Onkologisches Forum Celle e. V.

08.09.14: Debatte um Sterbehilfe
14.01.15: "Sterben ist ein Milliardengeschäft"
22.12.14: Müntefering rügt Haltung der Befürworter
28.08.14: Augsburger Ärzte wollen Sterbehilfe überflüssig machen
26.08.14: Gesetzentwurf zur Sterbehilfe
26.08.14: Klares "Nein" zur Legalisierung der ärztlichen Beihilfe zum Suizid
06.01.15: NRW: Palliativexperten befürworten Zulassung von Sterbehilfe
28.01.15: Debatte: Dignitas-Gründer zur Sterbehilfe
12.01.15: 
"Bei uns geht's ums Leben, da gehört Sterben dazu"
06.10.14: Selbstbestimmt sterben
12.11.14: Sterbehilfedebatte im Bundestag
02.12.14: Ärzte helfen nur selten beim Sterben
24.08.14: Sie begleitet Kinder beim Sterben
14.09.14: Wie man über das Sterben spricht
20.11.14: Der Krebs hat meinen Vater nicht verändert

  

 

Augsburger Ärzte wollen Sterbehilfe überflüssig machen

Der Augsburger Arzt Eckhard Eichner ist überzeugt: Wenn die Medizin den Menschen die Angst vor Leiden nehmen kann, wollen sie sich nicht mehr töten.

Bald beginnt im Bundestag die Debatte über ein Gesetz zur Sterbehilfe. Nun wurde ein Vorstoß von deutschlandweit renommierten Medizinern bekannt, die vorschlagen, Beihilfe zum Suizid für Ärzte unter Auflagen zu legalisieren. Eine andere Forderung ist das Verbot organisierter Sterbehilfe, etwa durch Vereine.

"Die meisten haben Angst vor dem Leid"

Organisationen, die in Augsburg Sterbende begleiten, beschäftigen sich seit langem mit der Thematik. Anlässlich des fünfjährigen Bestehens des Vereins Augsburger Hospiz- und Palliativversorgung (AHPV) gaben sie eine Erklärung ab, in der sie aktive Lebensverkürzung ablehnen. Dr. Eckhard Eichner ist Vorsitzender der AHPV; zuvor war er am Klinikum tätig. Er sagt: „Die meisten Menschen haben Angst vor dem Leid, dem Verlust der Autonomie, davor, anderen zur Last zu fallen.“ Wenn man ihnen diese Angst nimmt, verschwinde der Wunsch nach Selbsttötung.

Mit der Spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) hilft die Augsburger Palliativversorgung Schwerstkranken mit starken Schmerzen und anderen Symptomen wie Atemnot, die zu Hause sterben möchten. 2013 hat das Team 300 Menschen in der Region versorgt, dieses Jahr werden es 100 mehr sein. Oft ist in den ersten Gesprächen Suizid ein Thema, weiß Eichner. Doch mit dem Wissen um Hilfsangebote verschwinde der Wunsch – und bei keinem Patienten sei er wieder aufgetaucht.

Wichtig sei aber, allen die Hilfe leisten zu können, die sie benötigen. Eichner sieht die Region auf einem guten Weg. „Aber wir brauchen weitere Maßnahmen.“ Ihm zufolge soll die SAPV ab 2015 500 Personen im Jahr begleiten. Die Hospize St. Vinzenz und Albatros versorgen 500 Menschen ambulant. In Augsburg sterben 25 Prozent der Menschen zu Hause, 30 Prozent in Heimen, 40 Prozent in Kliniken, vier Prozent im St. Vinzenz-Hospiz. Daher müsse auch das stationäre Angebot ausgeweitet werden.

Und hier tue sich etwas: Die bereits 2009 beschlossene Erweiterung der Palliativstation am Klinikum von zehn auf 18 Betten solle im Zug des Umbaus vorgenommen werden. Außerdem plane das Vinzenz-Hospiz in Hochzoll eine Vergrößerung von neun auf 15 Betten. Das größte Defizit sieht der Mediziner bei Hausärzten und Pflegediensten. Ärzte erhalten ihm zufolge zu wenig Geld von den Kassen für Hausbesuche bei Palliativpatienten. Auch Pflegedienste würden nur kläglich vergütet. Für die Betreuung einer Schmerzpumpe gibt es zum Beispiel 3,50 Euro, der tatsächliche Aufwand liege aber bei 20 bis 30 Euro. „Man muss schließlich mit den Leuten reden, auch mal jemanden in den Arm nehmen.“ Auch Seniorenheime bräuchten Unterstützung; im Gespräch seien zum Beispiel Palliativbeauftragte.

"Legalisierte Sterbehilfe könne den Druck auf Kranke erhöhen"

Die Augsburger Hospiz- und Palliativversorgung, der Bunte Kreis, die Hospiz-Gruppen Albatros und St. Elisabeth Schwabmünchen, das St. Vinzenz-Hospiz,  der Arzt Christoph Hauser und der Pflegedienst Deschler begründen gemeinsam ihren Einsatz gegen die Legalisierung von Sterbehilfe: Ein Mensch sei auch dann wertvoll, wenn er krank ist. Legalisierte Sterbehilfe könne den Druck auf Kranke erhöhen, sich selbst zu töten, statt Angehörigen und Gesundheitssystem zur Last zu fallen. Das betreffe vor allem organisierte Sterbehilfe. Eichner betont, dass es bereits legale Wege gebe, Leiden nicht unnötig zu verlängern, etwa indem Apparate abgestellt, künstliche Ernährung beendet wird.

Den Handlungsspielraum der Ärzte, der zurzeit standesrechtlich geregelt ist, gesetzlich festzuschreiben, hält Eichner nicht für nötig – obwohl viele seiner Kollegen Angst äußern, dass sie sich bei der medizinischen Betreuung von Sterbenden in einer Grauzone bewegen. Gerade bei Palliativpatienten müssen Opiate und Beruhigungsmittel in so starker Dosierung gegeben werden, dass sie auch lebensverkürzend wirken können. Wenn diese „Notreduktion“ aber belegbar, mit dem Patienten abgestimmt und dokumentiert war, sei er auf der sicheren Seite, so Palliativmediziner Eichner.

(Augsburger Allgemeine, 28.08.14, Ute Krogull)

  

 

Debatte um Sterbehilfe

Kubicki: Mein Bruder wünschte sich den Tod, doch ich musste ihn leiden lassen

Es ist ein heißes Eisen, das die Regierung nach der Sommerpause regeln möchte: den Umgang mit aktiver Sterbehilfe in Deutschland. Der gesellschaftliche Zuspruch für das Recht, selbst über den Tod zu entscheiden, wächst. Auf FOCUS Online legen zwei Politiker dar, warum sie dafür oder dagegen sind.

Gehört es zur Selbstbestimmung jedes Menschen, auch über den eigenen Tod selbst zu bestimmen? Und bedeutet es eine Beschneidung der Rechte, wenn in Deutschland die Ausübung aktiver Sterbehilfe gesetzlich verboten wird? Bisher gibt es hierzulande keine klare gesetzliche Regelung. Grundsätzlich sind Mediziner zu lebensrettenden Maßnahmen verpflichtet. Außerdem dürfen sie nach dem selbst auferlegten Standesrecht keine aktive Sterbehilfe leisten. Was für Verwirrung sorgt: Nicht alle Landesärztekammern haben diese Regelung übernommen, so etwa Bayern, Baden-Württemberg und Berlin.

Lebensmüde Deutsche suchen sich deshalb Hilfe in den Niederlanden oder in der Schweiz, wo Vereine aktive Sterbehilfe mit medizinischer Unterstützung anbieten. Umfragen zufolge befürwortet die Mehrheit der Deutschen das Recht auf aktive Sterbehilfe.

Umgang soll gesetzlich klar geregelt werden

Die Bundesregierung will nach der Sommerpause den Umgang mit Sterbehilfe gesetzlich klar regeln. Es ist ein extrem schwieriges Unterfangen, das bereits unter Schwarz-Gelb an den unterschiedlichen Auffassungen der damaligen Koalitionspartner scheiterte.

Und auch jetzt wird eine Einigung auf ein Verbot, wie es sich Kanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Hermann Gröhe (beide CDU) wünschen, schwierig. In den vergangenen Monaten zeigte sich, dass es selbst in der Union, die sich bisher als Bollwerk gegen aktive Sterbehilfe sah, unterschiedliche Ansichten gibt.

Mit Peter Hintze gehört ausgerechnet ein ehemaliger Pfarrer zu den Befürwortern einer liberalen Regelung, die Sterbehilfe unter strengen Voraussetzungen erlauben soll. 

Einstellung hängt stark von persönlichen Erlebnissen ab

Das Thema polarisiert die Gesellschaft. Oft hängt die Einstellung pro und contra aktive Sterbehilfe von persönlichen Erlebnissen ab. So wie bei Nikolaus Schneider, dem früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche Deutschlands. Als Christ ist er eigentlich der Überzeugung, dass der Mensch nicht über den eigenen Tod entscheiden soll. Doch seiner krebskranken Frau sicherte er zu, sie bei ihrem Wunsch nach Sterbehilfe zu unterstützen.

Auf FOCUS Online schildern der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki und die SPD-Politikerin Ingrid Stahmer, aufgrund welcher Erfahrungen sie aktive Sterbehilfe befürworten oder ablehnen.

Pro Sterbehilfe: Wolfgang Kubicki

Der FDP-Fraktionschef von Schleswig-Holstein war einst Gegner aktiver Sterbehilfe, was sich änderte, als sein Bruder vor zwölf Jahren schwer erkrankte. Nach einem Herzinfarkt konnte jener erst spät reanimiert werden. Die Folge: Wegen des Sauerstoffmangels war ein Großteil seines Gehirns zerstört. Er litt am apallischen Syndrom.

„Wenn ich ihn im Krankenhaus besuchte, war keinerlei Kommunikation möglich“, erzählt Kubicki FOCUS Online. „Mein Bruder lag ohne jedes Bewusstsein im Krankenbett – mit allen Konsequenzen wie Wundliegen. Die Hoffnung, dass er wieder zurückfindet ins Leben, war ausgeschlossen, weil bestimmte Verbindungen im Gehirn irreparabel zerstört waren. Das war nur noch ein Dahinvegetieren im wahrsten Wortsinn.“

"Ich bin ein hartgesottener Typ. Aber das war so grausam"

Irgendwann habe er sich gedacht: „Was machen wir? Meinen Hund dürfte ich einschläfern lassen. Aber bei meinem Bruder muss ich zusehen, wie er leidet." Dabei sei er sich sicher gewesen, dass sein Bruder – hätte er die Möglichkeit gehabt – sich den Tod gewünscht hätte.

„Ich bin ein hartgesottener Typ. Aber das war so grausam, dass mir die Tränen in den Augen standen und ich mich immer wieder gefragt habe: 'Warum hast du nicht den Mut, dem Leiden deines Bruders ein Ende zu machen. Warum bist du so feige?'“, so Kubicki. Nach einem zwei Jahre währenden Leidensweg starb sein Bruder schließlich - seine Frau hatte ihn zuvor wieder zu sich nach Hause geholt.

Zur Würde des Lebens gehört auch ein würdiges Sterben

Kubickis Bruder hätte es aufgrund seiner geistigen Absenz damals nicht geholfen, wenn aktive Sterbehilfe erlaubt gewesen wäre. Dennoch prägte das Erlebte Kubicki so stark, dass für ihn seitdem feststand: „Wenn eine wirkliche Wiedergenesung ausgeschlossen ist, muss es die Möglichkeit geben, Leiden zu verkürzen – jedenfalls dann, wenn sich der Patient bei Vollbesitz seiner geistigen Kräfte dafür ausgesprochen hatte.“ Zur Würde des Lebens gehöre auch ein würdiges Sterben.

Er selbst, sagt Kubicki, wolle nicht als Pflegefall dahinvegetieren. „Das haben meine Frau und ich auch so in einer Patientenverfügung schriftlich festgehalten. Wir würden nach jetzigem Stand nicht Hand anlegen. Aber es wäre schön, der Gesetzgeber würde sich der Wirklichkeit stellen. Denn was ganz schlimm ist: Dass Menschen, die sich dafür entscheiden, sich das Leben zu nehmen, im Zweifel allein gelassen werden. Auch sie benötigen eine Form der Begleitung, um sich verabschieden zu können. Damit sie nicht – wie Gunter Sachs – sich selbst in den Kopf schießen oder sich erhängen müssen. Oder in die Schweiz fahren müssen – was auch eine Frage des Geldes ist.“

Contra Sterbehilfe: Ingrid Stahmer

Die frühere Berliner Gesundheitssenatorin, die ihren Mann mit Hilfe eines Palliativmediziners bis in den Tod gepflegt hat, sieht aktive Sterbehilfe kritisch. „Viele Menschen sagen, ich will selbst über meinen Tod bestimmen. Aber wenn du dich in palliative Betreuung begibst, wirst du merken, dass du nicht mehr den Wunsch hast, unmittelbar jetzt zu sterben“, sagt die 71 Jahre alte Wahl-Berlinerin.

Auch, weil die Schmerzmedizin in der Palliativbetreuung inzwischen weit fortgeschritten sei. Stahmer ist überzeugt, dass im Falle einer Legalisierung von Sterbehilfe „zu viele Menschen den Tod wählen, denen auf andere Weise geholfen werden kann“.

Denn häufig befänden sich Sterbewillige in einer Depression, ohne dass dies die Ärzte erkennen. „Mit der richtigen medikamentösen Einstellung könnte ihnen geholfen werden, anders Abschied zu nehmen“, so Stahmer. „Mein Mann hatte während seiner Leidenszeit nie den Wunsch geäußert zu sterben. Überhaupt war das Leiden zu der Zeit größer, als er noch nicht palliativ betreut wurde.“

Schilddrüsenkrebs, plötzlich, im fortgeschrittenen Stadium

Günter Stahmer litt an Schilddrüsenkrebs, der sehr spät erkannt wurde. Zwar lag er monatelang im Krankenhaus, doch die Ärzte konzentrierten sich allein darauf, die lebensgefährliche Schilddrüsenüberfunktion in den Griff zu bekommen. „Zwei Wochen, nachdem er als geheilt entlassen worden war, stellte er eine Verdickung am Hals fest. Ein bösartiger Tumor. Im fortgeschrittenen Stadium“, erzählt Ingrid Stahmer.

Während die Radiologen noch Hoffnung auf Heilung machten, gaben ihm die Internisten nur noch wenige Wochen. Schließlich öffnete ein befreundeter Facharzt der SPD-Politikerin die Augen, wie schlimm es bestellt war um ihren Mann.

Ingrid Stahmer entschied sich, ihn mit Hilfe eines Palliativmediziners zu Hause in den Tod zu begleiten. „Ein absoluter Vorteil: Der Patient kann zuhause sein und muss nicht nach der Regie eines Krankenhauses im Bett liegen.“

"Er war versöhnt und bereit zu gehen"

Ihr Mann habe dank eines tragbaren Sauerstoffgeräts bis zum letzten Tag im Haus herumlaufen können – nur am letzten Tag nicht mehr. „An dem Freitag ging es ihm schon morgens sehr schlecht.“ Nachmittags kamen enge Freunde und die Patenkinder der Stahmers, um Abschied zu nehmen. „Er konnte nur noch mit Gesten antworten, aber man merkte: Er war versöhnt und bereit zu gehen.“

Auch für sie selbst sei es wichtig gewesen, ihren Mann „im heimischen Umfeld auch im Tod zu erleben und zu spüren – und nicht weggeholt und irgendwo aufgebahrt. Es war ganz friedlich – außer der Verzweiflung in meinem Herzen. So konnte ich Abschied nehmen. Es war ein Übergang und kein Schrecken“, sagt Stahmer.

Das Gespräch über die Palliativ-Behandlung ist schwer, aber wichtig

In vielen Familien traue man sich nicht, den Kranken in die Betreuung der Palliativmedizin und –pflege zu geben, weil das Wort ,palliativ‘ ein nahes Ende signalisiert und die Angehörigen davor oft mehr Angst haben als der Patient selbst, sagt Stahmer.

„Vor allem vor dem Gespräch darüber. Es war nicht leicht, aber ich kann nur raten, den Schritt zu machen, wenn der Patient noch darüber mitbestimmen kann. Durch die Behandlung und enge Begleitung wird so vieles leichter, und sowohl der Kranke als auch die Angehörigen fühlen sich dem Weg zum Tod nicht so unwissend und hilflos ausgeliefert.“

Was sie vom Gesetzgeber fordert: Bisher übernehmen die Kassen eine Palliativbehandlung nur, wenn der Patient an einer eindeutig tödlichen Krankheit leidet und das Ende absehbar ist. „Alte, schwer kranke Menschen in der Nähe des Todes müssten ebenfalls Anspruch bekommen.“

(08.09.2014, FOCUS-Online, Sandra Tjong)

 

 

Interview Sterbehilfe

„Sterben ist ein Milliardengeschäft“

Die Sterbehilfe-Debatte hat eine alte Frage neu aufgeworfen: Wie wollen wir aus dem Leben scheiden? Der Soziologe Klaus Feldmann über unseren schwierigen Umgang mit dem Tod und die letzten Wünsche der Deutschen.

Klaus Feldmann war bis 2004 Professor an der Universität Hannover und wirkt derzeit bei Forschungsprojekten an der Abteilung für Bildungswissenschaft der Wirtschaftsuniversität in Wien mit. Seine Schwerpunkte sind Thanatosoziologie und Bildungsforschung.

Herr Feldmann, ist der Tod tatsächlich ein Tabuthema in Deutschland?
Nein, im Allgemeinen nicht. Noch nie wurde so viel und vielfältig über Sterben und Tod in einer Kultur gesprochen und gezeigt wie in unserer modernen Gesellschaft. Auf der anderen Seite finden Verdrängungsprozesse natürlich statt, aber eher individuell.

Der Einzelne will also von seiner Vergänglichkeit nichts wissen?
Genau. Das ist eine universale Grundlage des Menschen. Dieser gewissermaßen natürliche Verdrängungsprozess wird gesellschaftlich geformt. Studien zeigen, dass unser Unterbewusstsein Unbewusstes mit Abwehr reagiert, wenn wir an die eigene Sterblichkeit erinnert werden.

Fällt es den Menschen deshalb so schwer, über das Sterben zu sprechen?
Ja, Menschen vermeiden im Alltag häufig Gespräche über das Thema, weil sie negative Reaktionen fürchten. Aber das bedeutet nicht, dass sie sich nicht trotzdem damit beschäftigen. Die Verdrängung funktioniert ja nur teilweise. Und es gibt auch Menschen, die sich in einer intensiven Weise mit dem Thema beschäftigen, die andere zurückschrecken lässt. Die deutsche Gesellschaft ist unwahrscheinlich heterogen geworden, das vergessen wir oft.

Gibt es in einer so heterogenen Gesellschaft eine gemeingültige Definition von „tot“?
Die deutsche Gesellschaft ist überdurchschnittlich gebildet und überdurchschnittlich säkularisiert. Von daher wird die formalrechtlich und medizinisch vermittelte Hirntod-Konzeption sehr stark gesellschaftlich anerkannt, auch wenn im Einzelfall Menschen das ganz anders bewerten. Der Körper wird immer mehr als Instrument gesehen, über den das Ich funktioniert.

Der körperliche Verfall wird also weniger dramatisch bewertet als der des Bewusstseins?
Ich unterscheide das physische, das psychische und das soziale Sterben. Das soziale Sterben hat viel mit Verlust von Anerkennung und gesellschaftlicher Teilhabe zu tun und wird ebenfalls recht negativ gesehen. Von der überwiegenden Mehrheit der Menschen in Deutschland wird aber vor allem das psychische Sterben, wie etwa bei Demenzkranken, wo das Bewusstsein nur noch in Bruchstücken vorhanden ist, als höchst unerwünscht und negativ bewertet. Daraus ergibt sich das gesellschaftliche Problem, wie mit diesen Erkrankungen umgegangen werden soll.

Erschwert unsere immer individualistischer geprägte Gesellschaft einen entkrampfteren Umgang mit dem Tod?
Das weiß ich nicht. Aber die ökonomischen Faktoren spielen sicher eine Rolle. In einer reichen Gesellschaft lebt man nicht nur länger, man stirbt auch länger, weil es mehr Möglichkeiten gibt, auch auf Massenbasis, medizinisch einzugreifen.

Die meisten Menschen wünschen sich einen Tod im Privaten, im eigenen Heim, tatsächlich stirbt der überwiegende Teil in Krankenhäusern oder Heimen, also öffentlich. Wie wirkt sich das aus?
Es ist wünschenswert, dass mehr auf die Wünsche der Menschen eingehen eingegangen wird und die Bedingungen dafür geschaffen werden, dass mehr Menschen zu Hause sterben können. Allerdings muss man sagen, dass im Notfall die Betroffenen oft diesem Wunsch widersprechen, weil sie etwa bei einer Erkrankung doch ins Krankenhaus wollen, um ihr Leben zu verlängern. Hinter dem Wunsch nach einem Tod im eigenen Bett steht aber noch etwas anderes, nämlich der Wunsch nach einem Sterben in privater, persönlicher Atmosphäre. Das soziale Klima ist wichtiger als der tatsächliche Ort. In Hospizen wird darauf Rücksicht genommen, aber in Krankenhäusern hat man andere Prioritäten. Das ist ein Problem, für das noch niemand gute Lösungen hat. Trotzdem ist es wichtig, dass es erkannt und daran gearbeitet wird.

Zeigt sich hier, dass die Sterbenden keine Lobby haben?

Völlig richtig. Außerdem herrscht eine soziale Ungleichheit. Das heißt, je ärmer die Menschen sind, desto früher sterben sie. Und desto schlechter werden sie während des Sterbeprozesses professionell betreut. Allerdings wissen wir über die genauen Auswirkungen dieser Ungleichheit noch zu wenig, weil es insgesamt kaum gute Studien über das Sterben in Deutschland gibt. Wir brauchen dringend mehr Daten, denn erst dann können wir sagen, wo es Missstände gibt und wo eingegriffen werden muss. Bis jetzt ist das eher von ökonomischen Interessen als von Fakten geleitet.

Trotz mangelnder Daten werden Sie sicher eine Vermutung haben, wo sich etwas ändern muss?
Die katastrophalen Zustände in manchen Pflegeheimen und Krankenhäusern, zum Beispiel. Die dürfen wir nicht einfach hinnehmen. Um dort eine bessere Atmosphäre zum Leben und zum Sterben zu erreichen, braucht man meist mehr und qualifiziertes Personal. Denn Überlastung heißt auch, dass die Wünsche von Sterbenden weniger berücksichtigt werden.

Wieso das?
Bei vielen Sterbenden ist das Bewusstsein eingeschränkt und damit oft die Fähigkeit zur Kommunikation. Es ist also ohnehin schwer, die Wünsche dieser Menschen wahrzunehmen. Mit überlasteten und schlecht ausgebildeten Pflegern wird es noch unwahrscheinlicher.

Bei der Verarbeitung des Todes spielen Rituale eine große Rolle. Wie wirkt es sich aus, dass in einer zunehmend säkularen Gesellschaft die Bedeutung der kirchlichen Rituale zurückgeht?
Im Sterbeprozess ist die Kirche inzwischen nur noch für eine Minderheit wirklich relevant. Dennoch spielen Rituale – übrigens im ganzen Leben – weiter eine wichtige Rolle. Zwar ist ein Verlust traditioneller Rituale eingetreten, man kann sich aber die Frage stellen, ob nicht neue Rituale an die Stelle getreten sind, die gar nicht als solche bezeichnet werden. Zum Beispiel die Gesundheitsvorsorge, die die Menschen betreiben. Oder die Abläufe in Heimen. Man sollte allerdings nicht meinen, dass Rituale im Umgang mit dem Tod automatisch helfen.

Weil sie den individuellen Wünschen zuwiderlaufen?
Richtig. Rituale können die Menschen auch quälen.

Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die aktuelle Debatte um die Sterbehilfe?
Die Intensität der Debatte zeigt, dass wir in einer sehr pluralistischen Gesellschaft mit unterschiedlichen Wertvorstellungen und kulturellen Konzepten leben. Ich persönlich halte eine Liberalisierung der Sterbehilfe jetzt für richtig, weil sie die Möglichkeit für ganz verschiedene Gruppen eröffnet, in ganz unterschiedlicher Weise das Sterben zu gestalten. Ich halte auch die Einschränkung der Kommerzialisierung bei der Beihilfe zum Suizid für absurd. Sterben ist doch schon jetzt ein Milliardengeschäft.

(Frankfurter Rundschau, 14.1.15, Nadja Erb)

 

 

Müntefering rügt Haltung der Sterbehilfe-Befürworter

Der SPD-Politiker Franz Müntefering wirft einem Teil der Sterbehilfe-Befürworter vor, sei seien "Selbstbestimmungsenthusiasten".

Deren Haltung, man müsse jederzeit in seinem Leben selbst entscheiden können, ob man sterbe wolle oder nicht, werte er als gefährlich, sagte Müntefering in der Wochenzeitung "Die Zeit". "Wer so spricht, muss sich genau überlegen, was er damit auslöst - bei denen, die behindert sind, krank oder pflegebedürftig."

Diese Position bringe die auch Gefahr mit sich, dass man Menschen leichtfertig aufgibt, die nur mal ein Tief hätten. "Es ist geradezu absurd, die Vernichtung der Existenz mit dem Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht zu befördern", argumentiert der frühere SPD-Vorsitzende und Bundesminister. Dies sei Ausdruck einer gewissen "bürgerlichen Attitüde", die ein Stück Egozentrik und Arroganz enthalte.

"Es geht um die Würde des Menschen"

"Otto Normalverbraucher denkt nicht so", ergänzt Müntefering. Er zog auch Umfragen in Zweifel, wonach 70 Prozent der Deutschen aktive Sterbehilfe befürworten. Vielen sei der Unterschied zwischen aktiver Sterbehilfe (Tötung auf Verlangen) und passiver Sterbehilfe, bei der auf lebensverlängernde Maßnahmen verzichtet wird, nicht bekannt.

Für die Selbsttötung des ehemaligen MDR-Intendanten Udo Reiter, der ein Verfechter der aktiven Sterbehilfe war, äußerte der Sozialdemokrat Respekt. Dennoch sei dessen Haltung "rücksichtslos gegenüber allem und allen". Müntefering: "Das Leben ist so einzigartig und wichtig, dass ich jeden ermutige, zu sagen: Nimm so viel davon, wie du kannst. Und geh nicht beiseite." Und er ergänzt: "Das Leben ist eine tolle Sache. Es ist eine einmalige grandiose Chance, die wir haben."

Eine bessere Antwort auf die Sorgen der Menschen und die Probleme von Alten und Kranken sei der Ausbau der Hospizangebote und der Palliativmedizin, sagte Müntefering. Zusammen mit den Patientenverfügungen habe dies dazu geführt, dass sich seit 1980 die Zahl der Selbsttötungen auf rund 9.800 im vergangenen Jahr nahezu halbiert habe, sagte Müntefering. Religiöse Erwägungen spielten für ihn in dieser Debatte keine Rolle. "Da geht es nicht um Religion, sondern um den Artikel eins des Grundgesetzes, um die Würde des Menschen", sagte der 74-jährige SPD-Politiker.

(22.12.2014, epd, u.a. in der Celleschen Zeitung, 23.12.14)

 

 

Gesetzentwurf zur Sterbehilfe

Es geht um mehr als um Schmerzen 

Ärzte sollen Schwerstkranken beim Suizid helfen dürfen: Das sieht ein Gesetzentwurf vor, den vier renommierte Wissenschaftler nun vorgelegt haben. Sie verweisen auf Erfahrungen in einem US-Bundesstaat.

Vier renommierte Wissenschaftler haben einen Gesetzentwurf veröffentlicht, der Ärzten erlauben soll, Menschen bei der Selbsttötung zu helfen. Die Professoren haben ihren Vorschlag in München vorgestellt, um Politik und Bevölkerung über ihre Position zu informieren, bevor sich der Bundestag im September mit dem Thema beschäftigen wird.

Die Fachleute fordern, dass die Beihilfe zur Selbsttötung unter Strafe stehen sollte - jedoch mit zwei Ausnahmen:

  • Wenn Angehörige oder Nahestehende sie "bei einem freiverantwortlich handelnden Volljährigen" leisten.
  • Wenn Ärzte es unter Einhaltung strenger Sorgfaltspflichten tun. Zum Beispiel müsste die Freiwilligkeit des Suizidwunsches geprüft werden. Die Patienten müssten "umfassend und lebensorientiert über andere, insbesondere palliativmedizinische Möglichkeiten" aufgeklärt werden. Und in Frage käme der assistierte Suizid nur bei unheilbar Erkrankten mit begrenzter Lebenserwartung. Mindestens ein weiterer unabhängiger Arzt müsste den Betroffenen persönlich gesprochen und untersucht haben.

Die Werbung für kommerzielle Beihilfe zur Selbsttötung sollte darüber hinaus verboten werden.

Patienten wünschen sich Kontrolle über den Tod

"Palliativmedizin ist etwas Wunderbares, sie gehört ausgebaut und adäquat finanziert", sagte einer der Autoren des Entwurfes, Gian Domenico Borasio, Inhaber des Lehrstuhls für Palliativmedizin an der Universität Lausanne. "Aber die klinische Erfahrung zeigt uns: Auch bei bester medizinischer Versorgung wird es immer Menschen geben, die sagen: 'Was mir noch bevorsteht, das möchte ich nicht erleben'."

Dabei gehe es den Betroffenen nicht in erster Linie darum, unerträgliche Schmerzen zu beenden. "Das stellen sich nur Gesunde so vor. Die Schmerzen können wir lindern", sagte Borasio. "Das Bedürfnis kommt aus dem Wunsch, gemäß eigener Würdevorstellungen zu sterben und die Kontrolle über den eigenen Tod zu behalten."

"Wir sollten uns nicht in die Tasche lügen", forderte Mitautor Ralf J. Jox vom Institut für Medizinethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Es gibt mehr assistierten Suizid in Deutschland als wir meinen, aber im Geheimen. Ein Verbot würde das nicht beenden, sondern das Problem verschärfen."

Hinter dem Entwurf stehen außer Borasio und Jox der Ex-Vorsitzende der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer, Urban Wiesing, Direktor des Instituts für Medizinethik der Universität Tübingen, und Jochen Taupitz, Direktor des Instituts für Medizinrecht der Universitäten Heidelberg und Mannheim.

Vorbild Oregon

Der Entwurf orientiert sich an den Gesetzen des US-Bundesstaates Oregon. Dort wäre es nach der Einführung der Regelungen zu keiner Zunahme der Fälle von Beihilfe gekommen. In Ländern wie den Niederlanden und Belgien dagegen, wo sogar die Tötung auf Verlangen erlaubt ist, sei die Zahl der Sterbehilfefälle "bedrohlich" gestiegen, wie Borasio sagte. Der Vorschlag von seinen Kollegen und ihm sei "dem Prinzip der Selbstbestimmung genauso verpflichtet wie den Prinzipien der Fürsorge und des Lebensschutzes".

Bereits die schwarz-gelbe Regierung hatte in der vergangenen Legislaturperiode versucht, sich auf ein Gesetz zur Sterbenhilfe zu einigen - jedoch vergeblich. Von der Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD wurde dagegen erwartet, dass sie sich auf eine gemeinsame Position verständigen würde. Das ist inzwischen nicht mehr so klar. Zwar hat Gesundheitsminister Herman Gröhe (CDU) einen Gesetzentwurf angekündigt, der eine "restriktive Regelung" vorsieht, wie sie etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) fordert.

Peter Hintze (CDU) will Ärzten dagegen die Möglichkeit einräumen, leidenden Patienten beim Sterben zu helfen. Ähnlich hat sich der Gesundheitsexperte der SPD Karl Lauterbach geäußert, der ebenfalls einen Gesetzentwurf angekündigt hat.

Schwierige Lage für Ärzte

In der Bevölkerung ist die Zustimmung zur Sterbehilfe hoch, doch die Rechtslage ist schwierig: Aktive Sterbehilfe ist verboten. Das halten auch Borasio und seine Kollegen für richtig.

Nicht untersagt ist hingegen derzeit die Beihilfe (assistierter Suizid). Es ist demnach keine Straftat, einen Menschen mit Todeswunsch mit entsprechenden Medikamenten zu versorgen. Patienten müssen diese jedoch selbst einnehmen.

Die Bundesärztekammer hat in ihrer Musterberufsordnung klar festgelegt, dass Ärzte auch "keine Hilfe zur Selbsttötung leisten" dürfen. Mediziner begehen demnach mit einer Beihilfe zwar keine Straftat, riskieren aber ihre Zulassung - zumindest in den zehn Bundesländern, in denen die Landesärztekammern diesen Passus in die Berufsordnungen übernommen haben.

Auch in der Ärzteschaft gibt es keine einhellige Meinung in dieser Frage.

(dpa, 26.8.14, in: Süddeutsche Zeitung, Cellesche Zeitung u.a.)

 

 

 

Deutscher Hospiz- und PalliativVerband:

Klares „Nein!“ zur Legalisierung der ärztlichen Beihilfe zum Suizid

"Der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband (DHPV) lehnt den heute in München vorgestellten Gesetzentwurf, der Medizinern die Hilfe beim Suizid explizit erlauben würde, ausdrücklich ab. Ärztinnen und Ärzte tragen im Umgang mit schwerstkranken und sterbenden Menschen eine besondere Verantwortung. Der ärztlich assistierte Suizid hätte unübersehbare Konsequenzen für die Haltung und das Handeln der Ärzte sowie für das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient“, so Benno Bolze, Geschäftsführer des DHPV.

Nach Ansicht von Prof. Winfried Hardinghaus, komm. Vorsitzender des DHPV, ist der Wunsch, bei schwerer Krankheit sein Leben zu beenden, meist in der Angst vor Schmerzen und vor dem Alleinsein sowie in der Angst davor, die Selbstbestimmung zu verlieren und anderen zur Last zu fallen, begründet. „Ein Arzt sollte diese Ängste ernst nehmen und ihnen mit Verständnis, Zuwendung und Aufklärung über die Möglichkeiten hospizlicher und palliativer Betreuung begegnen. Wir können heute ganz unspektakulär durch schmerztherapeutische und sedierende Therapieverfahren im Rahmen einer vertrauensvollen Begleitung jedem Patienten ein beschwerdefreies und würdevolles Ende seines Lebens ermöglichen“, so der langjährig erfahrene Palliativmediziner weiter. Die politischen Anstrengungen müssen sich auf den Ausbau der Sorgestrukturen in der Hospiz- und Palliativversorgung konzentrieren, nicht darauf, ärztliche Beihilfe zum Suizid zu legalisieren. „Eine solche Legalisierung erhöht den Druck auf kranke und alte Menschen, anderen nicht zur Last fallen zu wollen, eine Entwicklung, die in einer solidarischen Gesellschaft nicht gewollt sein kann“, so Hardinghaus.

Weitere Informationen

Der DHPV hat bereits im Februar ein Positionspapier zur Diskussion über ein Verbot gewerblicher und organisierter Formen der Beihilfe zum Suizid erarbeitet (Link).

Der DHPV ist zusammen mit der Bundesärztekammer und der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin Träger der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland, deren Ziel es ist, dass jeder Mensch am Ende seines Lebens unabhängig von der zugrundeliegenden Erkrankung, seiner jeweiligen persönlichen Lebenssituation oder seinem Lebens- bzw. Aufenthaltsort eine qualitativ hochwertige multiprofessionelle hospizliche und palliativmedizinische Versorgung und Begleitung erhält, wenn er diese benötigt. www.charta-zur-betreuung-sterbender.de

Der DHPV setzt sich seit mehr als 20 Jahren für den Auf- und Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung ein und vertritt die Belange schwerstkranker und sterbender Menschen. Der DHPV ist die bundesweite Interessensvertretung der Hospizbewegung sowie zahlreicher Hospiz- und Palliativeinrichtungen in Deutschland. Als Dachverband der Mitgliedsverbände und der überregionalen Organisationen der Hospiz- und Palliativarbeit sowie als Partner im Gesundheitswesen und in der Politik steht er für über 1000 Hospiz- und Palliativdienste und -einrichtungen, in denen sich über 100.000 Menschen ehrenamtlich, bürgerschaftlich und hauptamtlich engagieren.

(Berlin, 26. August 2014)

 

 

Nordrhein-Westfalen: Palliativexperten befürworten Zulassung von Suizidhilfe

Ergebnisse einer Mitgliederbefragung bei der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) legen nahe: das durch DGP und Bundesärztekammer geforderte Verbot von Suizidhilfe für todkranke Menschen findet wenig Rückhalt bei Ärzten und Pflegern.

An der Mitgliederbefragung beteiligten sich ein Viertel der rund 1100 Mitglieder der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen (NRW). Sie ist die größte DGP-Landesgruppe und vereinigt 20 Prozent aller Mitglieder bundesweit. Mit der Befragung in NRW sollte die Position an der Mitgliederbasis zur laufenden Debatte um ein gesetzliches Verbot der Suizidhilfe ermittelt werden, welches Abgeordnete aus den Unionsparteien um Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe anstreben. Für das darüber hinaus von der Bundesärztekammer geforderte einheitliche berufsrechtliche Verbot der Suizidhilfe für Ärzte hatte sich in der Vergangenheit auch die DGP ausgesprochen.

Ein generelles Verbot von organisierter Suizidhilfe, auch für Ärzte, befürworteten bei der Befragung jedoch nur 38,3 Prozent, wie die nun vom Palliativnetz Wittenveröffentlichten Ergebnisse zeigen. Für eine Zulassung unter strengen Bedingungen, wie sie vom CDU-Abgeordneten Peter Hintze vertreten wird, sprachen sich 50,7 Prozent aus. Eine liberalere Regelung bejahten 6,2 Prozent, für eine generelle Freigabe organisierter Suizidhilfe stimmten 4,7 Prozent. Überdurchschnittlich häufig wurde ein Verbot von Suizidhilfe bei Pflegepersonal, von Frauen und Befragten mit leidenden Familienangehörigen abgelehnt. Aber auch befragte Ärzte stimmten zu 52,3 Prozent und somit mehrheitlich gegen ein generelles Verbot der Suizidhilfe.

„Die Ergebnisse geben Hinweise, dass die Position in den Reflexionen der DGP nicht die einheitliche Meinung an der Basis der Fachgesellschaft widerspiegelt“, stellte der Mediziner Matthias Töns vom Palliativnetz Witten zur Befragung fest. Insgesamt hätten sich 54,4 Prozent der befragten DGP-Mitglieder bereit erklärt, Suizidhilfe zu leisten. Nur eine Minderheit von 47,4 Prozent würde dies allerdings selber von ihrem Arzt einfordern.

Bislang ist die Suizidhilfe in Deutschland, auch in organisierter Form wie etwa mittels der Unterstützung durch gemeinnützige Vereine, straffrei. Repräsentative Befragungen in der Bevölkerung haben wiederholt ergeben, dass eine überwiegende Mehrheit der Deutschen grundsätzlich ein Recht auf Suizidhilfe verlangt. Dass sich dem bereits von der Bundesärztekammer beschlossenen berufsrechtlichen Verbot für Ärzte bislang nur neun der 17 Landesärztekammern angeschlossen haben, verdeutlicht die ebenfalls unter Medizinern herrschende Kontroverse, die eigentlich nur einen Schluss zulässt: die Beihilfe zum Suizid muss eine Sache der Gewissensfreiheit bleiben.

Eine explizite gesetzliche Regelung zur bislang straffreien Suizidhilfe soll Ende des Jahres durch den Deutschen Bundestag verabschiedet werden. Die Anfang Oktober vorgestellte Positionsbroschüre des Humanistischen Verbandes zur Debatte um den assistierten Suizid plädiert dabei für die Schaffung von Wegen zu kontrollierter Suizidhilfe sowie einer qualifizierten Suizidkonfliktberatung.

(diesseits.de, 6.1.15) 

 

 

"Bei uns geht's ums Leben, da gehört Sterben dazu"

Die Versorgung Todkranker soll ausgebaut werden. Vor allem auf dem Land gibt es Defizite in der Palliativmedizin. So kann beispielsweise in Bayern nicht jeder Patient versorgt werden.

Gelächter dringt aus dem Büro. Zwei Frauen und zwei Männer sitzen im Münchner Verein DaSein in der täglichen Morgenbesprechung zusammen. Ein Arzt und eine Krankenschwester, ein Pfleger und eine Sozialpädagogin gehen den Einsatz der Bereitschaft in der vergangenen Nacht durch. Es war viel los. Doch die Stimmung ist aufgeräumt – obwohl der Tod ihr täglicher Begleiter ist.

Die Mitarbeiter des Vereins DaSein kümmern sich um todkranke und sterbende Menschen. Ihre Aufgabe ist es, Leiden zu lindern und Kranken ein menschenwürdiges Leben bis zum Tod in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen.

"Wir helfen, unnötige Krankenhauseinweisungen zu vermeiden, damit unsere Patienten in ihrer vertrauten Umgebung bleiben und dort auch sterben können, wenn sie es wollen", erklärt Johannes Bükki, leitender Mediziner im Verein DaSein.

Trotz langjähriger Erfahrung in ihrem Beruf nimmt die Mitarbeiter des Teams so manches Patientenschicksal sehr mit. Wie das der jungen Mutter, unheilbar erkrankt, alleinerziehend, mit drei kleinen Kindern. "Das ist wirklich hart", seufzt Sozialpädagogin Elisabeth Riedl.

Und doch ist die tägliche Morgenbesprechung keine Trauerveranstaltung. "Bei uns geht es doch ums Leben, da gehört Sterben dazu", erklärt Riedl. Und ihre Kollegin Beate Urich ergänzt: "Die Patienten freuen sich, wenn es auch mal lustig ist und wir mit ihnen scherzen."

8000 Sterbebegleiter in Bayern

Palliativversorgung heißt für das Team, sich 24 Stunden am Tag mit der Frage zu beschäftigen, wie und mit welchen Mitteln sich die Schmerzen bei den einzelnen Patienten individuell am besten bekämpfen lassen.

Mehr als 136 Hospizvereine gibt es momentan in Bayern. 25.000 Menschen engagieren sich in der Hospizbewegung, rund 8000 von ihnen sind ausgebildete Sterbebegleiter. Und obwohl jeder Bürger seit 2007 ein Recht auf Palliativversorgung hat, ist diese laut Bayerischem Hospiz- und Palliativverband vor allem in ländlichen Regionen unzureichend.

Die Frage, wie man mit Menschen umgehen soll, die sterben wollen, beschäftigte erst kürzlich den Bundestag. Und die Antwort darauf wird das Parlament noch weiter beschäftigen. Ende des Jahres soll eine Entscheidung zur Sterbehilfe fallen – ohne Fraktionszwang. Bis dahin werden verschiedene Vorschläge diskutiert.

Sie reichen vom Verbot von Sterbehilfevereinen über die bundesweite Zulassung der ärztlichen Beihilfe zum Suizid unter bestimmten Bedingungen bis hin zum Vorschlag, alles zu lassen, wie es ist. Eine Debatte, die Bundestagspräsident Norbert Lammert die vielleicht anspruchsvollste der Legislaturperiode genannt hat.

Aktive Sterbehilfe, also die Tötung auf Verlangen, steht nicht zur Diskussion. Sie ist in Deutschland verboten und soll es auch bleiben. Die Debatte geht viel mehr darum, ob Suizidbegleitung erlaubt sein soll und in welchen Formen. Schon jetzt sind sich aber alle Politiker im Bundestag in einem Punkt einig: Die Palliativmedizin muss ausgebaut werden.

Sterben ohne Schmerzen

Palliativ kommt vom lateinischen Verb palliare und bedeutet schützen, mit einem Mantel umgeben. Und genau darum geht es: die Versorgung unheilbar Kranker und die Verbesserung ihrer Lebensqualität. Während die heilende Medizin gegen die Krankheit kämpft, setzt die Palliativmedizin auf schmerzlindernde Maßnahmen bei unheilbaren Krankheiten. So soll das qualvolle Sterben in friedliches Sterben überführt werden.

Doch noch ist die Versorgung mit palliativmedizinischen Einrichtungen unzureichend, bemängelt der bayerischee Landesverband der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP).

Obwohl Bayern bundesweit recht gut dastehe, was die Palliativversorgung angehe, verweist DGP-Vorstand Christoph Ostgathe darauf, dass hier dennoch Entwicklungsbedarf bestehe. "Wir sind noch weit davon entfernt, alle Patienten, die Bedarf hätten, versorgen zu können."

Zum flächendeckenden Ausbau brauche man nicht unbedingt mehr Geld, sondern mehr Ideen, ergänzt der Mediziner Bükki. Hospizeinrichtungen müssten zudem viel früher als bislang, nämlich schon bei der Diagnosestellung, eingebunden werden.

"Vor allem in deutschen Krankenhäusern gibt es zu wenige Palliativeinrichtungen. Die gilt es flächendeckend auszubauen", sagt Bükki. Nach Angaben der DGP gibt es nur an 15 Prozent der bundesweit 2000 Krankenhäuser eine Palliativstation.

Fortschritte in der Schmerztherapie

Auch in Wissenschaft und Forschung könnte nach Bükkis Ansicht mehr getan werden. Derzeit gibt es in Deutschland sechs Universitäten in München, Aachen, Bonn, Göttingen, Köln und Witten/Herdecke, die einen Lehrstuhl für Palliativmedizin haben.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin setzt sich dafür ein, das Medizinstudium so zu erweitern, dass die Behandlung Sterbender verbessert wird.

"Wir können viel tun", bekräftigt Bükki. Lebensbedrohliche Erkrankungen werden häufig begleitet von Symptomen wie Atemnot, Übelkeit, Erbrechen und Schmerzen. Dann ist eine spezielle Schmerztherapie nötig. Ein komplexes Thema, mit dem viele Hausärzte oder Onkologen überfordert sind. Um diese Patienten kümmert sich die spezialisierte ambulante Palliativversorgung, sogenannte SAPV-Teams.

Die Schmerztherapie hat in den vergangen Jahren Fortschritte gemacht. So erlauben beispielsweise Medikamentenpumpen, die Dosierung von Schmerzmitteln individuell den Bedürfnissen des Kranken anzupassen. "Und wir müssen den Angehörigen deutlich machen: Es geht hier nicht mehr ums Heilen, sondern ums Schmerzen erträglich Machen", erklärt Bükki.

Offenes Ohr und praktische Hilfe

Die Arbeit der SAPV-Teams besteht nicht ausschließlich in der medizinisch-pflegerischen Beratung. Die Palliativversorgung legt Wert auf einen ganzheitlichen Ansatz.

Nicht umsonst gibt es im SAPV-Team von DaSein neben Ärzten auch Palliative-Care-Pflegekräfte und Sozialpädagoginnen. Sie helfen, wenn es um Sorgen und Ängste der Patienten und ihrer Angehörigen geht, ganz gleich, ob es sich dabei um das Wohlergehen des zurückbleibenden Partners oder der Kinder handelt, um konkrete Hilfen wie Behördengänge oder Leistungen der Krankenkassen.

In einer Medizin, die immer stärker von ökonomischen Zwängen bestimmt wird, ein schwieriges Unterfangen. Denn zur Sterbebegleitung gehören auch Gespräche, Trost und Fürsorge. Das braucht Zeit. Ohne ehrenamtliche Hospizbegleiter wäre das kaum machbar.

Huml gegen aktive Sterbehilfe

Ehrenamtliche Hospizbegleiter werden in speziellen Seminaren auf ihre sensible Aufgabe vorbereitet. Meist sind das mehrere Wochenendseminare in unterschiedlichen karitativen Einrichtungen.

Auch der Verein DaSein bietet solche Fortbildungen nach den Qualitätsanforderungen zur Vorbereitung Ehrenamtlicher des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes (DHPV) an.

"Wir müssen das Sterben wieder viel stärker als Teil des Lebens betrachten – als einen Vorgang, der weder verkürzt noch künstlich verlängert werden soll", sagt die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml. Und bezieht damit eine klare Position zur aktiven Sterbehilfe. Sie lehnt sie ebenso ab wie die Beihilfe zur Selbsttötung.

"Alten und schwerstkranken Menschen darf nicht das Gefühl vermittelt werden, dass sie der Gesellschaft zur Last fallen", so die Ministerin, die zugleich für die Hospiz- und Palliativarbeit wirbt. Erst kürzlich hat sie den Hospizdienst von DaSein mit dem Bayerischen Hospizpreis ausgezeichnet.

(Die Welt, 12.1.15, Miriam Zerbel)

 

 

Debatte Palliativmedizin

Selbstbestimmt sterben

Es ist ein Fehler, den Streit über Autonomie auf den Todeszeitpunkt zu reduzieren. Das hilft nur der Gesundheitsindustrie.

Bist du jetzt dafür oder dagegen? Die sogenannte Sterbehilfedebatte gleitet leider nicht selten ins Ideologische ab. Es wird erstaunlich wenig darüber nachgedacht, was Selbstbestimmung am Lebensende in der heutigen pluralistischen Gesellschaft bedeuten kann.

Die Erfahrungen in der Palliativbegleitung zeigen, dass es zu kurz gegriffen und zudem realitätsfremd ist, wenn man die Autonomiedebatte auf die Selbstbestimmung des Todeszeitpunktes reduziert. In der Praxis ist dies nur für eine sehr kleine Anzahl von Menschen das ausschlaggebende Kriterium.

Viel wichtiger ist für die meisten Menschen, ob ihr Leben in der Rückschau einen Sinn ergibt (ich habe noch nie einen Patienten getroffen, der sich gewünscht hätte, mehr gearbeitet zu haben), ob qualvolle Symptome vermieden werden können und wie es den Angehörigen nach dem eigenen Tod gehen wird.

Warum fokussiert sich die Debatte dennoch so stark auf das Thema "Sterbehilfe"? Weil sehr viele Menschen Angst davor haben, am Lebensende in eine Situation zu geraten, in der sie einen "Notausgang" bräuchten und ihn nicht bekommen. Krankheit und Sterben werden oft als zunehmender Kontrollverlust erlebt. Gerade hier wäre eine offene und vertrauensvolle Kommunikation mit dem behandelnden Arzt von größter Bedeutung. Nur herrscht leider in Deutschland eine ausgeprägte Rechtsunsicherheit darüber, was am Lebensende erlaubt und was verboten ist.

Ein Patient, der befürchten muss, bei der Äußerung eines Suizidwunsches "abgewimmelt" oder gar in die Psychiatrie eingewiesen zu werden, wird dies eher nicht mit seinem Arzt besprechen. Der Arzt hat dann keine Möglichkeit, unbegründete Ängste zu klären und über die Behandlung von Symptomen und andere Hilfsangebote zu beraten.

Der kürzlich vorgestellte Gesetzesvorschlag zur Regelung des ärztlich assistierten Suizids hat das Ziel, diese Ängste abzubauen und den Dialog am Lebensende zu stärken. Damit können nachweislich Suizide verhindert werden. Der Vorschlag lehnt sich an die Regelung im US-Bundesstaat Oregon an, wo sie nur 2 von 1.000 Todesfällen betrifft - und ein Drittel der Patienten, die vom Arzt ein zum Tode führendes Mittel erhalten haben, dieses nie einnimmt. Die Tötung auf Verlangen, deren Fallzahlen in den Niederlanden und Belgien zuletzt deutlich gestiegen sind (und die nachweislich auch bei Menschen angewendet wird, die dieses Verlangen nicht mehr äußern können), soll weiter strafbar bleiben.

Eine Entweder-oder-Haltung ist im Hinblick auf Palliativmedizin und Suizidhilfe nicht zu rechtfertigen. Es ist wissenschaftlich längst belegt, dass es auch bei bester Palliativversorgung Menschen gibt, die mit Berechtigung sagen: "Das, was mir noch bevorsteht, möchte ich nicht erleben."

Über eines sollten wir uns allerdings nicht täuschen: Was unsere Selbstbestimmung am Lebensende wirklich einschränkt, ist nicht das Fehlen einer Regelung zur Suizidhilfe, sondern die unzureichende pflegerische und palliative Versorgung sowie die allgegenwärtige, ökonomisch motivierte Übertherapie.

Die Übertherapie

Etwa ein Drittel aller Gesundheitskosten fällt in den letzten ein bis zwei Lebensjahren an. Es geht hier um dreistellige Milliardenbeträge. Die verzweifelte Hoffnung Schwerstkranker auf Heilung oder wenigstens Aufschub wird von der Gesundheitsindustrie bewusst instrumentalisiert, um höhere Renditen zu erzielen. Dem spielt wiederum die Angst der Ärzte in die Hände, einem Patienten "nichts mehr anbieten zu können".

Ich habe es erlebt, wie ein junger Patient die Krebsärzte geradezu anflehte, ihn mit einem neuen Medikament weiter zu behandeln, obwohl dieses - bei voraussichtlich geringem Nutzen - schwerste Nebenwirkungen auslöste. Die zur Beschwerdelinderung notwendige Cortisontherapie durfte er nicht bekommen, weil dies die Wirkung des Medikaments hätte beeinträchtigen können. Der Patient starb qualvoll drei Tage später.

Dass es auch anders geht, belegt eine Studie aus Harvard: Eine frühzeitige Palliativbetreuung führte bei Krebspatienten zu einer besseren Lebensqualität, weniger Chemotherapien und gleichzeitig einem signifikant längeren Überleben - nebenwirkungsfrei und kostensparend. Die Palliativmedizin erreicht dies, indem sie leidvolle Symptome effektiv behandelt und die psychosozialen wie spirituellen Bedürfnisse und Prioritäten der Patienten und ihres sozialen Umfelds in den Mittelpunkt stellt.

Aber trotz vieler Lippenbekenntnisse wird sie, wenn es um Ressourcenzuteilung geht, immer noch stiefmütterlich behandelt. Warum wohl? Vielleicht deshalb, weil die Palliativmedizin der modernen, technologisch und pharmakologisch orientierten Medizin die unbequeme Frage stellt: Ist wirklich immer alles sinnvoll, was machbar ist?

Abwertung der Palliativmedizin

Derzeit ist zudem zu beobachten, wie die Palliativmedizin vom Gesundheitssystem geradezu "anästhesiert" wird, indem man sie - mit tatkräftiger Hilfe der Pharmaindustrie - zu einer Unterform der Schmerztherapie umzudefinieren versucht. Dabei stellt die Schmerzbehandlung in Wirklichkeit nur etwa ein Sechstel der ganzheitlichen, multiprofessionellen Arbeit in der Palliativbetreuung dar. Aber die Pharmaindustrie macht ihre Umsätze nun einmal nicht mit spiritueller Begleitung.

Was wir dringend brauchen, ist ein Gesundheitssystem, das in der Lage ist, die hochgradig unterschiedlichen Bedürfnisse, Ängste und Sorgen kranker Menschen und ihrer Familien wahr- und ernst zu nehmen. Dies geschieht nicht durch die standardmäßige Ingangsetzung aller medizinischen Behandlungen, die vom System bezahlt werden, sondern beginnt ganz wesentlich mit dem Zuhören.

Wenn wir diesen Weg nicht gehen, riskieren wir die Entstehung einer Zweiklassenmedizin, in der es nur Unter- oder Überversorgte geben wird. Es ist daher meine feste Überzeugung: Die Medizin der Zukunft wird eine hörende sein, oder sie wird nicht sein. Wenn die Sterbehilfedebatte einen Beitrag in diese Richtung liefern könnte, wäre sie hochwillkommen.

(Gian Domenico Borasio, taz, 6.10.14)

 

 

Sterbehilfe

Debatte im Bundestag

An den Regelungen zur Sterbehilfe scheiden sich die Geister, derzeit liegen fünf Vorschläge auf dem Tisch: Eine vierstündige Debatte am Donnerstag soll den Bundestagsabgeordneten bei der Orientierung helfen. Die "Ärzte Zeitung" wird diese per Twitter und online live begleiten.

BERLIN. Fast viereinhalb Stunden Debatte im Bundestag - ohne, dass ein Gesetzentwurf existiert. Schon der Rahmen der sogenannten Orientierungsdebatte über Sterbehilfe ist ungewöhnlich.

Mehrere Dutzend Abgeordnete werden am Donnerstagsvormittag ihre persönliche Position zur Sterbehilfe und -begleitung im Bundestag erläutern.

Beschlüsse gibt es keine, die Fraktionsdisziplin wird keine Rolle spielen. Fünf Gruppen von Abgeordneten, die mehr oder weniger ausgefeilte Positionspapiere vorgelegt haben, werben um Unterstützer - viele Parlamentarier sind noch in der Meinungsfindung und haben sich noch nicht positioniert.

Doch mit der Orientierungsdebatte ist das Rennen um eine Regelung zur Sterbehilfe voll entbrannt.

Die Entwürfe im Überblick:

  • Carola Reimann, Karl Lauterbach, Burkhard Lischka (alle SPD), Peter Hintze, Katherina Reiche (beide CDU) und Dagmar Wöhrl (CSU): Die Gruppe spricht sich für eine gesetzliche Regelung zur Sterbehilfe durch Ärzte aus. Erlaubt sein solle diese ärztliche Hilfe in Fällen "irreversibel zum Tode führender Erkrankungen". Vorgeschlagen wird eine zivilrechtliche Regelung im Bürgerlichen Gesetzbuch. Ein weiterer Arzt muss dem Vorgehen zustimmen. Zum Positionspapier.
  • Elisabeth Scharfenberg, Harald Terpe (beide Grüne): Die Abgeordneten lehnen es ab, dass "der assistierte Suizid als normales Dienstleistungsangebot in Deutschland etabliert wird". Sie schlagen vor, die Arbeit von Organisationen wie Sterbehilfe Deutschland oder Dignitas zu verbieten. Nimmt ein Sterbewilliger dennoch organisierte Suizidbeihilfe in Anspruch, sollen Angehörige "oder andere nahestehende Personen" auch dann straflos bleiben, wenn sie ihn unterstützen. Zu diesen Personen können auch Ärzte gehören, "zu der/dem die sterbewillige Person in einer langjährigen Behandlungsbeziehung steht", heißt es. Zum Positionspapier.
  • Kerstin Griese und Eva Högl (beide SPD): Die beiden Abgeordneten deklarieren ihren Vorschlag als "Weg der Mitte" und streben an, den Freiraum zu erhalten, den Ärzte in ethischen Grenzsituationen am Lebensende bisher schon haben. Handlungsbedarf sehen Griese und Högl nur beim Verbot geschäftsmäßiger Sterbehilfe, wollen den rechtlichen Status quo ansonsten unangetastet lassen. Mit Blick auf die unterschiedlichen Regelungen der Landesärztekammern zur ärztlichen Beihilfe zum Suizid fordern die beiden Abgeordneten die Ärzte auf, "ihr Standesrecht klar zu regeln". Zum Positionspapier.
  • Renate Künast (Grüne), Petra Sitte (Linksfraktion): Die Parlamentarier wenden sich gegen ein Verbot gemeinnütziger Sterbehilfevereine. "Wir brauchen mehr Fürsorge und Beratung, nicht mehr Strafrecht", schrieb Künast in einem Beitrag für den "Tagesspiegel". Ein Verbot der organisierten Sterbehilfe hätte nicht die Verhinderung von Suiziden zur Folge, "sondern die Reise ins Ausland". Klar gestellt werden müsse, dass Sterbehilfeorganisationen aus der "Beratung" kein Kapital schlagen dürfen. Auch die Dokumentation der Abläufe müsse geregelt werden. Künast und Sitte wollen am Mittwoch ihr Positionspapier vorstellen.
  • Claudia Lücking-Michel, Michael Brand, Michael Frieser (alle CDU): Unter der Überschrift "Begleiten statt Beenden" plädieren die Abgeordneten dafür, die geltenden Regelungen zur Straflosigkeit von Suizid wie auch der Beihilfe "grundsätzlich unberührt" zu lassen. "Organisierte ärztliche Assistenz zum Suizid" wird abgelehnt, es dürfe keine "gesetzlichen Sonderreglungen für Ärzte geben". Nötig sei dagegen ein Verbot von Sterbehilfevereinen und anderen organisierten Formen der Beihilfe zum Suizid. Dieses müsse im Strafgesetzbuch erfolgen. Zur Erläuterung heißt es: "Bei einem Verbot nur der geschäftsmäßigen Suizid-Beihilfe scheiden Angehörige von vornherein aus, weil die Wiederholungsabsicht schon für einen zweiten Fall nicht bestehen wird. Auch behandelnde Ärzte, die im Einzelfall einem Patienten ein Medikament zum Suizid zur Verfügung stellen, geraten nicht in Gefahr der Strafverfolgung, wenn sie es nicht zum regelmäßigen Gegenstand ihres ‚Behandlungs‘-Angebots machen."Es wird für die Willensbildung im Bundestag von besonderer Bedeutung sein, ob dieser Antrag, der am Dienstag von den drei Initiatoren vorgestellt wurde, geeignet ist, die Mehrheitsmeinung der Unionsfraktion zu repräsentieren.

 (Ärztezeitung, 12.11.14, Florian Staeck)

 

Umfrage: Ärzte helfen nur selten beim Sterben

Will ein Mensch freiwillig sterben, assistieren Ärzte nur selten. Das besagt eine jetzt vorgestellte Studie des Instituts für Medizinische Ethik der Ruhr-Universität Bochum. Unter 734 befragten Medizinern ist den Forschern nur von einem Fall des assistierten Suizids berichtet worden. Dabei unterstützt der Arzt den Patienten bei der Selbsttötung, die letzte Handlung vollzieht der Patient jedoch selbst. Die Positionen der Ärzte zum kontroversen Thema Sterbehilfe sind laut Studie sehr unterschiedlich. So könnten sich 40 Prozent der Befragten durchaus vorstellen, unter bestimmten Bedingungen beim Suizid zu assistieren. Für 42 Prozent ist das nicht vorstellbar.

Derzeit verbietet der Vorstand der Bundesärztekammer den assistierten Suizid. Doch nur die Hälfte der Landesärztekammern hat dieses Verbot in die Berufsordnung übernommen. Solange es dort nicht steht, müssen Ärzte nicht mit berufsrechtlichen Konsequenzen rechnen, wenn sie einen Patienten beim Selbstmord unterstützen. Ein konsequenteres Verbot, wie es der Vorstand der Bundesärztekammer fordert, unterstützen die meisten befragten Mediziner nicht. Nur jeder Vierte stimmte dafür, 34 Prozent lehnen es ab. Der Großteil, 41 Prozent, ist unentschieden in dieser Angelegenheit.

Studienleiter Jan Schildmann hofft, die Debatte innerhalb der Ärzteschaft mit den Forschungsergebnissen zu unterstützen: «Sie ist wichtig für die Gestaltung eines angemessenen normativen Rahmens für Situationen, in denen Patienten selbstbestimmt aus dem Leben scheiden wollen und in denen Ärzte ihre Patienten dabei unterstützen wollen.»

Weniger streng sieht die Ärzteschaft anscheinend die passive Sterbehilfe: 403 Ärzte gaben an, dass Patienten von ihnen behandelt wurden, als sie starben. In mehr als 50 Prozent dieser Fälle wurde auf eine medizinische Maßnahme verzichtet. Bei jedem fünften Gestorbenen war der früher eintretende Tod das erklärte Ziel.

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, begrüßt die Meinungsvielfalt unter den Ärzten: «Die Diskussion zeigt, dass Suizid und der begleitete Suizid weiterhin nicht unter Strafe gestellt werden dürfen», sagt Brysch. Lediglich das «geschäftsmäßige Angebot von Sterbehilfe im Dauerbetrieb» gehöre unter Strafe gestellt.

(Pharmazeutische Zeitung, 02.12.2014, dpa)

 

 

Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli zu Sterbehilfe

Diese zehn eklatanten Mängel hat die deutsche Debatte

Irreführende Wortwahl und Ignoranz prägen die Sterbehilfe-Debatte in Deutschland. Dass die positiven Erfahrungen der liberalen Schweiz ausgeblendet werden, lässt bloße Symbolpolitik befürchten. Ein Gastkommentar

Die Debatte in Deutschland über ein Gesetz zur Sterbehilfe zeichnet sich insbesondere im Bundestag durch das Vorherrschen von sinnwidrigen Schlagworten, weitestgehendem Mangel an Kenntnis der Fakten und bewusstem Ausblenden von wichtigen Bereichen aus, die aber in die Debatte miteinbezogen werden sollten. Vor allem die Ignoranz, mit welcher das Parlament sowohl das Problem der Vermeidung von Suizidversuchen als auch die durchweg positiven Erfahrungen in der liberalen Schweiz ausgeblendet hat, lässt befürchten, dass es einer Mehrheit von Abgeordneten um bloße Symbolpolitik geht, keineswegs jedoch um eine vernünftige Lösung manifester gesellschaftlicher Probleme.

Dass sich dabei zudem die Tendenz abzeichnet, dass sich das Parlament über den vielfach dokumentierten Wunsch nach Selbstbestimmung in letzten Dingen von einer großen Mehrheit aller in Deutschland lebenden Menschen hinwegzusetzen anschickt, ist bei einem Thema, bei dem es um Leben oder Tod geht, und in einem Land, welches in seiner Geschichte zufolge ideologischer Verblendung in diesen Fragen bereits mehrfach schwer versagt hat, kaum verständlich. Wer die deutsche Debatte insbesondere des Jahres 2014 um Fragen der Sterbehilfe aufmerksam verfolgt hat, konnte dabei mindestens zehn wesentliche Mängel feststellen:

1. Politiker wie Journalisten sprechen oft unspezifisch und irreführend von "aktiver Sterbehilfe", also der Tötung auf Verlangen; sie scheinen bis heute nicht verstanden zu haben, dass sich niemand dafür einsetzt, in Deutschland "aktive Sterbehilfe" (wie etwa in Holland, Belgien oder Luxemburg) zuzulassen. Verlangt wird nur, die in Deutschland mindestens seit 1871 zulässige Beihilfe zum Suizid weder für Ärzte noch Organisationen einzuschränken.

2. Die deutsche Debatte ist stark eingeengt. Sie thematisiert vorwiegend zwei Fragen: Soll "organisierte" Sterbehilfe verboten werden? Und: Sollen Ärzte bei einem selbst gewählten vorzeitigen Lebensende Hilfe leisten dürfen?

3. Das zweitwichtigste gesellschaftliche Problem (an erster Stelle steht die Arbeitslosigkeit), wird vollkommen ausgeblendet: Die hohe Zahl an gescheiterten Suizidversuchen in Deutschland. Experten schätzen diese auf jährlich 200.000 bis 500.000. In der deutschen Debatte geht es aber überhaupt nicht darum, ob vernünftige Sterbehilfe dank der damit verbundenen ergebnisoffenen Beratung diese erschreckend hohe Zahl sogar stark reduzieren könnte. Bei Dignitas haben wir entsprechende Erfahrungen gemacht.

4. Die deutsche Debatte fragt nicht nach dem wirtschaftlichen Interesse von Pharma-Industrie und Krankenhäusern an der Ausbeutung schwerstkranker Menschen sowie an gescheiterten Suizidversuchen. Krankenhäuser und die entsprechenden Pharmafirmen verdienen ausgesprochen gut an der Betreuung terminal Erkrankter in deren letztem Lebensjahr. Wieso wird das gar nicht angesprochen? In einer ehrlichen Debatte müsste dieser Aspekt zumindest thematisiert werden.

Mehr zum Thema

5. Die deutsche Debatte insbesondere im Bundestag zeichnete sich durch viel benutzte polemische Schlagworte und Sprüche aus. Etwa: "Menschen sollen an der Hand, nicht durch die Hand eines anderen Menschen sterben" oder "Suizidbeihilfe soll nicht zum Normalfall werden". Wortspiele und Behauptungen sind aber keine Argumente. Zudem passen sie nicht zum Thema: Bei einem begleiteten Suizid stirbt niemand durch die Hand eines anderen, sondern stets durch die eigene.

Solche Aussagen sollen nur ablenken und das Nachdenken verhindern. In Ländern, in welchen Suizidbeihilfe seit Jahrzehnten praktiziert wird, ist diese nie zum Normalfall geworden, sondern steht Menschen in Ausnahmefällen zur Verfügung, ohne dass die Schwerstkranken deshalb gezwungen werden, ihr eigenes Land verlassen zu müssen.

6. Die deutsche Debatte hat bislang nicht wahrgenommen, dass die höchste menschenrechtliche Instanz in Europa, der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, für jeden Menschen, der geschäftsfähig und in der Lage ist, seinen Willen frei zu bilden und danach zu handeln, das Recht auf Suizid ausdrücklich bestätigt hat.

7. Die deutsche Debatte vermeidet bislang den Blick über die eigenen Grenzen hinaus. So nimmt sie nicht wahr, dass in ganz Europa die Politiker in Fragen der Sterbehilfe nach einer vernünftigen Liberalisierung suchen. Nur in Deutschland und Österreich wollen Politiker das Rad der Zeit ins Mittelalter zurückdrehen.

8. Die deutsche Debatte nimmt nicht wahr, dass völlige Freiheit die geringste Quote an Sterbefällen mittels Sterbehilfe zur Folge hat: Ausgerechnet der europäische Staat mit der größten Liberalität in dieser Frage – die Schweiz, welche bislang jede gesetzliche Regelung von Beihilfe zum Suizid nicht zuletzt auch wegen des Ergebnisses von Volksabstimmungen im Kanton Zürich abgelehnt hat – beweist dies. Seit 30 Jahren bleibt dort diese Quote unter einem Prozent aller Sterbefälle.

9. Die deutsche Debatte steuert auf eine Regelung zu, durch die die Beihilfe zum Suizid nur Angehörigen, nicht aber verantwortlich handelnden Organisationen gestattet wäre. Damit werden gewissermaßen nur Laien, nicht aber die Fachleute zum Handeln ermächtigt. Weltweit scheitern ungleich viel mehr Suizidversuche, als dass sie gelingen. Ergebnisoffene Beratung senkt vor allem die Zahl der Suizidversuche. Dem Prinzip "So wenig Suizidversuche wie nur immer möglich, so viele begleitete Suizide wie gerechtfertigt" kann nur durch Einsatz von Fachleuten in den Vereinen, welche die Selbstbestimmung am Lebensende sichern helfen, nahe gekommen werden.

10. Die deutsche Debatte blendet aus, dass Ärzte normalerweise keine Fachleute für Beihilfe zum Suizid sind; es fehlt ihnen nicht nur die entsprechende Ausbildung, es fehlt ihnen auch die Erfahrung. Dies gilt selbst für die Niederlande; dortige Studien zeigen oft Versagen von Ärzten bei Freitodbegleitungen.

Noch sind die Würfel im Bundestag nicht gefallen. So bliebe noch Zeit, die Mängel aufzuarbeiten und die Angst vor der Freiheit, welche einer vernünftigen Lösung des Problems in Deutschland noch immer im Wege steht, zu überwinden, ganz im Sinne der Mahnrufe des Herrn Bundespräsidenten Joachim Gauck: Freiheit und Verantwortung!

Ludwig A. Minelli ist Gründer und Generalsekretär des schweizerischen Vereins "Dignitas – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterben" auf der Forch bei Zürich sowie Erster Vorsitzender des deutschen Vereins "Dignitas – Menschenwürdig leben - Menschenwürdig sterben" (Sektion Deutschland) e.V. in Hannover. Minelli hat die gesamte Orientierungsdebatte des Bundestags vom 13. November 2014 auf der Website www.dignitas.ch im Einzelnen kommentiert: http://www.dignitas.ch/images/stories/pdf/diginpublic/stellungnahme-bundestagsdebatte-13112014.pdf. Sein Beitrag erscheint im Rahmen der Tagesspiegel-Debatte zur Sterbehilfe.

(Der Tagesspiegel/Berlin, 28.1.15, Ludwig A. Minelli)

 

 

Kinderärztin und Palliativmedizinerin

Sie begleitet Kinder beim Sterben

Dr. Kerstin Lieber arbeitet im Kinderhospiz Sonnenhof. Sie sagt: "Ich habe viele Facetten vom Tod kennengelernt – und ich habe keine Angst vor dem Tod." Eine Geschichte über eine besondere Frau.

 „Heilen selten, lindern meistens, trösten immer“. Dieses französische Ärztegelöbnis aus dem 16. Jahrhundert ist mein Motto. Ich komme aus Lichtenberg und lebe in Pankow. Seit 2007 bin ich ehrenamtlich, seit 2008 hauptberuflich im Kinderhospiz Sonnenhof und seit Jahren auch in der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) für Kinder und Jugendliche tätig.

Der Begriff Palliativmedizin kommt aus dem Lateinischen. „Palliare“ bedeutet so viel wie „mit einem Mantel umhüllen“. Die Patienten werden sozusagen von einem multiprofessionellen Team umhüllt. Unsere Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben Erkrankungen, bei denen die Medizin mit dem Rücken an der Wand steht. Sie sterben früher als andere Menschen, also vor dem 45. Lebensjahr. Wir versorgen sie so, dass sie in beide Richtungen gehen können. In welche Richtung sie dann gehen, entscheiden wir nicht.

Ein Kinderhospiz ist nicht zu vergleichen mit einem Erwachsenenhospiz. Der Tod steht nicht im Vordergrund. Unser Anspruch ist: nicht sterben. Wir können ab der Diagnose eine Brücke bauen zwischen dem Krankenhaus und zu Hause. Und: Wir befähigen Eltern, ihre Kinder zu Hause zu betreuen. Wir sind nicht automatisch die letzte Station.

Pro Jahr nehmen wir 80 bis 120 Patienten auf. In der vergangenen Woche sind im Hospiz gerade drei krebskranke Patienten zwischen 21 und 26 Jahren gestorben. Das geht oft in Wellen. Meist nimmt eine Welle gleich drei Patienten mit, das beobachten wir seit Jahren. Niemand weiß, warum das so ist. In unserem Hospiz sterben aber nicht mehr als 20 Menschen im Jahr.

Ich habe viele Facetten vom Tod kennengelernt – und ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich bin 2007 selbst an Krebs erkrankt. Die Diagnose war ein Schock und ist für die Familie fast schwieriger zu ertragen. Für mich gehört der Tod zum Leben.

Jeder Mensch geht anders

Ich habe hohe Achtung vor Kindern, die ihren Zeitpunkt selbst bestimmen. Wenn sich ein Kind entscheidet, zu gehen, kann es auch nicht mehr leben. Es ist ja kein Kind, das plötzlich durch einen Unfall aus dem Leben gerissen wird. Es weiß schon genau, was mit ihm passiert. Manche warten noch, bis der geliebte Großvater durch die Tür eintritt. Andere gehen genau dann, wenn die Mama zur Tür raus ist, weil sie die Mutter nicht belasten wollen. Das sind dann schon die älteren. In jedem Fall gehen Menschen viel leichter, wenn sie geliebt werden.

Es gibt leider auch ungeliebte Kinder. Aber jedes Kind sucht sich seine Liebe und findet auch jemanden, der es liebt. Dafür sind spätestens wir der richtige Ort. Doch wir wollen immer erst Eltern, Großeltern, Geschwister und Verwandte befähigen, sich angstfrei mit dem Kind auseinanderzusetzen und ihm Zuwendung zu geben.

Kleine Kinder habe keine Bedenken zu sterben, für sie ist es nichts Schlimmes. Sie stellen sich vor, dass sie ganz nahtlos und voller Vertrauen irgendwo hingehen, wo es viel schöner ist. Zehn- bis Zwölfjährige dagegen haben mehr Lebenserfahrung, haben schon ein Tier sterben oder die Oma gehen sehen und ein größeres Bewusstsein dafür, dass es etwas Endliches gibt. Die jungen Erwachsenen, die schon eigene Kinder haben, sind für mich die schwierigste Gruppe: Weil sie eine Verantwortung tragen, die eigentlich kein anderer wahrnehmen kann. Aber für fast alle gibt es ein Danach. Egal, ob sie gläubig sind oder nicht.

Manchmal hat die Krankheit noch gar keinen Namen

Beim Sterben muss man Lösungen finden. Juckreiz, Verstopfung, Erbrechen, Krämpfe – es sind so viele Symptome in den Griff zu bekommen. Wir wollen Schmerzen lindern, aber nicht nur mit Medikamenten. Da gab es einen kleinen Patienten, ein Vierjähriger, der hat seine Schmerzen täglich in die Waschschüssel „gepackt“, um sie wegzuwaschen. Danach fühlte er sich besser. Für ihn waren die Nebenwirkungen der Medikamente der größere Feind. Andere machen Yoga, hören Musik, bekommen eine Massage oder möchten nur liegen. Wir erspüren gemeinsam mit dem Patienten, was ihm gut tut. Wir leisten hier Teamarbeit, dazu gehört die Reinigungskraft ebenso wie die Ärzte, die Therapeuten, die Pfleger und die Köchin.

Es gibt ein ganz breites Spektrum von seltenen Leiden. Krebserkrankungen machen kaum 20 Prozent aus. Bei etwa 15 Prozent unserer Patienten gibt es für ihre Krankheit noch gar keinen Namen. Viele der Erkrankungen, etwa die des Nervensystems, sieht man nur einmal im Leben. Das macht es so schwierig, Erfahrungen aufzubauen.

Mein Hauptarbeitsgebiet ist eigentlich die ambulante Palliativversorgung, dafür bin ich noch mehr unterwegs, als ich hier vor Ort bin. KinderPaCT (Kinderpalliativ Care Team) ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Charité und der Björn Schulz Stiftung. Wir flechten ein Netzwerk mit Einzelfall- oder Familienhilfe, sind 24 Stunden am Tag erreichbar und kommen bei Anruf sofort. Und wir können auf kurzem Weg Diagnostiken organisieren, ein MRT oder Röntgen, eine Computertomografie oder Dünndarmbiopsie.

Ich habe eine ziemlich ausgedehnte Arbeitszeit. Montag haben wir die Sitzung zur sozialmedizinischen Nachsorge. Dienstag sprechen wir einen halben Tag mit dem KinderPaCT-Team jeden der 25 bis 30 Patienten durch. Es gibt auch die monatliche Supervision und Fallkonferenz und fast täglich Hausbesuche. Und ich bin im Sonnenhof, hier sind 14 bis 16 Patienten; Donnerstag ist hier ohnehin Visite.

Das ist mein Beruf

Am vergangenen Freitag hatte ich noch einen Notfalleinsatz. Im telefonischen Kontakt mit der Mutter habe ich dann auf halbem Wege entschieden, dass das Kind ins Krankenhaus muss. Ich habe keine Sirene am Auto und wäre nicht rechtzeitig bei der Familie gewesen. Am Wochenende gab es auch viel zu tun: Elterngespräche, Patientenbesuche und 20 Anrufe. Zuvor ist noch ein kleines Kind zu Hause an einer Stoffwechselerkrankung gestorben.

Ich weiß nie, was auf mich zukommt, gerade beim Rufdienst: Ich lege mich zur Nachtruhe, dann klingelt’s. Ich kann auch nicht alle privaten Verabredungen einhalten oder Theaterkarten kaufen. Ich nehme mir durchaus etwas vor, aber ich muss immer flexibel bleiben. Trotzdem brauche ich auch Phasen der Entspannung, da lege ich Wert drauf, denn ich bin privat auch sehr gern Großmutter.

Natürlich gibt es Zeiten, da bin ich erschöpft. Aber ich komme gerne her. Schließlich habe ich mir meinen Beruf ausgesucht – meine Patienten sich ihre Krankheit aber nicht.

(Berliner Zeitung, 24.08.14, notiert von Abini Zöllner)

 

 

Wie man über das Sterben spricht

Krebs habe ein falsches Image, seine Diagnose bedeute nicht gleich ein Todesurteil, sagt der Krebsspezialist am Berner Inselspital. Wenn er aber Patienten den nahen Tod ankünden muss, tut Martin Fey das mit klaren Worten.

Bevor Chefarzt Martin Fey einem Patienten eröffnet, dass er an Krebs sterben wird, trifft er Vorkehrungen. Er legt die Krankengeschichte des Patienten bereit und checkt den aktuellen Stand. Er wählt einen freundlicheren Raum als sein enges Büro. Er sorgt dafür, dass er im Gespräch nicht gestört wird. Und er versichert sich, dass der Patient kein naher Freund oder ein Familienmitglied ist. Dann wäre die Distanz nicht gewährleistet, die er für das Gespräch braucht.

Eine gesunde Routine hilft

Wenn Fey dann mit dem Patienten zu reden beginnt, vermeidet er falsche Gesprächseinstiege. Er fasst zuerst ruhig sein Wissen und seine Einschätzung der Krankheitssituation zusammen. Er weckt keine übertriebenen Heilungshoffnungen. Er schlägt realistische Therapieziele vor. Die Frage der Überlebenschancen diskutiert er erst gegen Ende des Gesprächs. Oder dann, wenn der Patient darauf kommt.

Nie würde Fey zur Frage des Patienten, wie viel Lebenszeit ihm noch bleibe, eine exakte Anzahl Tage oder Monate nennen. Er habe schon oft erlebt, dass Prognosen unter- oder überschritten werden, sagt er. Aber immer stelle er dem Patienten die Rückfrage: «Wie definieren Sie Ihre Aussichten? Wollen Sie geheilt werden? Und wenn das nicht geht: Wollen Sie möglichst schmerzfrei leben?»

Wenn Fey diese Fragen mit sanfter Stimme stellt und die Krankheit mit erträglichen, aber doch deutlichen Worten anspricht, spürt man seine Souveränität, seine Erfahrung. Er hat eine Technik entwickelt, die er schwer beschreiben kann. Er akzeptiert das Wort «Routine» und blickt freundlich durch seine runde Brille. Ja, wenn man regelmäßig das Sterben ansprechen müsse, brauche man «eine Art gesunde Routine». Denn Fey führt fast jede Woche ein Gespräch, in dem er jene Botschaft überbringen muss, die niemand hören will.

Was noch möglich bleibt

14'000 bis 15'000 Konsultationen gibt es jedes Jahr in der Klinik für Medizinische Onkologie am Berner Inselspital, deren Direktor Martin Fey ist. Die Onkologie ist die Wissenschaft, die sich mit Krebs befasst; sie umfasst neben Eingriffen die Prävention und verschiedene Therapieformen. Häufig sind Therapiepläne Feys Thema. Er diskutiert mit den Patienten, wie es weitergeht, wenn es nicht mehr weiterzugehen scheint. Auch eine beschränkte Lebensspanne lässt sich noch so organisieren, dass Lebensqualität möglich ist.

Fey bespricht, ob eine Operation noch Sinn macht. Ob eine Diät Linderung bringt. Und auch, wo man am besten sterben kann. Zu Hause? Ist da überhaupt jemand, der einen pflegen kann? Wenn ja, wären die Angehörigen mit der Pflege vielleicht überfordert? Verbringt man die letzten Tage besser auf einer Palliativstation?

Fey stellt nun klar, dass es nur bei einem Teil der Konsultationen in seiner Klinik gleich um Leben und Tod gehe. «Krebs hat ein falsches Image, er gilt einfach als Todesurteil», sagt der Onkologe. Aber das sei ein ungenaues Bild. Bei Brust-, Prostata- und Hodenkrebs oder auch bei anderen Krebsformen seien die Heilungschancen je nach Stadium gut. Fey spricht deshalb nicht generalisierend von «Krebs», sondern von bestimmten Krebsarten in einem gewissen Stadium.

Der Verlauf der Krankheit sei überdies unberechenbar. Er erzählt von einem Patienten, der dreimal lebendig aus der Palliativstation für Sterbende zurückgekehrt sei und dies so kommentiert habe: «Der da oben wollte noch nicht mich, sondern meinen Nachbarn.»

Der Tod ist nicht der Gegner

Wer mit Fey spricht, wundert sich. Darüber, dass ein Arzt so offen über den Tod spricht. Und dass es ihm im Angesicht des Todes nicht die Sprache verschlägt. Ist der Tod nicht der große Gegner des Arztes und das große Tabu der Medizin? Fey lächelt fein. «Der Tod triumphiert ohnehin. Wäre man unsterblich, wäre das schwierig.» Es sei seine Aufgabe, einen verhinderbaren, zu frühen Tod zu vermeiden, sagt er. Aber auch, offen über den Tod zu reden. Während seiner Studentenzeit im Berner Zieglerspital sei das Wort «Krebs» innerhalb der Spitalmauern noch tabu gewesen, erzählt Fey. Heute aber wüssten Krebskranke, woran sie leiden.»

Das Reden über das Sterben gehört heute gar zur Ausbildung. Die «Communication Skills Training Courses» der Krebsliga sind für werdende Onkologen obligatorisch. Fey hat dort eine Schauspielerin erlebt, die die Patientin mimte. Mal habe sie die depressiv Abweisende gegeben, dann einen Zusammenbruch vorgespielt. Schließlich habe sie ihn unter Tränen angefleht: «Herr Doktor, heilen Sie mich!» – «Das war so glaubwürdig, es ging unter die Haut», erinnert sich Fey.

Die Kraft der Verweigerung

Verhalten sich auch echte Patienten so, wenn sie schlimme Nachrichten erfahren? «Die meisten Leute nehmen sich enorm zusammen», sagt Fey. Zusammenbrüche und selbst Tränen erlebe er selten. Ist das gut? «Ich weiß es nicht», sagt er. Nicht einmal für den Arzt sei es leicht, wenn sich der Patient zusammenreiße, weil man dann dessen Sorgen nicht kenne. «Später, wenn der Patient allein ist, bricht seine Verzweiflung dann doch hervor.»

Fey erlebt immer wieder, welch erstaunliche, ja absurde Kräfte der Verweigerung Menschen im Angesicht des Todes entwickeln. Es gebe Patienten, die von ihrer Erkrankung zuerst nichts wissen wollen. «Sie brummeln bloß, man solle ihren ‹Knubel› rausholen.» Es brauche oft Zeit, sich die Krankheit einzugestehen. Fey gibt den Patienten diese Zeit.

Er erlebt auch Patienten, die das Sterben bis zuletzt nicht wahrhaben wollen. Fey erzählt von einem, der noch zwei Wochen vor seinem Tod als Chef in sein Unternehmen zurückkehren wollte. Der Sohn habe ihn verzweifelt davon abzuhalten versucht. Einige Patienten wollen nicht einmal ihre Frau in ihre Lage einweihen. Fey warnt sie davor, das Sterben allein durchstehen zu wollen.

Ein Patient aus Russland, erzählt Fey, habe beim Gespräch über eine aussichtslose Diagnose Geldscheine auf den Tisch gelegt, und erklärt: «Money is no issue!» Auf Deutsch: Geld spielt keine Rolle, ich kann jede Therapie bezahlen. Fey erwiderte: «Yes, money is no issue!» Aber er verstand den Satz anders: «Mit Geld können Sie Ihr Leben nicht kaufen.»

Mit Gelassenheit in den Tod

Die Verdrängung des Todes kann manchmal nützlich sein. «Es kann gut sein, sich nicht rund um die Uhr mit dem Tod zu beschäftigen», bestätigt Fey. Aber ihn bis am Ende nicht wahrzuhaben, bedeute für die Angehörigen eine schwere Belastung. Fey erlebt auch, dass Patienten eine aussichtsreiche Therapie verweigern, weil sie sich nicht «von einer Chemotherapie vergiften lassen» wollen. Um sich nicht dem Vorwurf unterlassener Hilfe auszusetzen, lasse man sie eine Verzichtserklärung unterschreiben, sagt Fey.

Besonders beeindruckend sind für Fey jene Patienten, die den Tod hinnehmen können. Er erlebe bei ihnen das, was die alten Römer mit «Serenitas» umschrieben hätten: Heiterkeit, Abgeklärtheit, Gelassenheit. «Sie ziehen Bilanz und erkennen dann, dass vieles nicht mehr wichtig ist», sagt Fey. Es gebe gar Patienten, die ihre letzte Phase genießen können. Er habe das Gefühl, dass man besser abtrete, wenn man Bilanz ziehe. Aber das könnten lange nicht alle.

Aus den verschiedenen Einstellungen der Sterbenden leitet Fey ab, dass das Sterben etwas «Schillerndes, Variables» an sich hat. Es sei ein Wechselspiel von allgemeingültigen Vorgängen und einem individuellen Verlauf. Wenn Fey das Leben vom Ende aus betrachtet, kommt er zum Schluss, dass «jeder Mensch für Überraschungen gut ist».

Nehmen ihn Fälle Sterbender persönlich mit? Wirklich hart sei es, ganz junge Menschen zu begleiten, die viel zu früh aus dem Leben gerissen werden, sagt Fey. Wenn er erklären soll, wie er solche Erlebnisse wegsteckt, muss er überlegen. Er grenze sich ab, halte Distanz und fokussiere auf das Positive, auf das wenige, das noch möglich sei. Nein, eine Supervision beanspruche er nicht.

Wenn eine Therapie sinnlos ist

Fey widerlegt noch ein weiteres Klischee: Dass die Medizin einen Patienten um jeden Preis am Leben erhalten wolle. Heute lasse man den Tod zu, wenn er unausweichlich sei, sagt er. Ist das Sterbehilfe? Fey drückt es so aus: Man bespreche mit den Angehörigen und dem Patienten, welche Therapien man nicht mehr weiterführe. «Angehörige haben oft zu extreme oder zu harmlose Vorstellungen vom Krankheitsverlauf und von den Therapiemöglichkeiten», weiß Fey. Manchmal sei deshalb Überzeugungsarbeit nötig, welche lebensverlängernden Maßnahmen besser gestoppt würden. Jüngere Ärzte hätten die Tendenz, noch eine weitere Therapie vorzuschlagen, sagt Fey. Mit 62 Jahren sieht er das anders.

Es fällt ihm auf, dass Krebspatienten selten den Freitod mithilfe einer Sterbehilfeorganisation wählen. Zahlen oder Erfahrungswerte gebe es dazu keine, sagt Fey, aber Suizid sei nach seiner Einschätzung bei Depressions- oder Schizophreniekranken häufiger. Vielleicht habe es damit zu tun, dass die meisten Krebspatienten bis an ihr Ende geistig präsent seien.

Was der Tod lehrt

Ein Krebsarzt ist für den Tod besser gewappnet als andere, nimmt man an. Oder fürchtet auch er sich davor? «Ich denke nicht über meinen Tod nach», antwortet Martin Fey. Aber er verschiebe seit ein paar Jahren schöne Dinge möglichst nicht mehr auf später, auf die Pension. Er unternehme nun mit seiner Frau jedes Jahr eine Reise. Und er versuche, sein Leben nicht allzu sehr zu strukturieren und abzusichern. In seiner Klinik, wo böse und gute Überraschungen Alltag sind, ermuntere er zu mehr Improvisation und Spontaneität. (Berner Zeitung)

(Berner Zeitung, Stefan von Bergen, 14.09.2014)

 

 

Der Krebs hat meinen Vater nicht verändert

Dank guter palliativmedizinischer Versorgung ist mein Vater friedlich und würdevoll gestorben. Solche Angebote sollten ausgebaut werden, statt auf Sterbehilfe zu setzen.

Mein Vater ist am 11. August 2008 friedlich, unendlich geliebt und würdevoll betreut im Hospiz Chemnitz gestorben. Gegen das Glioblastom in seinem Kopf hat er zwei Jahre lang gekämpft, aber am Ende auch akzeptiert, dass er diesen Kampf verlieren würde.

Die Zeit, die uns durch kompetente und professionelle palliativmedizinische Betreuung geschenkt wurde, war für uns alle ein kostbares Gut. Mein Vater hatte die Zeit, sich zu verabschieden, und tat dies auf seine gewohnt pragmatische Weise: Ich erhielt eine Einführung in die Grundlagen des Autoinnern, denn, so meinte er zu mir, "jedes Mädchen muss den Ölstand messen und Kühlwasser nachfüllen können, wenn kein Papa mehr da ist". Er zeigte mir, wo er begraben sein wollte, und hinterließ uns klare Wünsche: zu leben und zu lachen. Das alles tat er natürlich auch, um uns zu stützen.

Und als er zu schwach wurde, um uns zu stützen, da stützten wir ihn. Die Unfähigkeit der Ärzte im Krankenhaus, offen über sein Sterben zu sprechen, war für uns kaum zu ertragen. Erst die Begleitung durch Palliativmediziner und die Mitarbeiter des Hospizes ermöglichten uns, wieder eine Familie zu sein, die nicht nur pflegte, betreute und litt, sondern auch miteinander lebte.

Früh, mittags und abends Nudelsuppe? Im Hospiz kein Problem. Angemessene Pflege und Schmerzfreiheit, die wir zu Hause nur schwer bieten konnten, war endlich gegeben. Dazu eine familiäre Atmosphäre, jederzeit ein offenes Ohr für unsere Anliegen, Austausch mit anderen Bewohnern und deren Angehörigen – und trotz der schweren Zeit viel gemeinsames Lachen. Das alles war das Sterben meines Vaters. Ungeheuer schwer, aber auch unsere gemeinsame Zeit. Bis zum Schluss hat es der Krebs nicht geschafft, meinen Vater zu verändern. Als er nicht mehr sprechen konnte, hat er durch Gesten und Mimik mit uns gescherzt und uns seine Liebe gezeigt.

Hätte ich meinen Vater unterstützt, wenn er sich für aktive Sterbehilfe entschieden hätte? Ja, ohne zu zögern. Hätte er sich dafür entscheiden, wenn sie gesetzlich erlaubt gewesen wäre? Vielleicht ja, um uns Qualen zu ersparen. Aber hätten meine Familie und ich das gewollt? Niemals. Aktive Sterbehilfe darf nicht dazu führen, dass tapfere und selbstlose Menschen wie mein Vater sich verpflichtet fühlen, Angehörige durch ihr frühzeitiges Gehen zu entlasten. Nein, es ist wichtig, den Weg bis zum Tod gemeinsam zu gehen.

Deshalb bin ich gegen aktive Sterbehilfe. Sterben ist die letzte Phase des Lebens. Diese Phase würdig zu gestalten, für alte wie für todkranke Menschen, das ist Aufgabe von Gesellschaft und Staat. Wir sollten über das Sterben genauso offen reden wie über Geburt, Jugend und das Altern. Wir sollten palliativmedizinische Angebote erweitern und Pflegeeinrichtungen stärken. Ziel muss es sein, Ängste abzubauen, denn Sterben gehört zum Leben dazu. Es muss und darf nicht einsam und im Verborgenen passieren.

Seit dem Tod meines Vaters arbeite ich als ehrenamtliche Hospizhelferin beim Hospiz- und Palliativdienst Chemnitz. Ich habe viele Menschen beim Sterben begleitet, einige auch bis zum Tod. Das friedvolle, schmerzfreie und lebensbejahende Aus-dem-Leben-Gleiten ist ein großes Geschenk. Es sollte jedem Einzelnen durch angemessene Pflege und, falls nötig, durch indirekte Sterbehilfe gegeben werden.

(Zeit online, 20.11.14, Leserartikel von Susanne Günther)

 

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