.

Schoenberg – nach eigener Aussage ein klassischer Schulmediziner vom Scheitel bis zur Sohle – war 17 Jahre lang Chefarzt der chirurgischen Abteilung und ärztlicher Direktor am Rotkreuzklinikum in München. Heute berät und begleitet er Patienten nach dem Konzept der sogenannten optimierten Krebstherapie in seiner Münchner Praxis im Elisenhof – zusammen mit einer Ernährungswissenschaftlerin und einer Psychoonkologin. »Meinen Weckruf hatte ich auf einer Jahrestagung des Arbeitskreises der Pankreatektomierten«, so der Arzt, der in seiner aktiven Zeit als Chirurg viele Bauchspeicheldrüsen-Operationen durchführte. »Auf der Tagung ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass die Patienten nachträglich Probleme haben, mit denen sie sich alleine gelassen fühlen.« Permanente Müdigkeit, die sich auch durch viel Schlaf nicht bessere, eine verminderte Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit und die Schwierigkeit, sich je nach Tumorart richtig und ausreichend zu ernähren, setze bei vielen Patienten eine Negativspirale in Gang, die Angstzustände und Depressionen nach sich ziehe und die Lebensqualität erheblich mindere, so Schoenberg.

Auf der Suche nach Maßnahmen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, verglich der Arzt Hunderte wissenschaftliche Untersuchungen zu Prävention und Überlebensraten von Krebs – Beobachtungs- und prospektive Studien ebenso wie große Metaanalysen. Und obwohl die Ergebnisse je nach Tumorart variierten, durchzog die Daten ein gemeinsamer roter Faden: Körperliche Aktivität, eine gesunde Ernährung und psychische Stabilität wirken nicht nur präventiv vor Krebserkrankungen. Die konsequente Umstellung auf einen gesunden Lebensstil beeinflusst auch bei bereits Erkrankten die Verträglichkeit der Therapie und verbessert Prognose und Lebensqualität deutlich. Die sogenannte optimierte Krebstherapie, über die Schoenberg jetzt ein Buch geschrieben hat, umfasst daher die drei Säulen Bewegung, Ernährung und psychoonkologische Begleitung. »Anhand wissenschaftlicher Daten will ich nicht nur mit Mythen, Gerüchten und falschen Versprechungen aufräumen, sondern will den Patienten praxisnah zeigen, wie sie durch ihre aktive Mitarbeit Therapie und Gesundheit optimieren können«, sagt der Arzt.

Dem Krebs davonlaufen

Die meisten großen Studien gibt es zu den häufigsten Krebserkrankungen von Brust, Prostata und Darm. Speziell der Zusammenhang von sportlicher Aktivität und Krebsprävention ist gut dokumentiert. Dabei reicht offensichtlich ein moderates, aber kontinuierliches Training von etwa dreimal einer Stunde pro Woche aus, um Krebserkrankungen vorzubeugen. Schoenberg ging es aber vor allem um die bereits erkrankten Menschen und die drängende Frage: Was kann man zusätzlich zu Operation, Chemo- und Strahlentherapie noch tun, um den Krebs zu überwinden? »Die drei Säulen erfordern zwar die aktive Mitarbeit des Patienten, aber nach einer anstrengenden Therapie nimmt man das »Heft wieder selbst in die Hand« und bekommt so auch wieder Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten und die seines Körpers«, so der Arzt.

Kein Zweifel: Sport und Bewegung verringern die Rezidivrate, verbessern die Überlebenschancen, und noch während einer Chemo- oder Strahlentherapie hebt sich nachweislich die Stimmungslage. Auch Ärzte und Fachgesellschaften wissen das und empfehlen den Patienten einen körperlich aktiven Lebensstil. Und doch sinkt das Aktivitätsniveau von Tumorpatienten nach der Diagnose Studien zufolge deutlich ab. Nur zwischen 20 und 40 Prozent der Betroffenen sind ausreichend körperlich aktiv und versuchen, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten fit zu halten.

Dabei muss es gar nicht Joggen, Schwimmen oder Radfahren sein – Gartenarbeit tut es auch. Um verschiedene körperliche Aktivitäten miteinander zu vergleichen, wurde im Jahr 2000 die Einheit MET festgelegt (Metabolisches Äquivalent oder engl.: metabolic equivalent task). Ein MET entspricht der Energie und dem Sauerstoffumsatz pro Kilogramm Körpergewicht, die man benötigt, wenn man eine Stunde (MET-h) ruhig auf einem Stuhl sitzt. Um beispielsweise 9 MET-h wöchentlich zu erreichen – das entspricht der empfohlenen moderaten körperlichen Aktivität zur Krebsprävention – reichen auch eine Stunde Gartenarbeit in der Woche aus und dazu dreimal 30 Minuten Gehen. »Man muss den Patienten etwas anbieten, was sie mögen. Das gilt für Sport und Bewegung, aber zum Beispiel auch beim Essen. Wenn man Brokkoli nicht mag, hat es keinen Zweck zu sagen: Iss ihn«, so die Erfahrungen von Schoenberg.

Immer diese Mattigkeit

Körperliche Aktivität ist – neben der Psychoonkologie – auch eine der wichtigsten Säulen bei der weitverbreiteten krebsinduzierten Fatigue. Schätzungsweise 60 bis 80 Prozent der Tumor-Patienten leiden während der Primärtherapie, oft aber auch noch Monate später, unter Symptomen wie Mattigkeit, Müdigkeit, Erschöpfung und Schlafstörungen – allgemein dem Gefühl, nicht mehr zu »funktionieren«. Die Betroffenen sind antriebslos, schlecht zu motivieren und erscheinen depressiv. Wegen der Ähnlichkeit der Beschwerden zur Depression behandelten Forscher Fatigue-Patienten mit Antidepressiva – allerdings bisher ohne messbare Erfolge.

Einer holländischen Studie zufolge klagten zum Zeitpunkt der Diagnose 40 Prozent der Patienten über Fatigue. Unter Chemotherapie waren es 80, während der Strahlentherapie 90 Prozent. 52 Prozent der Betroffenen empfanden dabei die Fatigue-Symptome als quälender und belastender als Schmerzen. Ärzten sind die gravierenden Folgen von Fatigue häufig nicht bewusst.

Der Wissenschaftler Timothy Puetz fasste die Ergebnisse von sieben Studien mit insgesamt 4900 Krebspatienten zusammen und fand heraus, dass moderate körperliche Betätigung die Fatigue-Symptome um über 60 Prozent im Vergleich zu inaktiven Patienten reduzierte. Je früher mit dem Training begonnen wurde, desto besser. In anderen Studien kam der Sport im Vergleich zu verhaltenstherapeutischen Maßnahmen im Rahmen einer psychoonkologischen Betreuung etwas weniger gut weg.

Muss ich zum »Psychoklempner«?

Patienten haben im Rahmen des 2008 vom Bundesministerium für Gesundheit aufgestellten nationalen Krebsplans bei Bedarf Anspruch auf eine »angemessene psychoonkologische Versorgung«. 2014 wurde die S3-Leitlinie Psychoonkologie veröffentlicht. Sie beinhaltet Empfehlungen zur Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten und dient als Leitfaden für die Arbeit in Kliniken und im ambulanten Bereich. 

Von der Diagnose über die Therapie bis hin zum Wiedereinstieg in Job und Alltag soll sie Patienten und Angehörigen helfen, mit ihren Problemen besser umzugehen. Der Psychoonkologe kann auch helfen, eine Tumor-Fatigue von einer möglichen Depression abzugrenzen.

Studien belegen, dass eine psychoonkologische Begleitung grundsätzlich positive Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen hat. Etwa ein Drittel der Patienten äußert den Wunsch nach psychosozialer Unterstützung. Sich Hilfe zu suchen und anzunehmen sei ein wichtiger Aspekt, wenn es um psychische Widerstandsfähigkeit gehe, sagt Diplom-Psychologin und Psychoonkologin Franziska Neufeld.

Keine guten Studien gebe es allerdings, die zeigen, dass eine sogenannte Krebsdiät die Krankheitsprognose verbessere, so Schoenberg. Immer wieder diskutiert wird beispielsweise die ketogene Diät, bei der weitgehend auf Kohlenhydrate, vor allem auf Zucker verzichtet wird. Durch den niedrigen Zuckergehalt in der Ernährung werde der Stoffwechsel der Krebszelle nicht mehr ausreichend mit Energie versorgt und das Krebswachstum gehemmt, so die Forscher. Tatsächlich zeigen verschiedene klinische Studien, dass diese Diät von Krebspatienten gut vertragen wird. Der Beleg, dass sie das Tumorwachstum hemmt, steht aber noch aus. Bis dahin raten Experten der Deutschen Krebsgesellschaft davon ab.

Eine Krebsdiät gibt es nicht

»Ich denke, es darf bezweifelt werden, dass es eine Krebsdiät gibt, die pauschal auf alle Patienten und alle unterschiedlichen Krebserkrankungen übertragen werden kann, da jeder Mensch unterschiedlich verstoffwechselt«, so Schoenberg. Individuell unterschiedliche Beschwerden wie Appetitlosigkeit und verändertes Geschmacksempfinden, Kau- und Schluckbeschwerden, Durchfall und Verstopfung, Über- oder Untergewicht während und nach der Therapie erforderten vielmehr eine individuelle Ernährungstherapie. Speziell auf eine ausreichende Versorgung mit Nährstoffen, die Gewichtsstabilisierung und Erhaltung der Lebensqualität müsse man achten. Empfehlenswert sei eine Diät, die landläufig als »mediterran« bezeichnet werde: mit frischem Gemüse und Obst, wenig rotem Fleisch, Vollkornprodukten und dem Verzicht auf sogenanntes prozessiertes Essen, das durch Verarbeitungsprozesse an Nährstoffen verloren hat und durch künstliche Zusatzstoffe »optimiert« wurde. »Große Beobachtungsstudien legen nahe, dass diese Ernährungsempfehlungen das Wiederauftreten eines gerade überwundenen Tumors vermeiden und die Entstehung eines Zweittumors verhindern helfen«, so Schoenberg. Außerdem fördern sie den Genuss – und damit auch die Lebensqualität. /

Michael H. Schoenberg: Aktiv leben gegen Krebs. Heilungschancen und Lebensqualität verbessern durch Bewegung,Ernährung und eine stabile Psyche.354 Seiten, gebunden. Piper-Verlag 2016. ISBN: 978-3-492-05738-7. EUR 22.

(Pharmazeutische Zeitung 33/2016, 15.8.16, Ulrike Abel-Wanek)

 

 

Krebs: Gespräche verbessern Behandlungserfolg

Alle untersuchten Patienten waren an einem spezialisierten Prostata-Zentrum operiert worden. Nach dem Eingriff waren sie an ihren Urologen zurücküberwiesen worden, der dann die weitere Betreuung übernahm. In den drei Jahren nach ihrer Prostata-Operation bekamen sie alle sechs Monate einen Fragebogen zugeschickt, den sie ausfüllen sollten. Darin gaben sie unter anderem Auskunft zu ihrer Belastbarkeit (Bereitet es Ihnen Schwierigkeiten, einen langen Spaziergang zu machen?), zu konkreten Beschwerden (Hatten Sie in der letzten Woche Schmerzen?), aber auch zu ihrer psychischen Befindlichkeit (Fühlten Sie sich deprimiert?).

Außerdem wurden sie zu verschiedenen Aspekten der Kommunikation mit ihrem Arzt befragt. In diesem Punkt fallen jedoch die Antworten erfahrungsgemäß häufig recht subjektiv aus: Manche Patienten sind besonders kritisch. Andere neigen eher dazu, den betreuenden Urologen durch eine rosarote Brille zu betrachten und etwaige Negativpunkte zum Beispiel mit seiner hohen Arbeitsbelastung zu entschuldigen.

„Wir haben daher noch zusätzlich untersucht, ob die Patienten von Urologe A in den drei Jahren nach der Operation häufiger oder seltener Beschwerden entwickelten als die Patienten von Urologe B“, erläutert Prof. Dr. Nicole Ernstmann von der Forschungsstelle für Gesundheitskommunikation und Versorgungsforschung an der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bonn. „Der Eingriff selbst war ja extern durchgeführt worden. Daher lassen sich systematische Unterschiede nur durch die jeweilige ärztliche Betreuung nach der OP erklären.“

Prof. Ernstmann forscht an der Universität Bonn unter anderem zu der Bedeutung einer guten Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Zusammen mit ihren Kollegen Juniorprofessorin Dr. Lena Ansmann (Universität Köln) und Prof. Dr. Lothar Weißbach (Stiftung Männergesundheit Berlin) stieß sie bei ihrer Analyse auf einen interessanten Zusammenhang: Je besser sich Arzt und Patient austauschten, desto seltener gaben letztere in den drei Jahren nach der OP eine Einschränkung ihrer Lebensqualität zu Protokoll.

Kommunikationstrainings für Ärzte

„Wenn der Arzt sich Zeit nimmt, auf die Sorgen und Bedürfnisse seines Patienten einzugehen, und ihn bei medizinischen Entscheidungen unterstützt, verbessert das spürbar das Therapieergebnis“, sagt Prof. Ernstmann. Vermutlich gibt es dafür zwei Gründe: Zum Einen erkennt ein gut informierter Arzt schneller, wenn sich der Zustand seines Patienten zum Schlechten entwickelt. Er kann dann rasch mit entsprechenden Maßnahmen gegensteuern. Zum Anderen halten sich Patienten, die sich ernst genommen fühlen, eher an therapeutische Ratschläge.

Nicht umsonst lernen angehende Mediziner heute schon während ihres Studiums, wie sie mit ihren Patienten kommunizieren sollten. Angesichts der Studienergebnisse plädiert Prof. Ernstmann nun dafür, auch in Ärztefortbildungen vermehrt verpflichtende Kommunikationsschulungen aufzunehmen.

Publikation: Nicole Ernstmann, Lothar Weißbach, Jan Herden, Nicola Winter und Lena Ansmann: Patient – physician communication and health-related quality of life of patients with localised prostate cancer undergoing radical prostatectomy – a longitudinal multilevel analysis; BJU International (2016); DOI: 10.1111/bju.13495

(medizin aspekte, 20.5.16, Prof. Dr. Nicole Ernstmann, nicole.ernstmann@ukb.uni-bonn.de)

 

 

Unterschiedliche Einschätzungen

Mehr Redebedarf bei Krebs

Die Prognose einer unheilbaren Krebserkrankung korrekt zu stellen, ist keine leichte Aufgabe. Der künftige Krankheitsverlauf lässt sich nun einmal nur vermuten. Fehleinschätzungen liegen hier in der Natur der Sache.

Etwas anderes ist es, wenn Ärzte und Patienten in der Einschätzung der Krankheitsprognose systematisch voneinander abweichen – so geschehen in einer Studie, in der Ärzte und ihre an fortgeschrittenem Krebs leidenden Patienten nach den Überlebenschancen der Kranken für die kommenden zwei Jahre befragt wurden.

In fast 70 Prozent der Fälle unterschieden sich die Schätzungen. Fast alle Patienten stellten für sich selbst eine bessere Prognose als ihre Ärzte.

Besonders irritiert daran, dass die Ärzte angaben, mit fast allen Patienten ausführlich über deren Prognose gesprochen zu haben. Konnten, wollten die Patienten nicht verstehen? Haben die Ärzte deutliche Worte gescheut? Jedenfalls hat die Kommunikation nicht so funktioniert, wie sie hätte funktionieren sollen. Und falsche Einschätzungen, zu optimistische zumal, führen womöglich zu nutzlosen und belastenden Therapieversuchen.

Patienten und Ärzten könnte da eine Regel weiterhelfen, die für alle Paare gilt: Wir müssen reden. Und zwar so lange, bis Klarheit herrscht.

(Ärzte-Zeitung, 17.8.16, Robert Bublak)

 

 

Dem Leben trotz Krebs einen Sinn geben

Dinslaken. Psycho-Onkologin Alexandra Becker hilft Patienten, besser mit ihrer Erkrankung umzugehen. Und manchmal kann es sogar die Chance zu einem neuen Leben sein.

Als wäre die Diagnose Krebs nicht schon schlimm genug, fühlen sich die meisten Patienten allein gelassen mit all ihren Ängsten, den vielen Fragen, die sie sich selbst oft nicht beantworten können. "Viele Patienten haben das Gefühl, dass ihnen die Entscheidungen abgenommen werden", sagt Psychoonkologin und Heilpraktikerin für Psychotherapie Alexandra Becker. Und meint damit die lange Liste an Aktivitäten, die ihnen ihr Arzt verordnet - Tabletteneinnahme, Chemotherapie, Operationen - all das ist sicherlich überlebensnotwendig, aber zugleich ein neuer Stress, der zur Diagnose Krebs hinzukommt.

Allzu oft wird dem Erkrankten keine Zeit gelassen, sich selber zu entscheiden, wann er was macht. Denn auch die Angehörigen sind in diesem Fall keine Hilfe, weiß Alexandra Becker zu berichten. "Angehörige wollen, dass es dem Erkrankten so bald wie möglich besser geht, er geheilt wird." Und es gibt ja Krebsarten, die tatsächlich heilbar sind. Dennoch, Patienten mit Krebsdiagnose sehen erst einmal ihr ganzes Leben infrage gestellt. Das könne durchaus auch eine Chance sein, ist sich Becker sicher, denn vielen Patienten würde erst im Laufe der Krebsbehandlung bewusst, was alles in ihrem Leben nicht so läuft, wie sie es sich einst erträumt haben.

"Als Psychoonkologin helfe ich Patienten dabei, ihr Leben neu zu sortieren, andere Wege einzuschlagen", berichtet Alexandra Becker. Da stellt ein Workaholic vielleicht sein Leben um und setzt sich andere Prioritäten als die Arbeit. Ein Anderer geht erst einmal auf Reisen, "das versteht oft niemand, doch für den Betroffenen ist es wichtig, vor allem aber das Gefühl zu haben, selber entscheiden zu dürfen, wie, wann und ob er sich behandeln lässt". Das sei durchaus wichtig für den weiteren Verlauf der Erkrankung. So sei es die Aufgabe des Psychoonkologen, die Selbstheilungskräfte des Erkrankten zu mobilisieren, den Stress abzubauen, die Psyche des Menschen wieder herzustellen, ihn zu beraten bei der Ernährung und ihn unterstützen im Kampf gegen den Krebs. Doch nicht immer ist der Krebs heilbar, weiß auch die Psychoonkologin. "Manchmal hören die Patienten von ihrem Arzt, sie hätten nur noch Monate zu leben. Hier heißt es, die Hoffnungslosigkeit zu mildern, dem Leben dennoch einen Sinn zu geben, und immer wieder passiert es, dass Patienten den Krebs dennoch besiegen oder zumindest ihre Lebenszeit verlängern."

Es wäre schön, so Becker, wenn schon in den jeweiligen Praxen Psychoonkologen zur Stelle seien, die sofort ihre Unterstützung anbieten können. "Viele Patienten wissen nicht, dass es uns gibt", sagt Becker. Dabei hätten Forschungen bestätigt, dass Patienten mit psychoonkologischer Unterstützung weitaus schnellere und bessere Behandlungserfolge erzielten. Ein weiteres Manko - die Therapie werde in der Regel nicht von den Krankenkassen bezahlt.

(RP online, 6.4.16, Birgit Gargitter)

 

 

 

Krebs in jungen Jahren:

Die Lebensqualität bleibt lange eingeschränkt

Nur wenig verbessert sich bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Lebensqualität, wenn die Krebstherapie abgeschlossen ist. Unterstützungsangebote sind gefragt.

Jugendliche und junge Erwachsene, die im Alter von 15 bis 39 Jahren an Krebs erkranken, erleben noch lange eine Einschränkung ihrer gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Das geht aus einer Befragung von mehr als 200 Patienten hervor, deren Ergebnisse kürzlich in der Fachzeitschrift Journal of Clinical Oncology veröffentlicht wurden.

In der Studie waren Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 39 Jahren innerhalb von vier Monaten nach der Krebsdiagnose sowie zwölf und 24 Monate später mittels standardisierter Fragebögen zu ihrem körperlichen und seelischen Befinden befragt worden. Drei Viertel der Angefragten antworteten und füllten den Fragebogen vollständig aus.

Sowohl körperlich als auch mental gab es gegenüber einer Stichprobe aus der Allgemeinbevölkerung signifikante Einschränkungen. Diese verbesserten sich zwar, allerdings nur wenig und vor allem nur während der ersten zwölf Monate. Gründe für die Verbesserungen waren der Abschluss der Krebstherapie und der Wiedereinstieg in Schule oder Beruf. Auch zwei Jahre nach der Krebsdiagnose war die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Patienten noch immer signifikant schlechter als diejenige nicht an Krebs erkrankter Altersgenossen. Die schlechtesten Werte hinsichtlich des körperlichen Befindens hatten Patienten, deren Krebserkrankung mit einer ungünstigen Prognose verbunden war.

Möglicherweise, so die Schlussfolgerung der Studienautoren, könnten Jugendliche und junge Erwachsene, die an Krebs erkranken, von zusätzlichen psychosozialen Unterstützungsangeboten insbesondere im zweiten Jahr der Nachsorge profitieren.

Quelle: Husson, O. et al.: Health-Related Quality of Life in Adolescent and Young Adult Patients With Cancer: A Longitudinal Study. Journal of Clinical Oncology, Onlinevorabveröffentlichung am 17. Januar 2017; DOI: 10.1200/JCO.2016.69.7946

(Onko-Internetportal, 31.1.17, kvk)

 

 

Diagnose Krebs: „Es gibt zu wenige Beratungsangebote für Familien“

Wird bei einem Familienmitglied Krebs diagnostiziert, trifft das alle Beteiligten meist unvorbereitet. Familien durchlaufen dann eine Phase der Verunsicherung, weiß Beatrice Züll, Geschäftsführerin der Stiftung „phönikks“. Unterstützungsangebote helfen Angehörigen und Betroffenen beim Leben mit der Krankheit. Doch diese Arbeit kommt bei den Krankenkassen noch zu kurz.

Die Zahl der Krebsneuerkrankungen hat sich seit 1970 nahezu verdoppelt. Den aktuellsten Zahlen des Robert-Koch-Instituts zufolge erkrankten 2013 etwa 482.500 Personen an Krebs. Dabei ist jedes Schicksal anders. Manche Sorgen der erkrankten Person, des Partners und der Kinder überschneiden sich, andere sind sehr individuell, erklärt Beatrice Züll, Geschäftsführerin der Krebs-Stiftung phönikks. Im Interview mit finanzen.de spricht sie über die Bedürfnisse von betroffenen Familien, über verschiedene Unterstützungsangebote und wie diese helfen können, ein Leben mit Krankheit zu ermöglichen. Allerdings gibt es insgesamt noch viel zu wenige Angebote für Familien, vor allem in ländlichen Regionen, kritisiert die Geschäftsführerin der Stiftung.

Ihre Stiftung bietet Beratungsangebote für Familien, in denen ein Mitglied an Krebs erkrankt ist. Wie sieht Ihre Unterstützung genau aus?

Beatrice Züll: Die Beratungsstelle der Stiftung phönikks bietet eine Vielfalt von Unterstützungsmöglichkeiten in Form von Psychotherapie, Beratung, Begleitung, Krisenintervention, Trauerbegleitung, Musiktherapie und Soulwriting sowie Sozialberatung. Je nach Bedarf bieten wir dies als Einzel-, Paar-, Familien- oder als Gruppenangebot an. Die Begleitung erfolgt durch Therapeuten mit unterschiedlichem Ausbildungshintergrund, beispielsweise aus der Verhaltens- oder Musiktherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Psychoonkologie.

Wenn ein Familienmitglied an Krebs erkrankt, hat die Diagnose Einfluss auf die ganze Familie. Mit welchen Fragen, Sorgen und Ängsten kommen Betroffene auf Sie zu?

Welche Ängste die Betroffenen haben, unterscheidet sich je nachdem, wer in der Familie von der Krankheit betroffen ist. Wenn ein Kind erkrankt ist, kommen die Eltern häufig mit Erziehungsfragen in die Beratungsstelle. Durch die neue Situation fällt die Rückkehr in den Alltag schwer. Eltern wissen etwa nicht, ob sie es ihrem Kind wieder zumuten können, im eigenen Bett zu schlafen oder ob es die Nähe der Eltern braucht. Ähnlich sieht es mit Grenzen aus: Wann ist es in Ordnung, wieder streng zu sein und ‚nein‘ zu sagen? Sorgen um Geschwisterkinder spielen ebenfalls eine große Rolle, da sie diese besondere Situation belastet.  

Die Angst erkrankter Kinder unterscheidet sich von der ihrer Eltern. Sie spüren häufig, dass ihr Körper und sie selbst eine Veränderung durchleben. Dabei möchten sie so sein wie andere Kinder und wollen dazugehören. Ihre ‚Sonderstellung‘ führt oft zum Verlust des Selbstvertrauens und des Vertrauens in die Fähigkeiten des eigenen Körpers. Einige Kinder entwickeln zudem eine Angst vor Arztbesuchen und Behandlungen oder gehen nicht mehr gern zur Schule.

Welche Sorgen erleben Eltern?

Erkrankt ein Elternteil an Krebs, bewegen sich die Ängste meist zwischen der Furcht vor der Krankheit selbst und ihre Auswirkungen auf das Familienleben. Vielen Eltern fällt es beispielsweise schwer, ihren Kindern von ihrer Erkrankung zu erzählen. Sie wollen sie einerseits nicht überfordern oder belasten, ihnen andererseits aber auch nichts verheimlichen. Der Umgang mit den eigenen Gefühlen gegenüber der Familie spielt dabei eine entscheidende Rolle. Eltern fragen sich zum Beispiel, ob sie zeigen dürfen, dass es ihnen schlecht geht und sie traurig sind.

Viele Eltern machen sich Sorgen darüber, wie oder ob sich Rollen in der Familie ändern. Wenn Eltern beispielsweise durch ihre Krankheit auf fremde Hilfe angewiesen sind, kann das zum Verlust des Selbstverständnisses als Mutter oder Vater führen. Dieses ‚nicht mehr können wie bisher‘ führt oft zu Überforderungssituationen. Eine weitere zentrale Angst betrifft die Versorgung der Kinder nach dem eigenen Tod.

Kinder empfinden die Erkrankung ihrer Eltern hingegen als bedrohlich und leiden häufig unter Verlustangst. Sie erleben ihre Eltern – vielleicht zum ersten Mal – verletzlich und sind mit der Endlichkeit von gewohnten Strukturen konfrontiert. Darüber hinaus ist auch für sie die Rückkehr in den Alltag schwierig. Sie wissen oft nicht, ob es in Ordnung ist, zu streiten oder einfach mal wütend zu sein. Ähnlich ist es mit positiven Gefühlen: Kinder sind auch verunsichert, ob sie fröhlich sein dürfen oder lachen können, wenn die Mutter oder der Vater so krank ist. Gerade ältere Kinder im Teenageralter leiden zudem unter dem Zwiespalt, sich einerseits den eigenen Bedürfnissen zu widmen und andererseits für das erkrankte Elternteil da zu sein.

Sie wenden sich mit Ihrer Beratung an Familien. Gibt es hauptsächlich Gespräche mit der ganzen Familie oder unterschiedliche Angebote für Erkrankte, Partner und Kinder?

Grundsätzlich arbeiten wir nach dem familienorientierten Ansatz. Das bedeutet, dass wir im Erstgespräch gemeinsam mit den Klienten ermitteln, wer welchen Betreuungsbedarf in der Familie hat. Es können zum Beispiel mehrere Familienmitglieder parallel einzeln betreut oder in Familien oder Paargesprächen Themen behandelt werden. Sollten nicht alle Familienmitglieder behandelt werden, weil die Kinder zu klein sind oder nicht möchten, bleibt dennoch die Familie als Ganze und die Auswirkungen der Erkrankung auf das Familiensystem im Blick des Therapeuten.

Stiftungen wie phönikks finanzieren sich über Spenden

Die Stiftung phönikks kann 70 Therapieplätze anbieten. Familien werden dort bis zu drei Jahre unterstützt und begleitet. Ähnliche Angebote gibt es nur wenig. Eine vergleichbare Beratung gehört nicht zur Regelversorgung der gesetzlichen Krankenkassen.

Die Begleitung von der Stiftung phönikks hört nicht auf, wenn das erkrankte Familienmitglied verstorben ist. Welche Unterstützung brauchen betroffene Familien Ihrer Erfahrung nach besonders nach einem Todesfall?

Ein Todesfall in der Familie bringt meist alle Familienmitglieder aus dem Gleichgewicht. Die erste Betreuung nach einem Todesfall konzentriert sich deshalb auf die Stabilisierung der Familie. Dabei helfen wir beim Umgang mit trauernden Kindern und bei der Trauerverarbeitung aller hinterbliebenen Familienmitglieder. Nach dem Tod des Ehepartners, des Vaters oder der Mutter ist es unserer Meinung nach wichtig, eine innere Beziehung zur verstorbenen Person aufzubauen. Das kann bei dem Umgang mit Schuldgefühlen oder ungeklärten Themen mit der verstorbenen Person helfen. Im weiteren Verlauf unterstützen wir Familien darin, sich in der neuen Konstellation zurechtzufinden und ihren Alltag wieder zu gestalten.

Gibt es in Ihren Augen ausreichend Anlaufstellen für Erkrankte und ihre Angehörigen?

Im Vergleich zu Beginn der familienorientierten psychoonkologischen Arbeit hat sich die Situation zwar verbessert, aber es reicht noch nicht aus. Auch bei phönikks entstehen immer wieder Unterstützungsideen aufgrund des erlebten Bedarfs der Patienten, die aber leider aus personellen Gründen nicht umgesetzt werden können. Dazu gehören beispielsweise eine Trauergruppe für junge Erwachsene oder eine Gruppe für Jugendliche erkrankter Eltern. Darüber hinaus sind besonders die ländlichen Regionen unterversorgt. Phönikks arbeitet seit 30 Jahren spendenfinanziert und ist damit einzigartig in Deutschland. Eine Regelversorgung rein aus Spenden zu finanzieren ist Jahr für Jahr eine neue Herausforderung. Es wäre wünschenswert, wenn die Prävention und Begleitung mit in die Regelversorgung der Krankenkassen aufgenommen werden würde und auch staatliche Hilfen unterstützen könnten.

(Finanzen.de, 10.1.17, Interview: Cora Christine Döhn)

 

 

Diagnose Krebs

Als plötzlich Mamas Haare weg waren

Seit Jamal (7) weiß, dass seine Mutter Krebs hat, hat er Angst. Damit umzugehen lernt der Schüler jetzt in einer Therapie. Vermittelt hat sie ein Verein aus Oldenburg.

Schockdiagnose Krebs – nicht nur für den Erkrankten steht jetzt die ganze Welt Kopf. Auch für die Familien der Patienten ändert sich auf einmal alles.

Besonders Kinder, deren Eltern an Krebs erkranken, sind in dieser Situation mit ihren Gefühlen allein, sie fallen all zu oft durch das Rost des Gesundheitssystems. An diesem Missstand möchte die Oldenburger Psychoonkologin Angela Paradies mit ihrem Verein Lichtblick etwas ändern. Ein Jahr lang gibt es den Verein schon, und in dieser Zeit wurden 88 Kinder aus Oldenburg Stadt und dem Weser-Ems-Gebiet psychologisch betreut.

Es war kein leichter Weg bis hierher, sagt Paradies, die hauptberuflich in der Onkologie des Oldenburger Klinikums arbeitet. Mittlerweile habe sie ein Netz von Therapeuten aus der Region aufgebaut, die den Kindern und dem Verein helfen. „In der Regel bekommen betroffene Kinder innerhalb einer Woche einen Termin in einer kindertherapeutischen Praxis angeboten“, sagt Paradies. Das ist ungewöhnlich: Normalerweise sind die Wartelisten der Therapeuten voll, sechs Monate vergehen in der Regel zwischen Kontaktaufnahme und Behandlung.

Ein Junge, dem der Verein Lichtblick schnell helfen konnte, ist beispielsweise Jamal. Seine Mutter Sabrina Larbi, 37 Jahre, ist an Brustkrebs erkrankt. Ihre Therapie ist mittlerweile abgeschlossen und es sieht soweit gut aus. Aber Jamals Angst, die ist immer noch da. Und einfach so geht die Angst auch nicht weg.

„Seit ich im März meine Diagnose erhalten habe, ist er schon oft bockig und möchte seinen Willen durchsetzen“, erzählt Larbi. Jamal erzählt auch: dass er ein „Schwatzfeuerkopf“ ist, er gerne wieder mehr mit seiner Mama unternehmen möchte, mit ihr Kicken möchte. Der Siebenjährige hampelt auf seinem Stuhl herum, ruhig still sitzen ist sehr schwer, nicht nur in Gesprächen, auch in der Schule.

Seit September geht Jamal zu seiner Kinderpsychologin. Und seitdem wird er langsam ruhiger, erzählt Larbi. Auch seiner Klassenlehrerin fallen Veränderungen auf. Um sich austoben zu können, ist Jamal jetzt in einer Sportförderklasse.

„Ich kann wirklich jedem Elternteil, der an Krebs erkrankt, empfehlen, dem Kind psychologische Unterstützung anzubieten. Egal wie alt das Kind ist“, sagt Larbi. Denn mit der Hilfe der Kinderpsychologin lernt Jamal mit seiner Angst umzugehen.

Das verdankt er der Vermittlung von Paradies. Sie und ihre Mitstreiter betreiben die Arbeit im Verein ehrenamtlich. Nun möchten sie jemanden einstellen, der die Koordination übernimmt und der nachmittags Gruppenangebote für die Kinder machen kann. Dafür ist der Verein auf Spenden angewiesen. Die Krankenkassen zahlen nicht, sagt Paradies.

Die psychischen Folgen einer onkologischen Erkrankung sind, weder bei den Patienten selbst, noch bei ihren Angehörigen, abrechenbar, da sie keine eigenständige Diagnose darstellen. „Aber man kann doch nicht tatenlos zuschauen, wie die Kinder diesem Trauma in der Familie und ihren eigenen Ängsten hilflos ausgesetzt sind“, sagt Paradies.

(Nordwest-Zeitung, 10.1.17, Lina Brunnée und Tobias Schwerdtfeger)

 

 

 

Krebs-Nachsorge

Aufmerksame Ärzte statt Apparate-Medizin

Kommt die Krankheit fünf Jahre lang nicht zurück, gelten Krebspatienten als geheilt. Aber was dann? Experten wollen die Nachsorge verbessern und dabei stärker individuelle Bedürfnisse berücksichtigen.

Tumor entfernt, doch die Gefahr bleibt: Deutsche Krebsforscher wollen die Nachsorge für Patienten intensivieren, aber der Weg zum allumfassenden Konzept ist weit. "In den vergangenen zehn Jahren ist das Bewusstsein gewachsen, Patienten über eine Heilung hinaus länger zu versorgen", sagt Volker Arndt vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg.

Seit Langem lautet die Faustregel: Wer fünf Jahre krebsfrei ist, gilt als gesund. Das hänge aber auch von der Tumorart ab, meint Arndt. "Es lohnt sich, in die USA zu schauen: Die haben viel früher begonnen, in der Krebsnachsorge aktiv zu werden", sagt der Experte. Deutschland hole aber inzwischen auf und habe immerhin den Vorteil, dass die Bevölkerung einen leichteren Zugang zur Gesundheitsversorgung hat.

Betreuung vor und nach der offiziellen Heilung

Der Deutschen Krebshilfe zufolge sterben jährlich in Deutschland etwa 224.000 Menschen an Krebs, der damit eine der häufigsten Todesursachen ist. Laut Arndt sollten Krebspatienten insgesamt besser begleitet werden. Auch schon in den Jahren, bevor der Krebs offiziell als geheilt erklärt wird. Das ist auch Bestandteil des Nationalen Krebsplans.

Darin sind formuliert 13 Ziele, eines davon: die Verbesserung der psychoonkologischen Versorgung. Das Gesundheitsministerium setzt dabei auch auf klinische Krebsregister. "Der Ausbau der Register soll mit den Ländern vorangetrieben werden", sagt Minister Hermann Gröhe (CDU). Damit soll von der Ersterkennung über die Behandlung bis hin zur Nachsorge die bestmögliche Behandlung gefunden werden.

Manche Krankenkassen haben einen sogenannten Nachsorgepass erarbeitet. Er soll Betroffenen helfen, nach Chemotherapien oder Bestrahlungen an die notwendigen Kontrollen zu denken - und den Überblick über diese Behandlungen und Termine zu behalten.

"Krebs muss heute kein Todesurteil sein", sagt Experte Arndt. Etwa 500.000 Neuerkrankungen werden jedes Jahr in Deutschland registriert. Derzeit leben hier rund 3,5 bis 4 Millionen Menschen mit dieser Diagnose. Aber gesund sei der Patient nach Überwindung der Krankheit nicht automatisch, sagt Arndt. "Für die Behörden gelten die Menschen als statistisch geheilt - ein schrecklicher Begriff."

Menschlicher Kontakt statt Apparate-Medizin

Früher prüften Ärzte nach überwundener Krebserkrankung oft nur die Blutwerte, aber weitere Kontrollen unternahmen sie selten. "Die haben meist nicht gefragt: Wie geht's?", sagt Arndt. Dabei trete nach Brustkrebs häufig eine Herzerkrankung auf, und bei anderen Patienten komme es zum Beispiel zu Schlafstörungen.

Wie Nachsorge aussehen sollte, hänge vom "Risikoprofil" des Patienten ab, sagte Wolfgang Hiddemann vom Klinikum der Universität München einmal bei einer Veranstaltung im örtlichen Presseklub. Er warnt davor, bei der Nachsorge nur auf Apparate-Medizin zu setzen - mindestens ebenso wichtig sei der Dialog zwischen Arzt und Patient.

Sogenannte Survivorship-Programme (vom Englischen "survive": überleben) begleiten Patienten bereits heute nach einer Krebserkrankung ohne zeitliche Begrenzung - also auch über die Tumornachsorge hinaus.

"Aufgrund möglicher Langzeitnebenwirkungen und den speziellen Bedürfnissen von Überlebenden ist eine Nachsorge über die eigentliche Tumornachsorge hinaus wichtig", sagt auch die Hamburger Expertin Julia Quidde. Das Universitäre Cancer Center Hamburg (UCCH) in der Hansestadt gilt als wichtiges Forschungszentrum.

Geheilten Krebspatienten sollten Ärzte mit Sensibilität begegnen, aber nicht mit übertriebener Zurückhaltung. "Nicht all diese Menschen sind traumatisiert", sagt Arndt. "Es ist natürlich ein Einschnitt. Aber viele sagen, dass sie das Leben neu schätzen gelernt haben. Für diese Erkenntnis haben sie einen hohen Preis gezahlt."

(Spiegel online, 31.1.17, Wolfgang Jung, dpa/jme)

 

 

 

Diagnose Krebs:

Psychologische Hilfe für Patienten und Angehörige

Pascale Burmester war 24 Jahre alt, als sie an Krebs erkrankte. Psychoonkologen halfen ihr, mit ihrer Krankheit zurecht zu kommen. Heute unterstützt sie andere Betroffene in einem Onlineforum, das sie mit einem Freund aufbaute.

Die Diagnose „Krebs“ bedeutet eine extreme körperliche und auch seelische Belastung. Patienten haben große Angst und fühlen sich schnell ausgelaugt. Psychologen helfen, besser mit der Krankheit zu leben.

Wenn einem das Leben entgleitet

Erst 24 Jahre ist Pascale Burmester alt, als sie an einem seltenen Blutkrebs erkrankt. Statt in Vorlesungen Professoren zu lauschen und Freunde zu treffen, verbringt sie unzählige Tage im Krankenhaus, monatelang. „Mein Leben glitt mir plötzlich aus den Händen“, sagt sie. Das war 1995.

Psychoonkologen bieten Hilfe

Zweimal hat Burmester in den vergangenen 20 Jahren dem Tod ins Auge gesehen. Sie nahm Medikamente mit starken Nebenwirkungen, erhielt 2013 eine Bestrahlung und eine Knochenmarktransplantation. Die Anzeichen der Erkrankung sind seither weg. Doch die Folgen der Behandlung bestimmen ihren Alltag bis heute. „Durchgestanden habe ich all das nur, weil ich professionellen Beistand hatte“, sagt sie. Unterstützt haben sie Psychoonkologen. Das sind Psychologen mit medizinischer Fortbildung zu Krebserkrankungen oder Sozialpädagogen und Ärzte mit entsprechender Zusatzqualifikation. Viele Krebspatienten brauchen deren Hilfe.

Angststörungen und Depressionen

Knapp jeden zweiten Deutschen trifft im Leben die Diagnose „Krebs“, wie eine Studie des Robert-Koch-Instituts zeigt. Die meisten Patienten belastet die Krankheit und die Behandlung seelisch stark. Sie sind niedergeschlagen, verängstigt und fühlen sich ausgelaugt. Zu viel prasselt auf sie ein. Der Körper wird schwächer, schmerzt, verändert sich. Die Behandlung raubt zusätzlich Kraft, Fruchtbarkeit und Haare. Die Konzentration schwindet, das Gedächtnis hinkt. Arbeiten ist oft nicht möglich. Freizeitaktivitäten fallen weg, Freundschaften vergehen. Krebs erzeugt einen psychischen Ausnahmezustand. Jeder Dritte wird davon psychisch krank. Besonders häufig sind Angststörungen und Depressionen.

Bei stationärer Behandlung zahlt die Kasse

Die psychoonkologische Beratung gehört heute zu jeder stationären Krebsbehandlung. Psychoonkologen bieten allen Patienten Gespräche an, egal wie schwer der Krebs auf ihnen lastet. Sie prüfen gezielt, ob jemand mehr oder sehr dringend Hilfe braucht. Die Kassen bezahlen diese Behandlung auf Station. Auch psychoonkologische Ambulanzen, etwa an Unikliniken, bieten Gespräche und Psychotherapien für Krebspatienten und Angehörige an. Solche Hilfen zahlen die Kassen meist nur, wenn eine diagnostizierte psychische Störung vorliegt. Bundesweit gibt es außerdem gut 300 Krebsberatungsstellen, die bei sozialen wie seelischen Problemen helfen – überwiegend gratis. Das kann in einem Gespräch passieren oder über Jahre hinweg, je nach Bedarf.

Wenn die Freunde sich abwenden

Jemanden Neutralen zu haben, der einem zuhört, der einen bestärkt, wieder Kontrolle über sein Leben zu bekommen: Das sind nur zwei positive Wirkungen einer Psychotherapie bei Krebs. Auch Pascale Burmester, heute Mitte Vierzig, empfand das so. Das Schwerste für sie war, dass sich ihre Freunde abwandten. „In meinem Leben ging es plötzlich viel um Krankheit, Sterben und Tod. Im Leben der anderen darum, dass das Leben jetzt erst richtig beginnt“, sagt sie. Die Schnittmenge zwischen ihr und ihren Freunden wurde immer kleiner. Bis sie und ihr heutiger Mann nicht mehr eingeladen wurden.

Jeden Gedanken äußern

„Das war schwer zu ertragen – und ist es auch heute noch“, sagt sie. Verstehen könne sie es: Niemand wolle sich ständig mit Endlichkeit beschäftigen. Doch sie musste es. Ihre Eltern sind verstorben. Ihr Ehemann hat sie all die Jahre gestützt, ist aber als enger Angehöriger selbst an seine Grenzen gestoßen. Erst bei Psychotherapeuten konnte sie ihre Ängste offen benennen. „Ich durfte endlich jeden schrecklichen Gedanken äußern, ohne darauf achten zu müssen, wie es meinem Gegenüber damit geht.“ Sie sprach alles an: Tod und Sterben, unliebsame Therapien und Ärzte.

Hinterfragen und mitentscheiden

Krebs, das bedeutet auch Kontrollverlust. Der Körper macht, was er will. Ärzte entscheiden oft über den Kopf des Patienten hinweg. Sich hilflos zu fühlen, kann depressiv stimmen, Kraft rauben, Hoffnungnehmen. „Erst im Gespräch mit dem Psychoonkologen habe ich gelernt, dass ich hinterfragen darf, was mit mir geschieht“, sagt Burmester. Sie beginnt, Fachliteratur zu lesen, wird zur Expertin für ihre Krankheit, legt eine eigene Patientenakte an. Sie traut sich nun zu fragen, entscheidet mit, welche Behandlung wie abläuft. So forderte sie zum Beispiel besonders dünne Kanülen zur Blutabnahme ein und suchte sich einen neuen Arzt, bei dem sie sich wirklich wohlfühlt. „Langsam hatte ich wieder ein wenig Kontrolle über mein Leben.“

„Die Ängste sind nicht irrational“

Das ist gut, denn Kontrollverlust bedeutet auch Angst. Mehr als die Hälfte aller Krebspatienten fürchtet sich sehr, jeder zehnte entwickelt eine Angststörung. Viele befällt die Furcht, dass der Krebs unaufhaltsam fortschreitet und sie bald sterben. Viele befürchten auch, dass der Tumor wiederkehrt. „Die Ängste sind keineswegs irrational. Das darf man nicht vergessen“, sagt Psychoonkologe Alexander Wünsch vom Münchner Klinikum rechts der Isar. „Wenn die Furcht die Patienten lähmt, den Alltag bestimmt oder sie davon abhält, bei der Krebstherapie mitzuwirken, sollten sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.“ Das gilt auch bei folgenden Hinweisen:

* anhaltend starke Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit, Gefühl der Leere,

* langanhaltende Schlafprobleme oder Albträume wegen der Krebserkrankung,

* auch längere Zeit nach Behandlungsende fortbestehende Erschöpfung, starke Ängste oder andere psychische Probleme.

Von Verhaltens- bis Musiktherapie

Wie die psychotherapeutische Behandlung aussieht, hängt vom Patienten ab. Es gibt mehr als 100 Krebsarten mit unzähligen Verläufen. Bei jedem Menschen drückt sich die psychische Last anders aus. Sie hängt auch davon ab, ob er die Diagnose gerade erst bekommen hat, mitten in der Behandlung steckt, sie schon erfolgreich hinter sich hat – oder keine Therapie anschlägt. Die Psychoonkologin Hilke Rath vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf erklärt, wonach sich die Behandlung richtet: „Einige Patienten erleben die Erkrankung als traumatisierend, andere berichten von Abgeschlagenheit oder Grübelei. Manche brauchen Hilfe dabei, mit körperlichen Schmerzen umzugehen.“ Rath und ihre Kollegen setzen verschiedene psychotherapeutische Methoden ein, die sich unter anderem an Verhaltenstherapie oder Tiefenpsychologie orientieren. Bei Bedarf vermitteln sie Selbsthilfegruppen oder Kunst- und Musiktherapien.

Unbedingt Depression verhindern

Die positiven Wirkungen der Behandlung sind vielfältig. Zahlreiche Patienten entlastet es bereits, ihrer Angst, Verzweiflung oder Wut auf die Erkrankung offen Luft machen zu können. So war es bei Pascale Burmester. Ebenso kann die psychologische Beratung Krebskranke, die sich von den Strapazen der Behandlung überfordert fühlen, zu mehr Wohlbefinden verhelfen. Und dies kann das Abgleiten in eine handfeste psychische Erkrankung verhindern. Das ist eine immens wichtige Aufgabe. Gerade Depressive sehen in der medizinischen Behandlung oft keinen Sinn mehr, versäumen Arzttermine. Wer in einer Depression steckt, beendet zum Beispiel trotz Lungenkrebs womöglich das Rauchen nicht. Gelingt es Psychotherapie dann, dass der Patient Mut fasst und das Rauchen einstellt, kann dies sein Leben verlängern.

Ein Gleichgewicht finden

„Wichtig ist, dass die Patienten ein Gleichgewicht finden – zwischen ihrer Belastung und einer ‚tumorfreien‘ Zeit“, sagt Alexander Wünsch. Gefühle wie Angst, Trauer, Wut sollten ebenso wie düstere Gedanken Raum bekommen. Zugleich solle es Momente, Stunden und Tage geben, in denen nicht der Krebs im Mittelpunkt steht, sondern positive Lebensinhalte wie Hobbys, Gespräche mit nahestehenden Menschen, Engagement für andere – oder auch die Kuscheleinheiten mit dem Haustier.

Neue Freundschaften

Auch Pascale Burmester versucht, sich Tag für Tag schöne Momente zu verschaffen, etwa mit ihren Katzen Giulia und Aston. Sie hat zudem ihr Studium beendet und arbeitet seit kurzem wieder einige Stunden pro Woche. Eine Psychoonkologin ermutigte sie schon kurz nach der Diagnose, neuen Anschluss zu suchen, etwa bei Patienten, die Ähnliches durchlebt haben. Bei einer Reha-Kur schloss sie neue Freundschaften. Im Internet traf sie auf einen Patienten, der die gleiche seltene Diagnose hatte wie sie. Gemeinsam entwickelten die beiden ein Chatforum für Betroffene. Burmester führt es heute allein. Ihr Onlinefreund ist verstorben. Sie moderiert die Internetgruppe – nun im Rahmen der Stiftung Lichterzellen. Sie drückt im Forum aus, was sie belastet, spricht mit anderen über deren Erfahrungen. Damit spendet sie Kraft – anderen und sich selbst. „So hatte meine Erkrankung wenigstens einen Sinn“, sagt sie. „Ich habe mein Leid umgelenkt, in etwas Gutes.“

In der Familie: Gemeinsam stark sein

Das Zusammenleben von Krebspatienten und ihren Angehörigen wird durch die Krankheit auf eine harte Probe gestellt. Sich einander mitzuteilen beugt Missverständnissen und Enttäuschungen vor.

Im Gespräch

Oft entsteht Stille, weil sich keiner traut, Ängste, Sorgen und Themen wie Krankheit und Tod anzusprechen. Doch Schweigen belastet, schafft Distanz. Daher: Teilen Sie Ihren Gesprächsbedarf mit, ob als Patient oder Angehöriger. Akzeptieren Sie auch, wenn der andere nicht im gleichen Maß sprechen möchte.

Im Alltag

Rollen und Routinen im Haushalt verändern sich. Klären Sie, wo Sie als Erkrankter mitwirken möchten, was Sie sich zutrauen. Machen Sie deutlich, wie Unterstützung für Sie aussehen kann. Für Paare: Pflegen Sie die Partnerschaft. Schaffen Sie neue Gemeinsamkeiten. Dazu gehört mitunter auch eine neue Intimität und Sexualität.

Im Kopf

Um die Angst einzudämmen, helfen laut Krebsinformationsdienst simple Strategien: Informieren Sie sich über die Krankheit. Das beuge düsteren Fantasien vor. Manche entlastet es, für den schlimmsten Fall zu planen, was dann passieren soll.

Familienmitglieder von Krebskranken: Was Angehörigen hilft

Angehörige erleben den Krebs hautnah mit. Ihr Leid wird oft übersehen. Auch für sie gibt es Unterstützung.

Gespräche mit Profis

Helfern helfen. Angehörige von Krebskranken leiden ebenso unter der Diagnose. Auch sie brauchen oft Hilfe.

Psychologen vermitteln dem Angehörigen Strategien, um mit der Situation besser zurechtzukommen. Er lernt, wie er sich selbst und dem Erkrankten Gutes tun kann.Professionelle Gesprächspartner finden Angehörige in Krebsberatungsstellen, Sozialdiensten der behandelnden Klinik oder bei Psychoonkologen ( Hilfe und Informationen bei Krebs). Einige Kliniken bieten sogar Treffs für Kinder von Krebskranken an. Im Rahmen der stationären Behandlung des Krebspatienten sind psychoonkologische Gespräche für Angehörige kostenfrei. Wer sich ambulant Hilfe sucht, muss damit rechnen, die Kosten allein zu tragen. Die Kassen zahlen psychoonkologische Sitzungen nur, wenn beim Angehörigen selbst eine psychische Erkrankung vorliegt. Beratungsstellen bieten oft kostenlos Gespräche an. Sind mehrere Termine erforderlich, kann eine Pauschale fällig werden.

Selbsthilfegruppe

Eine große Unterstützung im Alltag können Selbsthilfegruppen für Angehörige sein. Dort treffen sich Menschen, die in derselben Situation sind. Fragen Sie bei den Onkologiestationen in Kliniken nach Adressen und Ansprechpartnern.

Fürsorglich zu sich selbst sein

Gerade weil Angehörige die Doppelrolle als Mitbetroffene und Helfende haben, sollten sie sich auch um ihr eigenes psychisches Wohl sorgen. Um weiter als starker Helfer zur Seite stehen zu können, brauchen sie Auszeiten, um Kraft zu tanken. Dazu zählt auch, weiter den eigenen Hobbys nachzugehen und Freunde zu treffen, um jemanden zum Reden zu haben, wenn das Bedürfnis danach besteht.

(test.de/Stiftung Warentest, 24.2.16, T. Rätzke)

 

 

Wie Menschen mit der Diagnose Krebs leben – und wie Gespräche sowie Geschichten wirkungsvoll Entlastung schaffen

„Persönliches Attentat auf mein Leben“

Barnstorf - Dr. Jutta Diederichs ist Ärztin, 41 Jahre alt, Mutter von fünf Kindern – und hat Brustkrebs. Als ein „persönliches Attentat auf mein Leben“ empfindet sie diese heimtückische Krankheit: „Man ist nicht nur am Körper verwundet, sondern auch an der Seele!“, sagt die junge Frau. Kraft finden in diesem Ausnahmezustand – dabei hilft ihr zurzeit Martina Siebenmorgen in der Krebsberatungsstelle „Igel“ in Barnstorf.

Dort erfährt nicht nur die fünffache Mutter aus Goldenstedt, welche entlastende Wirkung Gespräche und auch Geschichten haben können: Von einem überraschenden, heilenden Effekt berichtet der 62-jährige Wolfgang Rensing (Name von der Redaktion geändet). Schwere Herzrhythmusstörungen und Schlaflosigkeit plagten ihn, weil er nach mehreren lebensbedrohlichen Schicksalsschlägen erneut ein Trauma verkraften muss: Seine Frau ist an Lungenkrebs erkrankt.

Psychopharmaka wollte der sorgengeplagte Ehemann und Familienvater nicht nehmen. Deshalb schickte ihn sein Hausarzt in die Krebsberatungsstelle. Eineinhalb Stunden lang dauerte das erste Gespräch mit Martina Siebenmorgen. Rensing staunt: „Meine Herzrhyhtmusstörungen waren danach weg!“

Martina Siebenmorgen weiß, wieviel Kraft das Annehmen und Bewältigen von lebensbedrohenden Schicksalsschlägen kostet. „Es sind Ausnahme-Situationen, in denen die Kraft, die jeder Mensch in sich hat, verschüttet ist“, sagt die Sozialarbeiterin und Heilpraktikerin für Psychotherapie, die außerdem eine Ausbildung in systemischer Therapie und Beratung hat. Zurzeit lässt sie sich zur Psychoonkologin qualifizieren. Es ist eine Mischung aus Fachwissen, menschlicher Wärme und Humor, mit der sie die Beratung gestaltet – und damit schnell einen Zugang zu ihren Klienten findet. Sie empfinden die Gespräche von Mensch zu Mensch als entlastend, lassen sich durch Geschichten mit viel Poesie und Lebensweisheit zum Nachdenken anregen – und spüren am Ende Zuversicht: Ja, dieser Schicksalsschlag lässt sich bewältigen!

Sowohl Wolfgang Rensing als auch Dr. Jutta Diederichs sind fest überzeugt: „Die Beratungsstelle in Barnstorf entlastet die Krankenkassen finanziell.“

„Ich war krank geschrieben“, so der 62-Jährige, „und hätte wohl weiter krank geschrieben werden müssen“. Doch das sei dank der Gespräche in der Krebsberatungsstelle nun nicht mehr nötig.

Rensing ist so außergewöhnlich belastet, weil die Krebserkrankung seiner Frau ein neuer Mühlstein in einer schicksalhaften Kette ist. 1982, im Alter von drei Jahren, erkrankte sein Sohn an Leukämie – und überstand die tückische Krankheit. Sechs Jahre später diagnostizierten die Ärzte einen Hirntumor bei dem Jungen. Auch diese lebensbedrohende Krankheit bewältigte er. „Mit Zwanzig erkrankte er an einer Psychose“, berichtet Rensing. „Ein halbes Jahr später hatte meine Frau eine schwere Hirnblutung.“ Die Prognosen seien sehr schlecht gewesen, „aber meine Frau hat überlebt“. Ihr schwerer Lungenkrebs ist jetzt ein Déjà-Vu. „Aber ich bin im Moment in der Lage, mit der Situation umzugehen. Ich kann meine Frau unterstützen“, so der 62-Jährige. Seinem Sohn gehe es gut.

Entlastung und Zuversicht hat auch Dr. Jutta Diederichs in der Krebsberatungsstelle gefunden. Zwar gebe es von der Krankenkasse finanzierte Psychoonkologen, aber die seien viel zu oft überlastet. Die Folge: Lange Wartezeiten.

Dass die Beratungsstelle in Barnstorf Krebspatienten mit akutem Gesprächsbedarf schnell, unbürokratisch und kostenlos hilft, bewertet Dr. Diederichs als unverzichtbares Angebot in der Region. Denn sie weiß, welche Fragen Menschen nach der Diagnose Krebs quälen: „Was passiert? Was wird die Zukunft bringen? Was wird aus der Familie?“

Für ihre fünf Kinder im Alter von vier bis 14 Jahren war die Erkrankung der Mutter ein Schock. Auch ihnen hilft Martina Siebenmorgen. Sie hat 2013 das Projekt „Familien-Stärken“ aufgebaut, das speziell für Kinder und Jugendliche von krebskranken Eltern entwickelt worden ist. Zuversicht vermittelt die Heilpraktikerin für Psychotherapie ihnen bei Bedarf auch mit der Handpuppe „Sumser“.

Die Nachfrage nach Beratungsgesprächen in Barnstorf ist groß. „Wir hatten im vergangenen Jahr 909 Beratungen“, berichtet Martina Siebenmorgen – der Bedarf ist ungebrochen, die Finanzierung der Beratungsstelle langfristig aber ein enormes Problem: Die Deutsche Krebshilfe zahlt Ende 2016 kein Geld mehr.

Aus einer 2009 als Abschubfinanzierung gedachten Förderung sind dann sieben Jahre geworden. Weil die Deutsche Krebshilfe die Finanzierung bereits um zehn Prozent reduziert hat, zahlt jetzt der Landkreis das fehlende Geld – bis Ende 2016. Ob bis dahin neue Finanzierungsmöglichkeiten gefunden werden oder die Beratungsstelle geschlossen werden muss, ist völlig offen.

Wolfgang Rensing und Jutta Diederichs fordern, dass die Krankenkassen zahlen. Denn sie würden durch die Beratungsstelle spürbar entlastet: Je schneller die Krebspatienten wieder arbeitsfähig seien, um so schneller würden sie auch wieder Krankenkassenbeiträge einzahlen.

(MK/Kreiszeitung Diepholz, 10.12.15, Anke Seidel)

 

 

"Mit dem Krebs klarkommen"

Pschychoonkologin im Interview

Seit ein paar Jahren hat sich die Bietigheimer Ärztin und Psychotherapeutin Dr. Ulrike Kurtz auf die Psychoonkologie spezialisiert. Ziel ihrer Arbeit ist, Krebspatienten zu unterstützen, sodass sie "mit der Krankheit klarkommen".

Frau Dr. Kurtz, Sie haben sich in Ihrer Arbeit auf Krebspatienten spezialisiert. Warum?

DR. ULRIKE KURTZ: Es gab unter meinen Patienten eine steigende Anzahl von Menschen mit Krebserkrankungen, die einer besonderen Unterstützung bedurften.

Gibt es dafür eine spezielle Weiterbildung?

KURTZ: Bei der Begleitung von Krebskranken habe ich gespürt, dass ich noch andere Zugangswege und Interventionsmöglichkeiten brauche, um Menschen in dieser Situation adäquat begleiten zu können. Ich habe dann zunächst eine palliativmedizinische und später eine psychoonkologische Weiterbildung in Freiburg gemacht.

Was ist in der Psychoonkologie anders als bei anderen psychischen Erkrankungen?

KURTZ: Zunächst gilt festzuhalten, dass nicht jeder, der an Krebs erkrankt ist, eine Psychotherapie braucht. Aber die meisten benötigen psychosoziale Unterstützung. Die Psychoonkologie, auch Psychosoziale Onkologie, ist ein eigenes Arbeitsgebiet, das sich mit dem Erleben und Verhalten sowie dem sozialen Umfeld von Krebspatienten im Zusammenhang mit ihrer Erkrankung, deren Behandlung sowie damit verbundenen Problemen befasst. Anleitung zur Behandlung gibt das onkologische Leitlinienprogramm.

Was passiert in der psychoonkologischen Betreuung?

KURTZ: Zentrale Aufgaben der psychoonkologischen Versorgung sind patientenorientierte und bedarfsgerechte Informationen. Zuerst einmal muss der Patient ein Verständnis für seine Krankheit bekommen. Ich sage immer öfter: Lassen Sie das Internet weg, vertrauen Sie den Informationen Ihrer Ärzte. Im Internet stehen meist nur die negativen Aspekte einer Krankheit. Dann geht es darum, die Diagnose zu bewältigen, also zu lernen, dass die Krankheit nun Teil des Lebens ist und nicht nur der Weg zum Tod. In der Behandlung geht es dann um Beratung, Diagnostik, gezielte Behandlung, praktische Hilfen im Alltag, um Lebensqualität wieder herzustellen. Ich spreche auch von Psychoedukation, ein Lernprozess, um Krankheitsverständnis und Bewältigung zu verbessern.

Um welche Themen geht es bei Krebspatienten vorrangig?

KURTZ: Je nach Phase der Erkrankung ist die Gewichtung der Themen unterschiedlich. Zuerst ist da der Schock der Diagnose und eine damit einhergehende Überforderung. Die meisten Patienten denken in dieser Phase viel daran, dass sie sterben können, aber nicht, wie sie weiterleben. Es geht um Zukunftsängste, Sorgen um die eigene Lebenssituation, aber auch um Sorgen um die Angehörigen. Ein Thema ist auch der Kontrollverlust, das Gefühl von Ohnmacht, das von der Krankheit ausgelöst wird. Fragen wie warum ich oder ich kann sowieso nichts dagegen tun. Hier soll therapeutisch die Stärkung des Selbstwertgefühls, Anerkennung der Lebensleistung, Verringerung von Gefühlen der Isolation und Einsamkeit sowie die Stärkung oder Klärung familiärer Bindungen erzielt werden. Ich vermittle Bewältigungsstrategien, es sollen eigene Ressourcen mobilisiert werden und neue Lebensperspektiven aufgezeigt werden. Aber es muss auch signalisiert werden, offen Themen wie Trennung, Verlust, Tod oder Angst anzusprechen.

Wie gehen Sie die Themen an?

KURTZ: Ich muss den Menschen dort abholen, wo er steht. Anfangs schildert der Patient mir seine momentane Situation, dann folgt die Frage "Was ist am belastenden", um dann zu klären, "Wie schaffen Sie das?" Und dann folgt der Behandlungsauftrag "Wie kann ich Ihnen helfen?".

Ist eine Psychotherapie für die Patienten unter Umständen hilfreich für eine Heilung?

KURTZ: Ein direkter Einfluss auf die Erkrankung ist nicht nachgewiesen, aber die Aktivierung von Ressourcen, verbesserte Stresstoleranz sowie die Veränderung von Verhaltensmuster können zu einer veränderten Lebensführung und Einstellung führen und damit indirekt einen günstigen Einfluss haben.

Wie wichtig ist psychologische Unterstützung bei Chemotherapien?

KURTZ: Bei starken Ängsten vor bestimmten Therapien, zum Beispiel Chemotherapie, können Imaginationsübungen, Entspannungsverfahren oder die Korrektur negativer Denkmuster hilfreich sein.

Was ist das Ziel, auch für Patienten, deren Krankheit nicht heilbar ist?

KURTZ: In der palliativen Phase geht es oft um Akzeptanz und darum, in der verbleibenden Zeit mit den vorhandenen Ressourcen positiv umzugehen. Ein Zitat gibt hier die Parole aus: Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben zu geben.

Ist es wichtig, auch die Angehörigen mitzubehandeln?

KURTZ: Nach meiner Erfahrung sind die Angehörigen manchmal bedürftiger als die Patienten selbst. Während langer Leidens- und Pflegezeit geraten Angehörige oft in einen Teufelskreis aus physischer und psychischer Überforderung. Sie möchten alles tun, kommen an ihre Grenzen und haben dann Aggressionen, Schuld- und Versagensgefühle, weil sie eben nicht alles tun können.

Wird eine psychoonkologische Behandlung von den Krankenkassen übernommen?

KURTZ: Ja, im stationären Bereich im Rahmen der Gesamtversorgung, im ambulanten Bereich allerdings nur bei von der Kassenärztlichen Vereinigung zugelassenen Therapeuten.

Frau Kurtz, Vielen Dank für das Gespräch.

(Bietigheimer Nachrichten, 24.1.16, Gabriele Szczegulski)

 

 

Krebs: Lindert Pilz-Trip die Angst?

Halluzinogene Pilze werden als "magic mushrooms", "Zauberpilze" oder "Psilos" bezeichnet. Sie fallen hierzulande unter das Betäubungsmittelgesetz und sind damit verboten. US-Forscher fanden jedoch heraus, dass Menschen, die mit eine lebensbedrohlichen Krebsdiagnose konfrontiert werden, von dem aktiven Inhaltsstoff dieser Pilze profitieren könnten.

Wie die Wissenschaftler um Roland Griffiths von der Johns Hopkins Universität auf einer Tagung des American College of Neuropsychopharmacology in Florida berichteten, könnte der in halluzinogenen Pilzen enthaltene psychoaktive Inhaltsstoff, das Psilocybin, Krebspatienten helfen, Ängste und Depressionen in Schach zu halten. Fünf Wochen nach einer einmaligen Psilocybin-Dosis, die ausreichte, um die Wahrnehmung zu verändern und eine Art mystischer Erfahrung zu verursachen, berichteten Krebspatienten von deutlich weniger Ängsten und Depressionen als Patienten, die nur einer sehr geringe Psilocybin-Dosis erhalten hatten. Der positive Effekt auf die Stimmung hielt selbst nach einem halben Jahr noch an, so das Ergebnis von Griffiths und Kollegen.

Die Wissenschaftler vermuten, dass eine einzige Psilocybin-Dosis ausreichen könnte, um bei Patienten mit lebensbedrohlichem Krebs die Stimmungslage anhaltend zu verbessern. Gerade bei einer Krebsdiagnose stellen sich häufig lähmende Ängste und Depressionen ein. Wie die Forscher berichten, hätten bereits Berichte aus den 1960er und 1970er Jahren darauf hingedeutet, dass halluzinogene Drogen wie LSD solche Symptome bei Krebspatienten lindern könnten. Bislang habe es jedoch keinen klinischen Nachweis gegeben, dass Stimmungsstörungen von Krebspatienten mit diesen Wirkstoffen behandelt werden könnten.

(aponet, 15.12.15, HH)

 

 

Psychotherapeutin verstärkt Team am MVZ – Bessere Betreuung für Krebspatienten

CELLE. Die Diagnose einer Krebserkrankung bedeutet für die meisten Menschen eine ungeheure Belastung. Viele fallen in ein tiefes Loch und benötigen psychologische Hilfe, um ihren Alltag wieder meistern zu können. Dem trägt das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) des AKH jetzt Rechnung: Seit Anfang des Jahres verstärkt die Psychotherapeutin Martina Lütkehölter das ärztliche Team. Sie wird sich zukünftig vorrangig um Krebspatienten in akuten Krisen kümmern.

Unterstützt wird die Ärztin dabei von Dr. Georg Göttinger. Der Diplompsychologe und Arzt für Psychiatrie sowie Psychotherapie kümmert sich sechs Stunden wöchentlich um Patienten, während Martina Lütkehölter 25 Stunden wöchentlich am MVZ praktiziert.

Bereits während ihres Studiums der Humanmedizin an der Philipps Universität Marburg belegte Lütkehölter das Wahlfach Psychiatrie. Nach Staatsexamen und Approbation ging sie für neun Monate nach Äthiopien, wo sie im Missionshospital Aira tätig war. Anschließend praktizierte sie in der Tropenklinik Paul Lechler Krankenhaus in Tübingen. Es folgten Stationen im St. Josef-Stift in Celle sowie der Praxis Gründler in Altencelle, immer wieder unterbrochen von längeren Äthiopienaufenthalten sowie als Ärztin in einem Hilfsprojekt in Guatemala.

Doch besonders prägend empfand Lütkehölter ihre Zeit als Ärztin in den Justizvollzugsanstalten Celle und Uelzen sowie in einer Suchtklinik. Hier hat sie Menschen mit Grenzerfahrungen kennengelernt – und begleitet. So kam es, dass die Ärztin der Allgemeinmedizin sich 2002 berufsbegleitend in der Psychotherapie ausbilden ließ.

Lütkehölter freut sich auf ihre Arbeit mit den Krebspatienten und hofft, dass sie vielen neuen Mut geben kann: „Ich begleite Menschen gerne in Krisen und versuche ihnen dabei zu helfen – trotz aller Einschränkungen – den Blick für ihre Möglichkeiten zurückzugewinnen.“

Auch Anja Knoop-Kausche, Leiterin der Medizinischen Versorgungszentren des AKH Celle, ist froh, dass sie Martina Lütkehölter als Psychologin für das MVZ gewinnen konnte: „Wir haben uns die ganzheitliche Versorgung der Menschen in Celle und Region auf die Fahnen geschrieben – da gehört eine psychologische Begleitung von Krebspatienten unbedingt dazu.“

Terminabsprachen können unter Telefon 05141-72 4050 oder per Mail unter psychotherapie@mvz-hb.de erfolgen.

(Pressemitteilung des AKH, 14. Januar 2015)

  


"Die Psyche ist nicht daran schuld, wenn Sie Krebs bekommen"

Wurde in den 1980iger Jahren noch ein Zusammenhang zwischen Krebs und Seele postuliert, sagt der Großteil der Wissenschaft heute: Nein, den gibt es nicht. Krebs sei eine schicksalshafte Krankheit, wo es Standard sein sollte, nicht nur medizinisch, sondern auch psychisch gut betreut zu werden.

Krebs kann jeden treffen

Krebs ist eine Krankheit, die nach wie vor Schrecken auslöst, Angst macht. In den meisten Fällen ist Krebs nicht heilbar, auch wenn man - dank der modernen Medizin - oft noch viele Jahre damit leben kann.

Erhält man die Diagnose Krebs, steht die Welt kurzfristig still, denn erstmals sind die Betroffenen mit dem eigenen Tod konfrontiert, sagt Patricia Göttersdorfer, Vorstandsmitglied der österreichischen Plattform für Psychoonkologie. Seit 15 Jahren begleitet die Psychologin Männer und Frauen mit der Diagnose Krebs. Im Erstgespräch tauche fast immer die Frage auf: Warum ich? Was habe ich falsch gemacht? Ihre Aufgabe sei dann klar zu stellen: Krebs kann durch Lebensstil-Faktoren beeinflusst werden, also etwa ob ich rauche oder nicht. Krebs hat aber keine - so Göttersdorfer - rein psychischen Ursachen.

"Die Psyche ist nicht daran schuld, wenn Sie Krebs bekommen. Manche Krebserkrankungen sind allerdings schwer zu erklären, sind schwer greifbar zu machen. Menschen neigen in solchen Fällen dazu, sich Konstrukte zu basteln, um doch ein Erklärungsmodell für ihre Erkrankung zu finden. So unter dem Motto: Es gibt doch einen Zusammenhang zwischen Seele und Krebs! Und da muss man dann klar sagen: Nein, es ist nicht so!"

Esoterik und heilsversprechende Gurus boomen

Die Suche nach einer Erklärung für die Krankheit öffne leider Tür und Tor für abstruse Behandlungsmethoden, sagt Göttersdorfer.
"Alles, was wir uns nicht erklären können, das macht uns extrem hilflos. Das ist auch der Grund, warum Wunderheiler und Esoterikpraktiken so boomen oder warum Menschen immer wieder in Heilsversprechungen flüchten und manchmal sogar sehr weite Reisen - wie etwa nach Lourdes - auf sich nehmen, um genau dieses Bedürfnis nach dem Sinn hinter der Krankheit zu befriedigen."

Einen Sinn für die Krebserkrankung gibt es aber wissenschaftlich betrachtet nicht, daher sei die Begleitung von Krebspatienten durch geschulte Mediziner, allen voran durch Onkologen und durch Psychologen und Psychotherapeuten, enorm wichtig. Allerdings gibt es - vor allem im ländlichen Raum, wie aus dem im November präsentierten österreichischen Krebsrahmenprogramm hervorgeht - zu wenige davon, hier gebe es Aufholbedarf.

"Die Psychoonkologie soll gewährleisten, dass es in Spitälern geschultes Personal gibt, das einem hilft, die Krebserkrankung anzuerkennen als das, was sie ist. Wenn Menschen mit ihren Gedanken alleine gelassen werden und die Zeit des Grübelns beginnt, dann kommt der oder die Betroffene oftmals auf ganz unmögliche Zusammenhänge, also etwa dass der Brustkrebs durch eine schlechte Ehe verursacht sei, oder der Tumor durch eine schlechte Vaterbeziehung entstanden sei. Mit Hilfe von guten Gesprächen, das zeigt die Erfahrung, wird die Krebserkrankung für die Patienten erträglicher und klarer, und in Folge können sie besser damit umgehen."

"Krebs ist nicht fair"

Eine sich haltende Annahme müsse zudem endlich aus den Köpfen der Menschen verschwinden, sagt Göttersdorfer: Die Krebspersönlichkeit, wie sie in den 1980iger Jahren noch postuliert worden ist - wonach bestimmte Menschen besonders anfällig für Krebs sind - gibt es nicht.

"Es gab und gibt ganz viele Studien, die zeigen, dass es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und einer Krebserkrankung gibt. Es gibt maximal einen Zusammenhang zwischen der Art und Weise, wie ich lebe, und ob ich Krebs bekomme oder nicht. Aber auch das stimmt nicht immer: So gibt es Menschen, die ihr Leben lang rauchen und keinen Krebs bekommen, andere wiederum haben nie geraucht und bekommen ein Karzinom. Krebs ist nicht fair", so Patricia Göttersdorfer, Vorstandsmitglied der österreichischen Plattform für Psychoonkologie.

(Österreichischer Rundfunk, 19.12.14, Gudrun Stindl, Ö1 Wissenschaft)

 

 

 

Krebs hat keine seelischen Ursachen

Krebs ist der Inbegriff einer heimtückischen Krankheit, die existenzielle Ängste hervorrufen und reflexartig Assoziationen an den Tod provozieren kann. Jährlich sehen sich in der Schweiz gegen 35’000 Personen mit der Diagnose konfrontiert. Die Ohnmacht lässt viele Patienten verzweifeln. Und die meisten fragen sich: Warum hat es mich getroffen? Was habe ich falsch gemacht? Gläubige, die in religiösen Kategorien denken, haben Angst, die Krankheit könne eine Strafe Gottes oder eine Prüfung sein.

Studien zeigen, dass mehr als die Hälfte der Krebspatienten neben der medizinischen Therapie auch Heiler und Handaufleger konsultieren oder alternativmedizinische Angebote in Anspruch nehmen. Sie sind überzeugt, dass Krankheiten mit seelischen oder spirituellen Blockaden einhergehen. Deshalb machen sie der Schulmedizin den Vorwurf, bei ihrer Therapie nur die Symptome zu bekämpfen, nicht aber die Ursache der Krankheit.

Ein Beispiel: Nächste Woche beginnt einer der weltweit bekanntesten Heiler, Deepak Chopra, eine 21-tägige Meditationsreihe. Dazu schreibt er, die Teilnehmer würden Wege entdecken, «wie du völlige Kontrolle über Körper und Geist gewinnen und jederzeit psychisch-physisches Wohlbefinden erreichen kannst». In der Ankündigung heisst es, Chopra verbinde wie kein anderer das Wissen des Westens mit der Weisheit des Ostens. «Als erfolgreicher Arzt stellte er fest, dass der westlichen Medizin die Seele fehlt. Daher machte er sich auf die Suche nach einer ganzheitlichen Medizin, die ihn bald in den Grenzbereich von Wissenschaft und Glauben führte, dem er sich bis heute mit Erfolg widmet.» Chopra habe über 75 Bücher geschrieben, die insgesamt 20 Millionen Mal verkauft worden seien.

Patricia Göttersdorfer, Vorstandsmitglied der österreichischen Plattform für Psychoonkologie, verneinte in einem Bericht seelische Zusammenhänge bei Krebs: «Es gab und gibt ganz viele Studien, die zeigen, dass es keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und einer Krebserkrankung gibt.» Sie sage den Patienten, die Psyche sei nicht schuld, wenn sie an Krebs erkrankten. Menschen neigten dazu, ein Erklärungsmodell für ihre Erkrankung zu suchen. Ganz nach dem Motto: Es gibt doch einen Zusammenhang zwischen Seele und Krebs. «Und da muss man dann klar sagen: ‹Nein, es ist nicht so!›», erklärte Göttersdorfer.

Die Suche nach einer Erklärung für die Krankheit öffne Tür und Tor für abstruse Behandlungsmethoden, sagte die Psychotherapeutin. «Alles, was wir uns nicht erklären können, macht uns extrem hilflos. Das ist auch der Grund, warum Wunderheiler und Esoterikpraktiken so boomen oder warum Menschen immer wieder in Heilversprechungen flüchten und manchmal sogar sehr weite Reisen – wie etwa nach Lourdes – auf sich nehmen, um genau dieses Bedürfnis nach dem Sinn hinter der Krankheit zu befriedigen.»

Wenn Menschen mit ihren Gedanken allein gelassen würden, kämen sie oft auf unmögliche Zusammenhänge. Sie glaubten beispielsweise, dass Brustkrebs durch eine schlechte Ehe verursacht worden oder der Tumor durch eine schlechte Vaterbeziehung entstanden sei.

Die Erfahrung zeige aber, dass mithilfe von guten Gesprächen die Krebserkrankung für die Patienten erträglicher und klarer werde. Und dass sie besser mit den Folgen umgehen könnten.

Fazit: Seriöse Hilfsangebote können zwar nicht mit spektakulären Heilversprechen aufwarten, dafür den Patienten diffuse Ängste nehmen.?

(Tages-Anzeiger/Zürich, 19.9.15)

 

 

 

Diagnose Krebs

Wie die Seele bei einer Erkrankung mitkämpft

Cottbus. Rund 500 000 Menschen in Deutschland werden jährlich mit der Diagnose Krebs konfrontiert. Wie lernen sie, damit zu leben

Ihre Haare sind raspelkurz. Aber sie wachsen wieder. In das Gesicht, viele Wochen wie versteinert vor Angst, ist das Lächeln zurückgekehrt. "Ich lebe wieder", sagt Kati Meierding*, während sie sich auf die Chemotherapie in der onkologischen Tagesklinik des Cottbuser Carl-Thiem-Klinikums vorbereitet. Im vergangenen Herbst hatte die Sprembergerin selbst einen Knoten an der rechten Brust getastet. Nicht größer als ein Kirschkern war er. Und doch hat er ihr von Anfang an eine fürchterliche Angst eingejagt. Von einer Untersuchung zur nächsten ist sie größer geworden. "Nach der Biopsie erhielt ich die Diagnose: bösartig. Ich wäre vor Angst fast gestorben, habe regelrecht mit den Zähnen geklappert", erinnert sich die 46-Jährige. Zumal ihre Mutter den Folgen einer Krebserkrankung erlegen war.

Meierding wurde operiert. Brusterhaltend. Dann die erste Chemotherapie. "Ich konnte mich kaum noch bewegen, nicht sprechen, die Haare gingen aus. Ich lag nur im Bett und nahm zu", so empfand sie es. Nicht mal ihren fünfjährigen Sohn wagte sie zu umarmen vor Furcht, sie könnte sich ein Virus einfangen. Irgendwann wollte sie nicht mehr nur zusehen, wie ihr Körper verfiel. Sie begann sich mit ihrem Mann, der auch schockiert war, dafür zu interessieren, wie sie selbst dem Krebs die Stirn bieten könnte. "Vorher hatte ich gar keine Ahnung, welche komplementärmedizinischen Möglichkeiten es gibt. Aber je mehr ich recherchierte, umso mehr verschwand in mir die Angst", sagt sie.

Sie beschäftigte sich mit naturheilkundlichen Verfahren, die sich ihr nicht als Gegensatz, sondern als sinnvolle Ergänzung zur Schulmedizin empfahlen, stieß auf unterschiedliche Forschungen und Begleittherapien, die das Immunsystem wappnen sollen. Setzte auf die Stärken von Vitamin C bis hin zu Selen-Enzympräparaten. Und gewann mit zunehmendem Mut und Gedankenkraft nach und nach auch wieder an Lebensqualität. "Ich finde es wichtig, mich nicht einfach meiner Krankheit ausgeliefert zu fühlen, sondern auch eine aktive Rolle in der Behandlung zu übernehmen", sagt die Lehrerin, die auch andere Patienten ermutigen möchte.

"Ich will selbst Mitverantwortung tragen. Deshalb brauche ich Aufklärung über die Möglichkeiten der Schulmedizin wie über die Möglichkeiten von Naturheilkunde und spezieller Ernährung. Als mündige Patientin muss ich wissen, was ich bekomme und was noch sinnvoll ist, egal, ob es die Krankenkassen bezahlen oder nicht. Das ist für mich integrative Onkologie", sagt sie bestimmt. Da gebe es derzeit noch Defizite. Deshalb nehme sie auch Kontakt auf zur Selbsthilfegruppe "Mamazone", erzählt sie, bevor sie zurück zu ihrer Liege geht. Schwester Steffi erwartet sie dort schon mit der Chemo-Ration des Tages - und einem Lächeln, das Mut macht.

Auch Oberärztin Kerstin Gutsche hat dieses Lächeln für jeden ihrer Patienten parat. Auch wenn die Zahl der betreuten Patienten in den letzten Jahren stark gestiegen ist. "Künftig soll Betroffenen am Carl-Thiem-Klinikum in einem onkologischen Zentrum mit geballten Kräften geholfen werden", sagt sie. Spezialisten aus 15 verschiedenen Fachrichtungen haben es gegründet. Bis Ende des Jahres soll es durch die Deutsche Krebsgesellschaft zertifiziert werden. Für Betroffene eine Anlaufstelle, die Vertrauen bilden und Sicherheit auf dem höchsten Wissensstand der Schulmedizin geben soll. "Ein Standardrezept gegen die Angst aber habe ich auch nicht", gibt die Oberärztin zu. Gerade deshalb hat sie das wohl zum Thema eines öffentlichen Vortrages gemacht. Sie weiß: "Mit der Diagnose Krebs ändert sich plötzlich alles im Leben. Nicht nur für die Erkrankten, sondern auch für die Familienangehörigen und Freunde."

Angst zu haben vor der Operation, den Folgen der Chemotherapie, der Bestrahlung, vor Schmerzen und Einschränkungen des Lebens sei dabei völlig normal, gefährde doch diese Krankheit das Leben, bedeute auch die unausweichliche Auseinandersetzung mit dem Tod. Gutsche macht ihren Patienten im Aufklärungsgespräch nichts vor, zeigt ihnen offen die Möglichkeiten und Grenzen der Weiterbehandlung, um ihnen Entscheidungen zu erleichtern. Ihr ist es wichtig, dass Angehörige bei diesen Gesprächen dabei sind. Sie können positiv auf die Betroffenen einwirken, ihnen im Nachhinein auch manches erklären, was oft im Nebel des Schocks nicht aufgenommen werden kann.

Wenn Patienten völlig zusammenbrechen, besteht schon in der onkologischen Tagesklinik die Möglichkeit einer psychoonkologischen Mitbetreuung. Zwei Psychoonkologen arbeiten derzeit am Klinikum. Darüber hinaus muss es eine Weitervermittlung an niedergelassene Psychologen geben. "Mir begegnen hier aber eher wenige Patienten, die das wünschen. Wenn sie sich hier sicher und gut betreut und aufgeklärt fühlen, werden sie hier auch über ihre Sorgen sprechen", glaubt die Oberärztin. Aus ihrer Sicht benötigt der Patient neben der fachkompetenten Beratung vor allem ein soziales Netz, das seine Ängste auffängt und mit trägt. Aber die Ängste werden wohl nie ganz verschwinden.

Deshalb ist auch die Nachsorge wichtig, in der anfangs vierteljährlich Blutwerte und bildgebende Befunde kontrolliert und auch die nächsten Schritte besprochen werden. Da gibt es Kontakte mit den Hausärzten, Hauskrankenpflegen und ambulanten Palliativdiensten.

Was die Eigenverantwortung betrifft, ist sie nah bei Kati Meierding: "Ich sage jedem Patienten offen, wie die Chancen stehen. Sie sollen die Gefährlichkeit der Krankheit richtig einschätzen. Gleichzeitig unterstütze ich sie darin, all das zu tun, was ihre Kräfte stärkt. Wobei sie sich vor Scharlatan-Angeboten, die nur Geld verschlingen, vorsehen sollten."

(*Name geändert)

(RP online, 17. Juni, Ida Kretzschmar)

 

 

Für junge Erwachsene bei Krebs:

Experten fordern bessere Therapien

Weil Krebs in jungen Jahren eher eine Seltenheit ist, macht das den Umgang mit der Situation für Betroffene besonders schwer. Auch weil die Therapien unfruchtbar und arbeitsunfähig machen können. Nun wollen Mediziner verstärkt handeln.

Berlin. Geheilt oder nicht? Das erfährt Bernd Zienke in rund fünf Jahren. Eine lange Zeit für einen 22-Jährigen. Alle drei Monate muss er sich bis dahin untersuchen lassen. Nicht einmal ein Jahr ist es her, dass er wegen Darmkrebs operiert wurde, die Chemotherapie hat er seit September hinter sich. Zienke gehört zu den Patienten, denen eine neue Stiftung besser helfen will: jungen Menschen mit Krebs.

Zwar sind nur rund drei Prozent aller neu diagnostizierten Krebspatienten in Deutschland zwischen 15 und 39 Jahren alt. Gerade diese Seltenheit aber halten die Mediziner hinter der Stiftung für tückisch. Denn die jungen Patienten befinden sich in einer völlig anderen Lebenssituation als die meisten älteren Krebspatienten: Sie sind in der Ausbildung, wollen vielleicht bald Kinder bekommen und haben sich wohl selten mit dem Tod auseinandergesetzt.

„Mit der Diagnose konnte ich zunächst nicht viel anfangen“, erzählt Bernd Zienke. „Ich wusste, dass es etwas Schlimmes ist.“ Angefangen hat es bei ihm mit leichten Bauchschmerzen, die er für eine Muskelzerrung hält. Als ein Familienmitglied ihn eines Abends ins Krankenhaus bringt, weil er sich kaum noch bewegen kann, wird er abgetastet und entlassen. Am nächsten Tag geht er wieder arbeiten.

Er ist damals noch in der Probezeit, als Elektroniker für Betriebstechnik im Anlagenbau. Auf der Baustelle packt er oft mit an. Weil die Schmerzen anhalten, geht er schließlich zum Hausarzt, der sein Blut untersuchen lässt. Schnell erkennen die Ärzte nun, was los ist.

Er wird operiert und ist nach zwölf Tagen wieder zu Hause. Dort bleibt er für sieben Wochen. Parallel zur Arbeit beginnt schließlich die Chemotherapie: „Es wurde mit der Zeit immer unverträglicher, ich hatte immer mehr Schmerzen und wurde unkonzentrierter“, sagt Zienke. Den Schraubenschlüssel, den er neben sich legt, findet er wenige Minuten später nicht wieder.

Langfristig werden nach Daten der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie (DHGO) mehr als 80 Prozent der jungen Krebspatienten geheilt. Neben Kindern mit Krebs hat die Altersgruppe am längsten mit den Folgen der Anti-Tumor-Therapien zu kämpfen, wie Professor Volker Diehl aus dem Kuratorium der Stiftung für Junge Erwachsene mit Krebs sagt. Die Folgen für Sexualität und Kinderwunsch seien häufig gravierend. Dabei gebe es Möglichkeiten, die Fruchtbarkeit zu erhalten - wenn sie denn frühzeitig aufgezeigt würden.

Die Stiftung will passgenaue Angebote schaffen: zum Beispiel Chats im Internet, damit sich Patienten austauschen können. Denkbar seien auch Programme, die Armut vorbeugen und bei der Rückkehr ins Berufsleben helfen. Bernd Zienke hatte Glück: Sein Arbeitgeber hielt trotz Fehlzeiten und Ungewissheit an ihm fest.

Manche haben nach der Therapie noch lange mit schwerer Müdigkeit zu kämpfen. Daneben leiden die jungen Patienten auch unter Einschränkungen im sozialen Bereich, haben psychische und finanzielle Problemen, wie Forscher in dem Projekt AYA (Adolescents and Young Adults) am Uniklinikum Leipzig herausgefunden haben. Knapp 120 Betroffene wurden zu ihrer Situation befragt. Projekte wie dieses gibt es hierzulande erst seit wenigen Jahren. Ebenso selten sind spezialisierte Rehakliniken, sagt Professor Ulrich Keilholz vom Comprehensive Cancer Center der Berliner Charité (CCCC).

Fünf bis acht junge Krebspatienten werden dort in der Regel stationär behandelt, viele weitere ambulant. „Die Situation ist unbefriedigend“, sagt Keilholz. Die Patienten seien oft zwischen Pädiatrie und Erwachsenenmedizin angesiedelt: Manche seien eher „alte Kinder“, andere würden mit der Krankheit kindlicher. Am CCCC überlege man deshalb, eine Station eigens für diese Patienten zu schaffen.

(Hannoversche Allgemeine Zeitung, 24.11.14, dpa)

 

 

Psychotherapie hilft Krebspatienten mit Depressionen kosteneffektiv

Oxford – Britische Psychiater haben eine spezielle Psychotherapie für Krebspatienten entwickelt. Die von einer Fachpflegekraft beim Onkologen durchgeführte Therapie hat sich in zwei Studien bei Krebskranken mit guter und ungünstiger Prognose als wirksam erwiesen.

Depressionen sind bei Krebspatienten häufig. In einer aktuellen Untersuchung aus Schottland litten nicht weniger als 13,1 Prozent aller Patienten mit Lungenkrebs an einer Major-Depression. Bei gynäkologischen Krebserkrankungen betrug die Prävalenz 10,9 Prozent, bei Brustkrebs 9,3 Prozent, bei Darmkrebs 7,0 Prozent und bei Malignomen des Harn- und Geschlechtsapparats waren es noch 5,6 Prozent.

Nach der Studie, die Jane Walker von der Universität Oxford jetzt in Lancet Psychiatry (2014; doi: 10.1016/S2215-0366(14)70313-X) publiziert hat, erhielten drei Viertel aller Patienten keine psychiatrische Behandlung. Um diese Versorgungslücke zu schließen, hat die Psychiaterin eine für Krebspatienten entwickelte Psychotherapie „behavioral activation and problem-solving therapy“ auf die Verhältnisse des britischen Gesundheitssystems angepasst.

An den einzelnen Zentren wurde eine Onkologie-Pflegekraft in einem dreimonatigen Kurs geschult, um eine Kurztherapie der Major-Depression bei Krebspatienten durchzuführen, deren Vertrauen sie erworben hat. Sie wird dabei konsularisch von einem ausgebildeten Psychiater begleitet. Die Pflegekraft besucht den Patienten zunächst zuhause und hält später telefonisch Kontakt zu ihm. Sie kann neben der Psychotherapie auch eine medikamentöse Therapie einleiten, wobei sie (oder er) gelernt hat, die Symptome des Patienten mit einem Patient Health Questionnaire zu erfassen und entsprechend zu reagieren.

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Pilotstudie „SMaRT Oncology-1“ (publiziert im Lancet 2008; 372: 40-48) wurde die „Depression Care for People with Cancer“ (DCPC) jetzt in zwei größeren randomisierten klinischen Studien evaluiert. An „SMaRT Oncology-2“ nahmen 500 Patienten teil, die an einer Krebserkrankung mit guter Prognose litten und eine Major-Depression entwickelt hatten. Zu drei Viertel waren dies frauenheilkundliche Krebserkrankungen und 90 Prozent der Teilnehmer waren weiblich.

Nach den von Michael Sharpe, Universität Oxford, und Mitarbeitern im Lancet (2014: doi: 10.1016/S0140-6736(14)61231-9) vorgestellten Ergebnisse, sprachen 62 Prozent der Patienten gut auf die Therapie an. Bei ihnen war es nach 6 Monaten zu einer Reduktion der Symptome um mindestens 50 Prozent gekommen. Dieses Ergebnis erzielten nur 17 Prozent der Teilnehmer in der Vergleichsgruppe.

Auch in einer kleineren Studie an Lungenkrebspatienten, die in der Regel eine schlechtere Prognose haben, war die DCPC erfolgreich. Die Patienten litten dank der Psychotherapie und der Medikamente weniger unter ihren Existenzängsten und erzielten in den letzten Wochen ihres Lebens noch einen Gewinn an Lebensqualität, wie Walker in Lancet Oncology (2014; 15: 1168-76) versichert. An „SMaRT Oncology-3“ hatten insgesamt 142 Patienten teilgenommen, die auf die DCPC oder eine konventionelle Therapie randomisiert wurden, in der es dem Onkologen überlassen blieb, seinen Patienten Antidepressiva zu verschreiben oder nicht.

Die DCPC kostet laut Walker nur 162 britische Pfund pro Patient und ist damit deutlich günstiger als die (eigentlich notwendige, aber häufig unterlassene) Überweisung an einen Psychiater.

(© rme/aerzteblatt.de, 28. August 2014)

 

Psychoonkologische Betreuung verstärkt Therapie-Erfolge

Wie die Seele hilft, den Krebs zu bekämpfen

Die seelische Verfassung von Krebspatienten entscheidet mit über die Verträglichkeit und letztendlich über den Erfolg einer Tumorbehandlung. FOCUS Online erklärt, warum Krankheit und Therapie so belastend sind und wie Patienten sich helfen lassen können.

Die Diagnose Krebs erschüttert das Leben zunächst wie kaum ein anderes Ereignis. Sie bedroht die Existenz und konfrontiert den Erkrankten mit dem Tod – ungeachtet der tatsächlichen, oft hohen Heilungs- oder Überlebenschancen. „Krebs“ ist noch immer der Inbegriff einer heimtückischen und unvorhersehbaren Erkrankung.

Meist folgen eine Operation oder eine Strahlen- oder Chemotherapie, häufig auch beides. Eine Krebserkrankung verändert den Alltag und das bisherige Leben des Betroffenen radikal. Eine Chemotherapie hat -  vorübergehend - viele körperliche Nebenwirkungen, etwa den Verlust von Haaren, Leistungsfähigkeit und Übelkeit. Zudem bringt die Behandlung oft auch die bisherigen sozialen Rollen in Familie und Beruf sowie die gesamte Zukunftsperspektive durcheinander. Die Diagnose macht einen Gesunden von einem Augenblick zum nächsten zu einem Patienten, dessen Leben scheinbar in den Händen von Medizinern liegt.

„Die Bedeutung der Psyche wird bei einer Krebserkrankung noch immer häufig unterschätzt“, erklärt Psychoonkologin Monika Keller von der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik der Medizinischen Universitätsklinik Heidelberg. „Krebs bringt neben den medizinischen Problemen unvermeidlich auch Ungewissheit, Ängste und tiefe Verunsicherung mit sich“, sagt sie. Und das „Gefühl des Ausgeliefertsein“, sagen viele Patienten, gehöre zu den schlimmsten psychischen Belastungen einer Krebserkrankung. Aber man kann etwas dagegen machen.

Kontrolle wiedergewinnen

Vor allem sei es für den Willen, eine Therapie durchzuhalten, immens wichtig, dass der Patient die Kontrolle über sein Leben wiedergewinne. Dabei können wichtige Bezugspersonen, der Arzt oder ein Psychoonkologe helfen.

Das Bild der Psychoonkologie habe sich in den vergangenen Jahren gewandelt, erklärt Keller. Die Stigmatisierung der Patienten sei immer mehr weggefallen. „Psychoonkologie ist nicht die Behandlung von psychischen Störungen, sondern die Unterstützung von Menschen in einer Lebenskrise“, sagt sie. Dabei gehe es vor allem darum, dass Patienten -  bei aller Verunsicherung und Angst - ihre Stärken und Fähigkeiten wieder entdecken und für sich nutzen können. „Die Psychoonkologie soll Motivation zur Selbsthilfe geben.“

Die Patienten nehmen psychoonkologische Angebote heute häufiger wahr als früher. Laut aktueller Zahlen wünscht sich knapp die Hälfte der Krebspatienten seelische Unterstützung. Psychoonkologische Beratungsstellen gibt es heute in fast jeder Klinik, die Tumorpatienten behandelt. (Einen Überblick über die Angebote hat das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) auf seiner Internetseite.) In einer aktuellen Befragung nannte fast die Hälfte von Krebspatienten in den USA Krebs als die Erkrankung, die sie vor allen anderen am meisten fürchten; 32 Prozent bezeichneten die Krankheit als die „größte Katastrophe“ in ihrem Leben.

Therapie ist immer freiwillig

„Häufig reicht es schon, wenn sich ein Patient mit Hilfe eines Therapeuten bewusst macht, dass er trotz der schweren Krankheit noch immer die Fäden in der Hand hält, dass er die Wahl hat und eigene Entscheidungen treffen kann“, sagt Keller. Denn niemand kann und will einen Patienten zu einer Behandlung zwingen. „Aber wenn ein Patient sich selbst für eine Behandlung entscheidet, bewältigt er auch eine belastende Therapie viel besser.“

Patienten mobilisieren immense Kräfte

Ein Patient könne viel mehr Kräfte mobilisieren, wenn er sich selbst für eine Sache entschieden hat, als wenn er den Eindruck hat, sie werde ihm von außen aufgezwungen. „Die innere Einstellung gegenüber einer Therapie ist unendlich wichtig“, sagt Keller. Und Patienten müssen sich in der Obhut ihrer Ärzte sicher fühlen. Denn eine Therapie sei besser verträglich, wenn der Patient wisse, dass er und sein Arzt an einem Strang ziehen. „Eine bedrohliche Erkrankung braucht einen starken Verbündeten“, sagt Keller.

Viele, vor allem jüngere Patienten entwickeln enorme Fähigkeiten, mit denen sie eine belastende Therapie überstehen. „Bei ihnen taucht die Erkrankung in einer Lebensphase auf, in der sie eigentlich gar keinen Platz hat“, berichtet Keller. „Vielleicht sind sie gerade deswegen häufig kämpferischer als ältere Patienten, die manchmal nicht wirklich wissen, wofür es sich zu kämpfen lohnt.“

Die Seele braucht Zeit

Die Seele verarbeitet die Erfahrungen einer Krebserkrankung zeitlich verzögert. Aber die Rückkehr in die Welt der Gesunden gelingt den meisten sehr gut, berichtet Keller. Vielen ehemaligen Patienten gibt eine überstandene Erkrankung einen neuen Lebenssinn. Sie berichten, dass sie alltäglicher Ärger viel weniger störe als früher. Die Konfrontation mit einer Lebensbedrohung relativiere Alltagsprobleme und Stress. „Eine Krebserkrankung verschiebt die Maßstäbe in jeder Hinsicht“, weiß die Psychoonkologin.

Keller rät Angehörigen und Freunden zur größtmöglichen Offenheit: „Für die Erkrankten ist es wichtig zu wissen, dass sie nicht im Stich gelassen werden.“ Sie müssen wissen: Es gibt Menschen, denen ich wichtig bin, egal ob mit oder ohne Krebs.

Doch gut gemeinte Ratschläge können auch negativ ankommen, warnt Monika Keller. „Du musst positiv denken und kämpfen“, heißt dann aus der Sicht eines Erkrankten schnell: „Wenn du es nicht schaffst, hast du nicht genug gekämpft“.

Wie Psyche und Therapieerfolg zusammenhängen

Betroffene suchen häufig nach den Ursachen für ihre Krebserkrankung. Dabei stellen einige schnell einen Zusammenhang zwischen psychischen Belastungen und Krebs her. Doch bislang konnten Forscher keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Stress, Depression oder anderen Persönlichkeitsmerkmalen und einer Krebserkrankung finden. Gesichert sind jedoch indirekte Einflüsse. Psychische Probleme können sich durchaus auf das Risiko einer Krebserkrankung auswirken, wenn sie beispielsweise zu gesteigertem Alkohol- und Tabakkonsum, oder zu Vereinsamung und eigener Vernachlässigung führen.

Ebenso gibt es keinen Nachweis, dass sich eine gute psychische Verfassung oder eine Psychotherapie positiv auf den Erfolg einer Therapie auswirkt. Gelingt es den Patienten aber dank psychologischer Hilfe, eine belastende Chemotherapie durchzustehen, die sie sonst vielleicht abgebrochen hätten, so kann sich dies durchaus auf ihre Heilungschancen auswirken.

Zwar gibt es viele Hinweise, dass sich die Psyche auf das Immunsystem eines Menschen auswirkt. Aber der Einfluss des Immunsystems auf den Verlauf einer Krebserkrankung lässt sich nicht so einfach belegen. „Das heißt aber nicht, dass es keinen Einfluss gibt“, sagt Keller. „Denn Körper und Seele sind untrennbar miteinander verbunden.“

Info: Kostenübernahme

Die Kosten einer psychoonkologischen Behandlung übernimmt während einer stationären Behandlung in allen Fällen die Krankenkasse, zum Teil auch während einer ambulanten Behandlung, wie etwa einer Chemotherapie. Auch die kurzfristigen Beratungen in den verschiedenen regionalen Krebsberatungsstellen sind für den Patienten kostenlos.

Ob die Kasse zum Beispiel einen kostenpflichtigen Entspannungskurs zahlt, sollten Patienten direkt bei ihrer Versicherung nachfragen. Grundsätzlich übernehmen laut DKFZ die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten einer Psychotherapie, sofern es sich dabei um ein anerkanntes Verfahren handelt und der Psychotherapeut über eine Kassenzulassung verfügt.

Für private Versicherungen kommt es auf den individuell abgeschlossenen Tarif an.

(Focus online, 23.09.2014, Sybille Möckl)

 

 

Psychoonkologischer Ratgeber "Ich habe Krebs" erschienen 

Ratgeber soll ein möglichst niederschwelliges Angebot sein und dabei helfen, die Diagnose zu verkraften

Wien - Die Diagnose Krebs ist für viele Patientinnen, Patienten und Angehörige ein Schock. 3.000 Betroffene und ihr persönliches Umfeld suchen pro Jahr die Krebshilfe Wien auf. Die Wiener Krebshilfe versucht mit psychoonkologischer Unterstützung, Therapien und Nachsorge dabei zu helfen, diese Diagnose zu verkraften. "Die Zahl derjenigen, die Unterstützung brauchen, ist aber weit größer", heißt es in einer Aussendung der Krebshilfe, die nun den psychoonkologischen Ratgeber "Ich habe Krebs" herausgebracht hat.

Spezialthemen Depressionen oder Sexualität

Für Gaby Sonnbichler, Geschäftsführerin der Wiener Krebshilfe, soll der Ratgeber ein möglichst niederschwelliges Angebot für Patientinnen, Patienten und Angehörige sein. Zudem soll er auch als Einstieg in die Welt der Psychoonkologie dienen. Der Ratgeber soll vom aufkommendem Verdacht auf Krebs über die einzelnen Stadien der Erkrankung bis hin zu einem möglichen Lebensende führen.

Die Spezialthemen zu den Bereichen Schmerz, Depression oder Sexualität sollen beim Umgang mit wichtigen Themen im Verlauf der Behandlung helfen. Ergänzt wird der Ratgeber durch Tipps in Form eines Gesprächsleitfadens für die Kommunikation mit Ärztinnen und Ärzten.

Verfasst wurde der Ratgeber von psychoonkologischen Expertinnen und Experten mit langjähriger Erfahrung in der Arbeit mit Krebspatienten.

(red, derStandard.at / Wien, 20.11.2014)

 

 

Krebs: Jeder dritte Patient braucht psychische Hilfe

Jeder dritte Krebspatient leidet nicht nur an seiner Tumorerkrankung, sondern auch unter psychischen Begleiterkrankungen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), die jetzt im Fachmagazin «Journal of Clinical Oncology» veröffentlicht wurde. 4000 Krebspatienten im Alter zwischen 18 und 75 Jahren wurden dazu befragt.

32 Prozent der Befragten hätten infolge ihrer Krebserkrankung psychologische Hilfe benötigt, erklärte Studienkoordinatorin Anja Mehnert. Angststörungen seien der häufigste Grund gewesen; jeder siebte Studienteilnehmer gab an, an einer solchen Erkrankung zu leiden. Fast jeder neunte Befragte hatte Probleme, mit der neuen Lebenssituation zurechtzukommen (sogenannte Anpassungsstörungen). Jeder 15. Patient litt an einer Depression. Auch von somatoformen Erkrankungen, Substanzmissbrauch und Alkoholabhängigkeit berichteten die Teilnehmer.

Besonders häufig scheinen Brustkrebspatientinnen unter psychischen Begleiterkrankungen zu leiden. 42 Prozent der Teilnehmerinnen mit Brustkrebs gaben an, mit seelischen Problemen zu kämpfen. Auch bei Patienten mit Tumoren in Hals und Kopf sind psychische Erkrankungen häufig (41 Prozent), ebenso bei Menschen mit der Diagnose Schwarzer Hautkrebs (39 Prozent). Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs (20 Prozent), Magen- oder Speiseröhrenkrebs (21 Prozent) und Prostatakrebs (22 Prozent) litten seltener unter seelischen Begleiterkrankungen.

«Die Krebsart, an welcher der Betroffene erkrankt ist, spielt eine wichtige Rolle nicht nur bei der medizinischen Therapie, sondern auch bei der psychoonkologischen Behandlung», erklärte der Leiter der Studie und Dekan der medizinischen Fakultät des UKE, Uwe Koch-Gromus. «Daher benötigt jeder Patient auch auf seelischer Ebene eine auf ihn maßgeschneiderte Behandlung.» Das könne eine einmalige Beratung, aber auch eine Psychotherapie sein.

In einer Pressemitteilung betont das UKE, wie wichtig die Behandlung psychischer Begleiterkrankungen bei Krebspatienten sei. Im schlimmsten Fall könnten sich nicht behandelte psychische Störungen negativ auf den Erfolg der medizinischen Therapie auswirken, heißt es dort.

 (Pharmazeutische Zeitung online, 12.10.14, ah)

  

  

Diagnose lässt viele ins Bodenlose stürzen

Sie werden von Ängsten überwältigt – vor den Schmerzen und vor dem Sterben. Was aber viele Krebspatienten nicht wissen: Es gibt Experten, die dabei helfen, die Ängste erträglich zu machen.

Krebs ist die am meisten gefürchtete Krankheit in Deutschland. Das geht aus einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit hervor. Doch wie überwältigend müssen dann die Ängste der Menschen sein, welche die Diagnose Krebs erhalten?

Bei Matthias Minhöfer begann es mit heftigen Rückenschmerzen, dann konnte er plötzlich nicht mehr laufen. Der heute 64-jährige Berufssoldat im Ruhestand war auf dem Weg zu seinem Ehrenamt als Lesepate in einer Grundschule in Berlin-Neukölln, da passierte es: drei Wirbelbrüche.

Kurze Zeit später wurde bei ihm ein multiples Myelom (MM)/Plasmazytom diagnostiziert, eine Erkrankung des Knochenmarks, die vor allem Menschen zwischen 50 und 60 Jahren trifft. Im Körper wachsen bösartige Plasmazellen, die zu Knochenschmerzen, Knochenauflösung und auch zu spontan Brüchen führen.

Ohne Behandlung verläuft diese Krebserkrankung schnell tödlich. Trotz Therapien bleibt sie unheilbar, die Lebenserwartung liegt je Krankheitsverlauf bei fünf bis zehn Jahren. Eine Diagnose, die einem den Boden unter den Füßen wegreißen kann.

"Der Arzt hat mir die Krankheit erklärt, sachlich und emotionslos", erinnert sich der Wahlberliner Minhöfer. Im Internet stießen er und seine Frau auf ein bundesweites Selbsthilfe-Netzwerk für MM-Patienten und fanden später die Selbsthilfegruppe in Berlin-Brandenburg.

Selbsthilfegruppe eine Kraftquelle

Betroffene können sich austauschen, es werden Informationen über Therapien und die Kooperation mit Ärzten und der Wissenschaft weitergegeben. Inzwischen leitet Matthias Minhöfer die Gruppe mit 140 Mitgliedern, koordiniert die monatlichen Treffen und hilft auch in Einzelgesprächen weiter. Er informiert oder hört einfach nur zu – manchmal lädt er zu einem Spaziergang im Park ein.

Für ihn ist die Selbsthilfegruppe eine Kraftquelle. "Aber sie ist nicht für alle Menschen passend", weiß er. Wer stark emotional belastet sei, dem rate er, sich psychosoziale Hilfe zu suchen.

"Auch wenn heute 60 Prozent und bei einigen Krebsdiagnosen sogar bis zu 90 Prozent der Krebspatienten gute Heilungschancen haben, belastet Angst ihr Leben zusätzlich", weiß der Medizinprofessor Peter Schlag, Vorsitzender der Krebsstiftung Berlin und der Berliner Krebsgesellschaft.

Angst vor Schmerzen, vor den Folgen der Chemo- und Strahlentherapie, vor dem Verlust der Autonomie, davor, seine Liebsten nur noch zu belasten, und natürlich vor dem Sterben.

Selbst nach einer zunächst erfolgversprechenden Behandlung bleibt die Sorge: Kommt der Krebs wieder? Vielen Menschen gelingt es nicht, sich seelisch zu stabilisieren.

Viele entwickeln eine psychische Störung

Gerade zu Beginn der Krankheit sind etwa die Hälfte der Patienten psychisch stark belastet, rund ein Drittel entwickelt im Krankheitsverlauf eine psychische Störung. Am häufigsten sind Angst- und Anpassungsstörungen und Depressionen.

"Ich hatte vor allem Angst vor großen Schmerzen", sagt Matthias Minhöfer. Deshalb überließ er sich "mit Zuversicht und Vertrauen einer guten Schmerztherapie", wie er sagt.

Das Myelom ist nicht heilbar, aber starke Medikamente haben bislang geholfen, dass sich seine Knochen nicht weiter auflösen. Alle vier Wochen wird sein Blut kontrolliert.

Niemand könne Angstgefühle einfach abstellen, sagt Elisa Matos May, Psychoonkologin bei der Berliner Krebsgesellschaft. Aber es gebe Möglichkeiten, sich helfen zu lassen, beispielsweise durch eine psychoonkologische Beratung.

Psychoonkologen – eine Wortschöpfung aus Psychologen und Onkologen – kümmern sich um die emotionalen Belastungen von Krebspatienten und ihren Angehörigen. Speziell qualifizierte Berater unterstützen sie dabei, wichtige Informationen zu bekommen und über die Ursachen ihrer emotionalen Belastung nachzudenken.

160 Beratungsstellen in Deutschland

"Ängste werden ausgesprochen, sortiert, kanalisiert. Und dann wird überlegt, wie sie bewältigt werden können", erläutert Elisa Matos May. Rund 160 solcher Beratungsstellen gibt es bundesweit, schätzt die Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft.

"Aber viele Patienten wissen nichts über eine psychoonkologische Unterstützung und werden nicht weiter vermittelt", kritisiert Susanne Singer, Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft. Die Mainzer Professorin fordert eine bessere Aufklärung der Patienten und eine gesicherte Finanzierung der Beratungsangebote.

Nachweislich hilfreich sind aktive Bewältigungsstrategien, um die Angst einzudämmen: Autogenes Training oder die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR von Mindfulness-Based Stress Reduction), Yoga, Qigong oder Visualisierungsübungen.

"Angstfreie Patienten haben zwar keine besseren Heilungschancen", sagt Matos May, "aber seelische Stabilität hilft, mit der Erkrankung leben zu lernen".

"Weil es förderlich für die Gesundheit ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein", steht auf Matthias Minhöfers Visitenkarte. Voltaires Zitat sagt viel darüber aus, wie er mit seiner schweren Erkrankung umgeht.

"Ich bin im Rückblick und jetzt sehr zufrieden mit meinem Leben", sagt er. Angst habe er selten. Was ihm auch hilft: "Ich bin Pfarrersohn und habe früh gelernt, dass der Tod ganz selbstverständlich zum Leben gehört."

Seine Ruhestätte hat er sich schon ausgesucht: Ein historisches Grab, für das er schon vor seiner Krebsdiagnose die Patenschaft übernommen hatte.

(Die Welt, 4.12.14, Verena Mörath, epd/ec)

 

 

Onkologen empfehlen gezielte Betreuung der Kinder von Krebspatienten

Madrid – Die gezielte Betreuung der Kinder von Krebspatienten verbessert deren Lebensqualität deutlich. Eine entsprechende Untersuchung hat Tobias Weiglein, Onkologe in Weiterbildung in Landshut, auf dem Europäischen Krebskongress ESMO 2014 in Madrid vorgestellt. Er präsentierte dort die Arbeit von „Network Kids“. Die Gruppe bietet rund 50 Kindern krebskranker Menschen in Landshut und Umgebung vielfältige Hilfe.

„Das reicht von der Möglichkeit einer gewissen Ablenkung, beispielsweise im Rahmen gemeinsamer Ausflüge in Begleitung von ausgebildetem Personal, bis hin zu sehr praktischer Unterstützung, etwa im Umgang mit Ämtern und dergleichen“, so Weiglein. „Network Kids" bietet psychologische Hilfe, arbeitet mit Schulpsychologen und Lehrern zusammen, wenn es zu Schulproblemen kommt, finanziert Nachhilfe oder unterstützt auf der Suche nach einer Lehrstelle.

Das Team von Network Kids befragte Kinder und Eltern mittels standardisierter Fragebögen. In den Umfragen gaben 80 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen an, dass die Krankheit des Elternteils ihnen schwer zu schaffen mache. Das Projekt „Network Kids“ fanden 100 Prozent der Befragten hilfreich, zumal sich ihre Gesamtsituation und ihre Fähigkeit, damit fertig zu werden, durch das Projekt deutlich verbessert habe. Neue Freunde hatten 82 Prozent gefunden, 100 Prozent erfreuten sich an den gemeinsamen Aktivitäten.

Von den Eltern empfanden 90 Prozent das Projekt als deutliche Erleichterung der familiären Situation und 100 Prozent gaben an, dass ihr Kind sehr von der Teilnahme profitiere. 48 Prozent der Eltern gaben an, dass die schulische Leistung der Kinder durch das Projekt mit verbessert wurde. „Wir schließen aus diesen Daten, dass Network Kids zwar zeitaufwändig, aber ein durchaus finanzierbares Projekt ist, dass die Lebensqualität, Stressverarbeitung und Entwicklung der Kinder von Krebs betroffenen Familien deutlich verbessert“, so Weiglein.

„Wir meinen, dass derartige Konzepte im Gesundheitssystem eine Förderung und finanzielle Unterstützung finden sollten“, betonte die Ursula Vehling-Kaiser, niedergelassene Onkologin in Landshut und Initiatorin von Network Kids.

(© hil/aerzteblatt.de, 2.10.14)

 

 

 

Kinder brauchen Hilfe:

Wenn Eltern an Krebs erkranken

Bremen - Als Sabrina Larbi das Wort "Krebs" vor ihrem Sohn aussprach, bekam der sechsjährige Jamal ganz große Augen, musste tief durchatmen und fragte: "Musst du jetzt sterben?" Seitdem der Junge von der Krankheit seiner Mutter weiß, hat sich sein Verhalten verändert.

Er ist anhänglicher geworden und er leidet manchmal an Stimmungsschwankungen - Jamal hat Angst, einen Elternteil zu verlieren. Auch wenn Jamals Mutter nicht sterben muss - der Junge hat viele Fragen und für die oft schwierigen Antworten gibt es Fachleute.

Bei Sabrina Larbi wurde Anfang Februar Brustkrebs diagnostiziert. Sie wurde operiert und befindet sich nun im zweiten Block der Chemotherapie, die ein erneutes Ausbrechen der Krankheit verhindern soll. Dennoch sorgt sie sich um ihren Sohn, der Schwierigkeiten hat, all das zu verstehen. "Die Angst ist einfach da, dass er abrutscht, und das möchte ich nicht", sagt die 37-Jährige.

Eltern fällt es oft schwer auf eine kindgerechte Weise mit so einer Situation umzugehen, erklärt die Oldenburger Diplom-Psychologin Angela Paradies. Um Kindern wie Jamal psychologische Hilfe zu bieten, hat sie den Verein "Lichtblick e.V."im vergangenen September gegründet. Derzeit vermittelt Paradies Kinder und Jugendliche an verschiedene Psychologen in der Region, mittelfristig plant sie allerdings direkte Hilfe durch den Verein anbieten zu können.

Bereits ab dem vierten Lebensjahr können Kinder erahnen, welche Konsequenzen eine derartige Krankheit haben könnte, sagt Paradies. Ein außenstehender Ansprechpartner kann mit ihnen über die Sorgen reden, die durch eine Krebsdiagnose entstehen. "Viele Kinder äußern ihre Ängste Zuhause nicht, weil sie spüren, dass ihre Mutter oder ihr Vater besonders belastet sind", erklärt Paradies. Psychologische Hilfe kann eventuellen Spätfolgen durch die emotionale Belastung entgegenwirken.

Dennoch versuchen manche Eltern zunächst ihre Kinder durch Schweigen zu schützen. Oft merkt der Nachwuchs trotzdem, dass etwas nicht stimmt. Sie nehmen die Verhaltensänderung der Eltern wahr, die gehäuften Krankenhausbesuche oder dass einem Elternteil die Haare ausfallen. "Und wenn dann nicht darüber gesprochen wird, dann nimmt das oft einen Verlauf, dass die Kinder entweder aggressiv werden oder sich zurückziehen und schweigen", sagt die Psychologin.

Jamal ist ab August in psychologischer Behandlung. Seine Mutter hofft, dass er dadurch aufgefangen wird. "Dass er dort auch Fragen stellen kann, die ich ihm nicht beantworten kann", sagt Larbi. Der Sechsjährige ist nicht alleine in dieser Situation: Die Deutsche Krebshilfe geht davon aus, dass bundesweit jährlich bis zu 200 000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren die Krebserkrankung eines Elternteils miterleben.

Wie sehr diese Kinder durch die Krebsdiagnose belastet sind, wird oft unterschätzt. Die Ehepartner eines Krebspatienten werden in den meisten Krankenhäusern betreut, aber für Kinder krebskranker Eltern gibt es häufig keine Angebote, sagt Paradies. Deshalb sind betroffene Kinder oft auf die Hilfe von anderen Institutionen angewiesen. Bereits in den ersten Monaten nach der Gründung des auf Spenden angewiesenen Vereins "Lichtblick" merkte Paradies, wie groß der Bedarf in der Weser-Ems-Region ist.

Ähnliche Einrichtungen verzeichnen auch eine große Nachfrage. Das "Pegasus Projekt" aus Bremen, das ebenfalls Kinder krebskranker Eltern unterstützt, betreut auch Hilfesuchende aus Städten in Niedersachsen. Sie bekommen Anfragen aus Osnabrück, Wilhelmshaven und Emden, so die Leiterin und Gründerin des Projekts, Marie-Luise Zimmer. Derzeit hat die Musiktherapeutin zwei Kinder aus Hoya in Betreuung, die fast eine Stunde Fahrt in Kauf nehmen, um das Angebot in Bremen zu nutzen.

Die Beratungsstelle "Flüsterpost e.V. - Unterstützung für Kinder krebskranker Eltern"aus Mainz bekommt Anfragen per E-Mail, am Telefon und im vereinseigenen Online-Forum unter anderem aus Berlin, München und Dresden. "Der Bedarf ist unheimlich hoch, aber es gibt zu wenig spezialisierte Institutionen", so die Leiterin und Mitbegründerin des Vereins, Anita Zimmermann. Daher beantworten die Pädagogen bundesweite Anfragen von Eltern und Kindern auch per Facebook oder WhatsApp.

(SZ, 8.7.16, dpa)

  

 

 

Familienleben mit Krebs:

Ehrlich sein und Alltag beibehalten

Düsseldorf (dpa/tmn) - Kinder reagieren oft mit besonders feinen Antennen auf Veränderungen in der Familie. Erkrankt ein Elternteil, müssen auch die Sorgen der Jüngsten Thema sein. Wer kann helfen? Und wie viel sollten Kinder über die Krankheit wissen?

Wenn ein Elternteil an Krebs erkrankt, bringt das die Welt der Kinder ins Wanken. Die Eltern sind nach einer schlimmen Diagnose oft im Schockzustand und können nicht wie gewohnt auf ihre Kinder eingehen. Experten geben Ratschläge, wie Familien mit der Diagnose Krebs umgehen.

Welche Sorgen haben Kinder krebskranker Eltern?

"Fast alle Kinder sind mit der Frage beschäftigt, ob Papa oder Mama vielleicht an dieser Krankheit stirbt", sagt Georg Romer, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Münster. Wenn Kinder wenig über die medizinische Situation wissen, können auch belastende Eindrücke entstehen durch ausgefallene Haare, Quarantäne oder Kommentare von Gleichaltrigen auf dem Schulhof wie "An Krebs stirbt man!".

Versuchen Eltern, die Krankheit zu verheimlichen, kann das die Situation noch verschlimmern, erläutert Gönna Wichmann, Psychoonkologin und Familientherapeutin der Krebsberatung Düsseldorf. "Durch Geheimnisse rund um die Erkrankung - auch wenn sie gut gemeint sind - fühlen Kinder sich ausgeschlossen aus der Familiengemeinschaft und verlieren an Vertrauen und Sicherheit."

Welche Folgen können diese Sorgen mit sich bringen?

Fast alle Kinder zeigen sich tapfer - mit dem intuitiven Bedürfnis, die Eltern nicht zusätzlich zu belasten, sagt Romer. Bleiben sie mit ihrem Kummer allein, kann das zu Leistungsabfall in der Schule oder psychischen Beschwerden führen. Manche Kinder reagieren, in dem sie sich besonders folgsam und unauffällig verhalten, sagt Wichmann. "Die besondere emotionale Anspannung kann sich auch durch körperliche Beschwerden zeigen wie Schlafstörungen, häufige Bauch- und Kopfschmerzen oder Einnässen."

Wie können Eltern ihren Kindern helfen?

Am wichtigsten ist es, offen mit den Kindern zu sprechen, sie an der Realität teilhaben zu lassen, sagt Kinderpsychiater Romer. Wie das geschehe, hänge vom Alter ab. "Fünfjährige wollen oft wissen, was sich im Alltag ändert. Wo Mama ist, wenn sie behandelt wird oder wer abends da ist, um das Kind ins Bett zu bringen." Zwölfjährige wollen die Krankheit verstehen, beispielsweise wie sie entsteht. Eltern sollten auch sagen, dass sie manchmal traurig sind und Angst haben - gleichzeitig erklären sie, was ihnen Mut macht und sie tröstet. "Das gibt den Kindern ein Modell der Stressbewältigung kindgerecht an die Hand", rät Romer.

Wichmann empfiehlt, die Kinder im Alltag in kleine, altersentsprechende Aufgaben einzubeziehen. Dann bekommen sie das Gefühl, helfen zu können. Und: Eltern sollten ihre Kinder ruhig auffordern, das Leben trotzdem zu genießen, Freunde zu treffen, zu spielen und zu lachen.

Was können Freunde, Bekannte und Angehörige tun?

Wichtig ist es, "krebsfreie Zeiten" zu schaffen. "Kinder brauchen die Erfahrung, dass keine Krankheit die Macht hat, das Leben komplett auszuhebeln", sagt Romer. Schule und Hobbys sollten weitergehen, das sei auch für die Eltern entlastend. Hier könnten Freunde und Angehörige Unterstützung leisten. Zudem können sie konkrete Aufgaben im Alltag übernehmen und Gesprächspartner sein, ergänzt Wichmann.

Wo können Familien Hilfe suchen?

"Sie können sich bereits im Krankenhaus vom Sozialdienst beraten lassen", sagt Wichmann. Wenn Kinder unter zwölf Jahren betreut werden müssen, bieten die Krankenkassen Familienpflege. Mitarbeiter von Krebsberatungsstellen begleiten Familien durch Gespräche. Außerdem werden spezielle Eltern-Kind-Kuren angeboten.

(Süddeutsche Zeitung u.a., 28.1.15, dpa/tmn)

 

 

Software soll Patienten-Gespräch bei Krebs verbessern

Tiroler Forscher arbeiten an einer Software, die bei Krebstherapien die Kommunikation zwischen Arzt und Patient verbessern und so die Lebensqualität erhöhen soll. Das Programm soll die Patientensicht stärker gewichten.

„Zur personalisierten Therapie chronischer Erkrankungen wie Krebs gehört auch die zielgerichtete und auf den jeweiligen Kranken individuell abgestimmte Kommunikation“, sagte Bernhard Holzner von der Klinik für Biologische Psychiatrie. Das Computerprogramm soll einen Beitrag dazu leisten, betonte Holzer, der sich seit zwei Jahrzehnten damit beschäftigt, der subjektiven Sicht von Krebspatienten im Laufe ihrer Behandlung mehr Gewicht zu geben.

Verschiedene Belastungen erkennen

Die Entwicklung eines computer-adaptiven Fragebogens zur Erfassung der Lebensqualität wird vom österreichischen Forschungsfonds FWF gefördert. Dieses Instrument soll helfen, unterschiedliche Belastungen und Probleme von Krebspatienten zu erheben.

Die von den Betroffenen gewonnenen Informationen werden den Ärzten unmittelbar zur Verfügung gestellt und stellen für die behandelnden Mediziner „wertvolles Wissen“ dar, erläuterte Holzner: „Wir können Patientengespräche zielgerichteter und damit wirkungsvoller gestalten. Das gesamte Team kann so die Therapie jeweils individuell anpassen.“

Im gesamten Prozedere würden strenge Datenschutzrichtlinien eingehalten. In die bis 2017 laufende Studie sollen über 500 Patienten an der Innsbrucker Klinik im Alter zwischen 18 und 80 Jahren mit unterschiedlichen Krebsdiagnosen eingebunden werden.

Wie schwer sind Beeinträchtigungen?

Als weiteren Beitrag zur besseren Identifikation körperlicher und seelischer Symptome arbeitet der Nachwuchsforscher Johannes Giesinger an der Klinik für Biologische Psychiatrie sowie am Netherlands Cancer Institute in Amsterdam an der Festlegung sogenannter „Schwellenwerte“ für körperliche und seelische Beeinträchtigungen.

Die klinisch relevanten Beeinträchtigungen wie etwa körperliche Leistungsfähigkeit, Schmerzen oder Erschöpfung sollen durch diese Daten besser erkenn- und behandelbar werden. Dabei fuße die Festlegung der Schwellenwerte nicht nur auf dem Schweregrad, sondern auch darauf, wie sich ein Symptom auf den Alltag auswirke, hieß es.

Programm sucht patientenbezogene Fragen selbst

Der in Innsbruck mitentwickelte Fragebogen verwendet - im Gegensatz zu herkömmlichen Messinstrumenten zur Erfassung der Selbsteinschätzung chronisch Kranker - auf den jeweiligen Patienten zugeschnittene Fragen. Basierend auf den Antworten wird die sinnvollste nächste Frage ausgewählt. Dies erhöht laut dem Forscher die Messgenauigkeit und verringert die Gesamtzahl der Fragen an mitunter schwer kranke Menschen.

Die relativ junge Fachdisziplin der „Lebensqualitätsforschung in der Onkologie“ untersucht, wie es Krebspatienten während ihrer Behandlung, aber auch auf lange Sicht geht. Auf diesem Feld leiste die Innsbrucker Universitätsklinik für Biologische Psychiatrie seit über 20 Jahren Pionierarbeit, hieß es. Die Gruppe entwickle beispielsweise nicht nur computer-adaptive Tests, sondern auch internetbasierte Patienten-Portale, die etwa die Erhebung des Gesundheitszustandes über den Krankenhausaufenthalt hinaus ermöglichen.

(ORF, 26.02.2015)

 

 

Nach dem Krebs kam das bessere Leben

Es sei die schlimmste, aber auch die beste Zeit ihres Lebens gewesen, sagt die eine. Es hätte ihr nichts Besseres passieren können, die andere. Wie zwei Patientinnen mit ihrer Krankheit umgehen.

„Es war die schlimmste, aber auch die beste Zeit meines Lebens.“ Andrea Nicolaus überlegt lang, ehe sie weiterspricht. Wenn sie dann erzählt, wie die Diagnose Brustkrebs ihr Leben verändert hat, überwiegt aber eine heitere Gelassenheit. Natürlich war da der erste Gedanke „Scheiße!“. Und gleich danach die Frage „Warum ich?“ Doch schon kurz danach war ihr klar, dass sie nun schauen musste, wie sie mit der Diagnose zurande kommt. Nur nicht in Panik verfallen, nur nicht verzweifeln. Sondern einfach tun, was notwendig ist. Als studierte Medizinerin war das eine klassische schulmedizinische Behandlung: Operation, Chemotherapie, Bestrahlung. Natürlich sei das nicht angenehm gewesen. „Diese flaue Übelkeit, der Haarverlust – der ganze Körper verändert sich physiologisch komplett.“ Dass sie selbst Ärztin war, machte die Sache auch nicht leichter – sie empfand es eher als Makel, wenn sie einem Arzt gegenübersaß, der wusste, dass er mit einer Kollegin sprach. „In dem Augenblick ist man ein ganz normaler Patient, der genauso Angst hat und Fragen stellt.“

Sorgen nützen nichts

Es gab natürlich viele gute Ratschläge von Freunden und Bekannten. Aufmunternde Worte, dass sie positiv denken müsse. Doch sie beschloss, selbst den Takt und die Richtung vorzugeben. „Sorgen nützen mir nichts, sie bringen mich nicht weiter. Dramatisch ausgedrückt: Es war mein Kampf, dabei kann mir keiner helfen.“ So kämpfte sie, durchlitt die Therapie – und irgendwann hatte sie es geschafft. Und das Ende der Krankheit markierte für sie den Beginn eines neuen Lebens. Denn in dieser harten Zeit hatte sich die gebürtige Kärntnerin viel mit sich selbst beschäftigt. „Das macht einem schon den Blick auf das eigene Leben klarer.“ Banalitäten, über die sie sich früher aufgeregt hätte, waren plötzlich unwichtig.

Das Leben danach – da kommt schnell der Gedanke, dass man nun kürzertreten muss. Doch das sieht Nicolaus ganz und gar nicht so: „Mein Tagesablauf hat sich überhaupt nicht geändert, ich arbeite nach wie vor viel zu viel.“ Aber all die Sorgen, die sie früher vielleicht in die Verzweiflung gestürzt hätten, nimmt sie nun nicht mehr so wichtig. Wenn sie Lust hat, um zwölf Uhr aus dem Büro zu gehen, macht sie das einfach. Und wenn sie bis drei Uhr morgens arbeiten will, ist das genauso okay. „Es war immer mein Wunsch, das Jetzt genießen zu können, ich habe mich aber immer von Dingen, die die Zukunft betreffen, einfangen lassen. Wenn ich heute aus dem Fenster schaue, kann ich mich in diesem Augenblick darüber freuen.“ Es mag paradox scheinen – aber für Andrea Nicolaus hat die Krankheit viel Positives bewirkt. Auch wenn sie über die Erfahrungen damit sagt: „Ich wünsche es niemandem.“

Ingrid Poxleitner aus Kirchdorf an der Krems hat eine ähnliche Erfahrung gemacht. Auch sie blickt heute positiv auf ihre Erkrankung zurück: „Nichts Besseres hätte mir passieren können“, sagt sie. „Ich weiß, es hört sich komisch an, aber es ist so.“ Als Poxleitner 2008 die Diagnose Brustkrebs bekam, dachte sie zuerst: „Das war's.“ Krebs und Sterben, das war für sie seit Jahrzehnten die Assoziation. „Ich hatte mich mit dem Thema ja nie auseinandergesetzt.“ Als ihr wenig später der Arzt noch einmal die genaue Lage erklärte – ein kleiner Tumor, keine Metastasen – war die Angst weg. Und nach der Operation die Zurückhaltung, die ein Leben lang all das, was sie sagen wollte, nicht über ihre Lippen kommen ließ. „Nach der Operation habe ich mir gedacht: Ich muss mein Leben ändern. Ich will nicht mehr das Duckmauserl sein.“

Poxleitner änderte ihre Einstellung zum Leben schnell und radikal. Als sie im Rahmen der Behandlung die Möglichkeit eines Besuchs bei einer Psychotherapeutin bekam, konnte diese nur staunen – und um ein Treffen nach dem Ende der Therapie bitten, „um zu sehen, ob ich dann immer noch so denke“. Poxleitner will heute nicht sagen, dass ihr altes Leben schlecht gewesen wäre. Aber unglücklich war sie immer. „Ich bin so aufgewachsen: Der Mann geht arbeiten, die Frau bleibt zu Hause.“ Nie habe sie sich widersprechen getraut, nie eine eigene Meinung geäußert – wie die eigene Mutter, damals, auf dem Land (ihr Vater hat getrunken und zugeschlagen). „Innerlich wollte ich vieles nicht, aber ich habe nie etwas gesagt.“

Heute kann sie über alles sprechen. Und sie ist immer noch für alle da – aber auch für sich. Sie passt gern auf ihre Enkelkinder auf, hilft anderen. „Aber wenn ich schon etwas vorhabe, sage ich auch einmal Nein. Das hätte ich früher nie.“ Vor allem die Enkelkinder sind es, die ihr Energie geben. Von der bevorstehenden Geburt ihres ersten Enkelkindes hatte sie kurz nach der Diagnose erfahren, die Nachricht hatte sie motiviert. „Ich wollte sie aufwachsen sehen, verwöhnen. Eine gute Oma sein, so wie ich mir eine Oma immer vorgestellt hab.“ Von Kinderlachen, einem Lächeln zehrt sie heute lang. „Früher hab ich das gar nicht gesehen. Oder wollte es nicht sehen.“

"Früher habe ich mich nicht gemocht"

Inzwischen hat sie eine zweite Operation hinter sich, auch rechts war ein Knoten entdeckt worden, die Brust musste abgenommen werden. Seit Herbst ist die 60-Jährige in Pension. Sie wandert, genießt das Leben, hakt Punkte von ihrer neuen Wunschliste ab. Bei Mondschein spazieren gehen, mit dem Riesenrad fahren. Venedig hat sie gesehen, es war nicht so schön wie im Traum. Bedurfte es wirklich der Krankheit, um umzuschalten? „Helfen“, sagt Poxleitner, „hätte mir jedenfalls keiner können. Es hat ja keiner gewusst, wie es in mir ausschaut.“

Ihre Veränderung wurde auch sichtbar: Nach der Chemotherapie kehrte sie nicht mehr zu ihrem Pagenkopf zurück, trägt ihre Haare heute kurz, kleidet sich statt in Grau und Schwarz in frischen Farben. „Früher habe ich mich nicht gemocht. Heute schon. Manchmal stelle ich mich vor den Spiegel und sage: ,Du bist eigentlich noch ganz fesch.‘“ Alle, die sie von früher kennen, erzählt Poxleitner, sagen ihr, sie sei nicht mehr die, die sie einmal war. Ihre Antwort: „Gott sei Dank.“

 

Zum Buch

„Lebe! Diagnose Krebs als Chance zur Veränderung“

Manche Menschen, sagt Autor Thomas Hartl, empfinden eine Krebsdiagnose als Wink mit dem Zaunpfahl. Mit 24Betroffenen hat er gesprochen, hat erkundet, wie es ihnen nach der Diagnose geht. Eine Erkrankung sei eine Chance – aber wohlgemerkt kein Muss. Es dürfe daraus „kein Zwang entstehen, alles umzukrempeln, keine Idealisierung eines Neuanfangs“.

Thomas Hartl ist Schriftsteller und Gesundheitsjournalist. „Lebe!“ erschien im Ueberreuter-Verlag. 208 Seiten, 19,99 Euro. Informationen: www.thomashartl.at

 (Die Presse/Wien, Print-Ausgabe, 05.04.2015, Erich Kocina und Teresa Schaur-Wünsch)

 

 

Der Krebs ist geheilt – und ist doch nicht weg

Für Außenstehende ist es schwer nachvollziehbar. Gilt ein Krebspatient als «geheilt», erwartet die Umwelt, dass alles wieder so ist wie früher. Auch viele ehemalige Kranke haben diese Erwartungshaltung und hegen den Wunsch, der Alltag solle sich so schnell wie möglich normalisieren. Doch Fachleute warnen, dass die Folgen einer solchen Krankheit oft unterschätzt werden. Auch der Psychiater Josef Hättenschwiler vom Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich (ZADZ) hat diese Erfahrung gemacht: «Die Verarbeitung eines solchen Traumas kann dauern, weil es tiefe Verunsicherung und Depressionen auslösen kann.» Viele Patienten hätten durch eine Krebserkrankung das Urvertrauen ins Leben verloren, und damit auch eine gewisse Zuversicht.

Meret Schüller* war 43, als sie an Brustkrebs erkrankte. Für die Physiotherapeutin und Mutter eines siebenjährigen Buben war der Befund «ein Riesenschock, der mein Leben auf den Kopf stellte». Ihre pragmatische Art half ihr jedoch über die Diagnose hinweg: «Ich dachte immer, mein Leben ist jetzt ein langer, dunkler Tunnel, aber wenn ich da wieder rauskomme, fange ich neu an.»

Doch die Dunkelheit dauerte länger als gedacht. Nach einer Brustamputation streuten Metastasen ins Rückenmark. Es folgten mehrere Monate Bestrahlungen und drei Chemotherapien, die erfolgreich verliefen. Seit anderthalb Jahren hat Meret bei den dreimonatlichen Untersuchungen keinen krankhaften Befund mehr und gilt als gesund.

«Nach der Chemo begann ich schnell wieder zu arbeiten», erinnert sie sich. «Doch meine Leistungsfähigkeit war beeinträchtigt. Dinge, die mir früher spielend leicht gefallen waren, strengten mich an. Auch psychisch war ich total durcheinander. Ich sagte mir immer wieder: ‹Jetzt beginnt mein zweites Leben›, aber die Verunsicherung über das Erlebte war stärker als die Zuversicht.» Auch ihr nahes Umfeld konnte sie nicht trösten, obwohl ihre Freunde und ihre Eltern sie immer unterstützt hatten. «Ich fühlte mich total allein, hatte das Gefühl, niemand könne mir helfen.»

Für das nahe Umfeld sind die Nachwirkungen oft nur schwer nachzuvollziehen – denn äußerlich zu sehen sind sie ja nicht. «Es wird völlig unterschätzt, wie lange die Folgen einer Therapie nachwirken können», sagt auch Dirk Jäger, Professor und Direktor für Medizinische Onkologie im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg, in der «Welt».

Auch bei der Arbeit fühlte sich Meret oft unverstanden. Sie hatte ihre Kolleginnen und ihren Chef immer über den Verlauf ihrer Krankheit informiert, «aber von dem Moment an, als ich krebsfrei war, hatten alle das Gefühl, ich müsse wieder 100-prozentig auf der Matte stehen und optimistisch in die Zukunft schauen».

Ihr Fazit über diese Zeit ist bitter: Das Umfeld vergisst schnell. «Ich fühlte mich durch die Krankheit stigmatisiert, hatte das Gefühl, für alle war ich nur noch ‹die mit dem Krebs›.»

Am Anfang ihrer Erkrankung hatte sich Meret von ihrem langjährigen Partner getrennt, der neue Mann an ihrer Seite unterstützte sie nach Kräften, aber auch er konnte nicht verhindern, dass sie Mühe hatte, ihren Körper zu akzeptieren. Auch der Wiederaufbau der Brust änderte das nicht. «Die Narben störten mich nicht wirklich, aber mein Selbstbewusstsein war dahin. Ich hatte den Krebs besiegt, sollte glücklich sein, aber über mir hing ein Damoklesschwert.» Würde sie gesund bleiben? Würde der Tumor zurückkommen?

Dank einer Freundin, der sie sich anvertraute, fasste sie nach langen Überlegungen den Mut, eine Psychotherapie zu beginnen. «Zuerst wollte ich in eine Selbsthilfegruppe für ehemalige Krebspatienten, aber ich wurde nicht fündig. In der Tat gibt es für Krebskranke und ihre Angehörigen viele Selbsthilfegruppen in der Schweiz. Für Menschen, die den Krebs besiegt haben, gibt es aber nur wenige.» Darauf entschloss sich Meret zu einer Einzel-Gesprächstherapie bei einer Psychologin. «Hier konnte ich allen Frust und alle Ängste rauslassen. Etwas, das ich früher nie gemacht hatte.»

Ein guter Entscheid: Nach mehreren Monaten Therapie fühlt sich Meret heute «gut» und sogar «vitaler» als vor ihrer Krankheit. «Ich weiß, es tönt klischiert, aber ich genieße wirklich jeden Augenblick meines Lebens.» Das gelinge ihr natürlich nicht immer, aber «ich lebe viel bewusster als vor meiner Erkrankung». Sie ist überzeugt, dass ihr vor allem die Therapie geholfen habe, das Erlebte zu einem großen Teil zu verarbeiten. «In letzter Zeit spüre ich eine neue Kraft in mir, ich bin stolz auf mich, dass ich die Krankheit durchgestanden habe, nicht an ihr zerbrochen bin.»

Bedauern tut sie nur eines: dass sie so lange gebraucht hatte, bis sie Hilfe angenommen habe. Denn: «Manchmal schafft man das Leben nicht allein.»

*Name geändert

 (Tages-Anzeiger/Zürich, 7. Juni 2015, Silvia Aeschbach)

 

 

 

"Viele Nachbarn wissen nichts von meinem Krebs"

Die Diagnose Prostatakrebs betrifft vor allem ältere Männer über 65 Jahre. Als Winfried K. von seiner Erkrankung erfuhr, war er 47 Jahre alt. Knapp fünf Jahre später prägt der Krebs noch immer sein Leben - und das seiner Familie.

Bitburg. Das hübsche Einfamilienhaus von Winfried und Sabine K. (Namen geändert) steht in einem kleinen Ort in der Südeifel. Der große Garten ist gepflegt. Viel Rasen und ein kleines Hochbeet sind das, was von dem ehemals prächtigen Nutz- und Staudengarten übrig geblieben ist. "Wir haben auch die Bäume fällen lassen, als klar geworden ist, dass schwere Gartenarbeit nichts mehr für mich ist", sagt Winfried K. Der Blick des 51-Jährigen wird dabei wehmütig.

Wir sitzen in der geräumigen Wohnküche, um darüber zu sprechen, wie es ist, mit Krebs zu leben. Sabine K. hat Kaffee und Kuchen gemacht. Die freundliche Frau ist ebenfalls spürbar angespannt. Schließlich ist es auch für den Lebenspartner nicht leicht, mit den Folgen einer Tumorerkrankung zu leben.

Den Krebs besiegen

Knapp fünf Jahre sind seit der Untersuchung vergangen, bei der im Blut von Winfried K. ein deutlich erhöhter Tumormarker (siehe Extra) gemessen wurde. Zweimal im Abstand von drei Monaten musste K. danach noch zur Blutanalyse. Die Werte wurden immer schlechter. "Machen Sie sich keine Sorgen, hat mein Urologe gesagt, als er mir die Entnahme einer Gewebeprobe aus der Prostata empfohlen hat," erinnert er sich. "Als ich dann beim Arztgespräch den dicken Stapel Formulare und Überweisungen auf dem Schreibtisch gesehen habe, wusste ich, was los war."

Die Diagnose Prostatakrebs betrifft zwar vor allem ältere Männer über 65 Jahre. Bei erblich bedingten Erkrankungen kann der Krebs aber auch früher auftreten. "Mein Opa war an Krebs gestorben", sagt Winfried K.

Der Blick des ehemaligen Metallhandwerkers schweift ab, als er davon erzählt, wie er im Brü derkrankenhaus Trier und in der Uniklinik Aachen Zweitmeinungen eingeholt hat, die zu keiner anderen Empfehlung kamen: Operieren!

"Wenn man so etwas gesagt bekommt, dann sitzt man zu Hause und wälzt die Gedanken, wie die Zukunft sein wird. Damals ist mir versichert worden, ein solcher Eingriff habe keine großen Auswirkungen, das ärgert mich schon. Denn inzwischen weiß ich, dass das nicht stimmt."

Die Gefahr von Inkontinenz und Impotenz sind es, die Prostatakrebs zu einem Tabuthema machen. Nur wenn der Tumor nicht zu groß ist und der Eingriff entsprechend nervenschonend vorgenommen werden kann, haben die Betroffenen eine Chance, ihre Potenz wiederzuerlangen.

Sabine K. erinnert sich an den ersten Krankenhausbesuch nach der OP: "So ein Häufchen Elend habe ich selten gesehen." Besonders gut sei es ihrem Mann aber auch zehn Tage später bei der Entlassung nicht gegangen. "Da ging es mir total schlecht", versichert Winfried K., der bereits eine Woche später zur Reha in Bad Wildungen antrat. "Manche Übungen und Angebote konnte ich damals wegen des unkontrollierbaren Harndrangs nicht wahrnehmen. Ich hätte meine Einlagen gar nicht schnell genug wechseln können."

Der Blick des 51-Jährigen sucht erneut einen Fixpunkt auf dem Esszimmertisch, bevor er weiterspricht. "Leider ist dieses Problem bis heute nicht ganz verschwunden. Ich könnte mich noch einmal operieren lassen, aber das will ich nicht."

So gehören gymnastische Übungen zur Stärkung des Beckenbodens seit fast fünf Jahren zum Alltag des Mannes, der nicht mehr schwer heben darf und deshalb auch seinen alten Beruf nicht mehr ausüben kann. "Mein Arbeitgeber hat mich aber zum Glück als Schwerbehinderten in einem anderen Bereich untergebracht." Dünnhäutig sei er geworden. Kurzes Schweigen. "Das liegt auch daran, dass man mir äußerlich nichts ansieht." Er zeigt in Richtung Bauchnabel. "Aber hier drin fehlt etwas."

Einfach waren die vergangenen Jahre auch für die 50-jährige Sabine K. nicht. Ebenso wie ihr Mann hat sie die Hilfe von Psychologen gesucht, um die eigenen und gemeinsamen Sorgen zu verarbeiten. Das wichtigste Erlebnis sei aber die zeitgleiche Kur in der Reha-Klinik Bad Salzig vor einem Jahr gewesen. "Beim Antragsverfahren hat uns die Krebsgesellschaft Rheinland-Pfalz unglaublich viel geholfen, so dass es im dritten Anlauf geklappt hat."

Paargespräche gab es in Bad Salzig nicht, auch kein gemeinsames Zimmer, dafür aber die Bekanntschaft mit vielen Menschen, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. "Wir haben neue Freunde aus dem ganzen Land gefunden, mit denen wollen wir uns nun regelmäßig treffen." Da gebe es ein gemeinsames Verständnis dafür, was die Diagnose Krebs bedeutet, sagt Winfried K. Einmal im Monat fährt er nach Trier, um sich bei der Krebsgesellschaft mit einigen Betroffenen zu unterhalten. "Es geht da aber um allgemeine Themen, das tut gut."

Der attraktive Mann, dem die Erkrankung körperlich nicht anzusehen ist, richtet den Blick in den Garten. "Viele Nachbarn und Kollegen wissen nichts. Wir tragen das auch nicht hinaus." Nur mit guten Freunden sprechen Winfried und Sabine K. offen - sie bitten darum, ihre wirklichen Namen in diesem Bericht nicht zu nennen. Offen reden sie natürlich auch mit der Familie, denn es geht darum, ob weitere Verwandte betroffen sind. "Meinem Bruder habe ich geraten, sich untersuchen zu lassen. Der Krebs, den sie bei ihm gefunden haben, war dann schon viel weiter."

Inzwischen hat er auch seinen erwachsenen Söhnen nahegelegt, den Bluttest zu machen und - falls die Werte für den Tumormarker PSA hoch sind - regelmäßig zu wiederholen.

Das schmucke Einfamilienhaus mit dem pflegeleichten Garten in der Südeifel lässt nichts von der Verzweiflung und den Hoffnungen hinter seinen Mauern vermuten. Diagnose Krebs. Winfried und Sabine K. haben alle Probleme gemeinsam bewältigt. "Es gibt auch Tage, die sind schlecht", sagt der 51-Jährige, der alle drei Monate zur Nachsorgeuntersuchung geht. Ehefrau Sabine nimmt diese Tage hin, auch wenn es manchmal schwierig ist. Sie sagt: "Er ist noch da, alles andere ist nicht wichtig."

(Volksfreund/Trier, 27.5.15)

 

 

Diagnose Krebs: Angriff auf die Weiblichkeit

Wenn Frauen einen Knoten in ihrer Brust ertasten, gerät ihre Welt aus den Fugen. Folgt die Diagnose Krebs, beginnt für die Frau, die nun in erster Linie Patientin ist, ein anderes Leben. Wenn bislang Arbeit und Familie, Planung und Organisation den Alltag bestimmten, die eigenen Belange erst weit nach „die Kinder zum Sport fahren“ und „nach der Arbeit schnell einkaufen“ kamen, kehrt sich die Prioritätenliste mit der Diagnose Krebs schlagartig um.

Prof. Dr. Christine Solbach, Leiterin des Brustzentrums der Universitätsklinik Frankfurt sagt: „Wenn ich einer Patientin die Diagnose eröffne, kommt sehr bald ihre Sorge um die Familie und wie nun alles weitergehen soll zum Ausdruck.“ Anders, als bei den meisten Krebserkrankungen, die im späteren Lebensalter auftreten, trifft Brustkrebs Frauen häufig in jüngeren Jahren. Etwa jede vierte Frau ist noch keine 55 Jahre alt, jede zehnte ist unter 45.

Brustkrebs ist zudem der Krebs, an dem Frauen mit Abstand am häufigsten erkranken. Jede zehnte Frau in Deutschland erhält im Laufe ihres Lebens diese Diagnose. Aber es ist auch der Krebs, der große Chancen auf Heilung hat. Statistiken des Zentrums für Krebsregisterdaten des Robert Koch Instituts weisen 75 000 Neuerkrankungen für 2014 in Deutschland aus. 2010 waren es noch rund 70 000 Neuerkrankungen und knapp 17 500 Sterbefälle. Insgesamt errechnen die Statistiker für 2010 eine 5-Jahres-Überlebensrate von 87 Prozent. Fünf Prozent der Mammakarzinome sind bereits zum Zeitpunkt der Diagnose metastasiert – die Chance auf Gesundung liegt dann deutlich niedriger, als bei lokal und regional begrenzten Tumoren.

Eine Ursache für Brustkrebs wird in hormonellen Einflüssen vermutet. Dazu zählen ein frühes Einsetzen der Regelblutung und eine späte Menopause, also die Zeitspanne, die der Körper einer Frau regelbedingten monatlichen hormonellen Schwankungen ausgesetzt ist. Negativ können sich auch Hormontherapien in den Wechseljahren auswirken oder Hormongaben allgemein. Im Vergleich erkranken Frauen seltener an Brustkrebs, wenn sie Kinder zur Welt gebracht und gestillt haben.

Nur ein geringer Teil, fünf bis zehn Prozent der Erkrankungen, geht auf erbliche Ursachen zurück, nämlich auf Mutationen der Brustkrebsgene I und II, die auch Eierstockkrebs auslösen können. Als sich die Schauspielerin Angelina Jolie vor zwei Jahren vorsorglich das Brustdrüsengewebe und kürzlich auch die Eierstöcke entfernen ließ, drang vielfach erstmals ins Bewusstsein, dass Brust- und Eierstockkrebs überhaupt erblich bedingt sein können. Angelina Jolie, das Sexsymbol, mit Brustimplantat. Eine Nachricht, wie sie deutlicher nicht aufzeigen könnte, dass Brustkrebs mehr als jeder andere Krebs die offensichtliche Weiblichkeit angreift. Zugleich ist er der Krebs, den die Frau selbst an sich ertasten kann, weil er nicht in einem inneren Organ sitzt.

Den Knoten selbst ertasten

Die Krebsvorsorge liegt also mit in den Händen einer jeden Frau, doch nur etwa 15 bis 30 Prozent der Frauen tasten selbst. Viele verlassen sich auf die jährliche Vorsorgeuntersuchung beim Frauenarzt. Dennoch haben in 60 bis 80 Prozent aller Fälle die Frauen selbst den Knoten in der Brust entdeckt, der, wenn er zufällig tastbar ist, schon eine deutliche Größe erreicht haben kann.

Seit zwischen 2005 und 2009 deutschlandweit das Mammografie-Screening zur Krebsfrüherkennung für Frauen über 50 Jahren eingeführt wurde, stieg die Zahl der Diagnosen, da schon kleinste Veränderungen und Krebsvorstufen erkannt werden. Was nicht immer positiv zu bewerten ist, denn das kann dazu führen, dass übertherapiert wird. Das heißt, eine Krebsbehandlung wird eingeleitet, die im Grunde überflüssig wäre. Denn nicht jede Krebsvorstufe entwickelt sich auch zu einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Hier sind sich selbst die Experten uneinig. Es heißt, auf eine Frau, die gerettet wird, kommen zehn, die unnötig operiert werden. Zudem verursacht das Screening durch die Reihenuntersuchung völlig gesunder Frauen enorme Kosten. Und jede Mammografie geht für die Patientin mit der Angst einher, es könne ein bösartiger Tumor entdeckt werden, erst recht, wenn ein „unklarer“ Befund vorliegt. Dass Tumore noch rechtzeitig entdeckt werden können, gibt dennoch für viele Frauen den Ausschlag, am Screening teilzunehmen.

Dazu raten auch die Ärzte aufgrund der Heilungschancen. „Als ich in den 90er Jahren anfing, als Ärztin zu arbeiten, hat man noch ohne vorherige Diagnose den Knoten entfernt, gegebenenfalls eine Schnellschnittuntersuchung durchgeführt und Lymphknoten aus der Achselhöhle entfernt. Heute hat sich das Behandlungskonzept erheblich geändert“, sagt Solbach. Es wird individuell auf die Patientin zugeschnitten: Zunächst wird nach einer Gewebeentnahme genau untersucht, um welche Art Mammakarzinom es sich handelt, denn die Tumorbiologie, dass heißt die Eigenschaften des Tumors, haben heute eine größere Bedeutung als die Größe eines Befundes. Die wichtigste Frage ist: Wie gefährlich ist der Tumor? Wie groß ist er? Wo sitzt er? Ist er schnell wachsend oder nicht, spricht er auf eine Hormonbehandlung an, ist er lokal begrenzt oder hat er schon gestreut? Dann: Wie alt ist die Patientin, wie ist ihre Konstitution, wie sind ihre Lebensumstände? Kann brusterhaltend operiert werden und wie?

Sind alle Faktoren bedacht, wird das Behandlungskonzept erarbeitet. Je nach Eigenschaften des entdeckten Tumors, kann zunächst eine Chemotherapie erfolgen, die zur Verkleinerung führt. Nach einer brusterhaltenden Operation – die weitaus häufiger ist als die komplette Entfernung der Brust – schließt sich immer eine Bestrahlung an, um einen Rückfall zu verhindern. Die neuste Technik ermöglicht sogar eine Bestrahlung des Gewebes noch während des Eingriffs.

Das Risiko von Metastasen wird im Anschluss an die Operation zudem mit Medikamenten gesenkt. Mediziner unterscheiden verschiedene Tumorarten – der Großteil der Brustkrebstumore, etwa 60 bis 70 Prozent, spricht auf eine Hormonentzugsbehandlung an. Das bedeutet für die Frauen allerdings Symptome, wie sie in den Wechseljahren auftreten, meist für mehrere Jahre, je nach Behandlungsdauer. Eine weitere Option bietet die Antikörpertherapie, die bei rund 15 Prozent aller Fälle in Frage kommt: Die Patientinnen bekommen per Infusion ein Medikament, das direkt an den Krebszellen andockt und die Zellteilung hemmt. Tumore können auch auf beide Verfahren ansprechen. Bei besonders aggressiven Karzinomen – etwa 10 bis 15 Prozent – bleibt jedoch nur die Chemotherapie. Betroffen sind häufig jüngere Frauen. Auch wenn das Risiko der Metastasierung hoch ist, empfehlen die Ärzte eine Chemotherapie.

„Brustkrebs ist keine Notfalldiagnose“, erklärt Solbach. „Effektiv ist ein Behandlungskonzept, wenn die Besonderheiten eines jeden Tumors berücksichtigt werden. Die Patientin sollte eine ausreichende Bedenkzeit haben, um das Behandlungskonzept verstehen zu können.“ Ob dem Behandlungsplan vertraut wird, das hängt nicht zuletzt vom Verhältnis zum behandelnden Arzt ab. „In der Regel habe ich die Patientin schon drei, vier Mal in der Sprechstunde gesehen und konnte eine Beziehung zu ihr aufbauen“, sagt Solbach. Häufig informieren sich Patientinnen zusätzlich in Internetforen. Allerdings führt das oft zu größerer Verwirrung als Klarheit. Dann holen die Frauen eine Zweitmeinung bei einem anderen Arzt oder Brustzentrum ein. „Für diese Fälle haben wir inzwischen extra eine Zweitmeinungssprechstunde eingerichtet, denn wir haben immer mehr Anfragen bekommen“, sagt Solbach.

Vier zertifizierte Zentren

Dieser Wunsch der Frauen nach Sicherheit bedeutet für Klinikärzte einen zusätzlichen Arbeitsaufwand, der nur gering vergütet wird. Doch für die Klinik liegt in jedem Beratungstermin auch die Chance, eine neue Patientin zu gewinnen. Rund 1000 bis 1200 Frauen erkranken im Raum Frankfurt jährlich erstmals an Brustkrebs. Vier Frankfurter Kliniken bieten ein von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziertes Brustzentrum: Markuskrankenhaus, Universitätsklinik, St. Marienkrankenhaus und das Klinikum Höchst. Auch das Krankenhaus Nordwest will mit der neuen Chefärztin der gynäkologischen Klinik ein eigenes Brustzentrum aufbauen. Angesichts der vielen Möglichkeiten fällt die Wahl schwer. Ganz entscheidend ist die Meinung des niedergelassenen Gynäkologen, zu dem die betroffene Frau seit Jahren geht. Er spricht in der Regel die erste Empfehlung für eine Klinik aus. Letztlich muss sich die Patientin bei dem Arzt und in dem Krankenhaus gut aufgehoben fühlen. Nur auf dieser Grundlage schlägt auch die Behandlung positiv an.

(Frankfurter Neue Presse, 27.5.15)

 

 

Über den Krebs mit anderen reden

Mettmann. Tina Kreil aus Mettmann bietet sich als Gesprächspartnerin an. Für die Patienten ist dies ein Stück Therapie.

Der schwedische Krimiautor Henning Mankell hat es getan. Ebenso wie der Regisseur Helmut Dietl oder der FDP-Politiker Guido Westerwelle. Sie alle haben Krebs - und sie haben darüber gesprochen. Damit sind sie einen Weg gegangen, der lange Zeit als Tabu galt: Sie haben ihr Leiden öffentlich gemacht. Dass Betroffene danach zuweilen schnell wieder verstummen, weiß auch die Mettmannerin Tina Kreil. Als Kunsttherapeutin im Hochdahler Hospiz ist sie nah dran an den Menschen, die das Ende ihres Lebens vor Augen haben.

Und sie weiß: Viele tragen ihre Ängste im Verborgenen mit sich herum. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: Mal sind es die Betroffenen selbst, die lieber verdrängen und nicht reden wollen. Manchmal möchte man aber auch den Angehörigen das eigene Leid ersparen. Schließlich müssen Partner, Kinder oder auch Freunde die eigene Todesangst mittragen - auch wenn längst nicht mehr jede Krebsdiagnose einem Todesurteil gleichkommt. Und dennoch schwingt sie von Anfang an mit - die Furcht davor, es womöglich nicht zu schaffen, keine Heilung zu erfahren und nicht nur selbst alles zu verlieren, sondern auch die Angehörigen allein lassen zu müssen. Krebs wird als Kampf wahrgenommen - mit welchem Ausgang auch immer. "Und es gibt immer noch die Vorstellung, dass man damit gut umgehen muss", weiß Tina Kreil. Mit "gut" sei dabei gemeint, den schweren Kampf tapfer aufzunehmen. "Man erwartet von sich, trotz oder gerade wegen der Diagnose weiter zu funktionieren. Für sich selbst und für die anderen", glaubt Tina Kreil. Als psychoonkologische Begleiterin weiß sie jedoch, dass das nicht immer gelingt - und viele es trotzdem weiter versuchen. Zuweilen fühlen sich Betroffene mit dieser Strategie irgendwann einsam inmitten von Familie und Freunden - allein mit ihrer Angst und ihrer Verzweiflung. Manchmal stehen am Ende einer solchen Entwicklung sogar eine Depression und die Einnahme von Antidepressiva. Die können zwar helfen - allerdings ohne das seelische Leid an der Wurzel zu fassen.

"Dabei ist es sehr wichtig, auch im Krankheitsverlauf immer wieder darüber zu sprechen", weiß Kreil. Dass das gerade mit Angehörigen nicht immer gelingt, weiß sie auch. Denn vor allem die Menschen, die als Nahestehende gute und manchmal auch die einzigen Gesprächspartner wären, sind mit der Situation irgendwann überfordert. "Dann könnte eine Gesprächsgruppe mit ebenfalls Betroffenen helfen", spricht die Begleiterin über ein Angebot, das sie an Krebs erkrankten Menschen machen möchte.

Bei den Gesprächsrunden soll es nicht nur um seelische Nöte, sondern auch um Eigenverantwortlichkeit im Umgang mit der Erkrankung gehen. "Viele Menschen hören mit der Krebsdiagnose auf, eigenverantwortlich zu leben und lassen sich aus dem Gefühl von Überforderung heraus von außen steuern", so Tina Kreil. Dabei könne Psychoonkologie einen wichtigen Beitrag leisten, um sich nicht nur den eigenen Ängsten zuzuwenden, sondern auch um Kompetenz im Umgang mit Ärzten zu erlangen und das Gefühl von Selbstwirksamkeit zurückzugewinnen.

(RP, 9.9.15, Sabine Maguire)

 

 

Krebs und Entertainment

Die Enttabuisierung eines ernsten Themas

Erst "Breaking Bad", dann die Netflix-Serie "Fargo" und jetzt sogar ein Computerspiel: Vermehrt wird in Unterhaltungsmedien das Thema Krebs behandelt. Wird also endlich offen mit der Krankheit umgegangen? Oder fungiert Krebs vielmehr als Drehbuch-Masche, als kalkulierter Tabubruch, der die Popkultur mit Tiefsinn ausstatten soll?

"I'm sorry, guys: It's not good. - I knew it, I knew it, I knew it."

Ein Vater muss sich der schlimmsten aller Diagnosen stellen: Sein dreijähriger Sohn ist unheilbar an Krebs erkrankt. Die Szene stammt aus einem Computerspiel: Mit "That Dragon, Cancer" haben die eigenen Eltern den Kampf des kleinen Joel gegen die Krankheit in ein Spiel umgesetzt. Krebs - Im Pop-Medium Videospiel!

"Ich glaube, das bedeutet in jedem Fall, dass es einen Tabubruch gibt – es wird über etwas gesprochen, was sonst eher im Verborgenen lag – aber die Frage ist ja, wie wird darüber gesprochen."

Die Kulturwissenschaftlerin Anna Katharina Neufeld befasst sich mit der Darstellung des Sterbens in der Gegenwartskultur.

"Es ist ein sehr sauberes Bild von einem Sterbenden, was da gezeigt wird."

Mit dem auch gespielt wird. Denn Krebs, diese angsteinflößendste Krankheit unserer Tage, scheint in der Popkultur angekommen zu sein.

"Sie haben doch verstanden, was ich grade gesagt habe? - Ja. Lungenkrebs, inoperabel."

Der Chemielehrer mit Lungenkarzinom hat ein Massenpublikum begeistert

"Breaking Bad", die Serie über den Chemielehrer mit Lungenkarzinom, der Drogendealer wird, um seine Therapie zu finanzieren, hat ein Massenpublikum begeistert.

"Es ist schlimmer geworden. - Wenn Sie mit schlimmer meinen, dass der Krebs gestreut hat: Das hat er."

In der neuen Staffel der Netflix-Serie "Fargo", dem Spin-Off zum gleichnamigen Film der Coen-Brothers, sitzt eine der Hauptfiguren in der Chemotherapie, Vox produzierte mit "Club der roten Bänder" eine Serie über eine Krebsstation, und sogar Rocky kämpft in der jüngsten Fortsetzung des Boxer-Epos nicht mehr gegen Dolph Lundgren, sondern gegen die Bestie im eigenen Körper.

"This fight – I've seen it before. It gets as bad as it can get, and most of the time you don't win it."

"Ich glaube auch, die Schreckensbilder sind da, also in dem Sinne dass man jetzt die Chemo zeigt, oder dass man auch das Schreien zeigt – das wird gezeigt, aber trotzdem bleibt es in einer gewissen Ästhetik."

Und die ist im Computerspiel "That Dragon, Cancer" ziemlich bunt. Joels Familie bewegt sich durch eine fast kitschige Comicwelt, in der der Vater und Gamedesigner Ryan Green über die Bedeutung der Krankenhausfarben sinniert:

"I wonder why they choose blues and greens, they, the ones who choose colors that heal. Green for life. Blue, hm, for comfort?"

Man darf offenbar auch lachen, wenn's um Krebs geht

Zyniker sagen: Willst du den Oscar gewinnen, dann spiel einen Psycho, einen geistig Behinderten oder einen Todkranken. Das Bild eines Menschen am Chemo-Tropf, das jetzt öfter in Pop-Produkten auftaucht, wirkt da wie eine Masche: Ein kalkulierter Tabubruch, der als Tiefsinnigkeits-Ingredienz in die Drehbuchsuppe geworfen wird:

"Bei Breaking Bad oder Fargo, da ist es möglich, dass es tatsächlich eingesetzt wird zum Thrill. Wobei auch da es immer eine ganz ähnliche Message ist: Das Sterben ist eben gestaltbar. Wie kann ich diese Zeit so nutzen, dass ich da alles rausholen kann?"

Indem man noch mal eine Karriere als Crystal-Meth-Koch anfängt zum Beispiel. Da steckt eine Menge Humor drin, und auch im Computerspiel "That Dragon, Cancer" gibt es spielerische Elemente, die, mit Kloß im Hals, durchaus Spaß machen: Wenn der kleine Joel mit seiner Mutter in der Kinderkarre ein Rennen durch die Krebsstation fährt, oder wenn er im Ritterkostüm gegen die Tumorzellen kämpft. Man darf offenbar auch lachen, wenn's um Krebs geht.

"Ich glaube, darum geht's auch, dass man das eben nicht allein in seiner Tragik lässt. Über die Gestaltbarkeit kann man sich dann auch noch mal die Möglichkeit schaffen zu lachen und sich zu freuen."

(Deutschlandfunk, 28.1.16, Christoph Spittler)

 

 

 

Psychoonkologische Beratung

Berlin hat eine neue Beratungsstelle für türkische Krebspatienten

In Kreuzberg gibt es psychoonkologische Beratung neuerdings auf Türkisch. Das psychoonkologische Angebot hat die Berliner Krebsgesellschaft in Kooperation mit dem Bahar Verein ins Leben gerufen.

Über Krebs reden, das tut vielen Betroffenen gut. Darum gibt es in Berlin verschiedene Beratungsstellen für Krebspatienten und Angehörige. Bei einer psychoonkologischen Beratung können sich Krebspatienten ihr Herz ausschütten und ihre Sorgen mit einem speziell ausgebildeten Psychologen besprechen. Zudem werden auch ganz praktische Fragen beantwortet, etwa zum Krankengeld, zu einer Patientenverfügung oder Ansprüche auf Unterstützung im Alltag. Denn eine Krebserkrankung hat weitreichende Konsequenzen, die nahezu alle Lebensbereiche betreffen. Gute Informationen sind daher äußerst wertvoll und helfen das Leben mit der Krankheit besser zu meistern.

Sprach- und kulturelle Barrieren

Doch wer deutsch nicht als Muttersprache spricht, scheut sich oft, psychoonkologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zudem ist in anderen Kulturen Krebs häufig ein Tabuthema, über das man nicht gerne spricht. Das bestätigt auch die Berliner Krebsgesellschaft, die  in Berlin mittlerweile fünf Beratungsstellen betreibt, aber offenbar eher selten Menschen mit Migrationshintergrund berät. Dabei leben in Berlin allein 170.000 Deutsch-Türken. „Oft ist es die Sprachbarriere, die Menschen mit türkischen Wurzeln davon abhält, Rat und Hilfe bei uns zu suchen“, sagt die Vorstandsvorsitzende der Berliner Krebsgesellschaft Prof. Dr. Petra Feyer. Aber auch Diskriminierungserfahrungen, Unwissenheit oder Misstrauen könnten Zugangshindernisse sein. Das sei bedauerlich, meint Feyer, denn viele benötigten eigentlich psychologische Unterstützung, oft auch noch Jahre nach der Diagnose.

Bahar Verein dient als kulturelle Brücke

Ende Februar hat die Berliner Krebsgesellschaft deshalb in Kooperation mit dem Bahar Verein in Kreuzberg eine psychoonkologische Sprechstunde eingerichtet: Beraten wird einmal pro Woche auf Türkisch. Das Angebot ist kostenlos und wird von der türkischstämmigen Psychoonkologin Özlem Özöncel geleitet. Angesprochen werden sollen Menschen, die sonst nie eine Krebsberatungsstelle aufgesucht hätten, aber psychoonkologische Unterstützung benötigen.

Feyer zufolge habe man sich bewusst den Bahar Verein als Kooperationspartner ausgesucht, damit die Menschen Vertrauen fassten. Der Verein werde von Migranten akzeptiert und verstehe sich als Brücke zwischen den Kulturen. „Mit dem neuen Beratungsangebot wollen wir Barrieren abbauen und hoffen, möglichst viele Betroffene zu erreichen“, so Krebsexpertin Feyer.

Die psychoonkologische Sprechstunde in Kreuzberg

Die psychoonkologische Beratung findet jeden Montag von 11 bis 14 Uhr in den Räumen des Bahar Vereins am Mehringdamm 32 statt. Termine vergibt die Berliner Krebsgesellschaft unter der zentralen Telefonnummer (030) 283 24 00 oder per E-Mail: beratung@berliner-krebsgesellschaft.de.

(Gesundheitsstadt Berlin, 16.4.16, Beatrice Hamberger)

 

 

Leben mit der Krankheit

Die Liebe und der Krebs

Als Nina Ludwig die Diagnose Brustkrebs bekommt, zerbricht ihre Beziehung. Noch während der Therapie findet sie einen neuen Mann. Wieso die Beziehung trotz Scham gewachsen ist, hat sie unserer Autorin erzählt.

„Den Knoten habe ich selbst gefühlt. Weil ich genetisch ja vorbelastet bin, habe ich meine Brust regelmäßig abgetastet. Meine Großmutter, meine Mutter und eine Tante hatten Brustkrebs. Über die Diagnose war ich weniger erschrocken als über die Diagnose Diabetes zwei Jahre zuvor, denn damit hatte ich nie gerechnet. Ich hatte gleich das Gefühl: Der Knoten ist bösartig. Als der Arzt mir das Ergebnis der Stanzbiopsie mitteilte, saß er entspannt da und sagte: „Sie wissen es ja sowieso schon.“ Und wirklich, ich fiel nicht aus allen Wolken. Die Verzweiflung, die viele schildern, empfand ich nicht.

Einen Tag später ging ich noch einmal zu unserem Salsa-Tanzkreis. Tanzen ist für mich ein Lebenselixier, ich wollte mich noch einmal maximal mit positiver Energie aufladen. Marek war mein Lieblingstanzpartner. Ich bat ihn: „Bitte tanze heute viel mit mir, ich werde lange nicht hier sein können.“ Er fragte nach, und ich sagte ihm, dass ich Brustkrebs habe und am nächsten Montag zur OP in die Klinik gehe. Er bat um meine Telefonnummer, falls es in Ordnung sei, dass er sich nach mir erkundige. Er rief noch am Sonntagabend bei mir zu Hause an und simste mir am Abend vor der OP den Link zu einem Lied mit den Worten: „Liebe Nina, höre dieses Lied und schließe die Augen und stell dir vor, wir würden dazu Salsa tanzen. Möge die Musik dich über die Operation hinweg in eine gesunde und schönere Zukunft tragen.“

Ich wollte meinen kleinen Busen zurück

Das war im November 2013. Ich hatte damals eine krisenreiche Fernbeziehung mit einem Mann, den ich oft als rücksichtslos empfand, doch ich habe ihm immer wieder eine Chance gegeben. Als ich ihm den Befund am Telefon mitteilte, sagte er: „Ich bleibe trotzdem bei dir.“ Der Arzt hatte mir vor der OP gesagt, er könne nur einen Teil meines Gewebes herausnehmen. Aber ich entschloss mich, beide Brüste amputieren und sofort wiederaufbauen zu lassen. Ich wurde darauf vorbereitet, dass unter der Brustwarze ein senkrechter Schnitt und um die Warze ein Halbmondschnitt sein wird. Der Chirurg hatte mir die Silikonpads gezeigt. Obwohl ich früher Frauen um ihr Dekolleté beneidete und gern einen größeren Busen gehabt hätte, wollte ich jetzt, dass der künstliche meinem kleinen so ähnlich wie möglich ist. Der Arzt nahm zwei verschiedene Größen mit in die OP und sagte mir nachher mit Männerstolz: „Frau Ludwig, ich habe 40 Gramm mehr reingehauen.“

Dass Frauen aus Schönheitsgründen dieses Gemetzel auf sich nehmen, kann ich nicht nachvollziehen. Nach der OP fühlte sich mein Körper an, als sei ich zusammengeschlagen worden, meine Brust war extrem verschnürt, aus Schläuchen floss Blut. Ab Tag zwei muss man einen monströsen Kompressions-BH tragen. Mit meinem kleinen Busen trug ich immer ganz leichte, zarte BHs, und plötzlich kriegst du einen Panzer mit breiten Trägern, der auch noch einen Klettgurt hat. Damit das alles in Form kommt, muss er drei Monate Tag und Nacht anbehalten werden, man darf ihn nur zum Waschen ausziehen.

Kurz nach meiner Krankenhausentlassung teilte ich meinem Freund mit, dass ich mich von ihm trenne. Er hatte mich auf Anraten meiner Freundin schon am Abend der OP besucht und erzählte als Erstes, wie stressig seine Anreise gewesen sei. Als er verabredete Besuchszeiten nicht einhielt, stand mein Entschluss fest, dass ich seine chronischen Unzuverlässigkeiten nicht länger hinnehmen wollte. Trotzdem haben wir uns noch ein paarmal getroffen. Er fragte neugierig: „Wie sieht denn dein Busen jetzt aus?“ Er wollte tatsächlich, dass ich ihm das zeige, aber ich hätte mich ohnehin nicht mehr vor ihm ausgezogen, auch wenn das Resultat noch so schön gewesen wäre.

Anderen gegenüber bin ich sehr offen damit umgegangen. Ich empfand meinen Busen nicht als erotischen Teil meines Körpers, sondern als ein interessantes medizinisches Projekt zur Gesundung, und war bereit, Informationen weiterzugeben, die ich selbst gern vorher gehabt hätte. Marek hatte mir während der Woche im Krankenhaus jeden Tag einen musikalischen Gruß gemailt. Er schickte mir über Youtube Stücke, die ich sonst vielleicht nicht gemocht hätte, aber ich fand sie schön, weil sie ihm gefielen. Bei seinen Besuchen und in seinen Mails war die Krankheit nie das Thema, sondern die Aussicht aufs Leben. Wir sprachen über Musik, Natur, Kultur, über Glauben. Seine SMS waren immer ein bisschen geheimnisvoll. So benutzte Marek, er kommt aus Polen, die Anrede „Kochanie“, was ich übersetzte als „Meine Geliebte“ oder „Meine Liebe“, aber es kann auch einfach heißen „Meine liebe ...“. Er schrieb Sätze wie „Mein Herz ist dir zugewandt“ oder „In Gedanken und im Herzen mit dir verbunden“. Ich habe das völlig überschätzt.

Heute denke ich, Marek hat mich gerettet

Marek hat mir später erzählt, dass er zu der Zeit gedanklich eher mit einer anderen Frau aus dem Tanzkurs beschäftigt war. Er mochte mich, aber er hielt mich damals für eine etwas oberflächliche Designerin und dachte, er könne einer so in der Welt herumschwirrenden Frau nicht das Wasser reichen. Letztlich aber hat sein Verhalten dazu beigetragen, dass ich mich so sehr in ihn verliebt habe. Ich verliebte mich nicht in den schönen Mann und erfolgreichen Ingenieur, sondern in sein weiches, offenes Herz. Heute denke ich, Marek hat mich gerettet. Die musikalischen Ausflüge und das leicht schwärmerische An-ihn-Denken haben mir Flügel verliehen und mir geholfen, mental gesund zu bleiben. Ich konnte gar nicht in die Verzweiflung abrutschen, sondern hatte Anreize zu träumen.

Zehn Tage nach der Operation war ich wieder zu Hause. Ich hatte mich noch nie so getragen gefühlt wie in den Wochen, die folgten, und war überwältigt von dem, was Freunde und Verwandte für mich taten. Aber ich hatte und brauchte auch viel Zeit zum Alleinsein. Ich nutzte sie, um alles für die Chemo vorzubereiten und Papierkram zu erledigen. Ich befasste mich auch mit dem Tod. Ich hatte Angst, dass ich sterben könnte, ohne Wichtiges erledigt zu haben. Ich wollte allen Menschen, die ich liebe, schreiben, damit sie wissen, dass ich sie liebe. Und es war mir ein Bedürfnis, meine Wohnung und meinen Keller zu entrümpeln, damit mein Bruder nicht den Ballast hatte, den ich hatte, als meine Mutter gestorben ist.

Am 19. Dezember bekam ich für die Chemotherapie einen Portkatheter eingesetzt, damit nicht bei jeder Infusion ein neuer Zugang gelegt werden muss. Viele hatten mir als schrecklichste Phase den Haarausfall beschrieben, aber ich war über mein Spiegelbild gar nicht so schockiert. Marek hat mich erst mal nur mit Mütze gesehen, wenn wir uns zum Spazierengehen trafen. Da eine Perücke durch Kopfbedeckungen kaputtgeht, muss man wählen: Mütze oder Perücke. Auf diesen Spaziergängen habe ich ihn sehr viel zu seinem Leben befragt, auch um herauszufinden: Passen wir zusammen, oder bin ich nur sehr anlehnungsbedürftig? Ich hatte auch Zweifel: Traue ich mir eine neue Liebschaft überhaupt zu? Und bin ich nicht eine Zumutung für Marek? Es ist ja ein mutiger Schritt, auf eine Frau zuzugehen, die er möglicherweise verliert.

Nach der fünften Chemo, also nach drei Monaten, war ich mir ganz sicher, dass ich diesen Mann wollte. Er lud mich zu sich zum Essen ein. In seiner Küche haben wir uns zum ersten Mal geküsst. Als wir uns auf dem Sofa in den Armen lagen, schupperte meine Perücke an der Sofalehne. Irgendwann sagte ich zu Marek: „Ich konzentriere mich im Moment nur darauf, dass meine Perücke nicht abrutscht, ich kann gar nicht richtig bei dir sein.“ Trotz meiner Angst, wie er reagieren würde, habe ich die Perücke abgesetzt. Er schaute mich lange an, nahm meinen Kopf in seine Hände, strich darüber, küsste meine Schädeldecke und sagte: „Ungewohnt, aber nicht weniger schön.“

In dieser Nacht haben wir zusammen nackt im Bett gelegen. Es kostete mich Überwindung, mein T-Shirt auszuziehen, danach war es keine Schwierigkeit mehr. Wenn ich sage, Marek hat mich gerettet, dann auch deshalb, weil er mir immer wieder sagte, ich sei für ihn die schönste Frau der Welt. Ich hatte wegen meines Aussehens viele Komplexe. Meine Mutter hatte mir oft gesagt, ich hätte Fußballerbeine und ihre verkrüppelten Hände und Füße geerbt. Es war, als ob er meine Beine begradigt hat.

Manche Liebesstellungen gehen einfach nicht

Als ich am nächsten Tag zur Routineuntersuchung ging, fragte der Arzt verwundert: „Frau Ludwig, was haben Sie gemacht?“ Der Wert für meine weißen Blutkörperchen war damals auf alarmierende 1000 gefallen. Und plötzlich wurden 11.000 gemessen. Ich sagte: „Ich bin verliebt.“ Auch die humorvolle, deftige Art meines Arztes war Balsam. Er hat jede Woche nachgeschaut, ob alles richtig anwächst und die Narben gut verheilen. Einmal nahm er meine beiden Brüste in seine Hände und sagte: „Hat Ihnen schon mal jemand gesagt, dass Sie einen schönen Busen haben?“

Aber dieser falsche Busen ist sehr fest, es ist kein weicher Schmusebusen. Manche Liebesstellungen gehen einfach nicht, weil es entweder Marek drückt oder mir die Narben wehtun. Berührungen der Brust spüre ich heute viel weniger als früher. Aber Marek gab mir nie das Gefühl, dass er etwas vermisst. Und mein künstlicher Busen hat auch Vorteile: Er wird nie erschlaffen. Ich brauche keinen BH und kann nun tiefe Rückenausschnitte tragen.

Nach außen haben Marek und ich uns lange nicht als Paar gezeigt. Mein Eindruck, er wolle sich noch seine Chancen bei anderen offenhalten, hat mich verletzt. Aber ich habe das akzeptiert, weil ich dachte, ich habe auch lange mit meinem ehemaligen Freund rumgeeiert - diese Zeit braucht Marek jetzt. Ab dem ersten Abend war es so, dass er entweder zu mir kam oder ich zu ihm, wir haben keine Nacht mehr ohne einander verbracht. Nach zwei Wochen fragte er, ob ich nach meiner Reha zu ihm ziehe.

Wie die Genesung unsere Beziehung veränderte

Mit meiner Gesundung veränderte sich unsere Beziehung. Sie war ja zunächst ungleich, er war der Helfer. Ein halbes Jahr vor ihrem Beginn war Mareks Mutter gestorben, die er lange gepflegt hatte. Bisweilen hatte ich den Eindruck, ich ersetze sie als die Patientin. Am Anfang hat er mir alles abgenommen. Wenn ich von der Arbeit kam, achtete er darauf, dass ich mich ausruhe und schone. Er hatte Nachsicht mit mir, und einen hohen Anspruch an sich selbst. Als ich zu ihm zog, habe ich mich seinem hohen Standard von Ordnung und Sauberkeit gefügt, ich musste auch nichts dafür tun. Nun muss diese Wohnung unser gemeinsames Zuhause werden mit entsprechenden Kompromissen.

Durch die Anti-Östrogene, die ich nehmen muss, bin ich in einem Jahr physisch und emotional durch die Wechseljahre gerast, das hat mich sehr geschlaucht. Ich habe das Gefühl, ich bin angreifbarer als gleich nach der Krankheit. Das hat keiner gesehen, auch Marek nicht. Er hat mir anfangs einen Brief geschrieben, dass er mir ein guter Mann sein will, er hat sich damit wahnsinnig unter Druck gesetzt. Er wünscht sich, dass ich dankbar bin, was er alles für unsere Alltagsorganisation getan hat und tut. Das bin ich auch, aber ich bin ambivalent, weil ich vieles weder erwarte noch brauche. Vor kurzem hat ihm sein Arzt einen Erschöpfungszustand attestiert, obwohl er beruflich zur Zeit eher unterfordert ist.

Was, wenn ich jetzt sterben würde?

Über Krebs haben wir nur gesprochen, als es darum ging, warum ich den Portkatheter noch nicht herausnehmen habe lassen. Er weiß, dass er mir unbequem ist, aber Ärzte raten dazu, ihn zwei Jahre drin zu lassen, falls in dieser Zeit ein Rezidiv auftritt. Marek war fassungslos, dass ich einen Rückfall in Betracht ziehe. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass ich gesund werde; trotzdem habe ich das Gefühl, die Krankheit liegt noch auf der Lauer. Als ich vor zwei Monaten in der linken Brust Schmerzen hatte, hatte ich mehr Angst, Marek zurückzulassen als um mich selbst. Ich weiß nicht, ob er durch einen abermaligen Krebsbefund noch einmal so gut hindurchgehen würde, weil ich ja jetzt wichtiger bin für ihn. Es war alles in Ordnung. Die Schmerzen kamen von einer Falte im Silikon.

Ich möchte leben, aber ich glaube, ich könnte jetzt auch leichter loslassen. Es gab mal einen Zeitpunkt, da dachte ich, wenn ich jetzt sterben würde, hätte ich nichts richtig gemacht. Aber nun habe ich das Gefühl, ich habe mein Leben passend zu mir eingerichtet. Es ist gewagt, so etwas zu sagen: Aber ich glaube, wenn man sich so eingebettet fühlt in Harmonie mit anderen, dann ist der Abschied zwar traurig, aber in Ordnung. Ich gehe selten in die Kirche, aber wenn ich etwas Gutes erlebe, ist mein erster Impuls: „Danke, Gott!“

Der Krebs hat meinen Kinderwunsch endgültig zerstört

Die Zärtlichkeit zwischen uns hängt inzwischen mehr davon ab, wie eins oder uneins wir uns im Alltag sind. Ich gehe heute freier mit meinem Körper um als früher, als ich noch jung und unversehrt war. Ich finde es ganz normal, dass Menschen nicht immer funktionieren und es auch erotische Pannen gibt. Das Kostbare ist doch die Vertrautheit und nicht, dass alles immer funkelt und glänzt. Gegenüber jüngeren Paaren haben wir den Vorteil, dass wir gelernt haben, das Miteinander zu erwerben.

Ich habe das Gefühl, Marek möchte, dass ich sein Arbeitspensum für uns aufhole und ihm Geleistetes zurückgebe. Über meine Krebserkrankung sprechen wir so gut wie nie. In der Zeit, als ich noch in der Chemotherapie am Kämpfen war, wäre es zu gefühlsduselig geworden. Danach verschlangen unser Zusammenzug und mein beruflicher Wiedereinstieg alle Energien. Ich habe Marek einmal ein Heft gekauft: „Hilfe für Angehörige“. Ich selbst habe keines der Bücher über Krebs gelesen, die ich geschenkt bekam. Manchmal empfinde ich mich schon ein bisschen als Ersatzteillager. Zur Messung meines Blutzuckers habe ich einen Chip, und ich habe den Port eingebaut - ohne Hilfsmittel überlebe ich nicht. Der Krebs hat meinen Kinderwunsch endgültig zerstört. Aber die Krankheit ist nicht meine Lebensüberschrift.

Die Namen der Personen in dem Text wurden von der Redaktion geändert.

(FAZ, 30.7.16, Bettina von Kleist)

 

 

Sie hat den Krebs besiegt - Musik hat geholfen

Dresden - Zehn Jahre Musiktherapie beim Sonnenstrahl e.V. in Dresden.

Julia Bors aus Hoyerswerda ist eine der ersten Krebs-Patienten, die vor zehn Jahren mit der Musiktherapie des Vereins begannen.

Julia war damals im siebenten Lebensjahr als bei ihr Leukämie ausbrach. Heute gilt die inzwischen 17-jährige als geheilt und erinnert sich mit ihrer Musiktherapeutin Julia Grützner an die damaligen Stunden.

Die Therapie half Julia damals den Krankheitsalltag besser zu überstehen.

In den zehn Jahren entwickelte sich das Projekt immer weiter. Waren am Anfang acht Wochenstunden Musiktherapie angesetzt, sind es inzwischen 49.

Die Dresdner Uniklinik finanziert 15 Stunden davon, die restlichen Stunden übernimmt der Sonnenstrahl e.V.

Die Musiktherapie an sich findet in der Regel im Krankenhaus statt.

Pro Jahr werden etwa 50 Krebspatienten durch die Musiktherapie betreut, die seit geraumer Zeit nicht mehr nur im Krankenhaus durchgeführt werden muss.

Die Resonanz ist groß, deshalb plant der Verein im Elternhaus 2017 einige Veränderungen.

Weil die Musiktherapie seit zehn Jahren krebskranken Kindern ein Lächeln ins Gesicht zaubert, wird es am 7. August ein Benefizkonzert in der Dresdner Kreuzkirche geben.

Beginn ist 17 Uhr. Mit den Einnahmen soll unter anderem die Musiktherapie des Sonnenstrahl e.V.s unterstützt werden.

(Sachsen-Fernsehen.de, 7.7.16)

 

Onkologisches Forum Celle e. V. | Telefon 05141-219 66 00 / E-Mail: info@onko-forum-celle.de