Onkologisches Forum Celle e. V.

13.06.18: Physiotherapie als Begleittherapie

11.05.18: Neue Therapie bei Prostata-Krebs
11.12.17: Wie ein Alkoholismus-Medikament Krebszellen angreift
27.09.17: Niedrig dosiertes ASS reduziert Metastasen
20.09.17: Großangriff im Körper mit Nebenwirkungen
20.09.17: Klinikum muss Nachsorge beenden

08.04.18: Der Fall Methadon
20.06.17: Chat zur Methadondiskussion
04.07.17: Hype um Methadon
05.07.17: Plötzlich interessieren sich alle für Methadon
04.05.17: Ansturm auf Methadon-Praxis
11.04.17: Methadon gegen Krebs: Kaum Nebenwirkungen
01.10.14: Methadon als Krebsmittel
01.09.08: Alte Bekannte, verborgene Fähigkeiten
30.09.14: Methadon: Allroundtalent gegen Hirntumoren

20.08.17: Leberkrebs: Hohe Giftdosis kann helfen
06.06.17: Prostatakrebs: Neue Behandlungsmethode
06.06.17: Eierstockkrebs: Neues Medikament lässt Tumore schrumpfen

15.08.16: Aktiv leben gegen Krebs - Das drei Säulen-Prinzip
20.01.17: Medikamente gegen Krebs
19.01.17: Malariamittel im Kampf gegen Krebs
02.05.17: Strahlentherapie: Substanz enttarnt Tumore
07.02.17: Strahlentherapie nach brusterhaltender OP scheint wirksam

16.11.16: Mit der Gen-Schere gegen Krebs
09.08.16: Bluttest für Chemotherapie
02.07.16: Gentechnik gegen Krebs
06.07.16: Strahlentherapie kann auch bei metastasierten Krebs helfen
27.06.15: Neue Methode bei Hirntumor
28.06.16: Neue Möglichkeiten bei der Behandlung des Multiplen Myeloms

13.05.15: Krebsmedikamente zweimal unter die Lupe nehmen
26.04.15: Hoffnung zum Auftauen
23.04.15: Heilkraut gegen Weichteiltumor?

09.04.15: Vitamin D - Hilfe im Kampf gegen Krebs
29.09.15: Aspirin könnte Leben verlängern
24.01.16: Diclofenac gegen Krebs

03.03.15: Die guten Gegenspieler bei Krebs - Hanf
03.01.16: Cannabis tötet Krebszellen
23.01.17: Bei welchen Krankheiten Cannabis hilft
22.07.14: Krebs und Rheuma - Bei diesen Krankheiten hilft Cannabis

10.12.15: Neuer Therapieansatz bei Knochenkrebs
01.10.15: Neue Therapieoptionen bei Krebs in Lunge und Dünndarm
16.06.15: Der Einfluss der Gene auf die Therapie
08.10.14: Nebenwirkungen: Therapie - Abbruchrate bleibt hoch

28.01.16: Stammzellentherapie nach Prostata-OP
27.05.16: Neue Wege bei Pankreas-Krebs

11.09.14: Versorgung der Zukunft in Netzen
14.08.14: Wenn Kinder ihren Halt verlieren
03.09.14: Mit Krebs zum Zahnarzt

01.09.14: Interdisziplinäre Stammzelltransplantation an der MHH erfolgreich akkreditiert
24.09.14: Neue Tumortherapie in Marburg
03.12.14: Mit dem Roboter gegen Krebs
17.12.14: Protonentherapie in Dresden
18.02.15: Hamburger Strahlenskandal

02.06.16: Impfung mit Erfolgen
28.09.15: Tumoren wegimpfen

25.09.14: Die Chemo als Therapiekiller
31.07.15: Chemotherapie am Ende des Lebens verbessert nicht die Lebensqualität
28.09.15: Tabletten statt Chemo
01.10.15: Chemo während der Schwangerschaft

24.02.15: Photodynamische Therapie: Krebszellen mit Farbe besiegen
11.12.15: Verbesserte Therapien - Hautkrebspatienten leben länger
12.09.14: Neue Therapien gegen Schwarzen Hautkrebs
30.07.14: Neues Leukämie-Medikament bald verfügbar

31.06.16: Pflanzenviren als biologische Nanopartikel im Kampf gegen Krebs

 

 

Betroffene: Körper war ausgelaugt

Physiotherapie für Krebspatienten

Haselünne. Krebs. Die Krankheit stellt das Leben Betroffener oft komplett auf den Kopf. Zu den seelischen Belastungen kommen vielfach erhebliche körperliche – sei es durch notwendige Operationen, Bestrahlungen oder zum Beispiel Chemotherapie. Sport kann Patienten helfen, Nebenwirkungen einer Krebs-Therapie zu mindern. Er ist oft ebenso wichtig wie Medikamente.

Krebs. Die Krankheit stellt das Leben Betroffener oft komplett auf den Kopf.

Sabine N. hatte Brustkrebs. Sie musste eine Brust erhaltende sowie eine Port-Operationen, diverse Chemotherapien und Bestrahlungen ertragen. Die Therapien zwangen ihren Körper in die Knie. „Ich fühlte mich wie ein ausgelutschtes Kaugummi“, sagt die 37-Jährige. Ihr Hausarzt empfahl ihr das physiotherapeutische Angebot am Haselünner Krankenhaus.

Die zweifache Mutter war zunächst skeptisch. Sie nahm deshalb das Schnupperangebot an, wollte sich auf eine regelmäßige Teilnahme nicht von vornherein festlegen. Der Haselünnerin gefiel es in der Runde. Sie konnte nicht nur für ihren Körper etwas tun, sondern sich auch mit anderen im geschützten Raum austauschen und entspannen.

Regelmäßig in Gruppe

Mittlerweile besucht die 37-Jährige regelmäßig die physiotherapeutische Abteilung des St.-Vinzenz-Hospitals Haselünne. Die Leitung hat Conni Vettermann. Krebs-Patienten behandeln die Physiotherapeutin und ihr Team regelmäßig unter Anleitung von Sporttherapeutin Ilona Kemper.

 „Jedes Jahr erkranken zahlreiche Menschen an Krebs. Deshalb nimmt auch die Bedeutung von Sport immer weiter zu. Er spielt bei Krebs nicht nur unterstützend eine wichtige Rolle, sondern hilft auch die Nebenwirkungen der Behandlung deutlich zu senken“, sagen Vettermann und Kemper.

Sitzbälle in der Mitte des Raums

Im großen Bewegungsraum bereiten sie eine Therapiestunde vor. Sie platzieren große bunte Sitzbälle in der Mitte des Raums. Rote und grüne Bänder werden daneben bereitgelegt. „Mit ihnen führen wir leichte Dehn- und Aufbau-Übungen durch“, erklären die Therapeutinnen. Muskeln werden damit gekräftigt bzw. die Ausdauer gefördert“.

Angebot für Männer und Frauen

Das Angebot Sport in der Krebsnachsorge für Männer und Frauen gibt es am Haselünner Krankenhaus seit Ende 2017. Aktuell betreut Kemper in dem Donnerstagskurs vier Patientinnen. Ihre generelle Erfahrung: „Die körperliche Bewegung unter kontrollierten Bedingungen hilft den Betroffenen sehr.“ Für sie wie für Vettermann ist Sport für Menschen mit einer Krebserkrankung kein Widerspruch. Nicht mehr zumindest. Vor einigen Jahren sei Sport nur in wenigen Behandlungsplänen vom Krebs Betroffener vorgekommen, da die Angst vor einer Überforderung zu groß gewesen sei. Heute hingegen sei klar, „dass regelmäßige, moderate, körperliche Betätigung sehr wichtig und sich günstig auf den Krankheitsverlauf und die Genesung auswirken können“.

Vielfältige Übungen

Kemper und Vettermann verweisen in dem Zusammenhang auf diverse Untersuchungen. In der onkologischen Nachsorge sei die körperliche Aktivität deshalb mittlerweile fester Bestandteil der Rehabilitation. Allerdings müsse jeder Fall gesondert gesehen werden. Krankheitsverlauf und individueller Gesundheitszustand unterschieden sich eben von Patient zu Patient.

Die Übungen in der Haselünner Physiotherapie sind so vielfältig wie die Patienten. So gibt es zum Beispiel eine spezielle Funktionsgymnastik für den Schulter-Arm-Bereich. Sie können Beschwerden nach Brustkrebsoperationen lindern. Aber auch andere Bereiche des Körpers werden durch Gymnastik und spielerische Bewegung gestärkt. Für wichtig hält Kemper eine Kombination von Bewegung, Entspannung und Kommunikation beim Sport in der Krebsnachsorge. „Das ist der beste Weg zur Wiedererlangung von Selbstbestimmung, Wohlbefinden und Gesundheit. Er stärkt ergänzend zu medizinischer und psychosozialer Betreuung die Leistungsfähigkeit, gibt Kraft, Beweglichkeit und Sicherheit“. Deshalb seien sowohl Krankenkassen als auch die Rentenversicherungsträger zu entsprechenden Leistungen im Rehabilitationssport verpflichtet. Für die Verordnung von Reha-Sport ist der behandelnde Arzt zuständig. Er füllt den sogenannten „Mustervordruck 56“ aus, den man bei der Krankenkasse zur Genehmigung einreicht und im Anschluss mit in die physikalische Therapie bringt.

Aktuelle Studie aus den USA

Die empfehle sich nicht nur, um körperliche Akutbeschwerden zu lindern. „Körperliche Aktivität nach einer Tumorerkrankung reduziere die Gefahr eines Rückfalls und erhöhe die Wahrscheinlichkeit für eine dauerhafte Heilung“, verweist Vettermann auf weitere Studien. Besonders gut erforscht sei dies bisher für Brust-, Darm- und Prostatakrebs. Eine aktuelle Studie aus den USA belege die Notwendigkeit von Sport bei Brustkrebspatientinnen. „Darin wurde untersucht, inwieweit Walking oder Jogging die Überlebensrate von Frauen mit Brustkrebs beeinflusst. Das Ergebnis: Die Intensität der sportlichen Aktivität steht in Zusammenhang mit der Überlebensrate.“ Besonders deutlich werde, dass vor allem Jogging die Brustkrebsmortalität verringere. Aber auch bei Leukämie- und anderen Krebspatienten hätten sich in Studien schon positive Effekte gezeigt.

Stimmung besser

Sabine N. glaubt an den Erfolg der Physiotherapie. „Seitdem ich regelmäßig trainiere, fühle ich mich körperlich wirklich besser und sogar fitter. Meine Stimmung ist besser geworden.“ Die Haselünnerin will in der Gruppe bleiben. Sie genießt das Miteinander, das sich auf ihren Körper zu fokussieren, zu entspannen. „Irgendwie kommt wieder Schwung in meinen strapazierten Körper. Die Therapie hilft mir über kleine Tiefs hinweg. Und sie gibt mir das wichtige Gefühl: Ich schaffe das.“

(Neue Osnabrücker Zeitung, 13.6.18, Carola Alge)

 

 

Neue Therapie für Prostatakrebs-Patienten

Dresden. Bei Prostatakrebs mit geringem Risiko gibt es jetzt eine schonendere Behandlung. Urologen am Universitätsklinikum Dresden haben ein solches Karzinom erstmals minimalinvasiv operiert. Es war die Deutschlandpremiere für das sogenannte Tookad-Verfahren außerhalb klinischer Studien.

Der Chef der Dresdner Urologie, Professor Manfred Wirth, sprach von einem „Meilenstein der Urologie”, denn die Therapie konzentriert sich nur auf die vom Krebs betroffene Stelle des Organs. „Das Verfahren füllt die Lücke zwischen radikaler Behandlung und aktiver Beobachtung”, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Professor Paolo Fornara.

Bisher konnten Ärzte nur zwischen der Bestrahlung des Tumors, der Entfernung des ganzen Organs oder „dem sogenannten aktiven Abwarten wählen - also zwischen Schwarz oder Weiß”, sagte Fornara. Mit der nun vierten Möglichkeit könne der Krebs gezielt behandelt werden, unter Nutzung des Wirkstoffs Padeliporfin (Tookad), der auf Strahlen reagiert.

Bei der Operation werden Laserfasern in die vom Tumor befallene Region eingebracht. Mit ihrer Hilfe aktivieren Ärzte das Tookad-Medikament, wodurch es örtlich zur Gefäßzerstörung und verminderten Blutzufuhr kommt. Das vom Tumor befallene Gewebe stirbt dadurch ab.

Bestrahlung oder radikale Entfernung der Prostata seien bei Karzinomen mit geringem Risiko nur im Ausnahmefall zu empfehlen, wegen der erheblichen möglichen Nebenwirkungen wie Inkontinenz oder Impotenz, sagte Wirth. Das bisherige Standardverfahren der aktiven Überwachung des Tumors durch regelmäßige ärztliche Kontrollen ohne Therapie aber sei eine fortwährende psychische Belastung.

Das Tookad-Verfahren indes sei so schonend, dass die Patienten das Krankenhaus bereits am dritten Tag nach der OP verlassen könnten.

Die Therapie wurde 2016 am israelischen Weizmann-Institut entwickelt und deren Wirksamkeit durch eine multizentrische europäische Studie mit Beteiligung der Dresdner Uniklinik bestätigt.

Damit können nun laut Fornara nur die vom Tumor befallenen Bereiche der Prostata behandelt werden, wie das bei der Niere bereits Praxis sei. „Im Ergebnis bleibt die Funktion der Prostata teilweise erhalten.” Die gezielte Zerstörung von Tumorzellen werde in anderen Fachgebieten der Onkologie schon mit Erfolg praktiziert wie etwa der Dermatologie und bei Lungen- oder Blasenkrebs. „Wir zerstören den Tumor statt bisher das ganze Organ”, sagte Fornara.

Ob die Tookad-Therapie in der Praxis hält, was die Studie verspricht, wird sich dem DGU-Chef zufolge in einigen Jahren zeigen, da das Prostatakarzinom langsam wachse. „Es ist gut, dass die Dresdner in die Offensive gehen.” Die Kollegen hätten eine große Expertise und seien innovativ.

Laut DGU erkranken jährlich 90.000 Männer in Deutschland an Prostatakrebs. „Im Schnitt könnten 10 bis 15 Prozent mit guter Prognose von Tookad profitieren”, schätzte Fornara. „Im Zuge weiterer Studien soll nun untersucht werden, ob die Technik auch für Prostatakarzinome mit höherem Risiko anwendbar ist”, sagte Wirth.

Mit der Methode wird die individualisierte Medizin verfeinert. „Wir versuchen, für jeden Patienten die optimale Behandlungsmöglichkeit herauszufiltern”, sagte Fornara. Die Heilungschancen beim lokal begrenzten Prostatakarzinom liegen bei 90 Prozent. „Und wir haben nun den Luxus, zwischen vier individuellen therapeutisch effektiven Möglichkeiten wählen zu können, das ist wirklich gut.”

(Aachener Nachrichten, 11.5.18, dpa)

 

Disulfiram: Wie ein Alkoholis­mus-Medikament Krebszellen angreift

Stockholm – Disulfiram, das als „Antabus“ seit Jahrzehnten zur Unterstützung der Abstinenz bei Alkoholabhängigkeit angewendet wird, könnte auch bei Krebser­krankungen wirksam sein. Ein Forscherteam beschreibt in Nature (2017; doi: 10.1038/nature25016) den möglichen Wirkungsmechanismus.

Erste Berichte über Krebspatienten, die unter der Behandlung einer gleichzeitigen Alkoholabhängigkeit mit Disulfiram auf wundersame Weise genesen sind, wurden laut Medline bereits in den 1960er Jahren in der medizinischen Literatur veröffentlicht. Es gab auch zahlreiche tierexperimentelle Studien, in denen Disulfiram gegen Krebs wirksam war, und eine randomisierte Doppelblindstudie kam 1993 zu dem Ergebnis, dass Dithiocarb, das in der Leber aus Disulfiram gebildet wird, die Wirkung einer Chemotherapie beim metastasierten Mammakarzinom verbessert und die Überlebenschancen steigert (Biotherapy 1993; 6: 9-12).

Die Studie geriet jedoch in Vergessenheit, vermutlich weil kein plausibler Wirkungs­mechanismus für Disulfiram bekannt war – und es bei kostengünstigen Generika für Hersteller keine wirtschaftlichen Anreize für eine klinische Entwicklung gab und gibt. In den letzten Jahren scheint das Interesse an Disulfiram wieder gewachsen zu sein. Eine Analyse dänischer Krankenregister ergab, dass Disulfiram-Nutzer seltener als andere Menschen an Brust- oder Prostatakrebs erkranken (European Journal of Cancer Prevention 2014; 23: 225-32).

Auch ein Team um Jiri Bartek vom Karolinska Institut in Stockholm wurde bei seiner Analyse dänischer Datenbanken fündig. Krebspatienten, die wegen einer Alkoholabhängigkeit Disulfiram einnehmen, haben bei Krebserkrankungen eine niedrigere Sterblichkeit, selbst wenn die Tumore bereits ein fortgeschrittenes Stadium erreicht haben.

Durch eine Reihe von Laborexperimenten und tierexperimentellen Studien fand das Team jetzt heraus, wie die Anti-Krebs-Wirkung zustande kommt. Das in der Leber aus Disulfiram gebildete Dithiocarb bildet einen Komplex mit Kupfer (CuET), der sich in den Tumorzellen anreichert. Dort bindet der Komplex an NPL4, einem natürlicherweise in Zellen vorhandenen Molekül. Es kommt zur Aggregation von NPL4, was einen p97-NPL4-UFD1-Stoffwechselweg blockiert, der für die Krebszellen überlebenswichtig ist. Eine Schädigung gesunder Zellen, die auch NPL4 enthalten, erklärt sich laut Bartek durch die hohe Anreicherung des Kupferkomplexes in den Tumorzellen.

Ein plausibler Wirkungsmechanismus ist jedoch kein Ersatz für klinische Studien. Eine Phase 2-Studie an 40 Patienten mit einem fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom wurde vor einigen Jahren in Israel durchgeführt. Alle Patienten erhielten eine Chemotherapie mit Cisplatin and Vinorelbin. Die Hälfte nahm zusätzlich Disulfiram ein. Laut dem Bericht in The Oncologist (2015; 20: 366-7) stieg die durchschnittliche Überlebenszeit von 7,1 auf 10 Monate), ein für Krebsstudien durchaus beachtliches Ergebnis.

Die Studie war allerdings nicht verblindet und die niedrige Teilnehmerzahl lässt sicherlich kein abschließendes Urteil zu. Bartek plant jetzt eigene Studien, die die Wirksamkeit einer Disulfiram-Kupfer-Kombination bei metastasierendem Brust- und Dickdarmkrebs und Glioblastom untersuchen soll. Ein Blick in die Datenbank clinicaltrials.gov zeigt, dass auch andere Forscher die Wirksamkeit von Disulfiram erkunden.

(aerzteblatt.de, 11.12.17, rme)

 

 

Niedrig dosiertes ASS – weniger Metastasen bei Darmkrebs

Die regelmäßige Einnahme von Azetylsalizylsäure hemmt offenbar das Voranschreiten von Darmkrebs.

Seit geraumer Zeit ist bekannt, dass niedrig dosierte Azetylsalizylsäure (ASS), die zur Gruppe der sogenannten nicht-steroidalen Entzündungshemmer (NSAID) gehört, das Risiko für Dick- und Enddarmkrebs reduziert. Doch kann mithilfe von ASS auch der Ausbreitung von Darmkrebs mit Tochtergeschwülsten (Metastasen) in andere Organe vorgebeugt werden? Darüber berichteten Wissenschaftler in der Fachzeitschrift BMC Cancer.

In zahlreichen Studien hatte sich in der Vergangenheit gezeigt, dass Patienten, die aus gesundheitlichen Gründen über viele Jahre regelmäßig Azetylsalizylsäure in niedriger Dosierung einnehmen, ein geringeres Risiko für Darmkrebs haben und seltener an der Erkrankung versterben (s. Meldung DKG vom 22. August 2017). In der jetzt veröffentlichten Studie wurden zwei Patientengruppen berücksichtigt – insgesamt über 170.300 Personen im Alter von 40 bis 89 Jahren, die zu Beginn der Studie nicht an Krebs erkrankt waren: eine Gruppe von Personen, die niedrig dosiert ASS einnahmen, und eine Gruppe, die nicht ASS einnahm. Beide Gruppen waren hinsichtlich Alter, Geschlecht und früherer Arztbesuche ausgeglichen und wurden bis zu zwölf Jahre beobachtet.

In der ASS-Gruppe erkrankten signifikant weniger Personen an Darmkrebs. Das relative Risiko war gegenüber der anderen Gruppe um 34 Prozent reduziert, unabhängig vom Lebensalter, der ASS-Dosierung, dem Grund für die ASS-Therapie und dem Geschlecht. Darüber hinaus zeigte sich, dass spätere Krankheitsstadien von Darmkrebs unter den ASS-Anwendern seltener auftraten.

Nach Ansicht der Studienautoren habe Azetylsalizylsäure offenbar einen entscheidenden Einfluss auf das Voranschreiten einer bereits bestehenden Darmkrebserkrankung. 

Quelle: Rodríguez, L. A. G. et al.: New use of low-dose aspirin and risk of colorectal cancer by stage at diagnosis: a nested case–control study in UK general practice. BMC Cancer 2017, 17:637

(Onko-Internetportal, 27.9.17, kvk)

 

 

Großangriff im Körper

Kann der Körper Krebs bekämpfen als wäre es ein Schnupfen? Derzeit werden immer mehr Therapien zugelassen, die das körpereigene Immunsystem gegen Krebszellen wappnen. Experten klären, wo die Nachteile liegen.

Stuttgart - Es gibt sie, die Geschichten von Krebspatienten, deren Immunsystem so gestärkt wurde, dass ihr Körper den Krebs selbst vernichten konnte. Da wäre beispielsweise dieses zwölfjährige Mädchen, Emily Whitehead aus den USA, das in den vergangenen Wochen durch die Medien gereicht wurde. Sie war im Alter von sieben Jahren an einer bestimmten Form von Blutkrebs erkrankt – der Akuten Lymphatischen Leukämie. Nach einer ersten scheinbar erfolgreichen Behandlung kam der Krebs zurück – dieses Mal nur sehr schwer heilbar. Doch die Ärzte haben bei ihr das körpereigene Abwehrsystem mobilisiert und es in die Lage versetzt, den Krebs selbst zu bekämpfen. Jetzt ist Emily seit fünf Jahren krebsfrei. Ähnlich Geschichten gibt es von Patienten, die an Schwarzem Hautkrebs erkrankt sind.

Doch lässt sich Krebs tatsächlich so einfach bekämpfen wie ein schlimmer Schnupfen? Reicht es künftig, nur noch die Abwehrkräfte zu stärken, statt sich einer Chemo- oder Strahlentherapie zu unterziehen? Zumindest der Krebsexperte Gerald Illerhaus dämpft ein wenig die Euphorie über den scheinbaren Megatrend in der Onkologie: „Ganz so einfach, wie es oft dargestellt wird, ist es leider nicht“, sagt der Leiter des Stuttgart Cancer Center – Tumorzentrum Eva Mayr-Stihl, das dem Klinikum Stuttgart angegliedert ist. Zwar könne eine entfesselte körpereigene Abwehr durchaus für die Krebsmedizin genutzt werden. „Aber das wirkt nicht bei jedem – und kann auch nicht gegen jeden Krebs eingesetzt werden.“

Tatsächlich ist die Immuntherapie gegen Krebs kein völlig neues Konzept. Schließlich funktioniert sie tagtäglich in jedem einzelnen Menschen – ohne dass wir es bemerken: Ständig entstehen neue Zellen – und dabei passieren auch Fehler. Zellen entarten, geraten außer Kontrolle. Normalerweise kann die Immunabwehr des Körpers diese Krebszellen von gesunden Zellen unterscheiden. Es geht dann zum Angriff über. „Problematisch ist nur, dass das System oft zu ineffizient wirkt und diese Zellen nicht entschieden genug attackiert“, sagt Illerhaus. Auch können sich manche Tumorzellen gut verstecken. Sie besitzen beispielsweise die gleichen Oberflächenmerkmale wie gesunde Zellen auch. Oder eben gar keine. So werden sie vom Immunsystem nicht erkannt. Hinzu kommen die Abwehrmechanismen der Krebszelle: Sie ist in der Lage, angreifende Immunzellen zu blockieren.

Eine Armee spezialisierter Immunzellen

Inzwischen gibt es durchaus Medikamente, die diesem Effekt entgegenwirken. Bei Patienten mit malignen Melanom, dem schwarzen Hautkrebs beispielsweise, werden Proteine gespritzt, die bestimmten menschlichen Antikörpern ähneln. Sie sorgen dafür, dass sich Krebszellen erst gar nicht tarnen können und das Immunsystem wieder in Aktion treten kann. Schon jetzt, so betont Stephan Grabbe, Leiter des Deutschen Hautkrebskongresses, der derzeit in Mainz stattfindet, sei die Immuntherapie beim schwarzen Hautkrebs von den Effekten und der Verträglichkeit her der Chemotherapie weit überlegen. Die günstige Situation, dass eine Armee spezialisierter Immunzellen nur losgelassen werden muss, wird gerade bei anderen Hautkrebsarten untersucht. Auch bei Lungenkrebs ist die Forschung vielversprechend.

Doch gerade die Patientengeschichte von Emily zeigt: die Ära des neuen Wirkprinzips hat erst begonnen. Inzwischen können T-Zellen einem Patienten entnommen und mit Hilfe von Gentechnik auf die Zerstörung von Krebszellen programmiert werden, weshalb Mediziner auch von Gentherapie sprechen. Bei Emily war dieser künstlich herbeigeführte Großangriff erfolgreich. Inzwischen wurde die Therapie in den USA zugelassen.

Wann in Europa diese Form der Immuntherapie gegen bestimmte Varianten von Blutkrebs auf den Markt kommen wird, ist unklar. Manche Experten gehen noch von diesem Jahr aus. Andere sind da skeptischer: So gibt man im Deutschen Ärzteblatt zu bedenken, dass bei mehr als die Hälfte der Patienten die Leukämie zurückgekehrt sei, oder die Therapie erst gar nicht angeschlagen habe. Und auch der Stuttgarter Experte Gerald Illerhaus rechnet frühestens 2018 mit einer Zulassung. Trotz der wirklich eindrucksvollen Ergebnisse müssten die teils lebensbedrohlichen Nebenwirkungen ernst genommen werden, so Illerhaus. Schließlich gab es in Studien teilweise auch Todesfälle.

Unklare Langzeitwirkungen

Denn die gentechnisch veränderten Zellen sind hochaggressiv. Teils greifen sie gesundes Gewebe an, es kommt zu Entzündungsreaktionen und hohem Fieber. Unklar sei auch, welche Langzeitwirkungen zu erwarten sind, gibt man am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zu bedenken. Man müsse in Langzeitstudien untersuchen, ob es aufgrund der genetischen Veränderung der Zellen Spätfolgen geben wird oder ob sich eventuell eine Zweiterkrankung entwickeln könnte, wird etwa Dirk Jäger zitiert, der die Abteilung Medizinische Onkologie im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg leitet.

Hinzu kommt der Aufwand: Bislang kann die gentechnische Bearbeitung der Antikörper nur in einem Labor im Westen der USA vorgenommen werden. Das kostet Zeit und sehr viel Geld. Umgerechnet 475 000 Euro werden pro Patient veranschlagt. Ob und wie das Gesundheitssystem diese Kosten stemmen will, ist unklar. In den USA müssen Patienten selbst für die Kosten aufkommen. Allerdings nur – so verspricht es das Schweizer Pharmaunternehmen Novartis, das diese Therapie entwickelt hat –, wenn die Behandlung innerhalb eines Monats angeschlagen hat. Zeigt sie keine Wirkung, muss auch nichts bezahlt werden. Man muss schon realistisch bleiben, sagt Illerhaus. „Die Therapie ist nicht ohne Grund für Patienten gedacht, die sonst als austherapiert gelten.“ Ansonsten bleibe die Chemo- oder Strahlentherapie erste Wahl: „Gerade bei Blutkrebs konnten die Standardtherapien so verbessert werden, dass die Heilungschancen zum Teil auf 90 Prozent gestiegen sind.“

(Stuttgarter Nachrichten, 20.9., Regine Warth)

 

Patienten-Schock:

Klinikum muss Krebs-Nachsorge beenden

Neue Regelung entstand auch auf Druck der Krankenkassen

Nürnberg - Die Krebs-OP ist vorüber, die Patienten kommen zur Nachsorge weiter ins vertraute Klinikum. Doch ab sofort ist das Vergangenheit. Auch in Nürnberg.

Gisela W. (65) ist 2011 ist im Klinikum an Brustkrebs operiert worden. Seither fühlt sie sich bei der ambulanten Nachsorge im Brustzentrum alle halbe Jahre bestens aufgehoben. "So viel Vertrauen" habe sie in die Ärzte, die ihre Krankengeschichte genau kennen. Doch die Routinekontrolle sind künftig nicht mehr möglich. Riesig sei die Empörung darüber bei allen Patientinnen und auch beim Personal gewesen, berichtet die Nürnbergerin.

Das Klinikum muss ab sofort an die niedergelassenen Radiologen verweisen. Der Grund der neuen Regelung: Die Krankenkassen machen Druck. "Wir waren im Zugzwang", sagt Chefärztin Prof. Cosima Brucker. Für Patienten, die "viele Jahre vertrauensvoll zu uns kamen", so die Gynäkologin, sei das verständlicherweise schwer zu begreifen. Doch einen Ausweg gebe es nicht. Zwei Wochen nach dem stationären Aufenthalt müssen Kliniken die ambulante Behandlung einstellen.

Neu ist das eigentlich nicht. Bereits 2015 beschloss der Gemeinsame Bundesausschuss, das oberste Beschlussgremium der Selbstverwaltung der Ärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen, genau diese Zwei-Wochen-Frist. Bisher hätten die Kassen die alte Praxis toleriert, sagt Klinikumsvorstand Dr. Alfred Estelmann. Doch nach zwei Jahren drohten sie nun, die Daumenschrauben anzusetzen und das Klinikum finanziell in die Zange zu nehmen.

Mammographie, Magnetresonanztomographie, Computertomographie, Tastbefund und vieles mehr — die niedergelassenen Kollegen "können das alles auch", sagt Prof. Cosima Bruker vom Brustzentrum. Aber: "Wenn es ernster wird, sitzt im Brustzentrum natürlich die geballte Kompetenz." Genauso sieht das Krebspatientin Gisela W., die ihrer Krankenkasse einen bitterbösen Brief geschrieben hat. Bei den niedergelassenen Röntgenzentren "bekommt man schon jetzt erst Monate später Termine und muss so lange Schmerzen aushalten."

Das Brustzentrum ist keineswegs die einzige Abteilung des Klinikums, die das Kassen-Veto trifft. Alle Fachrichtungen müssen umdenken. Im deutschen Gesundheitssystem hätten ambulante und stationäre Versorgung unterschiedliche Töpfe, sagt Vorstand Dr. Estelmann. Und jede Partei achte eifersüchtig darauf, dass die andere nicht in den eigenen Topf greife.  

(Nürnberger Nachtrichten, 20.9.17, Claudine Stauber)

 

 

Der Fall Methadon

Über Krebs und Hoffnung

Seit einem Jahr elektrisiert eine Zufallsentdeckung die Krebsmedizin: Methadon, eine Substanz, die aus der Drogenersatztherapie bekannt ist, soll wahre Wunder wirken. Krebspatienten, die mit Methadon behandelt wurden, leben. Doch heißt das auch: Methadon heilt Krebs?

"Ich bin wieder da, und ich kann weiterleben, ich muss nicht sterben. "
"Ich konnte es nicht glauben, wie ich die Aufnahmen gesehen hab, dass da fast nichts mehr zu sehen war von den Metastasen."
"Ungefähr zwei Drittel der Patienten erfahren eine Minderung oder gar Verschwinden ihrer Tumorerkrankung.
"Und so fangen wir diesen Beitrag an: Da sind zwei Überlebende, die dank Methadon überlebt haben, und ein Arzt, der sagt: Zwei Drittel aller Krebserkrankungen verschwinden - da fällt mir nichts mehr ein."

Mediale Aufmerksamkeit erzeugt großen Druck

"Der ganz entscheidende Punkt war wirklich, dass ein sonst für sehr seriös eingestufter Sender das so gebracht hat. Es ist ja das erste Mal, dass wir, zumindest in der Onkologie, eine solche mediale Aufmerksamkeit für ein Thema haben und einen so hohen Druck bei den Patienten",  sagt Jutta Hübner
"Ich hatte 40.000 Anfragen von Patienten im letzten Jahr. Und die meisten Patienten, die bei mir ankamen, waren austherapierte Patienten, wo der Arzt gesagt hat: Tut uns leid, wir haben keine Option mehr für sie. Es waren Patienten, die dann andere Opioide, Opiate hatten, und die wurden von Schmerztherapeuten auf Methadon umgestellt - einerseits weil es ein gutes Schmerzmittel ist, und andererseits natürlich auch die Hoffnung, vielleicht ein bisschen länger zu leben. "

"Das sind ja nicht ein, zwei oder drei Patientenfälle, wo man immer nur sagen könnte: Zufall, Zufall, Zufall", sagt die Chemikerin Claudia Friesen. Sie arbeitet am Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Ulm. Es ist ihre Beobachtung, die Krebspatienten seit vergangenem Jahr elektrisiert. Krebspatienten, die mit Methadon behandelt wurden, leben.

Heißt das auch: Methadon heilt Krebs? Ein YouTube-Video der Veranstalter zeigt Claudia Friesen am Rande eines Kongresses für Biologische Krebsabwehr: "Das sind Pankreaspatienten, die eigentlich, zum - ja zum Sterben entlassen wurden und die jetzt Methadon genommen haben. Die wurden nur in der Schmerztherapie umgestellt. Und, ja, der eine ist im Moment gerade in Skiurlaub", so Claudia Friesen.

Zufallsfund wird zur Sensation

Nahezu jedes Medium hat im letzten Jahr berichtet über das Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide, das vielen auch aus der Drogenersatztherapie bekannt ist. Unter Patienten wird Methadon seither als potenzielle Wunderwaffe gegen den Krebs gehandelt.

Schwerstkranke bestürmen ihre Onkologen. Viele beschaffen sich das Mittel ohne Wissen des behandelnden Arztes. Der Druck ist so groß, dass Methadon mittlerweile wohl bei mehreren hundert Krebspatienten eingesetzt wird, ohne für diesen Zweck zugelassen zu sein.

Der Medizinjournalist Marcus Anhäuser: "Das Problem ist, dass an dem Punkt darüber berichtet wird, an die Öffentlichkeit gegangen wird, obwohl wir zugeben müssen: Wir wissen fast nichts. Und es wird aber so dargestellt, als wüssten wir eine ganze Menge, dabei haben wir nur einen Verdacht."

Die Geschichte beginnt mit einem Zufallsfund in Ulm. Ursprünglich wollte Claudia Friesen nur die molekularen Mechanismen von Opioiden erforschen. Dafür brauchte sie Zellen, die dafür empfänglich sind. 

Claudia Friesen: "Bei mir im Labor waren das damals die Leukämiezellen. Die haben wir mit verschiedenen Opioiden behandelt, ja, und Methadon hat die Leukämiezellen zerstört. Und für mich war das damals ein ungewöhnlicher Befund, ich habe eher gedacht, es wäre ein Fehler, hab die aber mehrmals reproduziert und kam zum gleichen Ergebnis."

Folgeexperimente ergaben, dass nicht alle Leukämiezellen im Reagenzglas durch Methadon starben. Friesen erprobte Methadon daraufhin als Wirkverstärker in Kombination mit dem Chemotherapeutikum Doxorubicin. 

Claudia Friesen: "Wir haben aber nicht nur Leukämiezellen untersucht, mittlerweile haben wir viele viele Tumorzellen untersucht, und wir kommen immer zum gleichen Schluss: dass Methadon in diesen Tumorzellen, die die Opioidrezeptoren besitzen, einen Zelltod auslösen kann."

Die Arbeiten von Claudia Friesen sind noch experimentell, zählen zur Grundlagenforschung. Von diesem Stadium der wissenschaftlichen Erkundung erfährt die Öffentlichkeit normalerweise nichts. Das erklärt sich schon allein durch die Menge vielversprechender Wirkstoffkandidaten. 

Eine von neun Substanzen bewährt sich beim Menschen

Gegen Krebs werden derzeit 2.440 Substanzen in Zellkultur oder im Tierversuch getestet. Rund ein Drittel der Wirkstoffe wird in diesem frühen Forschungsstadium nach systematischen Sicherheitsprüfungen aussortiert – bei bereits bekannten Medikamenten wie Methadon dürfte die Quote besser sein. 

Nur eine von neun Substanzen, die erfolgreich im Labor getestet wurden, bewährt sich beim Menschen. Doch Methadon hat als potentielle Allzweckwaffe gegen den Krebs eine Ausnahme-Karriere gemacht.

"So klingen gute Nachrichten, und so klingt Hoffnung, Hoffnung, den Kampf gegen den Krebs zu gewinnen, und damit willkommen bei Plusminus heute aus Erfurt."

Die bundesweit ausgestrahlte Sendung Plusminus vom 12. April 2017 bildet den Auftakt vieler Berichte, vor allem im öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen. Nach dem Trailer mit den Zitaten zweier Krebspatientinnen und des Palliativmediziners Hans-Jörg Hilscher führt der Moderator in das Thema ein: Milliarden investiere die Pharmaindustrie jährlich in die Erforschung neuer Wirkstoffe gegen den Krebs, ständig bringe sie neue Medikamente auf den Markt – und verdiene gut daran.

Plusminus  Moderator: "Aber was passiert, wenn ein Wirkstoff Hoffnung verspricht, nur eben kaum Profit - genau das zeigen wir Ihnen jetzt."

Fernsehsendung setzt neuen Deutungsrahmen über Wirkung

"Und damit ist der Rahmen gesetzt: Die Pharmafirmen sind diejenigen, die arbeiten aus Profitgründen. Und wenn es keinen Profit gibt, werden sie sich nicht drum kümmern." Marcus Anhäuser ist Medizinjournalist, war mehrere Jahre leitender Redakteur beim Medien-Doktor, einem Monitoringprojekt für Medizinjournalismus der TU Dortmund.

"Und wenn man sich auch in Foren umguckt oder auf Webseiten, dann sieht man eben: Viele greifen das auf, und sagen: Hier, die Pharmafirma, ist ja mal wieder typisch, und so ist der ganze Rahmen gesetzt für jegliche Berichte, die nachher noch kommen."

Der Diplombiologe hat den Plusminusbeitrag vom April 2017 für die Medienkonferenz Wissenswerte analysiert. Weil er den Beginn des beispiellosen Interesses an Methadon als Krebsmedikament markiert. 

Anhäuser: "Ein Tool von Google habe ich benutzt, das nennt sich Google Trends, mit dem man Suchanfragen über einen bestimmten Zeitraum sich angucken kann. Und man sieht sehr schön, wie die Berichterstattung die Suchanfragen triggert."

Jahrelang bewegte sich die Zahl der Anfragen zu Methadon auf einem gleichmäßigen, eher niedrigen Niveau. Anhäuser: "Kurz nach der Berichterstattung von Plusminus stieg dieser Wert und ist dann im Laufe dann der Monate bis auf das Zwanzigfache gestiegen, als dann vor allem RTL innerhalb von zwei, drei Wochen mehrfach berichtet hat, Stern TV hat berichtet, Stern.de hat berichtet. Und das war die absolute Spitze dann im Sommer 2017." 

Patienten und Angehörige schöpfen durch Berichte Hoffnung

Es sind verzweifelte Krebspatienten oder deren Angehörige, die die Botschaft der Berichte aufsaugen, sie in den sozialen Medien verbreiten. Und es sind Fälle wie der von Sabine Kloske, die selbst austherapierte Krebspatienten wieder hoffen lassen. Im Dezember 2014 wurde bei der damals 36-jährigen ein Glioblastom diagnostiziert, ein schnell wachsender Hirntumor, der als nicht heilbar gilt.

In Plusminus schildert Kloske, ein Arzt habe ihr nach der Operation noch zwölf bis 15 Monate Lebenszeit gegeben. Zum Zeitpunkt der Sendung hat sie diese Prognose bereits um ein Jahr überlebt. Und auch heute, mehr als drei Jahre nach der Diagnose, geht es ihr gut. Was der Zuschauer nicht erfährt: Rund acht Prozent der Glioblastompatienten leben noch fünf Jahre nach Entdeckung des Tumors. Dieses Wunder, heißt es hingegen bei Plusminus, führe Sabine Kloske auf Methadon zurück. Zusätzlich zur Chemotherapie nehme sie 2 mal 35 Tropfen täglich.

Kloske: "Es ist so, dass ich das Gefühl habe, ich bin wieder da, und ich kann weiterleben, ich muss nicht sterben."

Sprecherin Plusminus: "Sabine Kloske gehört zu den Patienten, die von der Entdeckung dieser Forscherin aus Ulm profitieren."

Anhäuser: "Der Satz war: Sie gehört zu den Patienten, die von dieser Entdeckung profitieren - wissen wir aber gar nicht, wir wissen ja gar nicht, wie gut dieses Mittel hilft, ob es überhaupt hilft. Aber hier werden schon Tatsachen geschaffen, nachdem so ein Fall geschildert wurde, der so eindringlich ist. Ich stell mir immer vor, da sitzt jemand mit Krebs vor dem Fernseher und sieht diesen Bericht. Der braucht eigentlich gar nicht mehr weiterzugucken, weil alle Infos danach sind fast überflüssig. Ich find die suggestive Kraft von solchen Personen ist so stark, da gibt es wenig, was man da noch gegensetzen kann."

Die Autorin des Beitrags ist Christiane Cichy. Sie hat Jura und Publizistik studiert, ist in der Wirtschaftsredaktion Plusminus für Medizinthemen zuständig. Ein Jahr vor Ausstrahlung des Beitrags habe sie mit der Recherche begonnen. 

Christiane Cichy: "Was für mich auch sehr wichtig war und was, ich denke, auch in der Zukunft an Bedeutung gewinnen sollte, habe ich natürlich das Gespräch mit zahlreichen Patienten und Patientinnen geführt, nicht nur deutschlandweit sondern auch in der Schweiz und in Österreich.

Patienten, vor allem solche mit sehr schlechter Prognose, haben oft eine andere Sicht auf medizinische Forschung als Wissenschaftler. Der Weg bis zur Zulassung eines neuen Medikaments ist weit, folgt strengen Regeln, dauert viele Jahre. Doch die Lebenszeit von schwerstkranken Patienten bemisst sich oft in Tagen, Wochen oder Monaten. 

Sprecherin Plusminus: "Das Drogenersatzmittel Methadon ein Krebskiller? Die Forscherin zeigt uns Patientenbeispiele: Selbst große Tumore wie hier im Hirn, die auf keine Therapie mehr ansprachen, verschwanden. 

Anhäuser: "Und das ist jetzt eine extrem gefährliche Stelle. Auch hier wird dann suggeriert: Man nimmt Methadon, und die Tumore verschwinden. Und dann sieht man diese beiden Röntgenaufnahme vom Gehirn von Patienten: einmal mit Tumor, mit so einer weißen Kugel im Kopf, und dann das zweite Bild, wo an der Stelle einfach nichts mehr ist - der Tumor ist weg. Und als ich das zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: wow.

Ahnungslos wie ich bin manchmal, habe ich natürlich gar nicht dran gedacht: Das liegt nicht an dem Methadon, diese Tumoren werden rausoperiert, die werden standardmäßig rausoperiert. Und natürlich sieht bei jedem Patienten, der so ein Glioblastom hat, das Röntgenbild nachher so aus: Der Tumor ist erst mal weg."

Cichy: "Ich denke, es ist keine Suggestion, wenn man im Prinzip Patientenfälle vorstellt, und wenn man sagt: Okay, das war das Glioblastom vorher, und seitdem kam es nicht zu einer Progression. Das hat doch nichts mit Suggestion zu tun, ich weiß nicht, was Sie da unterstellen."

Keller: "Man denkt der Tumor ist weg wegen Methadon, aber der ist ja wegen der Operation weg."

Cichy: "Sie vielleicht, weil Sie vielleicht genau nicht hinhören. Es wird noch mal ganz klar gestellt: Niemand kann sagen, ob DL-Methadon dafür verantwortlich ist, aber die Laboruntersuchungen von Frau Friesen sprechen eine deutliche Sprache. Auch wenn im Prinzip erst mal für niemanden ein finanzielles Interesse besteht, klinische Studien, die ja sehr teuer sind, durchzuführen, könnte man genau diese Daten zum Anlass nehmen, das in die Wege zu leiten."

Welle von Nachfragen überschwemmte Onkologie-Praxen

"Ganz grundsätzlich gilt: Immer wenn man so eine Substanz entdeckt, dass man sich überlegen muss, ist das anwendbar. Dann kommen halt Mehrzellexperimente, Tierexperimente", sagt Jutta Hübner, Professorin für Integrative Onkologie an der Universität Jena. 

"Und dann muss ich mir überlegen: Okay, könnte das auch beim Menschen funktionieren, bei welcher Tumor-Art. Und dann würde man in die ersten Studien einsteigen. Ja, das ist ein ganz sinnvolles Vorgehen, aber genau dieses stufenweise Vorgehen muss es auch sein, bevor man damit an die Öffentlichkeit geht und sagt: Wir haben hier was tolles Neues."

Totkranke Patienten glauben, sie hätten viel zu gewinnen und nichts zu verlieren. Doch Ärzte wissen aus Erfahrung, dass auch in der Endphase noch katastrophal viel schief gehen kann. Und nicht nur austherapierte Patienten verlangen nach Methadon. Eine Welle von Nachfragen überschwemmte onkologische Praxen und Kliniken. 

Jutta Hübner: "Die hat uns direkt nach den ersten Sendungen über die Patienten erreicht, fast schon am Tag danach ging das los. Und dann nahm das einen irrsinnigen Schwung an, dass praktisch jeder Patient danach fragte, egal ob stationär, in der Ambulanz, in meiner Sprechstunde - also alle Patienten fragten. Da brauchen Sie fast schon in der Klinik oder in der Praxis eine Task Force, die nichts anderes mehr macht."

Jutta Hübner leitet eine Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Krebsgesellschaft, die sich für eine bessere Patientenversorgung einsetzt. Zudem ist sie Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Methadon in der Krebstherapie einzusetzen, lehnt sie derzeit ab. Nicht nur weil der Nutzen nicht belegt ist, wie sie im Deutschen Ärzteblatt erläutert.

Jutta Hübner: "Es gibt sehr viele Patienten, die sich Methadon besorgt haben. Es gibt in unserem Beitrag im Ärzteblatt Patienten, die ein zumindest lebensgefährliches Ereignis erlebt haben, es gibt einen Patienten, der verstorben ist." 

"Mir gibt das zu denken, was das für Ärzte sind", sagt die Chemikerin Claudia Friesen. "Methadon ist ein Medikament, das man seit den 40er-Jahren kennt. Man weiß die Dosierung, man weiß, wo die Toxikologie, und da dürfen diese Fehler, die da passiert sind, erst gar nicht passieren. Da gibt es klinische Studien, das ist ja nicht ein niegelnagelneues Medikament, wo man die Toxikologie nicht kennt."

Methadon kein harmloses Medikament

Methadon wird seit dem Zweiten Weltkrieg weltweit als Schmerzmittel vertrieben. In der Palliativmedizin wird es in Deutschland als Reserve-Medikament bei mittleren oder schweren Tumorschmerzen empfohlen. Da Methadon in zwei Schritten abgebaut wird und die Wirkung verzögert eintritt, kann es leicht überdosiert werden.

"Man weiß eben, dass es nicht gut verträglich ist. Methadon in der Suchttherapie ist besser als die Suchtsubstanz selber, aber kein Mensch würde sagen, Methadon an sich ist eine gute Idee. Das ist nur die bessere Idee von zwei schlechten Ideen", sagt die Onkologin Jutta Hübner.

"Zweitens: Die Patienten in der Suchttherapie haben in der Regel keine anderen Medikamente. Unsere Patienten mit einer onkologischen Therapie haben aber eine ganze Reihe weitere Medikamente, nämlich die Tumormedikamente und häufig viele Begleitmedikamente.

Meistens sind sie auch älter und haben auch noch ein paar andere Krankheiten mit Medikamenten. Das heißt, hier kommt eine ganze Gemengelage von Medikamenten zusammen. Und Methadon hat durchaus eine hohe Wahrscheinlichkeit, eine hohe Gefahr von Wechselwirkungen. Also: Harmlos ist das Zeug auf keinen Fall."

Claudia Friesen hat mit Charité-Medizinern eine Studie zu 27 Glioblastompatienten vorgelegt, um rückblickend die Verträglichkeit von Methadon zu prüfen. Die Aussagekraft dieser kleinen Studie ist aber begrenzt. Zu unterschiedlich sind die Patienten in Bezug auf Krankheitsstadien, Prognose und Medikation.

In Deutschland nahmen bis heute fünf Medizinische Fachgesellschaften oder deren Arbeitsgruppen Stellung, in Österreich sind es drei Fachgesellschaften. Sie warnen vor dem Einsatz von Methadon in der Krebstherapie. Weil ein Nutzen noch nicht belegt, Neben- oder Wechselwirkungen aber zu befürchten seien. Frage an Claudia Friesen, an Christiane Cichy: Gibt das zu denken?

Claudia Friesen: "Nö, also potentielle Nebenwirkungen hat eigentlich jedes Medikament, da dürfte man überhaupt keine Chemotherapeutika einsetzen, die weiß Gott mehr Nebenwirkungen haben als Methadon. Wenn die von gefährlichen Nebenwirkungen reden, dann müsste man eigentlich vor jedem Medikament warnen."

Christiane Cichy: "Da muss man wirklich fragen, wie weit diese Warnungen tatsächlich unabhängig sind, weil gerade in der zweiten Berichterstattung ist ja deutlich geworden, dass DL-Methadon als Schmerzmedikament wissenschaftlich erforscht ist, und auch da wurde wieder vor den Nebenwirkungen und den Risiken, die bis zum tödlichen Ausgang führen könnten, gewarnt."

TV-Bericht säht Verdacht gegen Pharmakonzerne

Da ist er wieder, der Verdacht: Anderweitige Interessen blockieren den Hoffnungsträger Methadon, die Pharmaindustrie ist an einem extrem günstigen Wirkstoff nicht interessiert. In der Plusminus-Sendung heißt es, anders als Methadon werde etwa das Medikament Avastin seit Jahren mit Hochdruck erforscht. Liege das womöglich an den Behandlungskosten von 25.000 Euro pro Quartal?

Christiane Cichy interviewt den Methadonkritiker Wolfgang Wick, ärztlicher Direktor der Abteilung Neuroonkologie an der Universitätsklinik Heidelberg, Spezialist für Hirntumore, in leitender Funktion für europäische Expertengremien tätig. Er verfasste 2015 die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Neurologie zu Methadon, aus der Cichy vorab zitiert.

Plusminus Sprecherin: "Die Wirkung beim Menschen sei völlig unklar. Methadon sei potenziell reich an unerwünschten Wirkungen, die die Lebensqualität der Patienten unnötig einschränken. Die Therapie mit Methadon sei bisher nur experimentell."

Wir fragen Prof. Wick, den Verfasser der Stellungnahmen, wie er darauf kommt. "Dass etwas experimentell ist, bedeutet, dass es für die Anwendung keine erforderliche Datenbasis gibt, auf Grund derer unsere Zulassungsbehörden, das ist ja national und international ganz gut geregelt und organisiert, eine Zulassung von Patienten mit Hirntumoren besteht."

Später in der Sendung erfahren die Zuschauer: Wick habe Honorare des Avastin-Herstellers Roche bekommen und somit einen Interessenkonflikt.

Plusminus- Sprecherin: "An der klinischen Forschung von Avastin maßgeblich beteiligt war Professor Doktor Wick, also der Mann mit den Vorbehalten gegenüber dem Einsatz von Methadon bei Tumorpatienten. Mittlerweile hat eine weltweite Studie ergeben: Hirntumorpatienten, die Avastin bekommen, leben insgesamt nicht länger."

Marcus Anhäuser: "Und an der Studie war der Herr Wick beteiligt, und die hat dazu geführt, dass das Mittel nicht zugelassen wird: Avastin wird nicht zugelassen für Glioblastome. Die Information bekommt man aber nicht, weil das nicht ins Bild passt. Da ist nämlich plötzlich der Kritiker, der aus Interessenkonflikten Methadon nicht erforschen will, plötzlich derjenige, der auch dafür sorgt, dass dieses Mittel von der Firma, von der er sein Geld bekommt, nicht zugelassen wird. Und das ist eine extrem wichtige Information, die hier aber weggelassen wird."

Warum wurde sie weggelassen? Auf Nachfrage erklärt die Redaktionsleitung, Professor Wick habe sich trotz der Studienergebnisse bei einem vom Hersteller unterstützten Symposium positiv über Avastin geäußert. Wick hingegen erklärt, er habe die Daten der Studie bei akademischen Krebskongressen präsentiert, und sei dort auch auf positive Teilergebnisse eingegangen. Das im Wesentlichen negative Hauptergebnis habe in Deutschland den breiten Einsatz von Avastin außerhalb der Zulassung beendet.

Interessenkonflikte sind ein komplexes Feld. Sie können das unabhängige Urteil eines Experten verzerren, müssen es aber nicht. Und die Fronten verlaufen oft anders, als man denkt. 

Was treibt die Mahner, was die Befürworter von Methadon?

Claudia Friesen selbst betont, es gehe ihr um das Wohl der Patienten und um Klarheit: "Es geht mir um Methadon zur Lebensqualitätsverbesserung, und ich freue mich bei den Patienten, wenn sie eine gute Lebensqualität haben. Und natürlich auch als Wirkverstärker in der Tumortherapie, aber bevor ich da eine generelle Aussage treffe – und das sage ich immer dazu - brauchen wir den evidenzbasierten Beweis. Und ich hab noch nie was anderes gesagt."

Im Juni 2017 gab es auf "Stern.de" einen Chat mit Zuschauern. Als Experten im Studio: Claudia Friesen und der Palliativmediziner Hans-Jörg Hilscher, ihr Mitstreiter aus der Plusminus-Sendung. Für Marcus Anhäuser hört es sich nicht so an, als sei für die Experten – gerade im Interesse der Patienten – noch ein Beweis erforderlich: "Und da gibt‘s eben genauso ganz konkrete Sachen, wo jemand fragt: Meinem Mann wurde im April ein Sigma-Karzinom entfernt - also beim Darmkrebs - da ein Lymphknoten betroffen war, bekommt er jetzt eine adjuvante Chemotherapie. Kann Methadon ihm zusätzlich helfen?" 

Antwort von Dr. Hilscher: Gerade bei adjuvanten Chemotherapien hat sich Methadon besonders bewährt.  Und wir fragen uns: Woher weiß der Mann das?

Eine Sylvia Calw fragt: Hallo, 79jährige Patientin mit Cervixkarzinom, mit Metastasen in Lunge und Bauchraum, soll nun Monochemotherapie mit Carboplatin alle vier Wochen bekommen. Welche Dosierung Methadon würden sie empfehlen. Ist die Kombination bereits zu empfehlen, bereits getestet worden?

Und Frau Friesen antwortet: Carboplatin kann sehr gut mit Methadon in seiner Wirkung verstärkt werden. Die Dosierung sollte mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. 

Dann fragt eine Eika 1987: Hallo, wirkt das Methadon auch bei Plasmozytom? Claudia Friesen: Ja, es kann auch hier wirken. - Ich frag mich bei welcher Krankheit sie nein gesagt hätte."

Jutta Hübner: "Ich denke, wir können an jeden Wissenschaftler den Anspruch stellen, dass er die Grenzen seines Faches und seines Wissens erkennt, und umso mehr, wenn man sich in ein fremdes Gebiet hineinwagt. Ich habe nicht umsonst Frau Friesen gefragt, ob sie eine Zulassung als Heilpraktikerin hat, denn sie empfiehlt Patienten, Sachen zu tun.

Sie sagt, sie empfiehlt nicht, das ist klar widerlegt, man findet es überall: Und da sie nicht Ärztin ist und offensichtlich nicht Heilpraktikerin ist, muss man sich fragen, auf welchem Boden arbeitet sie hier."

Methadon-Unterstützer organisieren sich auf Facebook

Die Unterstützer von Claudia Friesen haben sich mittlerweile organisiert. Fast 90.000 Menschen unterzeichneten zwei Online-Petitionen auf change.org und openpetition.de. Mehr als 17.000 schlossen sich in sechs Facebook-Gruppen pro Methadon gegen Krebs zusammen. Ebenfalls auf Facebook finden sich Spendenaufrufe für die Krebsforschung der Rechtsmedizin Ulm, auf ein Konto der Universitätsklinik.

Die Plattform W wie Wahrheit postete die Plusminus-Sendung, angereichert mit eigenen Kommentaren, unter dem Titel Verschwörung – Aufgedeckt. Das Video wurde bis heute 4,7 Millionen Mal geklickt. 

"Methadon ist bei vielen Patienten in verschiedenen Tumorindaktionen aber insbesondere bei Hirntumoren im breiten Einsatz, und aus dem Grund brauchen wir für eine vernünftige Datenbasis eine klinische Erprobung", sagt Wolfgang Wick, der Neurologe aus Heidelberg. Er hat im Laufe von zwanzig Jahren Tausende von Hirntumorpatienten behandelt und etliche Studien geleitet.

Wick sagt, er könne damit leben, dass er in der Debatte um Methadon persönlich angegriffen wurde und viele böse Briefe bekam. Sorge bereite ihm etwas Anderes: " Aus unserer Sicht hat die Diskussion um Methadon dazu geführt, dass viele Einrichtungen, Gruppen, Ärzte, Teams die sich um Hirntumorpatienten kümmern, in erheblichem Maße diskreditiert worden sind. Demgegenüber sind Menschen, einige wenige, die sich auf Basis von sehr schwachen Daten mit der Debatte profiliert haben, zu einer Aufmerksamkeit gekommen, die den Patienten schlussendlich nicht nutzt."

Wick hat jetzt bei der Deutschen Krebshilfe eine Studie beantragt, die er schon seit längerem plant. Teilnehmen sollen 250 Glioblastom-Patienten, denen die Standardtherapie bereits gut geholfen hat und die man möglichst lange vor einer Rückkehr des Tumors bewahren will. Wick hat eine Reihe von Substanzen ausgewählt, bei denen Labordaten und Beobachtungen an Patienten vielversprechend sind.

"Jeder seriöse Wissenschaftler würde seine Archive öffnen"

Wolfgang Wick. "Das sind alles Substanzen, die gut ins Gehirn gehen, die relativ nebenwirkungsarm sind, die verfübar sind, regelmäßig genommen werden können, Medikamente aus der Gruppe der Blutdruckmedikamente, der Zuckermedikamente, es sind Nahrungsergänzungsmittel, es sind infektvorbeugende Medikamente und nicht zuletzt auch das Methadon"

Das Methadon bezieht Wick in die Studie ein, obwohl er selbst sich keine großen Hoffnungen macht. Seine eigenen Untersuchungen hätten die Ergebnisse aus Friesens Labor nicht bestätigt, sagt Wick.

Ein sorgfältiges Register mit Patientendaten könnte unabhängig von Studien Hinweise liefern, ob Methadon etwas bewirkt, bei welchen Tumorarten und zusammen mit welchen Therapien. 

Der Allgemeinmediziner Rainer Ullmann hat mit dem Aufbau eines solchen Registers begonnen. Er gehört zu einem Ärzte-Netzwerk, das Claudia Friesen initiiert hat. Allerdings haben erst zehn Ärzte Ullmann Daten geschickt. Die Jenaer Onkologin Jutta Hübner:

"Was wir gerne anbieten, das haben wir Frau Friesen und den anderen Ärzten angeboten, dass wir wissenschaftlich unabhängig uns jeden einzelnen Fall anschauen, erst mal auf Plausibilität, also gibt es hier denn wirklich einen echten Hinweis, hat Methadon hier was bewirkt.

Aber, wir haben noch nicht mal die Möglichkeit, uns diese Fälle wirklich genau anzuschauen, weil man uns nicht an die Daten ranlässt. Jeder seriöse Wissenschaftler würde seine Archive öffnen."

Ein Jahr, nachdem Methadon in der öffentlichen Wahrnehmung vom Hoffnungsschimmer zum Leuchtfeuer mutierte, fällt die Bewertung des Vorgangs höchst unterschiedlich aus.

Medienecho hat Patienten und Ärzte verunsichert

Medizinjournalist Marcus Anhäuser: "Den Impact hat‘s ja gehabt. Also, wenn es mir als Journalist darum ginge, nur Impact zu haben, dann ist die Geschichte ein voller Erfolg. Weil alle Medien haben das übernommen, alle haben dieselbe Geschichte erzählt. Von daher betrachtet ist es ein Erfolg. Aus Sicht von Patienten, und wenn ich das selber als Journalist betrachte, würde ich sagen: Es ist komplett in die Hose gegangen. "

Das Medienecho habe Patienten, Angehörige und Ärzte stark verunsichert, sagt die Universitätsklinik Ulm. Gleich mehrfach hat man dort im letzten Jahr Stellung bezogen und davor gewarnt, Methadon außerhalb klinischer Studien einzusetzen. Es gebe Berichte, dass Patienten im Glauben an die Wirksamkeit von Methadon erprobte Therapien abgelehnt hätten.
Man habe eine Diskussion angestoßen, teilt dagegen die Redaktionsleitung von Plusminus mit. Den Vorwurf einer emotionalen oder unangemessen sensationellen Darstellung weist sie zurück. Ihr sei es darum gegangen aufzuzeigen, wie schwierig es sein könne, für einen Wirkstoff, der keinen Gewinn verspricht, Mittel für klinische Studien aufzubringen.

Von Heilung sei vor einem Jahr an keiner Stelle des Beitrags die Rede gewesen, nur von Einzelfällen, die keinen Beweis lieferten. Dafür brauche es klinische Studien. 

Besorgniseregende Dynamik

Die Studien soll es jetzt geben. In Heidelberg, am Zentrum von Wolfgang Wick, und in Ulm mit 66 Dickdarmkrebspatienten.

Am Ende doch ein Erfolg für Patienten und Patientinnen? 

So mag es die Onkologin Jutta Hübner nicht sehen. Sie beobachtet die Dynamik eher mit Sorge. "Wir müssen damit rechnen, dass das in Zukunft häufiger passiert, weil sich unsere Gesellschaft in diese mediale Entwicklung herein begibt. Und wir können nicht jedes Mal, wenn irgend so ein Thema wuppt in den sozialen Medien, gleich mit einer Riesen-Studie hinterherschießen.

Denn so eine Studie erfordert Ressourcen - Ressourcen finanziell, Ressourcen bei den Forschern und Ressourcen bei den Patienten, die an der Studie teilnehmen. Und die sind weg für irgendeine andere Studie, die vielleicht viel besser wäre. Wir haben ja eine hohe Verantwortung, uns wirklich zu überlegen, mit unseren begrenzten Möglichkeiten, was ist denn ganz oben auf der Liste, weil es wirklich Patienten weiterbringt. Und deshalb finde ich ist das auch ethisch gerade eine ganz schwierige Frage."

(Deutschlandfunk, 8.4.18, Martina Keller)

 

Experten-Chat zum Nachlesen

Antworten auf Zuschauerfragen zur Wirkung von Methadon gegen Krebs

Bei welchen Krebsarten kann man Methadon einsetzen? Wo bekomme ich ein Rezept? Welche Ärzte verschreiben es? Diese und weitere Fragen haben Dr. Claudia Friesen und Dr. Hans-Jörg Hilscher im Zuschauer-Chat beantwortet.

Die Chemikerin Dr. Claudia Friesen entdeckte die Wirkung von auf Tumorzellen vor zehn Jahren eher zufällig - und forscht seitdem intensiv dazu. Der Allgemein- und Palliativmediziner Dr. Hans-Jörg Hilscher hat jahrelange Erfahrung mit der Verordnung von dem Schmerzmittel Methadon. Gemeinsam haben die beiden ein Präparat entwickelt, das Krebspatienten helfen kann. Hier im Chat haben sie Zuschauerfragen zum Thema beantwortet.

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, die Zahl der Fragen zeigt, wie wichtig das Thema ist. Wir hoffen, einige beantwortet zu haben. Ein paar Fragen werden jetzt gleich auch in der Sendung noch geklärt. Weitere Informationen zum Thema finden Sie hier auf der Seite und auf der Internetseite der Universitätsklinik Ulm: www.uniklinik-ulm.de/methadon

Anna: Sehr geehrte Frau Dr. Friesen, bei meinem Vater wurde vor anderthalb Wochen ein Bronchialkarzinom sowie eine Metastase im Gehirn diagnostiziert. Am Montag soll die Chemotherapie starten. Beim Aufklärungsgespräch habe ich angesprochen, ob die Möglichkeit besteht die Chemotherapie unterstützend mit Methadon zu behandeln. Dieses wurde vom Onkologen mit dem Hinweis auf das Betäubungsmittelgesetz abgelehnt. Mein Vater hat bislang erträgliche Schmerzen. Die Erkrankung wurde bei einer Vorsorgeuntersuchung festgestellt, dennoch ist sie weit fortgeschritten. Klassifizierung T4 L2 M1. Gibt es wirklich keine Möglichkeit Methadon unterstützend einzusetzen so lange mein Vater "schmerzfrei" ist?

Dr. Claudia Friesen: Ihr Vater hat Tumor bedingte Schmerzen, da kann Methadon als Schmerzmittel eingesetzt werden. Bitte eine Email an mich.

Eule: Meinem Mann wurde im April ein Sigmakarzinom entfernt. Da ein Lymphknoten betroffen war bekommt er jetzt eine adjuvante Chemotherapie. Kann Methadon ihm zusätzlich helfen?

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Gerade bei adjuvanten Chemotherapien hat sich Methadon besonders bewährt.

Werner Siegl: Meine Mutter hat ein Stadium 4 Hodgkin Lymphom mit Metastasen in den Knochen. Am Montag beginnt bei ihr der 2te Chemoblock. Bekommt man Methadon auch in Österreich?

Dr. Claudia Friesen: Man bekommt es auch in Österreich, wenn es nicht klappt, bitte eine Email an mich, mit dem Betreff Stern TV

macguitar: Ist die Behandlung eines Glioblastoms (anaplastisches Astrozytom WHO III) auch bei einem 8-jährigen Kind möglich? Kann mir mein behandelnder Arzt bei der Uniklinik Würzburg das Medikament verschreiben?

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Prinzipiell ist Methadon bei Kindern genauso wirksam wie bei Erwachsenen, wird nur häufig besser vertragen.

Yvonne Henschel: Würde Methadon auch bei Leukämie also Blutkrebs "helfen" ?

Dr. Claudia Friesen: Ja. Ich habe das 2008 und 2013 publiziert.

B.H.: Kann Methadon in der Palliativmedizin und bei schlechtem Allgemeinzustand zur Schmerzreduzierung verwendet werden?

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Methadon ist ein ideales Medikament in der Palliativmedizin. Da es bereits im Mund wirksam wird und daher auch bei Schluckstörungen, die in der Endphase die Regel sind, verwendet werden kann.

Mirko: Wie bekomme ich Methadon? Muss am 17.06. mit meiner 3. Chemo beginnen.

Dr. Claudia Friesen: Ich würde zuerst den Hausarzt fragen und den Onkologen, ansonsten senden Sie mir eine Email.

inane: Verbessert Methadon auch die Wirkung der Chemo bei einem Befall des Bauchfells welches generell schlecht durchblutet ist?

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Methadon ist beim Bauchfellbefall besonders wirksam.

Connal: Nach wie länger Anwendung zur Chemo konnten bereits positive Veränderungen erkannt werden?

Dr. Claudia Friesen Es ist ganz unterschiedlich, es hängt vom Tumor ab.

Massimo: Was für Möglichkeiten habe ich, wenn die Ärzte sich stur stellen mich mit Methadon zu behandeln?

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Sie haben die freie Arztwahl, das heißt Sie müssen sich jemanden suchen, der das mit Ihnen durchführt.

Laura: Bei welchen Arten von Krebs kann das Medikament nicht helfen?

Dr. Claudia Friesen: Bisher haben wir noch keinen Krebs gefunden, der nicht von Methadon profitiert. Bei allen Krebsarten, die wir untersucht haben hat es geholfen. Wir haben die gängisten untersucht.

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Es ist nicht bekannt welche Krebsarten nicht reagieren, angesichts der geringen Nebenwirkungen der Methadontherapie und der häufig aussichtslosen Situation, lohnt der Therapieversuch.

Juan: Wie viel Geld ist notwendig für die Klinischen Studien? Muss man Methadon immer noch nehmen. nachdem die Tumorzellen verschwunden sind?

Dr. Claudia Friesen: I,2 Millionen €. Methadon sollte auch weiterhin genommen werden, wenn alle Tumorzellen verschwunden sind, da Methadon alleine die Teilung der Zelle hemmen kann.

Antonio Welche wirklich nennenswerte Nebenwirkungen gibt es bei der Methadoneinnahme? Stimmt die immense Gewichtszunahme als Nebenwirkung und was kann man dagegen halten?

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Nebenwirkungen von Methadon sind: Abhängigkeit, am Anfang Übelkeit, Schwindel und Benommenheit und dauerhaft Verstopfung. Gewichtszunahme eventuell dadurch, dass die Krankheit zurückgeht.

Oliver: Gibt es in Österreich Ärzte, die Methadon einsetzen?

Dr. Claudia Friesen Ja es gibt in Österreich Ärzte die es verschreiben.

Sylvia kalff: 79 jährige Patienten mit cervix karzinom mit Metastasen in Lunge und Bauchraum soll nun Mono Chemotherapie mit karboplatin alle 4 Wochen bekommen. Welche Dosierung Methadon würden sie empfehlen? Ist die Kombination zu empfehlen/ bereits getestet worden?

Dr. Claudia Friesen: Carboplatin kann sehr gut durch Methadon in seiner Wirkung verstärkt werden. Die Dosierung sollte mit dem behandelnden Arzt besprochen werden.

Annegret: Kann man von Methadon süchtig werden? Kann es auch als einfaches Schmerzmittel vom Arzt verschrieben werden?

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Sie werden von Methadon schon nach kurzer Zeit abhängig, das heißt Sie bekommen beim abrupten Absetzen Entzugserscheinungen, süchtig werden Sie nur von Substanzen, die einen Kick verursachen, genau deswegen, weil es Kicks blockiert, wird es in der Drogenentzugsbehandlung eingesetzt.

Eika1987: Wirkt das Metadon auch beim Plasmazytom?

Dr. Claudia Friesen: Ja. Es kann auch hier wirken.

Sternii: Hilft Methadon bei Krebs nur wenn man eine Chemo-Therapie macht oder kann man Methadon auch nehmen als Vorbeugung gegen ein Rezidiv - es geht um ein Krebs im Frühstadium

Dr. Claudia Friesen: Man sollte immer zum Methadon eine Chemo machen. Da die alleinige Wirkung von Methadon von der Opioidrezeptordichte abhängt.

Kesei: Kann Methadon auch helfen, wenn ein 2. Rezidiv entstanden ist trotz Temodaltherapie bei Glioblastom?

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Methadon kann die verlorene Wirkung von Temodal wieder herstellen, vor allen Dingen unter metronomischer, das heißt täglicher Einnahme geringer Dosen.

Marta: Eine Freundin von mir ist an Krebs erkrankt! Anfang des Jahres hat sie die Diagnose bekommen. Magenkrebs! Sie macht zur Zeit die 2. Chemo! Untersuchungen haben jetzt ergeben, dass der Krebs weiter gestreut ist. Mittlerweile auch auf die Lunge. Sie hat dadurch starken Husten. Da der Krebs gestreut hat, kann sie auch nicht operiert werden. Meinen sie, dass sie die Chemos in Verbindung mit Methadon testen sollte?

Dr. Claudia Friesen: Es gibt Patienten mit Magen CA, die heute in Komplettremission sind.

Angélique: Kann Methadon vorbeugend auch eingenommen werden? Ich habe das Gleiche gehört von der Wirkung von Cannabis-Öl. Hat Cannabis-Öl die gleiche Wirkung wie Methadon?

Dr. Claudia Friesen: Dafür fehlt der wissenschaftliche Beweis. Wir wissen aber, dass bei Drogensubstituierten, die im Methadonprogramm sind, so gut wie keine Tumore auftreten und auch nicht an Tumoren versterben.

R.Lang: Ich habe Neoplasie in der Leber mit einer Größe von ca 14 mm. Leider lebe ich in Spanien und habe versucht das Thema mit dem Methadon bei meinen Ärzten anzusprechen, ohne Erfolg! Ich habe eine Nieren OP seit 1 Jahr hinter mir, die erfolgreich war. Ich komme über den Hausarzt meines Sohnes, der bei Stuttgart lebt, an Methadon ran. Das Problem ist, dass ich nicht weiß, in welcher Menge ich Methadon ein nehmen müsste.

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Zu Dosierung, Nebenwirkungen und Risiken finden Sie einen Beitrag auf unserer Homepage.

Vici: Kann Methadon auch bei Nicht-Krebspatienten verschrieben werden, z.B. bei einem chronischen Schmerzsyndrom nach einer Fraktur ?

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Auch bei nicht unter Krebsschmerzen leidenden Patienten kann Methadon häufig besser helfen als andere Opioide. Vor allen Dingen bei Nervenschmerzen.

Jenny Meyermann: Mein Bruder hat Knochenmarkkrebs. Hilft Methadon auch gegen diesen Krebs?

Dr. Claudia Friesen: Ja es hilft auch bei Knochenmarkrebs.

Baba23: Hilft es auch gegen Leber-Krebs oder hab ich eine Chance, etwas länger damit zu leben?

Dr. Claudia Friesen: Ja. Beides. Es wurde auch wissenschaftlich untersucht.

Thorsten Wenn ich Methadon bekomme, darf ich dann noch Auto fahren?

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Nach 14 Tagen einer gleichbleibenden Dosis, egal welchen Opiates oder Opioides, sind Sie wieder fahrtüchtig.

Edgar Schneider: Meine Frau hat ein Ovarialkarzinom und schon die 3. Chemo. Zuletzt mit carboplatin . Ich hoffe, das Mittel hilft nochmals. Wäre hier eine Ergänzung mit Methadon möglich und sinnvoll?

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Selbst Chemotherapien die ihre Wirkung bereits verloren haben, können durch Methadon wieder wirksam werden.

Stefan90: Hallo. Kann Methadon nach erfolgter sechsfacher Chemotherapie plus Stammzelltransplantiert noch helfen? Mein Vater hatte AML und hat nun starke Schmerzen und Lustlosigkeit.

Dr. Claudia Friesen: Da Methadon ein gutes Schmerzmittel ist, würde ich Methadon schon deswegen einnehmen. Es gibt auch Berichte, dass Patienten auch in weit fortgeschrittenen Stadien profitieren können.

Britta Hüneke: Meine Mutter ist 2007 an der chronisch myeloischen Leukämie erkrankt und nimmt seither glivec 400. Ostern 2017 wurde ein 3facher Bandscheibenvorfall sowie eine Spinalkanalstenose und ein eingeklemmter Ischias diagnostiziert. Medikation seitdem: Morphium, targin, capros, Ibuprofen 800, tramadol retardkapseln, PRt-Spritzen sowie mehrfach Spritzen unterm Monitor. Die Schmerzen bestehen nach wie vor: Brennen am Unterschenkel, Verhärtungen im Gesäß. Der Fußheber ist immer noch nicht wieder in Takt, trotz Faszientherapie und Akupunktur. Wäre Methadon auch eine Möglichkeit für sie zur Schmerzlinderung?

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Alle durch Nervenschädigung ausgelöste Schmerzen reagieren besonders gut auf die Behandlung mit Methadon.

Holischeck: Ich bin 27 Jahre und habe fortgeschrittenen Darmkrebs. Ich nehme jetzt seit ca. 6 Wochen Methadon und fühle mich auch schon besser , ich werde die Hoffnung nicht aufgeben . Da bei mir keine Chemo mehr anschlägt , nehme ich Methadon.

Dr. Claudia Friesen: Ich würde mich freuen, wenn Sie mir eine Email schreiben würden.

Claudia Meyer: Ich habe Brustkrebs(G1) und bekomme morgen die 2.Chemo. Der Tumor und 3 befallene Wächterknoten wurden operativ entfernt, 10 weitere Lymphknoten, die nicht befallen waren, in einer 2 OP. Würde für mich Methadon in Frage kommen, obwohl ich keine erkennbaren Metastasen habe?

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Solange keine Tumore nachweisbar sind, vor allen Dingen auch nicht im so genannten PET-Scan, sollte eine Methadontherapie nicht erwogen werden.

Heike: Kann es auch bei einem Sarkom helfen?

Dr. Claudia Friesen: Ja. Ich stehe mit einigen Patienten in Kontakt, die nach Zugabe von Methadon zu ihrer Krebstherapie heute in Komplettremission sind.

Maria: Ich bin an Brustkrebs erkrankt und bekomme keine Chemotherapie. Ich werde mit Strahlen-Therapie und Antihormontherapie behandelt. Wirkt Methadon nur bei einer Chemotherapie gegen Krebs oder hat es auch bei anderen Therapien eine unterstützende Wirkung?

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Methadon wirkt über seinen Mechanismus der Blockierung von Entgiftungspumpen der Tumorzelle, auch bei Bestrahlung, da diese zu giftigen Stoffwechselprodukten in der Zelle führt.

Lila blassblau: Ist es eine Frage dessen, wie weit eine Krebserkrankung bereits fortgeschritten ist, ob diese evtl. sogar Heilung erreicht, wenn man früh genug mit dem Methadon beginnt?

Dr. Claudia Friesen: Ob es Heilung erreichen kann und ob es besser ist, früh zu beginnen,, dafür benötigen wir die klinischen Studien.

Lydia Fenske-van der Meulen: Cannabis soll doch die gleiche Wirkung haben wie das Methadon in Bezug auf die Chemotherapie? Nur ohne Nebenwirkungen?

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Kein wirksames Medikament ist ohne Nebenwirkungen. Cannabis wirkt zum Teil über die gleichen Signalwege wie Methadon, nur deutlich schwächer.

Lara: Wie muss das Rezept von Methadon richtig ausgestellt werden ? Wird es auf einem normalen Rezept aufgeschrieben oder auch auf einem BTM-Rezept wie das Morphin ?

Dr. Claudia Friesen: Es wird auf einem BTM ausgestellt.

TMR79: Wirkt das Methadon auch bei Blutkrebs?

Dr. Claudia Friesen: Ja auch bei Blutkrebs kann es wirken. wissenschaftliche Publikationen liegen vor.

Jenny: Darmkrebs gestreut in Lunge Leber, kompletter Bauchraum. Unheilbar. Ärzte sagen, wenn überhaupt Zeit Gewinnen durch Chemo. Haben wir eine größere Chance mit Methadon? Der Hausarzt weigert sich momentan.

Dr. Claudia Friesen: Hierzu gibt es präklinische Daten, die zeigen, dass auch Darmkrebszellen von Methadon profitieren.

Lennie Warum stellen sich die Ärzte stur, wenn man sie gezielt darauf anspricht ? Keiner hört zu oder es interessiert einfach nicht.

Dr. Hans-Jörg Hilscher: Das liegt an der Angst der Kollegen vor dem Unbekannten, was als bedrohlich in der Fachliteratur beschrieben wird, es aber nicht ist.

(SternTV, 21.7.17)

 

 

Glioblastom: Hype um Methadon

Glioblastome gehören zu den Krebserkrankungen mit besonders schlechter Prognose. Medienberichte wecken in Patienten nun die Hoffnung, Methadon könnte ihnen helfen. Sollten Ärzte einen Behandlungsversuch wagen oder besser auf neue Studien warten?

In den letzten Monaten haben etliche Formate, darunter BR, NDR, Tagesschau.de oder Stern TV, von sensationellen Behandlungserfolgen durch Methadon berichtet. Dabei ging es häufig um Glioblastome, bei denen Onkologen kaum Möglichkeiten zur Intervention haben. Patienten klammern sich an jeden Strohhalm. Wie sollten Ärzte jetzt handeln?

Ein Kracher im Labor

Dr. Julia Onken von der Charité Berlin und Dr. Claudia Friesen von der Uniklinik Ulm haben Daten von 27 Patienten mit Gliom ausgewertet. Sie erhielten neben Temozolomid, Lomustin (CCNU) sowie Bevacizumab im Rahmen eines individuellen Heilversuchs Methadon zur Unterstützung der Chemotherapie. Die Dosis wurde von fünf auf bis zu 35 Milligramm pro Tag gesteigert. Vegetative Nebenwirkungen wie Tachykardie oder Unruhe oder Interaktionen traten nicht auf. Hinsichtlich des progressionsfreien Überlebens innerhalb von sechs Monaten sehen Onken und ihre Kollegen keine Unterschiede, verglichen mit älteren Daten ohne Methadon.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam Dr. Reddy Akhila vom University of Texas MD Anderson Cancer Center. Sie verglich bei einer retrospektiven Studie das Gesamtüberleben von 164 Patienten. Teilnehmer erhielten Methadon oder andere Opioide. Signifikante Unterschiede ließen sich auch hier nicht nachweisen. Sowohl Onken als auch Akhila schreiben einschränkend, dies sei aufgrund des retrospektiven Studiendesigns, der geringen Patientenzahl und der heterogenen Population auch kaum möglich.

Mit der Thematik befasst sich Friesen schon seit Jahren. Bei einer Arbeit im Labor mit Glioblastoma-Zellen zeigte sie, welche Effekte auftraten. Ausgangspunkt war, dass Methadon als Agonist an µ- und ?-Opioid-Rezeptoren wirkt. Deren Aktivierung kann zur Apoptose führen. Zwar haben viele Tumorentitäten eine erhöhte Rezeptordichte. Für die Behandlung sind es jedoch zu wenige Bindungsstellen. Setzen Onkologen Chemo- und Strahlentherapien ein, erhöht sich die Rezeptordichte allerdings, und Methadon kann wirken.

Bindet das synthetische Opioid an Rezeptoren, werden diese aktiviert. Das führt zur vermehrten Aktivität des Gi-Proteins und zur verminderten Aktivität der Adenylatzyklase. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Konzentration an zyklischem Adenosinmonophosphat (cAMP) verringert sich. „Dadurch werden Krebszellen empfindlicher gegenüber der Chemotherapie“, schreibt Friesen im Artikel. Methadon hemmt ebenfalls das P-Glycoprotein-abhängige Ausschleusen von Zytostatika aus Krebszellen und beugt damit Resistenzen vor. Im Labor wirken Zytostatika besser. Wie es bei Patienten aussieht, bleibt offen.

Daten nicht automatisch auf Patienten übertragbar

Angesichts der fehlenden Daten aus klinischen Studien bemüht sich die Uniklinik Ulm, Sachverhalte klarzustellen. In einer Meldung heißt es: „Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die von der Arbeitsgruppe der Molekularbiologin Frau Dr. Friesen am Institut für Rechtsmedizin der Universität Ulm erhoben wurden, beziehen sich ausschließlich auf vorklinische Experimente entweder mit Zellkulturen oder tierexperimentellen Studien. Diese Daten lassen sich nicht automatisch auf die Situation beim Patienten übertragen.“ Man halte den „unkritischen Einsatz von Methadon außerhalb klinischer Studien für nicht gerechtfertigt“.

Professor Dr. Wolfgang Wick warnte bei Stern TV Ärzte, Betroffenen vorschnell falsche Hoffnungen zu machen: Berichte von Krebspatienten, denen mit Methadon geholfen wurde, seien „kritisch zu betrachten“, sagte der Experte der Neuroonkologischen Arbeitsgemeinschaft in der Deutschen Krebsgesellschaft. „Um Methadon flächendeckend einzusetzen, fehlt die Grundlage.“ Zusammen mit Professor Dr. Ralf Gold von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat Wick deshalb eine Stellungnahme veröffentlicht. Beide Fachgesellschaften raten vom Einsatz des vermeintlichen Wundermedikaments ab.

Zu einem ähnlichen Fazit kommt die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO): „Die vorgelegten Daten zur Wirksamkeit von Methadon bei Patienten mit Gliomen beruhen auf einer einzigen, unkontrollierten Studie. Diese Daten müssen in kontrollierten Studien überprüft werden, idealerweise in einer randomisierten Studie, alternativ in einer Fall-Kontroll-Studie.“ Auf Basis der vorliegenden Daten sei eine unkritische Off-Label-Anwendung von Methadon nicht gerechtfertigt.

Patienten leben zwei bis drei Jahre länger

Dr. Hans-Jörg Hilscher vom Hospiz Mutter Teresa in Iserlohn teilt diese Skepsis nicht. „Die Menschen in meinem Hospiz leben dramatisch viel länger als in anderen Hospizen und ich habe überlegt, woran das liegen könnte“, erklärt er gegenüber Medscape. „Bei etwa zwei Drittel der Patienten gehen die Tumoren zurück oder verschwinden sogar. Bei dem anderen Drittel steigen zumindest Überlebenszeit und Lebensqualität.“

Patienten mit Glioblastomen seien bislang nach rund zwei Jahren gestorben. Unter Methadontherapie lebten sie nun vier bis fünf Jahre und würden im Zweifel an radiogener Demenz sterben. „Es ist schon bitter, zu sehen, dass die Patienten keine Tumoren mehr haben, aber dann an den Nebenwirkungen der Radiotherapie sterben“, ergänzt Hilscher. Hier handelt es sich nur um Fallberichte, nicht um klinische Untersuchungen.

Mit dem Rücken zur Wand

Damit ist die Sachlage mehr als verzwickt. Einerseits fehlen hochwertige Studien, andererseits deuten Labordaten und Fallberichte auf mögliche Effekte hin. Wick: „Die vielen Patientenberichte rechtfertigen, dass wir uns Gedanken machen, wie wir das Ganze klinisch weiterentwickeln.“ Er ergänzt: „Die Studie haben wir beantragt.“ Dann habe man „hoffentlich in drei Jahren seriöse Daten für die Therapie.“

Der Aktionismus zum jetzigen Zeitpunkt überrascht. Vor rund zehn Jahren fand Friesen erste Erkenntnisse, dass Methadon Krebszellen absterben lassen könnte. Seither ist wenig passiert. „Wenn Methadon seine zwölf Euro für vier bis sechs Wochen kostet und in Konkurrenz zu einem Medikament mit 20.000 oder 25.000 Euro steht, kann ich mir vorstellen, dass Methadon keine Chance hat“, sagt die Wissenschaftlerin. Das Opioid ist nicht mehr patentfähig und damit für „Big Pharma“ uninteressant.

Betroffene werden Ergebnisse der geplanten Studie kaum erleben. Beim Glioblastom schwankt die mittlere Überlebenszeit zwischen acht und 17 Monaten. Angesichts mangelnder Alternativen haben Ärzte jedoch die Möglichkeit, Methadon off label einzusetzen. Um später den Vorwurf eines Behandlungsfehlers zu vermeiden, sollten sie zu Beginn die medizinische Begründung und das Einverständnis ihrer Patienten dokumentieren. Später können sie Erkrankte auch für klinische Studien vorschlagen. Bei Methadon, einem alten, gut untersuchten Wirkstoff, ist das medizinische Risiko verglichen mit neuen Molekülen als gering einzustufen. Auch die Kosten halten sich im Rahmen, falls GKVen keine Kosten übernehmen sollten.

(DocCheck.com, 4.7.17, Michael van den Heuvel)

 

 

Plötzlich interessieren sich alle für Methadon

Das Interesse an Methadon in der Krebstherapie ist groß. Niedergelassene Onkologen werden in letzter Zeit vermehrt darauf angesprochen. Ihr Berufsverband sieht den Einsatz des Opiats jedoch ebenso kritisch wie die verschiedenen Fachgesellschaften.

In Medien und sozialen Netzwerken sorgt Methadon derzeit für Schlagzeilen. Es geht allerdings nicht um die schmerzlindernde Wirkung des Opiats und auch nicht um die Drogenersatztherapie. Es geht um Krebserkrankungen, genauer gesagt um unheilbare Krebserkrankungen. Methadon, das belegen Studien mit Krebszellen und Mäusen, kann die Wirkung einer Chemotherapie verstärken, und zwar so, dass selbst chemoresistente Tumorzellen massenhaft absterben. Und es gibt einzelne Patienten, bei denen die Chemotherapie erst durch die zusätzliche Gabe von Methadon wirkte. Dr. Claudia Friesen vom Universitätsklinikum Ulm hat mehr als 350 solcher Fälle dokumentiert.

Das Problem: Bei den Fällen handelt es sich um individuelle Heilversuche. Die haben zwar für den einzelnen Patienten eine enorme Bedeutung, aber nicht für die Wissenschaft. Theoretisch könnte der Behandlungserfolg nämlich auch einfach nur Zufall oder ein großes Glück gewesen sein. Einen sicheren wissenschaftlichen Beweis, dass Methadon Krebspatienten hilft, können nur prospektive, randomisierte klinische Studien erbringen, aber die gibt es dato nicht. 

Onkologen wollen keine falschen Hoffnungen wecken

Doch die Berichte von regelrechten Wunderheilungen wecken enorme Hoffnungen bei Krebspatienten. Das bekommen aktuell auch die onkologischen Praxen mit. Bundesweit häufen sich laut dem Berufsverband der niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (BNHO) in den letzten Monaten die Nachfragen, ob Methadon die Wirksamkeit einer Krebstherapie verbessern kann. Die Onkologen bezweifeln das jedoch. Ihrer Ansicht nach basieren die dargestellten Erfolge hauptsächlich auf Laborversuchen mit Krebszellen in Zellkulturen, die beim Menschen erst noch in unabhängigen Studien bestätigt werden müssen.

„Die bisher vorliegenden Untersuchungsergebnisse entsprechen bei weitem nicht den medizinischen Qualitätsanforderungen für ein neues Medikament in der Krebstherapie“, teilte der BNHO auf Nachfrage mit. Methadon sei lediglich ein experimenteller Ansatz, der aber weiter erforscht werden sollte. „Der BNHO fordert eine Förderung von auch industrieunabhängiger Forschung damit Krebspatienten möglichst rasch in den Nutzen von neuen innovativen Medikamenten kommen“, so der Verband weiter.

Zweifel an der Wirksamkeit und Sicherheit äußerten bereits die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO), der neuroonkologische Arbeitskreis der Deutschen Krebsgesellschaft und andere Fachgesellschaften. Zuletzt hatte die DGHO im April eine Stellungnahme per Rundschreiben verschickt, indem sie vor dem unkritischen Einsatz von Methadon in der Krebstherapie warnte. Diesen kritischen Stellungnahmen schließt sich auch der Berufsverband der niedergelassenen Onkologen an.

 „Allroundtalent gegen Hirntumore“ soll in klinischer Studie getestet werden

Krebspatienten dürften im Moment also kaum einen Onkologen finden, der ihnen D, L-Methadon verschreibt. Um einen flächendeckenden Einsatz zu rechtfertigen, geht kein Weg an den geforderten prospektiven, randomisierten Studien vorbei. Nachdem die Deutsche Krebshilfe Methadon bereits vor drei Jahren als „Allroundtalent gegen Hirntumore“ gepriesen hatte, - Auslöser waren Laborexperimente von Dr. Claudia Friesen - liegt der Organisation nun ein erneuter Antrag auf eine Studie vor. Diesmal geht es nicht um Zellen im Labor, sondern um Patienten mit Glioblastom im Rahmen einer klinischen Studie, wie Prof. Wolfgang Wick vom Universitätsklinikum Heidelberg kürzlich bei SternTV bestätigte. Der Neuroonkologe rechnet bis Herbst mit einer Entscheidung, glaubt aber, dass die Krebshilfe "aufgrund des hohen öffentlichen Drucks" grünes Licht geben wird.

Der Medizinjournalist Michael van den Heuvel wundert sich unterdessen über den aktuellen Hype um Methadon. Auf Doc Check News schreibt er: „Der Aktionismus zum jetzigen Zeitpunkt überrascht. Vor rund zehn Jahren fand Friesen erste Erkenntnisse, dass Methadon Krebszellen absterben lassen könnte. Seither ist wenig passiert.“ Auch gibt er zu Bedenken, dass die Betroffenen die Ergebnisse der geplanten Studie kaum erleben dürften. Beim Glioblastom schwankt die mittlere Überlebenszeit zwischen 8 und 17 Monaten – die geplante Studie dauert mindestens drei Jahre. 

(Gesundheitsstadt Berlin, 5.7.17, Beatrice Hamberger)

 

 

Methadon gegen Krebs: Kaum Nebenwirkungen

Das Schmerzmittel Methadon wird seit den 70er-Jahren als Drogenersatz für Heroin verwendet. Doch Methadon kann auch eine Chance für krebskranke Menschen bedeuten: Vor allem in Kombination mit einer Chemotherapie kann die Substanz Krebszellen abtöten. Und die Nebenwirkungen einer Methadon-Therapie sind offenber weniger gravierend, als viele Ärzte befürchten.

Methadon gegen Krebs: Kaum Nebenwirkungen

Das Schmerzmittel Methadon kann Krebszellen töten. Die Nebenwirkungen einer Methadon-Therapie sind laut einer Studie nicht so gravierend, wie viele Ärzte befürchten.

Methadon kann Krebszellen töten

Krebszellen sind schwer zu zerstören. Oft prallen körpereigene Abwehrstoffe und Medikamente der Chemotherapie einfach an ihnen ab. Methadon jedoch besetzt spezielle Opioidrezeptoren auf den Krebszellen und macht die Zellwände durchlässiger. Dadurch können chemotherapeutische Gifte die bösartigen Zellen besser bekämpfen - der Tumor schrumpft. Doch auch wenn Methadon möglicherweise schon das Leben vieler krebskranker Menschen verlängert hat, fehlt ein wissenschaftlicher Beweis für die Wirksamkeit.

Studie: Kaum Nebenwirkungen

Um Methadon im Kampf gegen Krebs einsetzen zu können, müssen Ärzte es als Schmerzmittel verschreiben. Doch viele Mediziner haben Bedenken wegen möglicher schwerer Nebenwirkungen. In einer Studie eines Berliner Neurologen mit 27 Hirntumor-Erkrankten zeigten sich jedoch als schlimmste Nebenwirkungen von Methadon Übelkeit und Verstopfung. Einige Probanden schwitzten zudem etwas mehr als gewöhnlich. Doch das Methadon machte in der Studie weder psychisch abhängig, noch führte es zu Benommenheit.

(NDR, 11.4.17, Judith König)

 

 

Methadon als Krebsmittel

Ulm - Methadon führt in Kombination mit einer Chemotherapie zum massenhaften Absterben von Gehirntumorzellen.

Methadon – bisher vor allem als Mittel gegen körperliche Entzugserscheinungen bei Heroinabhängigen bekannt – ist in den vergangenen Jahren als potentielles Krebs­medikament in den Fokus der Wissenschaft gerückt. Bereits 2008 konnten Forscher aus Ulm zeigen, dass Methadon Leukämiezellen in den Zelltod treiben kann.

Unter der Leitung von Dr. Claudia Friesen haben sich die Wissenschaftler des Uni­versitätsklinikums Ulm nun eine besondere Eigenschaft von Zellen des Glioblastoms – eines sehr bösartigen Hirntumors – zunutze gemacht: Glioblastomzellen bilden auf ihrer Oberfläche zahlreiche Moleküle aus, an die sich Methadon heften kann.

Einmal angedockt, legt das Methadon einen molekularen Schalter um und öffnet so die Tür für Krebsmedikamente, die dann ungehindert in die Zelle strömen. Umge­kehrt regen die Chemotherapeutika die Krebszelle dazu an, vermehrt Oberflächen­moleküle zu produzieren, an die das Methadon andocken kann – was wiederum das Einströmen von noch mehr Medikamenten zur Folge hat. Auf diese Weise schaukeln sich Krebsmedikament und Methadon gegenseitig immer weiter hoch – bis die Krebszelle den Zelltod stirbt. Gesunde Zellen werden nicht angegriffen.

Methadon schaltet zudem eine wichtige Abwehrreaktion des Tumors aus: Normaler­weise pumpen Zellen die giftigen Krebsmedikamente schnellstmöglich wieder heraus. Methadon stoppt jedoch die Pumpmaschinerie und die Wirkstoffe bleiben in großer Menge für lange Zeit in der Zelle. Dementsprechend wird eine geringere Dosis benötigt. Für den Patienten bedeutet dies weniger Nebenwirkungen durch die Chemotherapie und eine bessere Lebensqualität.

Die Zugabe von Methadon verstärkt die Wirksamkeit der Chemotherapie um bis zu 90 Prozent. Die Ergebnisse des Projekts, das die Deutsche Krebshilfe mit 299.000 Euro gefördert hat, werden die Forscher nun in klinischen Studien untersuchen. Bis dahin ist aber noch weitere umfangreiche Forschungsarbeit notwendig.

Projektleitung: Dr. Claudia Friesen, Institut für Rechtsmedizin, Universitätsklinikum Ulm.

(Magazin der Deutschen Krebshilfe Nr. 4/2014, gb)

 

 

Krebstherapie

Alte Bekannte, verborgene Fähigkeiten

Methadon und Vitamin C: Zwei Substanzen, die man nicht unbedingt als Krebsmittel bezeichnen würde. Das könnte sich ändern, wenn sich die Ergebnisse bestätigen, die Forschergruppen in der vergangenen Woche veröffentlicht haben.

Methadon statt Chemo? Gar nicht so unrealistisch. Per Zufall haben Wissenschaftler des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Ulm kürzlich nachweisen können, dass Methadon in der Lage ist, Leukämiezellen abzutöten. Wie das Team um Dr. Claudia Friesen im Fachmagazin »Cancer Research« (Band 68, Seiten 6059 bis 6064) berichtet, ist diese Wirkung des Suchtersatzstoffes sogar bei Chemotherapie- und bestrahlungsresistenten Zellen zu beobachten.

Für ihre Versuche verwendeten die Wissenschaftler Zelllinien einer lymphoblastischen T-Zell-Leukämie und einer myeloiden Leukämie, auf deren Oberfläche sich Opioidrezeptoren befinden, die Methadon binden. Warum die Blutzellen überhaupt mit diesen Rezeptoren ausgestattet sind, ist bisher noch unklar. Behandelten die Forscher die Krebszellen mit Methadon, geschah etwas Überraschendes: Die Zellen starben ab. Methadon war ebenso effektiv wirksam wie eine Standard-Chemotherapie oder eine Bestrahlung. Ob für kurze Zeit eine hohe Opioid-Dosis oder langfristig eine niedrige Dosis gewählt wurde, machte dabei keinen entscheidenden Unterschied. Und: Gesunde Zellen überlebten beide Methadon-Dosierschemata problemlos. Was man von gesunden Zellen, die einer Standard-Chemotherapie ausgesetzt sind, nicht behaupten kann.

Befehl zum Selbstmord

Den Forschern zufolge setzt Methadon Mechanismen der Apoptose, des programmierten Zelltods, in Gang. Dabei spielen Caspasen, genauer gesagt die Caspase-3 und die Caspase-9, eine wichtige Rolle. Die Aktivierung dieser Enzyme, die für die gesunde Entwicklung einer Zelle und für deren Reaktion auf eine schwere Beschädigung oder Infektion verantwortlich sind, leitet den Zelltod ein.

Dass Methadon auch solche Krebszellen zerstört, die auf eine Chemo- oder Radiotherapie nicht mehr ansprechen, fand Friesens Team in Versuchen mit Doxorubicin-, Multidrug- und Apoptose-resistenten Leukämiezellen heraus. Als nächstes wollen die Wissenschaftler in Tierversuchen prüfen, ob sich die Ergebnisse bestätigen lassen. Laut Friesen könnte sich Methadon nicht nur zur Leukämie-Therapie, sondern auch zur Behandlung anderer Krebsarten eignen. Die Entwicklung einer möglichen Methadon-Abhängigkeit wäre im Fall einer effektiven Krebstherapie sicher das kleinere Übel.

Vitamin-C-Spritze bei Krebs

Neben Methadon machte in der vergangenen Woche eine weitere, gut bekannte Substanz als möglicher Hoffnungsträger in der Krebstherapie auf sich aufmerksam: Vitamin C.

Hoch dosierte Ascorbinsäure-Injektionen verzögern bei Mäusen das Tumorwachstum. Zu diesem Ergebnis kommt die Arbeitsgruppe um Dr. Mark Levine von den National Institutes of Health in Bethesda. Wie die Wissenschaftler in »Proceedings of the National Academy of Science« (Doi: 10.1073/pnas.0804226105) berichten, ist auch die Anwendung beim Menschen aussichtsreich, vor allem bei der Therapie aggressiver Tumoren mit schlechter Prognose.

Den tierexperimentellen Studien waren Laborversuche mit Zelllinien vorausgegangen. Insgesamt testeten die Wissenschaftler die Auswirkung hoher Dosen Vitamin C an 43 unterschiedlichen Krebszelllinien. In drei von vier Fällen konnten sie einen Antitumor-Effekt nachweisen. Andererseits konnten selbst hohe Dosen Ascorbinsäure gesunden Zellen nichts anhaben.

Im nächsten Schritt testeten die Forscher das Vitamin an Mäusen, die an einem aggressiven Tumor der Bauchspeicheldrüse, der Eierstöcke oder des Gehirns erkrankt waren. Entweder intravenös oder intraperitoneal spritzten sie den Tieren Ascorbinsäure in einer Dosierung von bis zu 4 g pro kg Körpergewicht. Das Ergebnis: Bei allen drei Krebsarten reduzierten sich Tumorwachstum und -gewicht um 41 bis 53 Prozent. Im Falle der an Hirntumor-erkrankten Mäusen machte Levines Team eine weitere Entdeckung. Bei 30 Prozent der Tiere in der Kontrollgruppe traten Metastasen in anderen Organen auf. Bei Mäusen, die Ascorbinsäure injiziert bekommen hatten, konnten die Wissenschaftler das nicht feststellen.

Vom Antioxidans zum Prooxidans

Wie lassen sich diese Ergebnis erklären? In normalen Dosen wirkt Vitamin C als Antioxidans, das Zellen vor freien Radikalen schützt. In hoher Konzentration wirkt es genau entgegengesetzt. Aus dem Antioxidans wird ein Prooxidans, so die Forscher. Es komme zur Bildung von freien Radikalen und Wasserstoffperoxid. Bei gesunden Zellen löst das keine akuten Schäden aus, ein Großteil der Krebszellen wird dadurch aber zerstört. Die Wissenschaftler machen darauf aufmerksam, dass dies nicht geschieht, wenn das Vitamin geschluckt wird, da der Körper im Verdauungstrakt Schutzmechanismen gegen Radikale entwickelt hat. Eine orale Aufnahme, zum Beispiel über Vitamintabletten, erzielt demnach nicht diese Wirkung. In weiteren Versuchen wiesen die Wissenschaftler nach, dass sich auch beim Menschen durch die intravenöse Gabe hoher Vitamin-C-Dosen Konzentrationen im Blut erreichen lassen, die für eine Zerstörung von Tumorzellen notwendig sind.

Über den möglichen Nutzen einer Hochdosis-Therapie mit Vitamin C bei Krebspatienten wird seit Jahrzehnten immer wieder diskutiert. Schon vor mehr als 30 Jahren gab es Hinweise darauf. In zwei placebokontrollierten Doppelblindstudien aus den Jahren 1979 und 1985 konnte ein Nutzen jedoch nicht nachgewiesen werden. Die Studienteilnehmer hatten hohe Dosen Vitamin C erhalten – allerdings oral, nicht parenteral. Levine kündigte an, dass (aufbauend auf den neuen Erkenntnissen) nun neue Studien zur Behandlung von Onkologie-Patienten mit Ascorbinsäure in Planung sind.

Pharmazeutische Zeitung, 33/2008, Sven Siebenand)

 

 

Methadon: Allroundtalent gegen Hirntumoren

Schmerzmittel sorgt für mögliche Therapieverbesserung

Das Schmerzmittel Methadon könnte zukünftig auch in der Therapie von Hirntumoren eingesetzt werden. In Kombination mit einer Chemotherapie führt Methadon zu einem Massensterben von Glioblastomzellen, wie Wissenschaftler des Universitätsklinikums Ulm in Laborexperimenten her-ausgefunden haben. Sogar gegen alle bisherigen Therapien resistente Tumorzellen wurden nicht verschont. Nun sollen die neuen Erkenntnisse in klinischen Studien getestet werden. Zudem könnte sich Methadon auch gegen andere Krebsarten als wirksam erweisen. Die Deutsche Krebshilfe hat das Forschungsprojekt mit 299.000 Euro gefördert.

Methadon ist bisher vor allem als Mittel gegen körperliche Entzugserscheinungen bei Heroinabhängigkeit bekannt. In den vergangenen Jahren ist es allerdings als potenzielles Krebsmedikament in den Fokus der Wissenschaft gerückt. Bereits 2008 konnte die Chemikerin Dr. Claudia Friesen vom Ulmer Institut für Rechtsmedizin zeigen, dass Methadon Leukämiezellen in den Zelltod treiben kann. Nun gelang Friesen und ihrem Team ein Durchbruch in der Behandlung der häufigsten bösartigen Hirntumoren bei Erwachsenen, den Glioblastomen, die derzeit als unheilbar gelten.

„Wir haben entdeckt, dass die zusätzliche Gabe von Methadon bei einer Chemotherapie die Wirkung der Zellgifte um bis zu 90 Prozent verstärkt“, erklärt Friesen. Für ihre Laborversuche machten sich die Ulmer Wissenschaftler zunutze, dass Glioblastomzellen an ihrer Oberfläche zahlreiche Moleküle auf-weisen, die als Andockstelle für das Methadon dienen. Einmal an diese sogenannten Opioid-Rezeptoren angedockt, legt das Methadon einen molekularen Schalter um und die Krebszelle öffnet ihre Schleusen. Nun können die Chemotherapeutika ungehindert die Tumorzelle erobern.

Eine mit Methadon behandelte Tumorzelle nimmt jedoch nicht nur mehr Zellgift auf als ohne Methadon, sondern gibt auch viel weniger davon wieder ab. Damit wird eine weitere Verteidigungsstrategie der Krebszellen ausgehebelt: Als Abwehrreaktion auf das Zellgift pumpt sie normalerweise das Medikament schnellstmöglich wieder nach draußen. Methadon jedoch stört die Pumpmaschinerie. So verbleibt das Krebsmedikament in großer Menge über einen langen Zeitraum in der Zelle. Dementsprechend wird auch eine geringere Menge benötigt, um die bösartige Zelle abzutöten. Für den Patienten bedeutet dies: weniger Nebenwirkungen durch die Chemotherapie und eine bessere Lebensqualität.

Umgekehrt erhöht die Chemotherapie die Zahl der Opioid-Rezeptoren auf der Krebszelle. Dadurch können auch größere Mengen Methadon andocken. Mehr Methadon wiederum bedeutet mehr Zellgift in der Zelle. Auf diese Weise schaukeln sich Krebsmedikament und Methadon gegenseitig immer weiter hoch – bis die Krebszelle den Zelltod stirbt.

Sogar Glioblastome, die sich als sehr widerstandsfähig gegen die bisherigen Therapien erwiesen haben, wurden durch die Kombination Chemotherapie und Methadon fast komplett zerstört. So könnten sogar als austherapiert geltende Patienten von den Erkenntnissen der Ulmer Wissenschaftler profitieren: „Möglicherweise können wir mit Methadon bisher resistente Tumorzellen wieder für die Chemotherapie empfänglich machen“, erläutert Friesen. Auch die berüchtigten Tumorstammzellen, die einen Rückfall auslösen können, hatten dem schlagkräftigen Duo Chemotherapie und Methadon nichts entgegenzusetzen.

Die Ergebnisse ihres Forschungsprojekts werden die Forscher nun in klinischen Studien überprüfen. Friesen: „Wir wollen Methadon als Unterstützer und Verstärker der konventionellen Chemotherapie in den klinischen Alltag einbringen. Methadon erhöht den Therapieerfolg signifikant, überwindet Resistenzen und greift gesunde Zellen nicht an.“ Ihre Erkenntnisse ließen sich auch auf andere Krebsarten wie Bauchspeicheldrüsenkrebs oder bestimmte Formen von Brust-, Eierstock- und Prostatakrebs übertragen, so Friesen weiter. Bis dahin sei aber noch viel Forschungsarbeit nötig.

(Deutsche Krebshilfe, Bonn, 30. September 2014, Ulm/gb, Projektnr.: 109035)

 

 

Neue Krebs-Therapie

Ärzte retten Leben mit tödlicher Gift-Dosis

Es ist eine riskante, aber wirksame Methode: Mit extrem hohen Chemo-Dosen behandeln Forscher der Medizinische Hochschule Hannover (MHH) Leberkrebszellen. Würde das Gift in den Blutkreislauf gelangen, wäre das tödlich. Doch sie dichten die Adern mit Ballons ab.

Was nach Science-Fiction klingt, ist eine neue Therapie, die tatsächlich schon an 100 Patienten angewendet wurde: Bei der sogenannten "Chemosaturation" wird das Chemomittel durch die Schlagader direkt in die Leber gegeben.

Dazu müssen die Adern mit Ballons abgedichtet werden, damit das tödliche hochdosierte Gift sich nicht im Körper verteilt. Doch die konzentrierte Anwendung sei bei gestreuten Metastasen besonders wirksam, sagte HNN-Chefradiologe Frank Wacker der "Bild"-Zeitung.

20-mal höhere Dosis

"Bei normaler Chemotherapie kommen nur etwa 30 Prozent des Zellgiftes in der Leber an", so der Experte. Sein Kollege der Leberspezialist Michael Manns bestätigt: Durch die neue Methode könne man eine 20-mal höhere Dosis geben.

Normalerweise wäre das Medikament in dieser konzentration tödlich. Deswegen muss der Wirkstoff auch wieder aus dem Körper heraus geholt werden. "Das vergiftete Blut wird abgesaugt, durch Filter gepumpt und gereinigt dem Körper wieder zugeführt", so Wacker.

Den Patienten schenkt die neue Methode nicht nur Hoffnung auf Heilung in schwierigen Fällen, sie kann auch eine große Operation ersparen. Die Chemosaturation ist ein minimal-invasiver Eingriff.

(Focus Online, 20.8.17)

 

 

Französische Forscher können den Tumor bremsen  

Prostatakrebs: Neue Behandlungsmethode

Sie ist so groß wie eine Kastanie, gehört zu den männlichen Geschlechtsorganen und heißt Vorsteherdrüse. Weit bekannter ist das Organ allerdings als Prostata. Sie wird häufiger von Krebs befallen als alles andere im Männerkörper. Prostatakrebs ist auf Platz eins der Krebsarten beim Mann. Französische Forscher melden nun einen Durchbruch im Kampf gegen den bösartigen Tumor.

Medikamente plus Hormonbehandlung – das soll das Geheimrezept sein. Forscher des Instituts Gustave Roussy in Paris verbuchen in einer Studie einen deutlichen Erfolg mit der Kombination des Medikaments Abirateron und der hormonbasierten Behandlung. Bislang ist in Deutschland nur eine alleinige Hormontherapie Standard. Mit der zweigleisigen Therapie wird dagegen nach Angaben der Wissenschaftler die Lebenserwartung von Prostatakrebspatienten deutlich erhöht. 

Wer kann profitieren? 

Die Forscher haben in ihrer Studie herausgefunden, dass Prostatakrebs, der sich bereits im Körper ausgebreitet hat, durch die Kombinationstherapie erfolgreich behandelt werden kann. So könne die Lebenserwartung der Betroffenen stark erhöht werden. Nahmen Betroffene das Medikament Abirateron frühzeitig ein, konnte die Erkrankung mehr als doppelt so lange unter Kontrolle gehalten werden, erklären die Wissenschaftler aus Paris. Es dauerte auch deutlich länger, bis sich die Schmerzen, die durch den Prostatakrebs verursacht werden, bei den Patienten verschlimmert hatten.

Können Patienten das Medikament in Deutschland bekommen?

In Deutschland ist eine solche Kombinationstherapie bislang nicht zugelassen. Es gibt nur eine Härtefallregelung: Männer, bei denen die Hormontherapie nicht anschlägt, darf der Facharzt mit dem Mittel Abirateron behandeln.

Die französischen Forscher haben festgestellt, dass das Mittel gut verträglich ist, denn die Mehrheit der Studienteilnehmer hatte demnach wenige oder gar keine Nebenwirkungen. Damit erhöhen sich die Chancen, dass das Präparat auch in Deutschland für die Krebstherapie regulär zugelassen wird. 

Was sind die Symptome von Prostatakrebs?

Das Tückische beim Prostatakrebs ist: Im Frühstadium verursacht er keine Symptome. Wenn es bereits zu Schmerzen beim Wasserlassen oder Ejakulieren kommt, Mann einen schwächeren Harnstrahl als sonst hat oder Erektionsprobleme auftreten, kann der Krebs bereits vorangeschritten sein. Sogar Rückenschmerzen im Bereich des Steißbeins oder dem Lendenwirbel können auf einen Tumor an der Prostata hinweisen. Diese Symptome können aber auch unzählige andere Ursachen haben, weshalb sie unbedingt durch einen Arzt abgeklärt werden sollten.

Vorsorge

Die gesetzlichen Krankenkassen erstatten Männern ab 45 Jahren eine jährliche Vorsorgeuntersuchung beim Urologen. Hier vorstellig zu werden, ist sehr wichtig, denn Prostatakrebs verursacht häufig erst im späten Stadium überhaupt Beschwerden. Insbesondere familiär vorbelastete Männer sollten den Früherkennungstermin nicht verpassen. Denn Verwandte ersten Grades (Vater, Sohn, Bruder) von Männern mit Prostatakrebs haben ein mehr als doppelt so hohes Risiko, auch an Prostatakrebs zu erkranken. Je mehr Fälle es in der Familie gibt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, den Krebs ebenfalls zu bekommen.

Und erstaunlicherweise gibt es sogar einen Zusammenhang zwischen der Häufung von Brustkrebs und Prostatakrebs. Nachkommen von Brustkrebspatientinnen bekommen statistisch häufiger Prostatakrebs. 

Wann tritt Prostatakrebs auf?

Früher oder später müssen Männer sich mit diesem Organ in ihrem Körper genauer befassen. Sie liegt unterhalb der Harnblase und umschließt den oberen Teil der Harnröhre. Ihre Aufgabe: Sie produziert ein Sekret, dass dem Ejakulat beigemengt ist und dieses flüssiger macht.. Das durchschnittliche Erkrankungsalter von Prostatakrebs liegt bei 70 Jahren. Die genaue Ursache ist noch nicht geklärt.

Eine gutartige Prostatavergrößerung hat jeder zweite Mann ab dem 50. Lebensjahr – mit 80 Jahren hat sie beinahe jeder. Da die vergrößerte Prostata die Harnröhre einengen kann, erschwert sie meist das Wasserlassen, verursacht verstärkten Harndrang oder aber es fällt den Männer schwer, den Urin zu halten. Diese Symptome sind zwar störend, aber ungefährlich.

(t-online.de, 6.6.17, Larissa Koch)

 
 

Neues Medikament lässt Eierstockkrebs-Tumore schrumpfen

Ist den Mediziner ein Durchbruch bei der Behandlung von Eierstockkrebs gelungen?

Eierstockkrebs ist eine gefährliche Erkrankung, welche viele Frauen auf der ganzen Welt betrifft. Forscher entwickelten jetzt eine neuartige gezielte Behandlung für Eierstockkrebs, welche sehr vielversprechende Ergebnisse bei Frauen in fortgeschrittenen Stadien der Krankheit zeigte.

Die Wissenschaftler des Institute of Cancer Research und des Royal Marsden NHS Foundation Trust in London stellten bei ihrer Studie fest, dass ein untersuchtes Medikament effektiv zur Behandlung von Eierstockkrebs eingesetzt werden kann. Die Mediziner veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Studie beim diesjährigen American Society of Clinical Oncology annual meeting in Chicago.

Medikament ONX-0801 hat eine fast sofortige klinische Wirkung

Die Experten untersuchten das Medikament mit der Bezeichnung ONX-0801, um die Sicherheit für die Einnahme von Menschen zu überprüfen. Überraschenderweise stellten die Forscher fest, dass das Medikament zu einer fast sofortigen klinischen Wirkung führt. Es schrumpfte die Tumore bei der Hälfte der behandelten Frauen, sagen die Forscher. Die Ergebnisse könnten zu einer erfolgreichen Behandlung von Frauen führen, welche nicht auf die derzeit verfügbaren Behandlungen reagieren.

Tumore in Probanden schrumpften und Schmerzen wurden reduziert

Eierstockkrebs ist eine schwierig zu behandelnde Krankheit und die Prognose in fortgeschrittenen Stadien ist meist sehr schlecht, erklären die Wissenschaftler. Eine der Teilnehmerinnen wurde beispielsweise über einen Zeitraum von sechs Monaten behandelt. Das Medikament bewirkte in dieser Zeit, dass alle drei Tumore in ihrem Körper schrumpften. Dadurch wurden auch die Schmerzen der Patientin massiv reduziert, fügen die Mediziner hinzu.

Behandlung mit Medikament erspart Nebenwirkungen der Chemotherapie

Während der Untersuchung stellten die Experten fest, dass in sieben von 15 Patienten die Tumore signifikant geschrumpft waren. ONX-0801 ist das erste Medikament einer neuen Klasse von Arzneimitteln und wirkt durch die Nachahmung der Fähigkeit von Folsäure selektiv gegen die Krebszellen, erklären die Autoren. So wird das gesunde Gewebe nicht betroffen und Nebenwirkungen der traditionellen Chemotherapie, wie beispielsweise Durchfall, Nervenschäden und Haarausfall können vermieden werden.

Medikament stört die Chemie von Krebszellen

Sobald sich das Medikament an eine Krebszelle angedockt hat, stört es deren Chemie, indem es die Wirkung eines Schlüsselmoleküls blockiert, welches normalerweise weit verbreitete DNA-Schäden verursacht und den Zelltod auslöst, erläutern die Experten.

Weitere Forschung ist nötig

Die Forscher hoffen jetzt so bald wie möglich größere klinische Studien durchzuführen. Die Experten haben einen Test entwickelt, der zuverlässig erkennen kann, welche Frauen am ehesten von der Behandlung profitieren.

Medikament kann sogar zur Behandlung von Kindern eingesetzt werden

Die Ergebnisse der Studie sind sehr vielversprechend, erklärt Autor Udai Banerji. Es ist sehr selten in solchen frühen Stadien der Arzneimittelentwicklung einen so deutlichen Beweis für reproduzierbare Reaktionen zu sehen, fügt der Experte hinzu. Ein weiterer erfreulicher Effekt des Medikaments sei, dass es zu weniger Nebenwirkungen führt. Aus diesem Grund kann es auch zur Behandlung von Kindern mit Eierstockkrebs eingesetzt werden.

(Heilpraxis.net, 5.6.17, as)

 

 

Aktiv leben gegen Krebs

Das Drei-Säulen-Prinzip

Auch nach einer erfolgreichen Tumorbehandlung leiden viele Menschen weiter an anhaltenden Beschwerden. Probleme mit Essen und Verdauung, Mattigkeit und Depressionen machen ihnen oft noch jahrelang zu schaffen. Studien zufolge hilft die sogenannte optimierte Krebstherapie aus diesem Teufelskreis heraus.

Als Michael Schoenberg vor 45 Jahren sein Medizinstudium begann, war die Diagnose »Krebs« meistens noch ein Todesurteil. Die Überlebensraten der verschiedenen Erkrankungen unterscheiden sich auch heute noch erheblich, je nachdem, wo und an welchem Tumor man erkrankt. 

Insgesamt haben sich in Deutschland die Prognosen aber deutlich verbessert. Neueste Statistiken gehen von einer Gesamtüberlebensrate von 68 Prozent für Krebspatienten aus. In den 1980er-Jahren lag sie für Frauen bei etwa 50 und für Männer sogar unter 40 Prozent.

Schoenberg – nach eigener Aussage ein klassischer Schulmediziner vom Scheitel bis zur Sohle – war 17 Jahre lang Chefarzt der chirurgischen Abteilung und ärztlicher Direktor am Rotkreuzklinikum in München. Heute berät und begleitet er Patienten nach dem Konzept der sogenannten optimierten Krebstherapie in seiner Münchner Praxis im Elisenhof – zusammen mit einer Ernährungswissenschaftlerin und einer Psychoonkologin. »Meinen Weckruf hatte ich auf einer Jahrestagung des Arbeitskreises der Pankreatektomierten«, so der Arzt, der in seiner aktiven Zeit als Chirurg viele Bauchspeicheldrüsen-Operationen durchführte. »Auf der Tagung ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass die Patienten nachträglich Probleme haben, mit denen sie sich alleine gelassen fühlen.« Permanente Müdigkeit, die sich auch durch viel Schlaf nicht bessere, eine verminderte Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit und die Schwierigkeit, sich je nach Tumorart richtig und ausreichend zu ernähren, setze bei vielen Patienten eine Negativspirale in Gang, die Angstzustände und Depressionen nach sich ziehe und die Lebensqualität erheblich mindere, so Schoenberg.

Auf der Suche nach Maßnahmen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, verglich der Arzt Hunderte wissenschaftliche Untersuchungen zu Prävention und Überlebensraten von Krebs – Beobachtungs- und prospektive Studien ebenso wie große Metaanalysen. Und obwohl die Ergebnisse je nach Tumorart variierten, durchzog die Daten ein gemeinsamer roter Faden: Körperliche Aktivität, eine gesunde Ernährung und psychische Stabilität wirken nicht nur präventiv vor Krebserkrankungen. Die konsequente Umstellung auf einen gesunden Lebensstil beeinflusst auch bei bereits Erkrankten die Verträglichkeit der Therapie und verbessert Prognose und Lebensqualität deutlich. Die sogenannte optimierte Krebstherapie, über die Schoenberg jetzt ein Buch geschrieben hat, umfasst daher die drei Säulen Bewegung, Ernährung und psychoonkologische Begleitung. »Anhand wissenschaftlicher Daten will ich nicht nur mit Mythen, Gerüchten und falschen Versprechungen aufräumen, sondern will den Patienten praxisnah zeigen, wie sie durch ihre aktive Mitarbeit Therapie und Gesundheit optimieren können«, sagt der Arzt.

Dem Krebs davonlaufen

Die meisten großen Studien gibt es zu den häufigsten Krebserkrankungen von Brust, Prostata und Darm. Speziell der Zusammenhang von sportlicher Aktivität und Krebsprävention ist gut dokumentiert. Dabei reicht offensichtlich ein moderates, aber kontinuierliches Training von etwa dreimal einer Stunde pro Woche aus, um Krebserkrankungen vorzubeugen. Schoenberg ging es aber vor allem um die bereits erkrankten Menschen und die drängende Frage: Was kann man zusätzlich zu Operation, Chemo- und Strahlentherapie noch tun, um den Krebs zu überwinden? »Die drei Säulen erfordern zwar die aktive Mitarbeit des Patienten, aber nach einer anstrengenden Therapie nimmt man das »Heft wieder selbst in die Hand« und bekommt so auch wieder Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten und die seines Körpers«, so der Arzt.

Kein Zweifel: Sport und Bewegung verringern die Rezidivrate, verbessern die Überlebenschancen, und noch während einer Chemo- oder Strahlentherapie hebt sich nachweislich die Stimmungslage. Auch Ärzte und Fachgesellschaften wissen das und empfehlen den Patienten einen körperlich aktiven Lebensstil. Und doch sinkt das Aktivitätsniveau von Tumorpatienten nach der Diagnose Studien zufolge deutlich ab. Nur zwischen 20 und 40 Prozent der Betroffenen sind ausreichend körperlich aktiv und versuchen, sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten fit zu halten.

Dabei muss es gar nicht Joggen, Schwimmen oder Radfahren sein – Gartenarbeit tut es auch. Um verschiedene körperliche Aktivitäten miteinander zu vergleichen, wurde im Jahr 2000 die Einheit MET festgelegt (Metabolisches Äquivalent oder engl.: metabolic equivalent task). Ein MET entspricht der Energie und dem Sauerstoffumsatz pro Kilogramm Körpergewicht, die man benötigt, wenn man eine Stunde (MET-h) ruhig auf einem Stuhl sitzt. Um beispielsweise 9 MET-h wöchentlich zu erreichen – das entspricht der empfohlenen moderaten körperlichen Aktivität zur Krebsprävention – reichen auch eine Stunde Gartenarbeit in der Woche aus und dazu dreimal 30 Minuten Gehen. »Man muss den Patienten etwas anbieten, was sie mögen. Das gilt für Sport und Bewegung, aber zum Beispiel auch beim Essen. Wenn man Brokkoli nicht mag, hat es keinen Zweck zu sagen: Iss ihn«, so die Erfahrungen von Schoenberg.

Immer diese Mattigkeit

Körperliche Aktivität ist – neben der Psychoonkologie – auch eine der wichtigsten Säulen bei der weitverbreiteten krebsinduzierten Fatigue. Schätzungsweise 60 bis 80 Prozent der Tumor-Patienten leiden während der Primärtherapie, oft aber auch noch Monate später, unter Symptomen wie Mattigkeit, Müdigkeit, Erschöpfung und Schlafstörungen – allgemein dem Gefühl, nicht mehr zu »funktionieren«. Die Betroffenen sind antriebslos, schlecht zu motivieren und erscheinen depressiv. Wegen der Ähnlichkeit der Beschwerden zur Depression behandelten Forscher Fatigue-Patienten mit Antidepressiva – allerdings bisher ohne messbare Erfolge.

Einer holländischen Studie zufolge klagten zum Zeitpunkt der Diagnose 40 Prozent der Patienten über Fatigue. Unter Chemotherapie waren es 80, während der Strahlentherapie 90 Prozent. 52 Prozent der Betroffenen empfanden dabei die Fatigue-Symptome als quälender und belastender als Schmerzen. Ärzten sind die gravierenden Folgen von Fatigue häufig nicht bewusst.

Der Wissenschaftler Timothy Puetz fasste die Ergebnisse von sieben Studien mit insgesamt 4900 Krebspatienten zusammen und fand heraus, dass moderate körperliche Betätigung die Fatigue-Symptome um über 60 Prozent im Vergleich zu inaktiven Patienten reduzierte. Je früher mit dem Training begonnen wurde, desto besser. In anderen Studien kam der Sport im Vergleich zu verhaltenstherapeutischen Maßnahmen im Rahmen einer psychoonkologischen Betreuung etwas weniger gut weg.

Muss ich zum »Psychoklempner«?

Patienten haben im Rahmen des 2008 vom Bundesministerium für Gesundheit aufgestellten nationalen Krebsplans bei Bedarf Anspruch auf eine »angemessene psychoonkologische Versorgung«. 2014 wurde die S3-Leitlinie Psychoonkologie veröffentlicht. Sie beinhaltet Empfehlungen zur Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten und dient als Leitfaden für die Arbeit in Kliniken und im ambulanten Bereich. 

Von der Diagnose über die Therapie bis hin zum Wiedereinstieg in Job und Alltag soll sie Patienten und Angehörigen helfen, mit ihren Problemen besser umzugehen. Der Psychoonkologe kann auch helfen, eine Tumor-Fatigue von einer möglichen Depression abzugrenzen.

Studien belegen, dass eine psychoonkologische Begleitung grundsätzlich positive Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen hat. Etwa ein Drittel der Patienten äußert den Wunsch nach psychosozialer Unterstützung. Sich Hilfe zu suchen und anzunehmen sei ein wichtiger Aspekt, wenn es um psychische Widerstandsfähigkeit gehe, sagt Diplom-Psychologin und Psychoonkologin Franziska Neufeld.

Keine guten Studien gebe es allerdings, die zeigen, dass eine sogenannte Krebsdiät die Krankheitsprognose verbessere, so Schoenberg. Immer wieder diskutiert wird beispielsweise die ketogene Diät, bei der weitgehend auf Kohlenhydrate, vor allem auf Zucker verzichtet wird. Durch den niedrigen Zuckergehalt in der Ernährung werde der Stoffwechsel der Krebszelle nicht mehr ausreichend mit Energie versorgt und das Krebswachstum gehemmt, so die Forscher. Tatsächlich zeigen verschiedene klinische Studien, dass diese Diät von Krebspatienten gut vertragen wird. Der Beleg, dass sie das Tumorwachstum hemmt, steht aber noch aus. Bis dahin raten Experten der Deutschen Krebsgesellschaft davon ab.

Eine Krebsdiät gibt es nicht

»Ich denke, es darf bezweifelt werden, dass es eine Krebsdiät gibt, die pauschal auf alle Patienten und alle unterschiedlichen Krebserkrankungen übertragen werden kann, da jeder Mensch unterschiedlich verstoffwechselt«, so Schoenberg. Individuell unterschiedliche Beschwerden wie Appetitlosigkeit und verändertes Geschmacksempfinden, Kau- und Schluckbeschwerden, Durchfall und Verstopfung, Über- oder Untergewicht während und nach der Therapie erforderten vielmehr eine individuelle Ernährungstherapie. Speziell auf eine ausreichende Versorgung mit Nährstoffen, die Gewichtsstabilisierung und Erhaltung der Lebensqualität müsse man achten. Empfehlenswert sei eine Diät, die landläufig als »mediterran« bezeichnet werde: mit frischem Gemüse und Obst, wenig rotem Fleisch, Vollkornprodukten und dem Verzicht auf sogenanntes prozessiertes Essen, das durch Verarbeitungsprozesse an Nährstoffen verloren hat und durch künstliche Zusatzstoffe »optimiert« wurde. »Große Beobachtungsstudien legen nahe, dass diese Ernährungsempfehlungen das Wiederauftreten eines gerade überwundenen Tumors vermeiden und die Entstehung eines Zweittumors verhindern helfen«, so Schoenberg. Außerdem fördern sie den Genuss – und damit auch die Lebensqualität. /

Michael H. Schoenberg: Aktiv leben gegen Krebs. Heilungschancen und Lebensqualität verbessern durch Bewegung,Ernährung und eine stabile Psyche.354 Seiten, gebunden. Piper-Verlag 2016. ISBN: 978-3-492-05738-7. EUR 22.

(Pharmazeutische Zeitung 33/2016, 15.8.16, Ulrike Abel-Wanek)

 

 

 

Medikamente gehen Krebs an den Kragen

Bea Diem aus Ravensburg lebt mit einem Lungentumor – Moderne Medizin bietet Hilfe

Ravensburg sz Einen Tag vor ihrem 56. Geburtstag erfuhr Bea Diem, dass sie Lungenkrebs hat. Im September 2015 war das. Der italienische Arzt überbrachte ihr die Nachricht mit den Worten „Haben Sie früher geraucht?“. Ziemlich unsensibel, findet die Ex-Raucherin. In dem Moment fühlte sich Diem wie durchgeschüttelt, wie sie sagt. Die Diagnose stellte ihre Welt auf den Kopf – bis ein neues Medikament Besserung versprach.

Bea Diem, die in Wahrheit anders heißt, kommt ursprünglich aus Ravensburg. Die Arbeit hat sie nach Italien geführt, wo sie mittlerweile lebt. In der Zeit vor ihrer Krebsdiagnose klagte die Fremdsprachkorrespondentin über Rückenschmerzen im Schulterbereich. Manchmal tat ihr auch der Arm weh. „Ich habe das immer auf die Klimaanlage im Büro geschoben“, erklärt Diem. Das dachte sie so lange, bis der Mann einer Arbeitskollegin starb. An Lungenkrebs. Auch er hatte immer unter Rückenbeschwerden gelitten.

„Also bin ich zum Hausarzt und habe ihm die Geschichte erzählt“, sagt Diem. Es folgte ein Besuch beim Spezialisten. Eine Computertomografie wurde gemacht. Das Ergebnis bekam die Wahl-Italienerin am Vortag ihres Geburtstages. Auf ihrer Lunge hatte sich ein Bronchialkarzinom breitgemacht – zu groß, um operativ entfernt zu werden. Zur weiteren Behandlung wechselte Diem an die Oberschwabenklinik (OSK) in Ravensburg. Dort bekam sie eine Kombination aus Bestrahlung und Chemo. Die Therapie schlug an.

Lebensdauer schien begrenzt

Doch der Hoffnungsschimmer wurde während der Reha rasch zunichtegemacht. Der Krebs hatte gestreut, sich rasend schnell verbreitet. „Ich hatte Metastasen im Oberschenkelknochen, in der Leber und sogar im Gehirn“, schildert Diem. Ein behandelnder Arzt in der Oberschwabenklinik gab ihr keine allzu lange Lebensdauer mehr. „Auf einen Zeitpunkt wollte er sich nicht festlegen, aber er riet mir, es mir gut gehen zu lassen“, so die Krebspatientin.

Für sie sei diese Zeit ein Auf und Ab der Gefühle gewesen, sagt die 58-Jährige heute. Für ihren erwachsenen Sohn auch. Aufgeben wollten aber beide nicht. „Eines Tages kam mein Sohn mit einem Zeitungsbericht zu mir, in dem von einem neuartigen Krebs-Medikament berichtet wurde“, erinnert sich Diem. Das Medikament hieß Opdivo. Die Krebspatientin sprach ihren Arzt darauf an.

Seit einem Jahr bekommt Diem das Medikament alle zwei Wochen über eine Infusion verabreicht. Dafür fährt sie jedes Mal extra von Italien nach Ravensburg. Und das Mittel scheint anzuschlagen: Der Krebs hat nicht mehr weiter gestreut. Die optischen Befunde zeigen nur noch wenige Herde. Diems Chancen sind gestiegen – wenn auch nur vage. „Es ist nicht klar, ob der Tumor noch aktiv ist oder nicht“, so die 58-Jährige. Fakt ist: Diem fühlt sich gut. „Manchmal habe ich ein bisschen Gelenk- und Muskelschmerzen“, sagt sie, „aber das sind nur Lappalien.“

Mehr Vorsorge betreiben

Wenn Bea Diem von ihrem Schicksal berichtet, wirkt sie gelassen und ruhig. Ihre Krankheit habe ihr vor Augen geführt, wie wichtig es ist, sich über Dinge zu freuen und schöne Momente zu genießen. „Außerdem rege ich mich nicht mehr über Kleinigkeiten auf“, sagt sie. Das Einzige, das sie ein bisschen ärgert, ist, dass über Lungenkrebs so wenig aufgeklärt wird. „Bei anderen Krebsarten wird viel mehr Vorsorge betrieben“, meint sie. Ihrer Arbeit als Fremdsprachenkorrespondentin und Betriebsdolmetscherin geht Diem vorerst nicht mehr nach. „Ich habe Angst davor, mir Stress zuzumuten“, erklärt sie. Das Rauchen habe sie schon lange aufgegeben. Stattdessen achtet die 58-Jährige jetzt auf eine gesunde Ernährung und Bewegung an der frischen Luft.

Außerdem befolgt die Wahl-Italienerin den Rat des OSK-Arztes. „Ich mache das Beste aus meinem Leben“, so Diem. Zwei große Urlaube habe sie seit der Diagnose schon gemacht. Ihr nächster wird sie wohl in den Nahen Osten führen. „Ich würde aber auch gerne nach Laos reisen und dort von Tempel zu Tempel radeln“, verrät sie lachend ihre Pläne. Dass sie das noch erleben wird, steht für Bea Diem außer Frage. Sie vertraue der modernen Wissenschaft – und Opdivo. Ihr Wunsch: „Schön wäre es, wenn der Krebs ganz weggehen würde und ich das Medikament irgendwann absetzen könnte.“

(Schwäbische Zeitung, 20.1.17, Jasmin Bühler)

 

 

Medizinischer Glücksgriff

Die Chemo wirkte nicht mehr: Malaria-Medikament half 26-jähriger Hirntumorpatientin

Krebs wurde resistent gegen hochwirksames Medikament

Zuletzt versuchten es die Ärzte am Colorado Cancer Center mit dem Chemotherapeutikum Vermurafenib. Der Wirkstoff ist ein sogenannter Kineasehemmer und wird in Deutschland vor allem gegen Melanome (Hautkrebs) eingesetzt. Kineasen sind bestimmte Enzyme, die eine wichtige Rolle für die Entstehung und Ausbreitung von Krebs spielen. Werden sie blockiert, bildet sich der Krebs zurück. Vermurafenib hemmt dabei eine bestimmte, mutierte Form der Kineasen, die bei manchen Krebsarten auftritt. Bekannt ist diese Mutation bei Melanomen und einigen Glioblastomen wie Lisa Rosendahls Tumor.

Doch auch diese neue, zielgerichtete Chemotherapie half nur kurz und die Krebszellen entwickelten genetische Strategien, um der Wirkung des Krebsmedikaments zu entgehen. Dabei nutzen die Krebszellen den  Autophagie-Mechanismus. Dabei handelt es sich um den ständigen Abbau und Recycling von Zellmüll. Manche Krebszellen nutzen Autophagie, recyclen sich also unendlich und werden damit resistent gegen die Medikamente. Das trat auch bei Lisa Rosendahl ein und ihre voraussichtliche Überlebenszeit schrumpfte auf wenige Monate.

Malariamittel beendet Resistenz der Krebszellen

Doch die Experten der Krebsklinik gaben sie nicht auf. Jean Mulcahy-Levy, Wissenschaftler am Colorado Cancer Center suchte einen Weg, die Resistenz gegenüber des hochwirksamen Chemotherapeutikums wieder aufzuheben. Dafür musste der Autophagie-Mechanismus in den Krebszellen blockiert werden, um sie wieder empfindlich für das Anti-Krebs-Mittel zu machen.

Um das zu erreichen, kombinierte der Forscher Vermurafenib mit dem gängigen Malariamittel Chloroquin. Denn Chloroquin, so ist aus früheren Studien bekannt, gilt als Autophagie-Bremse, hemmt also die Autophagie in manchen Krebszellen – und bewirkt damit, dass Krebsmedikamente wieder greifen. Mit dieser Kombinations-Therapie behandelte Jean Mulcahy-Levy auch Lisa Rosendahl. Über die kleine Studie berichtet der Onkologe im Wissenschaftsjournal „eLife“.

Das Ergebnis: „Wir haben drei Patienten mit der Kombination behandelt und alle drei hatten einen klinischen Nutzen“, berichtet der Forscher. Allen drei Krebspatienten geht es besser. Die Medikamente, gegen die der Krebs resistent geworden war, greifen wieder. Die Behandlung macht deutliche Fortschritte. Lisa Rosendahl ist wieder selbstständig, wenn sie auch (noch) im Rollstuhl sitzt.

(Focus online, 19.1.17)

 

 

Nuklearmedizin

Krebs: Substanz enttarnt Tumore

Prostatakrebs ist schwer zu diagnostizieren. Das gilt auch nach einer Operation. Doch mit einer neuen Methode kann man Krankheitsrückfälle jetzt deutlich besser entdecken.

Das Bessere ist des Guten Feind, besagt eine Redensart. Das gilt auch – oder vielleicht sogar besonders – in der Medizin. Fortschritte sollen den Patienten nicht vorenthalten werden, und so kommt es, dass manche Methode verschwindet, wenn eine bessere am Horizont erscheint. Das zeigt sich auch jetzt wieder – beim weitverbreiteten Prostatakrebs.

Mit PSMA den Tumoren auf der Spur

Üblicherweise können Nuklearmediziner Tumoren aufspüren, indem sie radioaktiv markierte Substanzen verabreichen, die von den Tumoren für ihren Stoffwechsel benötigt und folglich angereichert werden. Zucker ist so eine Substanz, die man zur Krebsdiagnostik mit radioaktivem Fluor markiert. Die meisten Tumoren verbrauchen viel Zucker, er sammelt sich daher in ihnen an. Fängt man dann, stark vereinfacht gesagt, die radioaktive Strahlung des angehängten Fluors in einem Positronenemissionstomografen (PET) auf, sieht man auf den Bildern, woher sie kommt – die Tumore sind enttarnt. Nur beim Prostatakrebs funktioniert das nicht, denn: Er reichert keinen Zucker an.

Um ihm auf die Spur zu kommen, verwendete man bisher Cholin. Cholin ist ein Bestandteil von Zellmembranen und wird deshalb besonders da gebraucht, wo viele neue Zellen entstehen – also etwa in rasch wachsendem Gewebe wie Tumoren. Prostatakarzinome nehmen viel Cholin auf, und hat man es vorher radioaktiv markiert, bringt es die Tumoren in der PET-Bildgebung zum „Leuchten“.

 „PET mit Cholin war auch schon ganz gut“, sagt Professor Joachim Sciuk, Chefarzt der Nuklearmedizin am Augsburger Klinikum. „Aber es war mit einem Schlag weg, als PSMA aufkam.“ Denn PSMA ist eine Substanz, die Prostatatumoren noch viel besser aufspüren kann als das Cholin. Sie bindet an bestimmte Eiweiße, die sich auf der Oberfläche von Prostatatumorzellen befinden. Während diese Eiweiße im Körper ansonsten kaum vorkommen, sind sie auf Prostatatumoren sehr zahlreich anzutreffen – sodass das PSMA sehr gezielt an den Tumoren andockt, wie Sciuk sagt. „Die weit überwiegende Mehrheit der Prostatatumoren trägt diese Merkmale.“ Nur in seltenen Fällen komme es vor, dass die Tumoren kein PSMA anreicherten, ohne dass man genau wisse, warum.

Selbst kleine Tumoren entgegen den Ärzten nicht

Klassische Indikation für die PSMA-Diagnostik seien Patienten nach einer Prostata-Operation, bei denen das Prostata-spezifische Antigen (PSA) im Blut wieder steige als Hinweis auf einen Krankheitsrückfall (Rezidiv). Es könne sich um ein Lokalrezidiv handeln, also ein erneutes Tumorwachstum an der Stelle, an der die Prostata einmal gewesen sei, erläutert Sciuk, oder auch um den Tumorbefall in einem Lymphknoten oder anderswo. Mittels CT oder Kernspin sei das bisweilen nicht ausfindig zu machen. Deswegen kombiniert man diese Methoden mit der PSMA-PET-Diagnostik, die den Prostatakrebs über dessen Stoffwechselverhalten aufspürt und Bilder in exzellenter Qualität liefert, wie Sciuk erklärt: „Wir können damit auch Tumorherde erkennen, die nur wenige Millimeter groß sind.“ Was bedeutet: Auch der Befall eines Lymphknotens, der kleiner als einen Zentimeter sei, entgehe den Ärzten nicht.

Professor Dorothea Weckermann, Chefärztin der Klinik für Urologie am Augsburger Klinikum, sieht die Rezidivsuche ebenfalls als wichtigstes Einsatzgebiet der PSMA-PET/CT-Diagnostik. Schon bei PSA-Werten zwischen 0,5 und 1 ng/ml habe man gute Chancen, ein Rezidiv nachweisen zu können, was den Vorteil habe, den erneuten Tumorbefall früher bestrahlen oder entfernen zu können. Zudem sei es für die weitere Behandlung ein großer Unterschied, ob der Patient ein Lokalrezidiv oder aber beispielsweise Metastasen im Knochen habe. Bei der Rezidivsuche sei die PSMA-Diagnostik derzeit das Optimum, „da gibt es nichts Besseres“, erklärt sie.

Angehängt an das PSMA wird für diagnostische Zwecke ein Stoff namens Gallium 68, eine schwach radioaktive Substanz mit sehr kurzer Halbwertszeit. Da sie schnell wieder aus dem Körper des Patienten verschwunden ist, muss der Patient nach Injektion des Stoffes „sehr zügig in die Röhre, denn nach ein paar Stunden sehen wir nichts mehr“, sagt Sciuk. Und weil die Substanz so kurzlebig ist, muss sie in einem Generator in der Klinik direkt vor Ort hergestellt werden. Der hohe Aufwand ist ein Grund, weshalb sich die Untersuchung derzeit nicht für die Primärdiagnostik, also die Suche nach einem Ersttumor, eignet, sagt Weckermann, denn dafür müsste sie überall verfügbar sein.

Neue Methode ruft weltweit große Aufmerksamkeit hervor

Ob es irgendwann dazu kommen wird? Ausschließen möchte das Sciuk nicht, auch wenn momentan klar sei, dass diese Methode nicht als Screening dient. Zudem sei die Kapazität für PSMA-PET-Untersuchungen limitiert, weil es diese Methode in ganz Schwaben nur am Klinikum Augsburg gebe.

Doch PSMA ist nicht nur interessant, weil es eine präzisere Bildgebung als bisher ermöglicht. Vielmehr kommt auch ein Begriff ins Spiel, der in der Medizin noch eine Besonderheit darstellt: die „Theranostik“. Dabei geht es um diagnostische Methoden, die zugleich eine Therapiemöglichkeit bieten. Und genau das ist bei der PSMA-Diagnostik der Fall. Denn koppelt man an das PSMA anstatt des schwach strahlenden Gallium 68 den therapeutischen Beta-Strahler Lutetium 177, lassen sich die Prostatatumoren damit im Körperinneren bestrahlen.

„Tumorzellen, die das Zielmolekül (...) tragen, nehmen das Radiopharmakon auf, welches dann gezielt die Zelle von innen zerstört“, teilte die Deutsche Gesellschaft für Nuklearmedizin (DGN) dazu unlängst mit. „Das übrige Gewebe wird nicht angegriffen“. Das neue Verfahren zur Therapie des Prostatakrebses habe unter Experten weltweit große Aufmerksamkeit hervorgerufen, heißt es. In einer rückblickenden Auswertung von Patientendaten habe sich die Wirksamkeit bestätigt: 40 Prozent der Patienten hätten schon nach einem einzigen Therapiezyklus positiv reagiert, die Nebenwirkungen seien dabei „gering und überschaubar“ gewesen.

Lutetium 177 schädigt gesundes Gewebe kaum

Freilich: „Es handelt sich um ein palliatives Verfahren“, schränkt Joachim Sciuk ein. Nur Patienten mit Metastasen, die nicht mehr operiert oder bestrahlt werden könnten und schon Hormonbehandlung oder Chemotherapie hinter sich hätten, ohne dass sich ihr Zustand gebessert habe, seien Kandidaten für eine PSMA-Therapie, nicht aber solche, die noch mit einer Operation oder einer Bestrahlung von außen geheilt werden könnten. Und auch die Fachgesellschaft erklärt, die Therapie diene der Linderung von Symptomen sowie einer Verlangsamung des Tumorwachstums beziehungsweise Zurückdrängung des Tumors. Damit könne sie jedoch zu einer Verlängerung der Überlebenszeit beitragen.

Das radioaktive Lutetium 177, das dafür an PSMA gekoppelt werde, schädige gesundes Gewebe kaum, weil seine Strahlung nur etwa zwei Millimeter weit reiche, erklärt Sciuk. Anders als bei der Diagnostik wolle man für die Therapie eine radioaktive Substanz, die länger im Körper bleibt, damit sie wirken kann. Bei einer Halbwertszeit des Lutetiums von etwa sieben Tagen müsse der Patient etwa zwei bis drei Tage auf der Therapiestation der Klinik für Nuklearmedizin bleiben, bis die Strahlung so weit abgeklungen ist, dass er die Klinik wieder verlassen könne. Angewandt werde die Therapie in mehreren Zyklen im Abstand von etwa zehn Wochen, wobei man zwischenzeitlich mittels PSMA-PET kontrolliere, wie gut sie wirke.

Diagnostik machte einen Quantensprung

Gänzlich zum Verschwinden bringen könne die Therapie einen metastasierten Prostatatumor nicht: „Das geht nicht mehr“, sagt Sciuk, „aber wir wollen, dass die Erkrankung stabil bleibt oder zurückgedrängt wird.“ Es gehe darum, Schmerzen zu mildern und dem Patienten zu helfen. „Wir können den Patienten nicht mehr gesund machen, aber ihm für eine längere Zeit noch ein Leben mit besserer Qualität verschaffen.“

Seit zwei bis drei Jahren wendet man die PSMA-PET-Diagnostik im Augsburger Klinikum an, seit etwa ein bis zwei Jahren auch die therapeutische Variante. Sciuk betrachtet dies als eine ganz wesentliche Erweiterung der Diagnostik und Therapie von Prostatakarzinomen und fast schon als „Quantensprung“. Die Nuklearmedizin, sagt er, sei klinisch und wissenschaftlich eine „faszinierende Disziplin“.

(Augsburger Allgemeine, 2.5.17, Sibylle Hübner-Schroll)

 

 

Strahlentherapie nach brusterhaltender Operation

Sie senkt bei Brustkrebs im Frühstadium die Wahrscheinlichkeit für einen Rückfall. Auch Frauen mit eigentlich niedrigem Rückfallrisiko profitieren davon.

Eine unterstützende (adjuvante) Strahlentherapie, die bei frühem Brustkrebs im Anschluss an die brusterhaltende Operation durchgeführt wird, hilft, das Rückfallrisiko zu senken. Dies gilt offenbar für alle Patientinnen, unabhängig davon, wie alt sie sind und welche Art von Tumor sie haben. Jedenfalls konnten Wissenschaftler in einer Studie, die kürzlich in der Fachzeitschrift European Journal of Cancer veröffentlicht wurde, keine Patientinnengruppe identifizieren, bei der der Verzicht auf die Strahlentherapie nicht mit Nachteilen einhergegangen wäre.

Wird Brustkrebs im Frühstadium entdeckt, sodass er sich noch nicht in Lymphknoten ausgebreitet hat, kann die Brust heutzutage bei der Operation erhalten werden. Anschließend werden die meisten Frauen bestrahlt, um das Rückfallrisiko zu senken. Bislang stand die Frage im Raum, ob vielleicht bei manchen Patientinnen auf die mit Nebenwirkungen behaftete zusätzliche Behandlung verzichtet werden könnte, weil sie nur ungenügend davon profitieren.

In einer schwedischen Studie wurden nun in einer großen Gruppe von Patientinnen mit frühem Brustkrebs Untergruppen gebildet, um dieser Frage nachzugehen. Die Hälfte der Patientinnen war 60 Jahre und älter. Zwei Drittel ihrer Tumoren waren beim Mammographiescreening, das es auch in Schweden gibt, entdeckt worden. Ein Teil der Frauen hatte nach der brusterhaltenden Operation eine adjuvante Strahlentherapie erhalten, der andere nicht.

Bei den Frauen, die zusätzlich zur Operation bestrahlt worden waren, kam es in den 15 Jahren Beobachtungszeit seltener zu einem Rückfall in der ursprünglich erkrankten Brust: Während etwa ein Viertel der nicht-Bestrahlten einen erneuten Tumor in der erkrankten Brust entwickelte, war es bei den Bestrahlten nur etwa jede zehnte. Dieser Unterschied zwischen den beiden Gruppen war signifikant und kam vor allem durch Rückfälle in den ersten fünf Jahren nach der Therapie zustande. 

Doch nicht nur in der Gesamtheit profitierten Brustkrebspatientinnen von der zusätzlichen Strahlentherapie. Selbst in einer Untergruppe von Patientinnen mit einem nur geringen Rückfallrisiko (ältere Patientinnen jenseits des 64. Lebensjahres mit einem noch kleinen hormonempfindlichen Tumor) zeigte sich ein Vorteil hinsichtlich des Rückfallrisikos in derselben Brust, der sogar noch größer als in der Gesamtgruppe war. So gab es in dieser Patientinnengruppe in den ersten fünf Jahren keinen einzigen Rückfall in der ursprünglich erkrankten Brust.

Kein Vorteil zeigte sich allerdings in puncto Sterblichkeit. Dennoch schließen die Studienautoren aus ihren Ergebnissen, dass nach derzeitigem Wissen bei keiner Patientinnengruppe mit Brustkrebs im Frühstadium auf die Strahlentherapie nach der brusterhaltenden Operation verzichtet werden könne, ohne Nachteile im rückfallfreien Überleben befürchten zu müssen.

Quelle: Killander F et al. No breast cancer subgroup can be spared postoperative radiotherapy after breast-conserving surgery. Fifteen-year results from the Swedish Breast Cancer Group randomised trial, SweBCG 91 RT. Eur J Cancer. 2016;67:57-65

(Onko Internetportal, 7.2.17)

 

Crispr

Mit der Gen-Schere gegen Krebs

In China haben Tumorspezialisten erstmals die Genomchirurgie verwendet, um Krebs zu bekämpfen. Sie haben ein Gen aus dem Erbgut von T-Zellen entfernt.

In China wurde erstmals weltweit ein Mensch mit Zellen behandelt, deren Erbgut zuvor mithilfe der Gen-Schere Crispr verändert wurde. Das berichtet „Nature News“. Der Patient leide an einem aggressiven Lungenkrebs. Zunächst haben die Tumorspezialisten um Lu You von der Sechuan-Universität in Chengdu aus dem Blut des Kranken Abwehrzellen (T-Zellen) isoliert. Dann haben sie mit Crispr das Gen für das Eiweiß PD-1 aus dem Erbgut der T-Zellen entfernt, die so veränderten „Todesschwadrone“ im Labor vermehrt und dem Patienten am 28. Oktober per Infusion gegeben. Der Patient habe das gut vertragen, er soll noch eine zweite Infusion bekommen.

PD-1 ist ein Kontrollpunkt (Checkpoint), der den Körper vor einer übereifrigen Abwehr schützt. Allerdings nutzen ihn auch Tumoren, um sich zu maskieren und T-Zellen auszubremsen: Hat die Krebszelle ein Pendant zu PD-1, wird sie nicht angegriffen. Bisher sind nur Antikörper für die Krebstherapie zugelassen, die diesen Mechanismus blockieren. Die Chinesen wollen ihn ganz beseitigen.

Zunächst geht es darum, ob die Therapie sicher ist

Zehn Krebspatienten werden in der West-China-Klinik bis zu vier Infusionen mit den veränderten T-Zellen bekommen. Es gehe zunächst um die Sicherheit der experimentellen Therapie, betonen Lu You und seine Kollegen. Die Gesundheit der Patienten wollen sie daher mindestens sechs Monate überwachen und darüber hinaus beobachten, ob die Infusionen den Verlauf der Krankheit beeinflussen.

„Das wird ein Sputnik-2.0-Rennen auslösen, ein biomedizinisches Duell zwischen den USA und China“, sagte Carl June von der Universität von Pennsylvania den Journalisten von „Nature“. Er leitet ein Team, das Crispr ebenfalls als Werkzeug für die Krebstherapie sieht. June hat erstmals 2012 einem an Leukämie erkrankten Mädchen T-Zellen entnommen, ihnen mithilfe von Viren das Erbgut für einen künstlichen Rezeptor eingeschleust, der weiße Blutkörperchen erkennt, die angeschärften Killerzellen im Labor vermehrt und diese als Infusion dem Mädchen gegeben – mit Erfolg, aber auch mit Nebenwirkungen wie heftigen Entzündungsreaktionen.

Getarnt, trainiert und ungebremst in den Einsatz

Anfang 2017 will er T-Zellen mit Crispr auf ein Merkmal solider Tumoren abrichten und zusätzlich zwei Gene ausschalten. Eines davon ist PD-1, das andere weist T-Zellen als Immunzellen aus. Getarnt, trainiert und ungebremst sollen die T-Zellen dann auf den Krebs von 18 schwer kranken Patienten losgehen, bei denen alle anderen Therapien gescheitert sind. Es fehlt nur noch die Zustimmung der Aufsichtsbehörde FDA. Auch die Universität Peking plant, ab März 2017 durch Crispr veränderte Zellen bei Patienten mit Blasen-, Prostata- und Nierenzellkrebs einzusetzen.

Der Erfolg dieser Versuche ist ungewiss. Zum einen könnte Crispr ungewollt das Erbgut an anderen Stellen zerschneiden. Zum anderen könnten die entfesselten Killerzellen nach getaner Arbeit unkontrolliert gesundes Gewebe angreifen. Eine weitere Hürde deutet die Verzögerung an, von der die Chinesen berichten. Es dauerte länger als erwartet, die veränderten Immunzellen in der Petrischale zu züchten und zu vermehren.

(Tagesspiegel, 16.11.16, Jana Schlütter)

 

 

Bluttest für Chemotherapie

„Wirkt es schon?“

Chemotherapien zur Behandlung von Krebs schlagen bei Patienten oft unterschiedlich an. Ein neuer Bluttest soll jetzt frühzeitig Aufschluss über ihre Wirkung geben.

Krebs ist nicht gleich Krebs, und weil jeder Tumor verschieden ist, sprechen einige besser auf eine Chemotherapie an als andere. Viele Tumore werden auch mit der Zeit resistent. Die Ärzte können die Wirkung einer Chemotherapie auf einen soliden Tumor derzeit nicht anhand regelmäßiger Blutproben überprüfen. Sie müssen warten, bis der Tumor entweder schrumpft oder weiterwächst. Das kann Wochen oder Monate dauern. Bis dahin erhält der Patient vielleicht eine Chemotherapie, die ihm nichts nützt, sondern ihn nur belastet.

Die Ärzte haben daher großes Interesse an einem einfachen Test, der die Wirkung einer Chemotherapie schnell, sicher und mit wenigen Millilitern Blut vorhersagt. Bee Luan Khoo vom „Singapore-MIT Alliance for Research and Technology Centre“ in Singapur und seinen Kollegen scheint die Entwicklung eines solchen Tests nun tatsächlich gelungen zu sein („Science Advances“, doi: 10.1126/sciadv.1600274).

Was sind die entscheidenden Erfolgsfaktoren? Kritisch sind das Gerät, für dessen Konzeption alle Register der Mikrotechnik und der Mikrofluidik gezogen werden mussten, und die verwendeten Tumorzellen. Khoo und seine Kollegen arbeiten mit zirkulierenden Tumorzellen aus dem Blut. Diese sind der Ausgangspunkt für die Metastasierung über das Blutgefäßsystem. Zirkulierende Tumorzellen treiben entweder einzeln oder in kleinen Gruppen aus zwanzig bis hundert Zellen durch die Gefäße. Je größer die Cluster sind, desto größer ist auch ihr Metastatisierungspotential.

Allerdings gibt es in den Frühphasen einer Krebserkrankung nur wenige zirkulierende Tumorzellen im Blut. Auf einen Milliliter Blut kommen schätzungsweise ein bis zehn dieser Zellen. Zum Vergleich: Bei gleichem Volumen liegt die Zahl der weißen Blutkörperchen bei einigen Millionen, die Zahl der roten Blutkörperchen bei mehr als einer Milliarde. Khoo und seinen Kollegen ist es mit vielen Tricks gelungen, die zirkulierenden Tumorzellen ohne Anreicherung in den winzigen Vertiefungen einer Testplatte zu kultivieren und deren Reaktionen auf verschiedene Zellgifte zu testen.

Hinter dem Bluttest steht ein ausgeklügeltes System

Der Test beginnt mit einer Blutprobe. Danach entfernen Khoo und seine Kollegen die roten Blutkörperchen und das Blutplasma und geben die Tumorzellen und die weißen Blutkörperchen in Tausende von Vertiefungen. Vermehren sich die Tumorzellen in den winzigen Löchern der Testplatte und lagern sie sich zu größeren Clustern zusammen, ist das ein starker Hinweis auf deren metastasierendes Potential.

Elf Tag nach dem Beginn der Kultur werden die Tumorzellen dann mit verschiedenen Konzentrationen an Zellgiften konfrontiert. Sterben die Zellen dadurch ab und bilden sich keine Cluster mehr, zeigt dies, dass die Chemotherapeutika wirken und die Therapie greift. Entstehen Cluster, ist die Therapie wirkungslos oder unterdosiert. Letzteres kann anhand der verschiedenen Konzentrationen überprüft werden.

Khoo und seine Kollegen haben den Test mit Blutproben von 24 Patienten überprüft und eine gute Korrelation zu den klinischen Daten festgestellt, allerdings muss der Test weiter geprüft und mit längerfristigen klinischen Daten in Beziehung gesetzt werden. Auch die Robustheit des Tests muss noch weiter erprobt werden. Für eine breite klinische Anwendung sollte er immer und überall funktionieren.

Khoo und seine Kollegen hoffen, dass der Test bald dazu genutzt werden kann, die Wirkung einer Chemotherapie bereits in den ersten zwei Wochen nach Beginn der Therapie zu überprüfen, und dass regelmäßige Wiederholungen des Tests die Ärzte frühzeitig auf eine Resistenzentwicklung aufmerksam machen.

(F.A.Z., 9.8.16, Hildegard Kaulen)

 

 

Gentechnik

Crispr bringt Krebskranken neue Hoffnung

Vier Jahre nach ihrer Entdeckung soll die Gentechnik-Methode Crispr bereits an ersten Patienten getestet werden. Eine amerikanische Kommission hat grünes Licht dafür gegeben.

Seit Monaten gibt die neue Gentechnik-Methode namens Crispr zu reden, sie erzeugt gleichermassen Euphorie und Alarmismus. Für heisse Köpfe sorgt ihr Einsatz zur genetischen Manipulation von menschlichen Embryonen. Gleichzeitig sind weltweit aber unzählige Forscher daran, die Technik weiterzuentwickeln. Und so kommt es, dass in den USA die erste klinische Studie mit Patienten bereits vier Jahre nach ihrer Entdeckung grünes Licht bekam, wie die Wissenschaftszeitschrift «Science» letzte Woche berichtete. Mit dem positiven Entscheid der Kommission, die bei den National Institutes of Health die Sicherheit und Ethik von Gentechnik-Studien überprüft, ist die grösste Hürde im Bewilligungsverfahren genommen.

Die ersten Probanden für Crispr werden 18 schwerkranke Patienten mit verschiedenen Tumorarten sein. Da alle anderen Therapieversuche bei ihnen gescheitert sind, wird Crispr ihre letzte Hoffnung sein.

Scharf gemachte Immunzellen

Der Leiter der Studie, Carl June von der University of Pennsylvania, ist einer der Pioniere in der Entwicklung von gentechnisch veränderten Immunzellen, sogenannten CAR-T-Zellen. Seit mehr als zwanzig Jahren wird diese Art der Gentherapie erforscht. Dabei werden Immunzellen, sogenannte T-Zellen, aus dem Blut der Patienten entnommen und im Labor gentechnisch so verändert, dass sie Krebszellen oder Viren wie etwa HIV besser erkennen und vernichten. Die veränderten Immunzellen tragen einen Rezeptor, der spezifisch an ein Molekül auf den Krebszellen oder dem Virus bindet. Zurück im Blut der Patienten, gehen sie gegen diese vor.

Bis anhin verwendeten Forscher für den gentechnischen Eingriff die «konventionelle Gentechnik»: Mithilfe eines Virus wird dabei das Gen für den Rezeptor irgendwo ins Genom der T-Zelle integriert. Bei Krebserkrankungen, bei denen Immunzellen (B-Zellen) bösartig geworden sind, hat man damit vielversprechende Erfahrungen gemacht, besonders bei der akuten lymphatischen Leukämie. Bei bis zu 90 Prozent der schwerkranken Patienten in verschiedenen klinischen Studien waren nach dem Eingriff alle Krankheitszeichen verschwunden. Das sei ein unglaubliches Ergebnis, sagt Toni Cathomen vom Universitätsklinikum Freiburg im Breisgau. Experten vermuten, dass in den nächsten fünf Jahren ein entsprechendes Verfahren kommerziell erhältlich wird.

Schwieriger gestaltet sich die Behandlung von soliden Tumoren. Diese hätten ganz andere Abwehrmechanismen, sagt Ulf Petrausch vom Onkozentrum in Zürich. Er ist selbst an einer Studie des Universitätsspitals Zürich beteiligt, in der Krebspatienten mit veränderten T-Zellen behandelt werden. Crispr eröffnet neue Möglichkeiten, weil damit mehrere Gene gleichzeitig und gezielt verändert werden können.

Vier genetische Eingriffe

Der Pionier June will die T-Zellen der Patienten an vier Stellen verändern, damit diese effizient gegen verschiedene solide Tumore vorgehen können. Mit einer bewährten viralen Genfähre, also auf konventionellem Weg, schleusen die Forscher den Immunzellen im Labor das Gen für den Rezeptor ein, der die Krebszelle erkennt.

Dann kommt Crispr ins Spiel. Die molekulare Schere kann so programmiert werden, dass sie die DNA im Zellkern an einer ganz bestimmten Stelle zerschneidet. Deshalb wird sie oft dazu verwendet, Gene zu zerstören. Die Forscher wollen insgesamt drei Gene in den Immunzellen ausschalten. Dadurch verschwindet einerseits der Rezeptor, der das Ziel ausmacht, auf das die T-Zelle ursprünglich spezialisiert war (irgendein Krankheitserreger) – so konzentrieren sich die veränderten T-Zellen ausschliesslich auf den Krebs. Andererseits wollen die Forscher eine Bremse der T-Zellen ausschalten, das Protein PD-1. Dieses verhindert normalerweise, dass die Immunantwort überschiesst, und wird bei Bedarf vom Körper selbst betätigt. Doch haben auch Krebszellen in soliden Tumoren gelernt, die Bremse zu bedienen, um der drohenden Vernichtung zu entgehen.

Fehlt den veränderten T-Zellen das PD-1-Gen, sollten sie schlagkräftiger gegen den Krebs vorgehen. Gleichzeitig besteht aber die Gefahr, dass sie nach getaner Arbeit, wenn der Krebs vernichtet ist, nicht mehr kontrollierbar sind und sich womöglich gegen gesunde Zellen richten. Das ist eine der Befürchtungen, die es im Zusammenhang mit CAR-T-Zellen gibt. Um dieses Risiko zu minimieren, habe man in dieser Studie für die veränderten T-Zellen mit NY-ESO-1 ein sehr tumorspezifisches Ziel gewählt, sagt Ulf Petrausch aus Zürich. Das Molekül wird sonst nur in der embryonalen Entwicklung produziert.

June und seine Kollegen wollen mögliche Schwachstellen und Nebenwirkungen der Crispr-Therapie genau überwachen. Zum Beispiel, ob die molekulare Schere das Genom der Immunzellen auch ungewollt an anderen Stellen schneidet. Solche sogenannten Off-Target-Aktionen können mit der Technik nicht verhindert werden. In Vorversuchen zeigten die Forscher aber, dass bei ihrem Ansatz keine kritischen Stellen, wie etwa Gene, betroffen waren.

Der Weg ist geebnet

June rechnet damit, Ende dieses Jahres mit der Studie zu beginnen. Es fehlen noch weitere Bewilligungen von den Ethikkommissionen der beteiligten Universitäten und von der Behörde für Lebensmittel- und Medikamenten-Sicherheit (FDA). Da June und die University of Pennsylvania Patente an dem eingesetzten Verfahren besitzen und deshalb ein Interessenkonflikt besteht, werden sie zudem ausweisen müssen, bei welchen Aufgaben sie in den Ausstand treten.

Vier Jahre zwischen der Entdeckung von Crispr und dem ersten Einsatz an Patienten ist eine kurze Zeit. Doch haben die Forscher mit der konventionellen Gentechnik und mit zwei anderen Werkzeugen, die wie Crispr Gene gezielt verändern, bereits viele Erfahrungen gemacht und den Weg für die neue Technik geebnet.

(NZZ, 2.7.16,  Lena Stallmach)

 

 

Strahlentherapie kann auch metastasierten Krebs heilen

Haben sich bei einer Krebserkrankungen nur wenige Metastasen gebildet, können diese mit einer neuen, personalisierten Strahlentherapie behandelt werden

"Wenn der Krebs gestreut hat, standen in der Vergangenheit oft nur Systemtherapien wie beispielsweise die Chemotherapie zur Verfügung. Dabei zirkulieren gegen den Krebs wirkende Substanzen im Blutstrom und erreichen die Zellen überall im Körper. "Das kann effektiv sein, geht aber auch oft mit starken Nebenwirkungen einher", sagte Stephanie E. Combs, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Radioonkologie und Strahlentherapie am Klinikum rechts der Isar in München.

Haben sich bei einer Krebserkrankungen nur wenige Metastasen gebildet, können diese aber auch mithilfe einer neuartigen Strahlentherapie behandelt werden. Damit lässt sich eventuell sogar eine Heilung erzielen, hieß es vor kurzem bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) in Mannheim.

Bei bestimmten Patienten, die nur an wenigen Stellen im Körper Metastasen des Tumors haben – "Oligometastasierung" (von griechisch oligo – wenig) genannt – sei eine Behandlung an der befallenen Stelle vorteilhaft. Das wird durch eine besondere Bestrahlungsmethode, die stereotaktischen Strahlentherapie (Stereotaxie) möglich. Sie wird individuell für den Patienten geplant und häufig mit moderner Bildgebung kombiniert.

Gewebe wird geschont

Im Bestrahlungsplan legen die Strahlentherapeuten millimetergenau fest, welche Bereiche behandelt werden sollen. Die Behandlungsgeräte richten die Strahlen von mehreren Seiten auf den Tumor, das umgebende Gewebe wird so besser geschont. "Wir können damit eine sehr hohe Strahlendosis direkt auf den befallenen Bereich bringen. Beim umliegenden gesunden Gewebe ist die Dosis dann sehr viel geringer", sagt Combs. So sinke zum Beispiel bei der Bestrahlung von Hirnmetastasen das Risiko auf neurokognitive Einschränkungen und Nebenwirkungen. "Die Hochpräzisionsstrahlentherapie ist mit einer chirurgischen Behandlung vergleichbar, beispielsweise bei kleinen Metastasen in der Lunge."

Bei anderen Erkrankungen, wie etwa einem Prostatakarzinom mit wenigen Knochenmetastasen, kann die Stereotaxie die Krankheit zurückdrängen und die Notwendigkeit einer Hormontherapie hinauszögern. Insgesamt kann die Strahlentherapie unabhängig von der zugrunde liegenden Tumorerkrankung eingesetzt werden, zum Beispiel auch bei Brustkrebs.

Voraussetzung für den Einsatz der stereotaktischen Bestrahlung sind präzise Informationen über die Größe und Ausbreitung der Metastasen. "Erst wenn diese Informationen belegen, dass die Strahlentherapie eine Erfolgschance hat, wird die Behandlung durchgeführt", sagt Stephanie Combs. "Wir erhöhen damit die Heilungschancen, auch wenn der Krebs gestreut hat", sagt Frederik Wenz, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Universitätsklinikum Mannheim.

(der Standard, 6.7.16, APA)

 

 

Neue Behandlungsmethode für bösartigsten Hirntumor

Eine neue Behandlungsmethode für bösartige Tumoren gibt es nun an der Universität Innsbruck. Dabei wird über eine Haube das Wachstum durch Stromfelder gehemmt

Das Glioblastom gilt als der bösartigste Hirntumor und ist derzeit nicht heilbar. Als einziges Krankenhaus Österreichs bietet die Innsbrucker Uniklinik betroffenen Patienten seit Kurzem eine neue Behandlungsmethode an. Über eine Art Haube wird Strom in das Gehirn geleitet und dadurch das Wachstum des Tumors gebremst. "Elektroden, die auf die Kopfhaut aufgeklebt werden, erzeugen Stromfelder im Gehirn. Dadurch wird die Zellteilung und das Wachstum des Tumors deutlich gehemmt", erklärt Claudius Thome, Direktor der Universitätsklinik für Neurochirurgie. Bei der "Optune" genannten Therapie gebe es quasi keine Nebenwirkungen, nur an der Klebestelle komme es manchmal zu Hautreizungen. Patienten sollten die Elektroden mindestens 16 bis 18 Stunden pro Tag tragen, seien damit aber völlig mobil. "Chemotherapien haben bisher nicht den gewünschten Erfolg gebracht", sagt Christian Freyschlag, Oberarzt an der Universitätsklinik für Neurochirurgie. Das Grundkonzept dieser Behandlungsmethode sei aber völlig anders, da es sich dabei um ein physikalisches System handle. "Der Tumor kann sich dem Stromfeld nicht entziehen, jede Zelle muss darauf ansprechen", so Freyschlag. Außerdem gebe es keine Resistenzentwicklung.

Fünf bis neun Monate länger leben

Patienten, die an einem Glioblastom leiden, würden derzeit operativ, mit Chemotherapie und Bestrahlung behandelt werden. "Ein unbehandeltes Glioblastom führt derzeit nach durchschnittlich vier bis sechs Monaten zum Tod", erklärt Thome. Eine Operation könne das Überleben im Mittel um bis zu neun Monate verlängern. Bei einer zusätzlichen Bestrahlung und Chemotherapie seien es bis zu 15 Monate, so die Experten. "Durch die neue Therapie können die Patienten noch einmal fünf bis neun Monate bei guter Lebensqualität gewinnen", sagte der Klinikdirektor. Die Heilbarkeit dieser Tumorart sei derzeit aber trotzdem noch in weiter Ferne. "Der nächste Schritt könnte die Entwicklung einer Immuntherapie sein. Der Körper muss es selber schaffen, die Zellen zu töten", meint Thome. An der Innsbrucker Universitätsklinik für Neurochirurgie werden jährlich 60 bis 80 Patienten mit Glioblastom behandelt. Fünf Patienten würden derzeit zusätzlich zur Chemotherapie die neue Behandlungsmethode verwenden.

(derstandard.at, 27.6.2016, APA)

 

 

 

Multiples Myelom

Der Blutkrebs des Alters

Das Multiple Myelom ist eine seltene, aber bösartige Tumorerkrankung. Es gehört zu häufigsten Tumoren von Knochen und Knochenmark. Nun gibt es bessere Therapien für den bislang unheilbaren Krebs.

Wenn von Blutkrebs die Rede ist, denken die meisten an Leukämie. Auch weißer Blutkrebs genannt, weil eine Art von weißen Blutkörperchen (Leukozyten) entartet und sich unkontrolliert vermehrt. 

Wenn sich jedoch eine Plasmazelle des Blutes verändert und hemmungslos teilt, kommt es zu einer anderen Art von Blutkrebs: dem Multiplen Myelom. Schließlich brauchen die veränderten Plasmazellen im Knochenmark so viel Platz, dass sie die Blutbildung behindern. 

Dieser Krebs ist mit circa 6000 Neuerkrankungen in Deutschland relativ selten, betrifft häufig ältere Menschen und galt bisher als unheilbar. Dennoch gibt es für die Patienten gute Neuigkeiten, wie Professor Christian Straka erklärt. Der Hämatologe von der Schön-Klinik am Starnberger See freut sich, dass er seinen Patienten nun ganz neue Wirkstoffe anbieten kann, mit denen der Krebs auch bei langjährig Erkrankten gut behandelt werden kann. 

Oft ist es ja so, dass bei selteneren Erkrankungen nur selten neue Therapien entwickelt werden. Warum ist das beim Multiplen Myelom anders?

Professor Christian Straka: Die Patienten haben sozusagen Glück im Unglück. Das Multiple Myelom hat sich in den letzten Jahren zu einer Schrittmacher-Erkrankung entwickelt. An dieser Erkrankung lassen sich sehr gut ganz neue Therapiemöglichkeiten erforschen, die dann später auch für andere Krankheiten verwendet werden können. Ganz neu stehen unseren Patienten nun z.B. monoklonale Antikörper zur Verfügung. Diese docken an die entarteten Plasmazellen an und machen sie damit für das Immunsystem sichtbar, das dann die Tumorzellen attackieren und vernichten kann. Diese Therapie ist jetzt auch für Europa zugelassen worden und wir können sie unseren Patienten anbieten. Die Zulassung erfolgte jedoch zunächst für eine spätere Therapielinie, kommt also erst zum Einsatz, wenn die bisherige Standard-Behandlung nicht oder zu wenig hilft.

Das Multiple Myelom ist anders als Leukämie eher eine Erkrankung des Alters. Ist die Behandlung immer bei allen Patienten möglich?

Straka: Wir haben tatsächlich ein besonderes Patientenkollektiv. Der Altersdurchschnitt liegt bei 68 Jahren. Man muss unterscheiden, wann die Erkankung entdeckt wird. Bei vielen fällt bei einem Routine-Check beim Arzt auf, dass etwas nicht stimmt. Dann ist die Erkrankung häufig aber noch nicht sehr weit fortgeschritten und wir warten erst mal ab.

Heißt das, Sie behandeln erst, wenn die Erkrankung schlimmer wird ?

Straka: Das ist tatsächlich für viele Patienten sehr unbefriedigend. Sie bekommen eine schlimme Diagnose, aber richtig gemacht wird zunächst nichts. Wir versuchen Sicherheit zu geben, indem wir regelmäßig die Werte kontrollieren. Wenn sich über Wochen, Monate oder Jahre nichts verändert – und oft ist das so – , dann können sich die Menschen ganz gut damit arrangieren. Ich empfehle auch immer den Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe.

Wann müssen Sie denn behandeln?

Straka: Wir haben da mit den CRAB-Kriterien und weiteren Biomarkern ganz klare Richtlinien. Wir beobachten gewisse Marker, die uns zeigen, ob Organschäden kurz bevorstehen oder schon eingetreten sind. Das können eine Blutarmut oder auch Veränderungen an der Niere oder an der Wirbelsäule sein. Wir haben aber nicht nur die Patienten, die sehr früh diagnostiziert werden, wir haben auch eine Gruppe, die sehr spät die richtige Diagnose bekommt. Das Multiple Myelom als Erkrankung des Blutsystems ist ja eine systemische Erkrankung und kann sich ganz unterschiedlich im ganzen Körper äußern. Viele bekommen eine Blutarmut, sehr häufig entwickeln sich Schäden an den Knochen, sogenannte Osteolysen, die Schmerzen bereiten und zu Brüchen führen. Wenn der Patient dann zum Orthopäden geht, denkt dieser unter Umständen nicht sofort daran, dass ein unentdeckter Blutkrebs die Ursache sein könnte. Aber auch diese Patienten, die sehr spät kommen, können wir mittlerweile wirkungsvoll behandeln.

Wie sieht denn die Standard-Therapie aus?

Straka: Vorweg, die Standard-Therapien können zwar zum größten Teil ambulant erfolgen. Sie sind aber teilweise kompliziert vom Ablauf und zeitaufwendig. Man muss für jeden Patienten die für ihn beste Behandlung finden. Darum sollte der Patient unbedingt von einem Spezialisten auf diesem Gebiet oder nur nach Rücksprache mit einem Spezialisten behandelt werden. Meist beginnt man mit drei bis vier Zyklen einer sogenannten Induktionstherapie. Das sind ganz neue Wirkstoffe, die die entarteten Plasmazellen eliminieren. Wir wollen Platz im Knochenmark schaffen für die gesunden Zellen. Dann gewinnen wir für die Transplantation Stammzellen. Früher musste dafür das Knochenmark punktiert werden, heute kann man die Stammzellen, die ja sehr fest im Knochenmark verankert sind, mit einer besonderen Mobilisierungs-Therapie ins Blut herauslocken. Dort kann man sie dann relativ einfach herausfiltern. Wir gewinnen meist Stammzellen für mehrere Transplantationen, die nach allen Regeln der Kunst beim Blutspendedienst des BRK verarbeitet und in flüssigem Stickstoff tiefgefroren werden. Anschließend erfolgt dann allerdings stationär im Krankenhaus eine Hochdosis-Chemotherapie mit anschließender Stammzellen-Transplantation. Das dauert etwa zweieinhalb Wochen. Diese Behandlung wird wenn möglich einmal wiederholt, damit können wir bessere Ergebnisse erzielen.

Bisher hieß es, eine Heilung sei nicht möglich. Stimmt das weiterhin?

Straka: Wir wollen keine Hoffnung wecken, die wir vielleicht nicht erfüllen können. Aber schon bisher konnten wir bei etwa fünf bis zehn Prozent der Patienten eine komplette Remission erreichen, die viele Jahre hielt. Über Heilung spricht man ja erst nach zehn bis 15 Jahren. Aber ich bin schon zuversichtlich, dass die neuen Methoden, wenn man sie intelligent einsetzt, sehr vielen Patienten besser helfen werden!

Professor Christian Straka ist Chefarzt der Hämatologie und Onkologie in der Schön-Klinik am Starnberger See. Weitere Infos unter:  www.schoen-kliniken.de

(Münchner Merkur, 28.06.16)

 

 

Plasma statt Antibiotika

Geräte, die mit ionisierten Edelgasen Keime abtöten, halten gerade Einzug in die Arztpraxen. Sie heilen nicht nur chronische Wunden, sondern können sogar Gewebe regenerieren und Krebszellen abtöten.

Ein Fiepen liegt in der Luft. Carsten Gutgesell fährt mit einem dickem Stift über eine Wunde am Bein des Patienten Hannes Vogel (Name von der Redaktion geändert), als wolle er sie ausmalen. Doch statt einer Mine kommt aus der fiependen Spitze eine zentimetergroße, feine Flamme. In ihr liegt das Geheimnis dieser Behandlungsmethode: Die Flamme ist nicht heiß – sondern kalt. Es handelt sich um sogenanntes kaltes Plasma. Auf der Haut spürt Vogel davon nur ein feines Prickeln und einen Luftzug aus der Düse. "Es tut gar nicht weh", sagt er.

Gutgesell behandelt in seiner Norderstedter Praxis häufig schlecht heilende Hauterkrankungen wie die von Hannes Vogel. Bei älteren Diabetes-Patienten sind es oft chronische Wunden, die zum Beispiel durch Keime mitverursacht werden können und oft über Wochen, Monate oder gar Jahre nicht heilen. Das ist nicht nur schmerzhaft, sondern birgt die Gefahr einer Infektion und möglicherweise sogar einer Blutvergiftung (Sepsis).

Typische Fälle seien aber auch "das offene Bein, Pilzerkrankungen der Haut und des Nagels sowie Warzen, die durch Viren, und Akne, die durch Akne-Bakterien hervorgerufen werden", erklärt der Hautarzt. Wo Wundreinigung, antibakterielle Verbände, Antibiotika oder Anti-Pilz-Mittel nicht mehr helfen, beobachtet Gutgesell oft schon nach wenigen Behandlungen mit dem kalten Plasma einen Heilungsfortschritt. So auch bei Hannes Vogel: Seine Wunde beginnt sich endlich zu schließen.

Kalte Plasmen sind derzeit ein heißes Thema in der Medizin. Weil sie Mikroben zuverlässig abtöten – vor allem auch multiresistente Keime, ohne selbst Resistenzen zu erzeugen –, kamen sie zuerst in der Wundheilung zum Einsatz. Die Erfolge sind mittlerweile in zahlreichen klinischen Studien belegt. Die ersten Geräte wurden bereits als Medizinprodukte zugelassen und halten gerade Einzug in die Arztpraxen. In Laborexperimenten mit Hautzellen zeigte sich sogar noch eine weitere überraschende Eigenschaft: Unter Einfluss der Plasmen bildet sich auch neues Gewebe.

Damit bietet kaltes Plasma einen wesentlichen Vorteil gegenüber herkömmlichen Mitteln. Denn die töten Bakterien und Pilze zwar ab, können jedoch das Heilen behindern, erklärt Thomas von Woedtke. Der Pharmazeut hat seit 2011 die weltweit erste Professur für Plasmamedizin inne. Er lehrt und forscht an der Universität Greifswald und am Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie (INP). Hier ist das deutschlandweit größte Zentrum für Plasmamedizin. Weitere gibt es etwa in Bochum, München und Göttingen.

Plasmen sind bisher eher aus der Physik und Technik bekannt. Es handelt sich um Gase, deren Moleküle durch Energiezufuhr, zum Beispiel als Strom oder Wärme, in negativ geladene Elektronen und positiv geladene Ionen aufgespalten werden. So sind etwa Blitze und die Sonne viele Millionen Grad heiße Plasmen. In Kernfusionsreaktoren sollen sie künftig, von starken Magneten gebändigt, Energie liefern. Und in Plasmabildschirmen regen sie – hier weniger heiß – Leuchtstoffe zur Lichtabgabe an. In der Medizin werden heiße Plasmen bereits seit den 1960er-Jahren eingesetzt, vorwiegend um Instrumente zu sterilisieren, aber auch um Blutgefäße zu veröden. Doch erst seit den Neunzigerjahren ist es möglich, auch kalte Plasmen zu erzeugen, die körperverträgliche Temperaturen unterhalb von 40 Grad Celsius haben.

Als Ausgangsstoff dienen oft die Gase Argon oder Helium. Unter Energiezufuhr bewirken sie in der Umgebungsluft die Entstehung hochreaktiver Stickstoff- oder Sauerstoff-Radikale sowie UV-Strahlung "Dies ist entscheidend für das Abtöten von Mikroorganismen", erklärt von Woedtke. Zusätzlich reißt das elektromagnetische Feld des Plasmas vorübergehend Löcher in die Membran der Bakterien- und menschlichen Zellen. Durch sie gelangen die reaktiven Substanzen ins Innere. Weil das Erbgut von Bakterien nicht durch einen Zellkern geschützt ist, so die Vermutung der Forscher, reagieren sie empfindlicher als menschliche und tierische Zellen auf die Erstürmung. Bei letzteren entstehen durch die kurze Einwirkzeit des Plasmas nach jetzigem Wissensstand keine Schäden. Die elektromagnetischen Felder können die Bakterien aber auch direkt abtöten.

Wie die kalten Plasmen die Geweberegeneration bei den Patienten bewirken, ist weniger klar. Sie scheinen zum Beispiel Gene zu aktivieren, die in den Zellen Reparaturmechanismen in Gang setzen sowie Zellwachstum und Zellteilung anregen.

Könnten sie dann nicht auch ein unkontrolliertes Zellwachstum befördern und Krebs verursachen? Bislang sind keine bedenklichen Folgen beobachtet worden, wie deutsche Forscher vom Nationalen Zentrum für Plasmamedizin 2014 in einem Positionspapier schrieben. "Wir wünschen uns trotzdem große Studien zur weiteren Untersuchung der Sicherheit", sagt von Woedtke.

Dennoch gilt eher im Gegenteil kaltes Plasma als mögliche neue Waffe für die Tumorbehandlung. Einer der Pioniere ist Hans-Robert Metelmann, Direktor der Klinik und Poliklinik für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie in Greifswald. Er behandelt meist Patienten mit Krebserkrankungen im Kopf-Hals-Bereich im fortgeschrittenen Stadium. "Mit dem Plasma können wir die Belastungen für die Patienten reduzieren, die mit einem Bakterienbefall der [zum Teil offen liegenden] Tumoren einhergehen: die Sepsis-Gefahr, den Geruch und den Einsatz von Schmerzmitteln mit deren erheblichen Nebenwirkungen", sagt Metelmann.

Da die Plasmabehandlung nur an der Oberfläche wirkt, "werden wir damit keine Massenentfernung von Tumoren machen", sagt der Mediziner. Sie ließe sich aber nach dem Herausschneiden der Geschwulst als Alternative zu den aggressiven Bestrahlungs- oder Lasermethoden einsetzen: Zum Beispiel um an schlecht erreichbaren Stellen wie im Kiefer oder an kritischen Stellen wie der Schlagader liegende Tumorreste zu beseitigen. Potenziell ließen sich damit auch übrig gebliebene, aber nicht erkennbare Krebszellen ausmerzen. Denn das Plasma setzt offenbar die sogenannte Apoptose wieder in Gang, eine Art Selbstzerstörungsprogramm für kranke Zellen, das Krebszellen meist ausgehebelt haben. Danach dauert es nur ein bis zwei Tage, bis sich gesunde Ersatzzellen bilden. So entsteht kein Loch im Gewebe.

Für engräumige Behandlungen wie bei verwinkelten kleinen Tumoren oder Zahnwurzelbehandlungen arbeiten Techniker am INP bereits an Prototypen von flexiblen Plasmageräten mit feineren Plasmajets. "In die Anwendung und medizintechnische Zulassung müssen das dann Unternehmen bringen", sagt von Woedtke. Aber auch hier ist das INP mit von der Partie: neoplas tools etwa ist ein Spin-off, das den von Gutgesell genutzten Plasma-Pen entwickelt hat.

Ein weiteres, bereits mit Förderpreisen bedachtes INP-Spin-off ist Coldplasmatech. Weil die händische Behandlungsweise, wie sie etwa Carsten Gutgesell praktiziert, zeitaufwendig und deshalb kaum wirtschaftlich ist, hat sich Coldplasmatech eine neue Technik ausgedacht: Eine etwa schokoladentafelgroße, flexible Wundauflage auf Silikonbasis. Sie wird so über die Wunde gelegt, dass darüber ein abgeschlossener Hohlraum entsteht. Darin wird per Hochspannung ein Plasma gezündet, das einige Minuten gleichmäßig auf die gesamte Fläche einwirkt, ohne dass der Arzt später ständig dabeisitzen muss. Noch ist weitere Entwicklungsarbeit nötig. Doch Mitgründer und Medizinökonom Tobias Güra hofft, den Zulassungsantrag als Medizintechnikprodukt bis Jahresende einreichen zu können.

(Technology Review, 28.12.15, Uta Deffke)

 

 

 

Nivolumab wirksamer als Chemotherapie?

Überlebensdauer bei Nacken- und Kopfkrebs signifikant verlängert

London - Das Medikament Nivolumab verlängert das Leben von Patienten mit Krebserkrankungen des Kopfes und des Nackens im Vergleich zur standardisierten Chemotherapie offenbar deutlich, wie Forscher des Institute of Cancer Research herausgefunden haben. In einer weiteren Studie führte die Kombination von Nivolumab mit einem anderen Medikament zum Schrumpfen von Nierentumoren.

350 Patienten untersucht

Die Wirkung von Nivolumab beruht auf den Prinzipien der Immuntherapie. Die Überlebenschancen bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen von Kopf und Nacken gelten allgemein als sehr schlecht. Laut den im "New England Journal of Medicine" veröffentlichten Ergebnissen lebten von den mehr als 350 teilnehmenden Patienten nach einem Jahr 36 Prozent derer, die Nivolumab eingenommen hatten. Bei der Behandlung mit Chemotherapie lag die Überlebensrate bei 17 Prozent. Zusätzlich führte die Immuntherapie zu weniger Nebenwirkungen.

Die Wirksamkeit des Medikaments war bei Patienten deutlich besser, die positiv auf das humane Papillomavirus (HPV) getestet worden waren. Sie überlebten mit dem Medikament durchschnittlich 9,1 Monate. Bei der Chemotherapie waren es nur 4,4 Monate. Normalerweise wird die Lebenserwartung dieser Patientengruppe mit weniger als sechs Monaten angegeben.

Erste Daten einer Studie, an der 94 Patienten mit fortgeschrittenem Nierenkrebs teilnahmen, haben gezeigt, dass die Kombination von Nivolumab und Ipilimumab bei 40 Prozent der Teilnehmer zu einer deutlichen Schrumpfung der Tumore führte. Von diesen Patienten verfügte einer von zehn über keine weiteren Anzeichen einer Krebserkrankung. Nach einer Standardbehandlung verkleinern sich die Tumore nur bei fünf Prozent der Betroffenen. Allein in Großbritannien wird bei rund 12.000 Personen ein Nierenkrebs diagnostiziert.

Chemische Leitung unterbrochen

Nivolumab wurde bisher nur für die Behandlung von Hautkrebs zugelassen. Im Juni dieses Jahres wurde das Medikament vom National Health Service ebenfalls in Kombination mit Ipilimumab sehr rasch zugelassen. Die Wirkung beider Medikamente beruht auf der Unterbrechung der chemischen Signale, die Krebs dazu einsetzt, das Immunsystem dazu zu bringen, das es sich um gesundes Gewebe handelt.

Laut Kevin Harrington vom Institute of Cancer Research, der die erste Studie zu den Krebserkrankungen von Kopf und Nacken leitete, kann Nivolumab wirklich zur entscheidenden Wende für die Betroffenen führen. Die neuen Ergebnisse hätten gezeigt, dass sich die Lebenserwartung ohne Verschlechterung der Lebensqualität deutlich verlängert. Details wurden beim derzeit in Kopenhagen stattfindenden European Cancer Congress der Öffentlichkeit präsentiert.

(presse.text, 10.10.2016, Michaela Monschein)

 

 


 

 

Ärzte: Krebs-Medikamente zweimal unter die Lupe nehmen

Ein gemischtes Fazit ziehen Krebsspezialisten und andere Ärzte für die frühe Nutzenbewertung von Arzneimitteln. Mehr als 100 neue Medikamente sind inzwischen auf diese Weise bewertet worden. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) fordert nun zusätzlich eine späte Nutzenbewertung – vor allem für Arzneimittel zur Krebsbehandlung.

Etwa ein Viertel der jährlich neuzugelassenen Wirkstoffe sind für die Krebsbehandlung gedacht. Der Vorsitzende der AkdÄ Professor Wolf-Dieter Ludwig begrüßt, dass für die Patienten dadurch neue Therapieoptionen zur Verfügung stehen. „Allerdings lässt sich zum Zeitpunkt der Markteinführung der therapeutische Stellenwert von neuen onkologischen Arzneimitteln häufig nur begrenzt bestimmen“, so Ludwig. Als Gründe dafür nennt der Arzneimittelexperte Mängel in den für die Zulassung relevanten klinischen Studien, aber auch fehlende Erfahrung in der breiten Anwendung des neuen Arzneimittels im Versorgungsalltag. „Deshalb ist gerade in der Onkologie neben der frühen auch eine späte Nutzenbewertung – beispielsweise zwei bis drei Jahre nach Markteinführung – eine wichtige Voraussetzung für die Bewertung des Zusatznutzens“, so Ludwig.

Nutzenbewertung von Arzneimitteln ist etabliert

Bei der Frühen Nutzenbewertung entscheiden seit 2011 Ärzte, Kliniken und Krankenkassen im Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) über den Zusatznutzen von Arzneimitteln, die neu auf den Markt kommen. Grundlage ihrer Entscheidung ist ein Vergleich mit bereits verfügbaren Arzneimitteln und eine Analyse von Studien, die das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) für den GBA erarbeitet.

Bis Ende 2014 sind knapp 100 dieser Nutzenbewertungen durchgeführt worden. In etwa 60 Prozent der Verfahren wurde nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) kein Zusatznutzen festgestellt. Bei den positiv bewerteten Medikamenten zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den medizinischen Fachgebieten. Drei Viertel der mit „beträchtlicher Zusatznutzen“ bewerteten Arzneimittel stammen laut DGHO aus der Krebs- und der Infektionsforschung.

Krebsmediziner fordern Fortentwicklung des Verfahrens

Die DGHO hat gemeinsam mit 19 anderen medizinischen Fachgesellschaften und der AkdÄ die bisher durchgeführten Nutzenbewertungen analysiert. Auf dieser Basis plädiert sie für eine Weiterentwicklung des Prozesses. Sie attestieren dem Verfahren Stringenz und eine zusätzliche Transparenz über neue Arzneimittel. Änderungsbedarf sehen die Onkologen jedoch unter anderem bei der Festlegung der zweckmäßigen Vergleichstherapie, der Bewertung patientenrelevanter Endpunkte und beim Umgang mit fehlenden Studiendaten. Zudem plädieren sie für eine engere Einbeziehung von medizinischen Fachgesellschaften und Patientenorganisationen.

(gesundheitsstadt-berlin.de, 13.5.15, Angela Mißlbeck)

 

 

 

Hoffnung zum Auftauen

Nach einer Krebsbehandlung werden viele junge Frauen früh unfruchtbar. Mit neuen Methoden wollen Ärzte ihnen die Chance auf ein Baby erhalten

Ihre Mutter und ihre Oma haben auf sie eingeredet, sagt die erste Patientin. Sie selbst sei damals zu jung und vor allem viel zu krank gewesen, um lange über Familienplanung nachzudenken. 27 Jahre alt, zum zweiten Mal an Krebs erkrankt, bösartige Tumore im Lymphsystem, schon wieder. Wollte sie irgendwann ein Kind? Davon sprachen Mutter und Oma. Sie wollte erst mal überleben.

Die zweite Patientin hatte gerade ihr erstes Kind geboren, zehn Wochen war es alt, als sie erfuhr, dass ihr Krebs zurück war. Sie war 28, die Ärzte fürchteten, dass die Schwangerschaft den Rückfall ausgelöst haben könnte. Ein zweites Kind? Kein Gedanke lag ferner.

Krebs ist eine Krankheit, die das Leben bedroht. Wenn junge Frauen erkranken, gilt das doppelt, denn die Therapien, mit der die Ärzte den Krebs bekämpfen und, wenn alles gut geht, das Leben der Patientin retten können, sind für die Frauen immer auch eine Gefahr. Chemotherapien und Bestrahlungen können ihre Fruchtbarkeit zerstören.

"In den letzten dreißig Jahren hat sich viel getan", sagt Maren Goeckenjan. Die Ärztin meint den Fortschritt in der Behandlung vieler Krebserkrankungen. "Krebs ist überlebbar geworden." Mit steigenden Überlebensraten stellen sich neue medizinische Fragen. Es geht nicht mehr nur um das Überleben, es geht um das Leben danach.

Deswegen haben nun auch Ärztinnen wie Maren Goeckenjan mit solchen Patientinnen zu tun. Goeckenjan ist keine Onkologin, sondern Reproduktionsmedizinerin. Als Oberärztin arbeitet sie an der Frauenklinik der Universität Dresden, außerdem gehört sie zu den Ärzten, die das Netzwerk "Fertiprotekt" leiten. Es geht darum, medizinische Methoden zu erforschen und bekannt zu machen, die Krebspatientinnen die Chance erhalten, Mutter zu werden.

Das Einfrieren von Eizellen ist eine solche Methode, sie wurde für Krebspatientinnen entwickelt und wird inzwischen von Frauen benutzt, die keine Chemotherapie überstehen müssen, aber trotzdem einige Eizellen in flüssigen Stickstoff für einen späteren Zeitpunkt bewahren möchten. "Social freezing" wird das genannt. Eine Methode, auf die Goeckenjan und ihre Kollegen für die Zukunft setzen, ist das Einfrieren von Eierstockgewebe. Auch in der Fortpflanzungsmedizin hat sich viel getan.

Goeckenjan arbeitet in Dresden eng mit Pauline Wimberger zusammen, die an der Uniklinik die Frauenklinik leitet und selbst Krebsärztin ist. "Allen betroffenen Frauen sollten fertilitätserhaltende Maßnahmen angeboten werden, aber das ist immer noch nicht Standard", sagt Wimberger. Nur etwa hundert Kliniken haben sich in Deutschland, Österreich und der Schweiz dem "Fertiprotekt"-Netzwerk angeschlossen. Nicht jeder Krebsarzt kennt sich mit dem Einfrieren von Eizellen aus. In der Uniklinik Dresden bekommt eine Frau, bei der Krebs festgestellt wird, einen Termin bei den Fortpflanzungsexperten im selben Haus, wenn sie das wünscht. Reproduktionsmediziner und Onkologen stimmen ihre Behandlungen ab.

Zu den Krebserkrankungen, die inzwischen besonders viele Menschen überleben, gehört Morbus Hodgkin. Bei etwa 1200 Männern und 900 Frauen wird jedes Jahr in Deutschland dieser Krebs, auch Hodgkin-Lymphom genannt, zum ersten Mal festgestellt. Die Lymphknoten schwellen an, die Patienten bekommen Fieber, verlieren schnell Gewicht, fühlen sich schlapp. Später kann der Krebs über das Lymphsystem auch Organe befallen. Die Krankheit wird mit Chemotherapie und Bestrahlung behandelt, bis zu 90 Prozent der Patienten überleben die Diagnose dann.

Morbus Hodgkin trifft häufig Menschen im Alter zwischen zwanzig und dreißig. Das heißt inzwischen: Männer und Frauen, die oft noch keine Kinder haben. Oder die noch nicht mal ernsthaft darüber nachgedacht haben, ob sie Kinder möchten. Auch das hat sich in den letzten dreißig Jahren verändert.

Beide Patientinnen wussten nicht genau, ob sie Kinder wollten, als sie die Diagnose zum ersten Mal traf. Beide Frauen litten an Morbus Hodgkin, beide hatten schwere Rückfälle, bekamen hochdosierte Chemotherapien – und beide sind inzwischen Mütter. Längst nicht alle ehemaligen Krebspatientinnen haben dieses Glück. Aber die Fälle zeigen, was möglich ist.

Der Fall von Diana Albrecht* galt als Sensation in der Fortpflanzungsmedizin, er ist in wissenschaftlichen Studien beschrieben. Zu dieser Sensation wäre es ohne ihre Mutter und ihre Oma wohl nicht gekommen, sagt sie und lacht.

Es war ja, wie gesagt, schon ein Rückfall. Mit 25 war Diana Albrecht zum ersten Mal an Morbus Hodgkin erkrankt, Stadium II, befallene Lymphknoten in zwei Regionen des Körpers, sechs Zyklen Chemotherapie, Bestrahlung, Kontrolluntersuchungen, bei einer fanden die Ärzte den neuen Tumor. Sie brauchte wieder Chemotherapie, in hoher Dosis. Albrecht wurde in der Uniklinik Dresden behandelt. Die Krebsärzte schickten sie vor Beginn der zweiten Chemotherapie zu den Fortpflanzungsmedizinern.

Zytostatika, also die Medikamente, die in einer Chemotherapie gegen Krebs eingesetzt werden, sollen das Wachstum und die Vermehrung der Krebszellen verhindern. Leider schädigen sie häufig auch andere Zellen – darunter die Keimzellen. Auch eine Strahlentherapie, die Tumorzellen töten soll, kann Eizellen und die Keimdrüsen, in denen Spermien gebildet werden, beschädigen. Das gilt nicht nur, wenn der Bauchraum oder die Hoden bestrahlt werden. Eine Bestrahlung des Kopfes kann die Hormonproduktion und somit die Fruchtbarkeit stören. Um die Fruchtbarkeit von Männern zu erhalten, gibt es eine einfache, seit Jahrzehnten etablierte Methode. Man friert ihre Spermien ein.

Bei Frauen ist es komplizierter. Man kann die Eierstöcke im Körper verlegen, bevor der Bauch bestrahlt wird. Man kann Eizellen einfrieren. Kryokonservierung wird diese Aufbewahrung genannt. Aber damit sich das lohnt, müssen in der Frau ein Dutzend oder mehr Eizellen auf einmal reifen, die Natur hat das nicht vorgesehen. Durch Hormonspritzen kann man den Körper zur Überproduktion anregen. Das dauert zwei bis drei Wochen. Nicht jede Krebspatientin kann so lange auf den Beginn ihrer Chemotherapie warten. Außerdem sind einige Krebsarten "hormonsensibel", die Spritzen könnten die Krankheit verschlimmern.

Es gebe eine neue Methode, hörte die Diana Albrecht, als sie vor ihrer zweiten Chemotherapie stand. Die erste Therapie hatte ihre Fruchtbarkeit nicht zerstört. Die Ärzte boten an, Albrecht per Bauchspiegelung aus beiden Eierstöcken etwas Gewebe zu entnehmen. Man könne das Gewebe einfrieren und später wieder einsetzen. In Deutschland sei nach dieser Methode aber noch kein Kind geboren worden.

Ihre Mutter und ihre Oma redeten so lange, bis Diana Albrecht zustimmte. Na gut, habe sie gedacht, "dann bin ich eben die erste Frau in Deutschland, die auf diesem Weg ein Kind bekommt". Fünf Jahre nachdem sie den Krebs zum zweiten Mal überstanden hatte, setzten ihr Ärzte an der Uniklinik Erlangen etwas Gewebe wieder in den Bauch, sie bekam eine leichte Hormonbehandlung, ein halbes Jahr später war sie schwanger.

Als ihr Sohn per Kaiserschnitt zur Welt kam, sahen die Ärzte in ihren Bauch. Die alten Eierstöcke waren verkümmert, das zurücktransplantierte Gewebe hatte sich zu einem dritten Eierstock entwickelt. Das hatten Ärzte vorher nie nachweisen können, weil das Gewebe meist direkt auf die alten Eierstöcke gesetzt worden war. Deswegen war der Fall eine Sensation: Es gab nun einen eindeutigen Beweis dafür, dass das eingefrorene und wieder aufgetaute Gewebe die Eizelle produziert hatte.

Weltweit sind erst etwa zwei Dutzend Babys nach dieser Methode geboren worden. In Dresden haben 50 Frauen sich Eierstockgewebe entnehmen lassen, die Kosten für den Eingriff, etwa 1000 Euro, und die Lagerung, im Jahr fallen 300 bis 400 Euro an, übernehmen die Kassen nicht. Bei acht Frauen wurde das Gewebe wieder eingesetzt, bisher ist keine weitere schwanger geworden.

Die Methode gilt dennoch als große Hoffnung – und als großes Forschungsprojekt der Fortpflanzungsmedizin. Möglicherweise könne man das Gewebe in Zukunft außerhalb des Körpers reifen lassen und dort Eizellen gewinnen, sagt Goeckenjan. Damit würde man eine weitere Gefahr ausschließen können.

In Gewebe, das man einem krebskranken Menschen entnimmt, können sich Krebszellen verstecken. Es könnte also sein, dass man den Krebs mit dem Eierstockgewebe zurück in den Körper bringt. Vor zwei Jahren haben Forscher alle bisher bekannten Fallstudien analysiert. Die Gefahr sei bei Frauen, die an Leukämie erkrankt sind, sehr hoch, bei Magen- oder Darmkrebs gebe es Anlass zu "ernsthaften Bedenken", bei Gebärmutterhals- oder Brustkrebs hänge das Risiko vom Einzelfall ab. Bei Lymphdrüsenkrebs sei die Gefahr am geringsten, schlossen die Forscher.

Der Sohn von Diana Albrecht ist dreieinhalb. Diana Albrecht ist seit zehn Jahren krebsfrei. Ihr neuer Eierstock arbeitet noch, sagt sie, aber sie möchte kein weiteres Kind.

Die zweite Patientin, Kathrin Urban*, wollte doch ein zweites Kind, als sie zu Maren Goeckenjan in die Sprechstunde kam. Der Morbus-Hodgkin-Rückfall von Urban war nicht durch ihre Schwangerschaft ausgelöst worden, das wussten die Ärzte inzwischen. Aber ihre erneute Krebsbehandlung, starke Chemotherapie, Stammzelltransplantation, hatte Urban mit Ende zwanzig "komplett in die Wechseljahre" katapultiert.

Maren Goeckenjan berät häufig auch Frauen, deren Krebstherapie schon Jahre zurückliegt und die nun Schwierigkeiten haben, schwanger zu werden. "Es gibt auch nach Jahren noch Möglichkeiten", sagt sie. In diesem Fall habe der Hormonstatus zunächst bestätigt, dass Kathrin Urban in den Wechseljahren war.

Monatelang bekam sie Spritzen, die ihre Fruchtbarkeit anregen sollten, aber in ihrem Körper bildete sich keine Eizelle mehr. Kathrin Urban brach die Behandlung ab. Vier Monate später fühlte sie sich merkwürdig. Ein Schwangerschaftstest fiel positiv aus. "Ich hatte riesige Angst. Das kann ja auch auf Eierstockkrebs hindeuten", sagt sie. Vor einem Jahr kam ihr zweites Kind zur Welt.

Kathrin Urban ist jetzt 36 und sagt, sie habe wieder angefangen, zu verhüten.

*Namen der Patientinnen von der Redaktion geändert

(Die Welt, 26.4.15, Wiebke Hollersen)

 

 

 

Grazer Mediziner wollen mit Heilkraut Weichteiltumor bekämpfen

Wirkstoff aus südasiatischem Gewächs "Rangunschlinger" als neuer Hoffnungsträger - verzögertes Wachstum an Sarkom-Zelllinien im Labor festgestellt

Graz - Weichteilsarkome sind schwierig zu behandelnde Tumore, die weitgehend resistent gegenüber Behandlungsmethoden wie der Chemo- oder der Bestrahlungstherapie sind. Einen möglichen neuen Behandlungsansatz mit einem isolierten Naturstoff aus einem südasiatischen Gewächs sind Wissenschafter der Medizinischen Universität Graz auf der Spur.

Die Chemotherapie spielt bei der Behandlung von Sarkomen und speziell des Chondrosarkoms, das aus dem Knorpelgewebe hervorgeht, nur eine untergeordnete Rolle, schilderte Birgit Lohberger von der Uniklinik für Orthopädie und orthopädischen Chirurgie. Daher dränge sich die Suche nach alternativen Behandlungsmethoden auf.

Südasiatisches Flügelsamengewächs

Die Grazer Medizinerin sieht im Einsatz von Heilkräutern und Arzneipflanzen einen mögliche Lösung: "Bis heute sind mehr als 70 Prozent aller zugelassener Tumormedikamente entweder Naturprodukte oder wurden von natürlichen Produkten abgeleitet", erklärte Lohberger. Im Bezug auf die Behandlung der äußerst heterogenen Gruppe der Sarkome, ist die Grazer Forscherin auf den Wirkstoff eines südasiatischen Flügelsamengewächses gestoßen.

"Der Rangunschlinger - Quisqualis indica - wird in der traditionellen chinesischen Medizin als Schmerzmittel, Wurmmittel sowie zur Behandlung von Krebs eingesetzt", schilderte Lohberger. Sie hat die Wirkung seines Wirkstoffes ADCF an verschiedenen Weichteilsarkom-Zelllinien untersucht. Dabei habe sich sowohl bei Liposarkomen als auch in Tumoren in der Skelettmuskulatur (Rhabdomyosarkome) eine Verringerung des Zellwachstums gezeigt. Außerdem konnte eine Verzögerung der Zellteilung durch verringerte Expression von Zellzyklusproteine und des Proteins Survivin - ein Schlüsselprotein zur Aktivierung der Zellkernteilung - festgestellt werden, wie die Medizinische Universität Graz am Donnerstag in einer Aussendung mitteilte.

(Der Standard/Wien, online, 23. April 2015, APA)  

 


 

Vitamin D

Hilfe im Kampf gegen Krebs

Vitamin D steht bei Ernährungswissenschaftlern und Medizinern schon seit Jahren im Verdacht, das Immunsystem zu stärken, beim Knochenwachstum zu helfen und vor einigen Krebsarten zu schützen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Vitamin D auch bei der Therapie von Krebs hilfreich ist.

Heiko Bruns vom Universitätsklinikum Erlangen ist einer der Autoren der Studie, die heute im Fachmagazin "Science Translational Medicine" erscheint. Er und seine Kollegen entdeckten, dass Vitamin D  bestimmte krebszerstörende Zellen noch wirksamer macht. Monika Seynsche hat mit ihm unter anderem darüber gesprochen, um welche Zellen es da geht.

Das komplette Interview können Sie bis mindestens 9. September 2015 als Audio-on-Demand abrufen.

(Deutschlandfunk, 9.4.15, Heiko Bruns im Gespräch mit Monika Seynsche)

 

 

Verdauungstrakt: Aspirin könnte Leben mit Krebs verlängern

Bei einigen Tumoren im Verdauungstrakt könnte Aspirin helfen. Viele Patienten in einer Beobachtungsstudie lebten mit den Pillen deutlich länger. Doch Fragen bleiben - und Nebenwirkungen.

Wenig Bewegung, schlechte Ernährung, Alkoholkonsum und Rauchen. All das fördert das Risiko für Darmkrebs. Er ist mit jährlich etwa 62.000 Neuerkrankungen die dritthäufigste Tumorerkrankung in Deutschland. Doch viele Fälle ließen sich vermeiden. Studien weisen darauf hin, dass außer einem gesünderen Lebenswandel und regelmäßiger Vorsorge ein einfaches und günstiges Mittel große Bedeutung erlangen könnte: Aspirin.

In einer aktuellen Untersuchung verlängerten Schmerzmittel mit Acetylsalicylsäure, die unter anderem unter dem Handelsnamen Aspirin verkauft werden, die durchschnittliche Überlebensdauer von Patienten mit Tumoren im Verdauungstrakt deutlich. Das berichtete Martine Frouws, Doktorandin an der niederländischen Leiden-Universität, bei dem Europäischen Krebskongress in Wien.

Die Forschergruppe, in der sie arbeitet, hat Daten von gut 13.700 Patienten mit Krebs im Verdauungstrakt ausgewertet. Die meisten von ihnen hatten Darmkrebs, andere waren beispielsweise von Tumoren in der Speiseröhre betroffen.

Einige Patienten hatten außer der herkömmlichen Krebstherapie regelmäßig Aspirin geschluckt und es aufgrund der großen Menge und vergleichsweise hohen Dosierung verschrieben bekommen. Die Forscher kombinierten anschließend rückwirkend die Überlebensraten der Patienten mit den Verschreibungsdaten fürs Aspirin.

"Fünf Jahre nach der Diagnose haben 75 Prozent der Patienten, die Aspirin bekommen hatten, noch gelebt", so Frouws. In der Vergleichsgruppe ohne Aspirin waren es nur 42 Prozent. Anders formuliert: Unter durchschnittlich 100 Patienten überlebten mit Aspirin 33 mehr von ihnen die ersten fünf Jahre nach der Diagnose als von denen, die kein Aspirin einnahmen.

Effekte, die die Überlebensrate der Patienten außer dem Aspirin beeinflussen können, glichen die Forscher in der Statistik an. Dazu zählten Alter und Geschlecht der Patienten, Stadium der Erkrankung und sonstige Behandlungen wie Strahlen- oder Chemotherapie. Dennoch bleiben Unsicherheiten.

Jeder Tumor ist anders

Frouws und Kollegen vermuten, dass Aspirin die Tumorzellen indirekt durch seine gerinnungshemmende Wirkung schädigt. Aspirin stört die Funktion der Blutplättchen, mit deren Hilfe sich manche Tumoren vor dem Immunsystem verstecken. Funktionieren die Blutplättchen nicht richtig, kann der Körper sich besser gegen den Krebs zur Wehr setzen, so ihre Theorie.

Dies scheint zunächst plausibel, allerdings: "Aspirin wirkt sehr vielfältig auf die Blutblättchen", erklärt Mathias Heikenwälder, Leiter der Abteilung "Chronische Entzündung und Krebs" am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), der nicht an der Studie beteiligt war. "Der genaue Wirkmechanismus in den Krebspatienten bleibt damit völlig unklar."

Daraus ergibt sich ein entscheidendes Problem: Bei welchen Krebsarten oder gar Tumorvarianten das Mittel einen Vorteil bringt und welchen Patienten es helfen kann, lässt sich noch nicht sagen.

Frouws und Kollegen wollen nun versuchen, die Zielgruppe genauer einzugrenzen: "Die Eigenschaften der Tumoren in den Patienten, in denen Aspirin geholfen hat, könnten uns verraten, wer von solch einer Behandlung profitieren könnte", sagt die Forscherin. Gemeinsam mit Kollegen sucht sie Probanden für eine neue Aspirin-Studie mit gut 1500 Patienten, über 70 Jahre alt sind.

Nutzen gegen Nebenwirkungen

In den USA wird der Einsatz des Schmerzmittels gegen Darmkrebs bereits erwogen - allerdings als Prophylaxe. 2014 hatten US-Forscher eine Studie veröffentlicht, die nahehelegt, dass Aspirin manchen Darmkrebsarten vorbeugen kann. Nun hat die amerikanische Gesundheitsbehörde vorgeschlagen, das Mittel zur Krebsvorbeugung bei besonders gefährdeten Personen über 50 zu empfehlen.

Noch bis Mitte Oktober sammelt die Behörde Stimmen aus der Öffentlichkeit zu dem Vorstoß. Dabei gilt es, die Nebenwirkungen durch den Dauereinsatz von Aspirin und den potenziellen Nutzen abzuwägen. Die deutschen Fachgesellschaften lehnen den prophylaktischen Aspirin-Einsatz bislang ab, genau wie Heikenwälder.

"Die Nebenwirkungen des Medikamentes werden häufig unterschätzt", sagt er. Wird Aspirin in höheren Dosen über einen längeren Zeitraum eingenommen, können Blutungen im Magen oder Geschwüre entstehen. Zudem gebe es mit der Darmspiegelung eine alternative Möglichkeit, veränderte Zellen frühzeitig zu erkennen.

"Sinnvoll wäre aus meiner Sicht", sagt Heikenwälder, "den Wirkmechanismus von Aspirin auf die Tumoren noch genauer zu erforschen, auch was die Heterogenität der Tumoren betrifft, um dann passende Mittel zu entwickeln, die gezielt wirken und auf Dauer geringere Nebenwirkungen haben als Aspirin."

Zusammengefasst: Eine Beobachtungsstudie hat gezeigt, dass einige Patienten mit Tumoren im Verdauungstrakt eine größere Überlebenschance haben, wenn sie parallel zur herkömmlichen Therapie Aspirin schlucken. Allerdings ist noch unklar, bei welchen Tumoren genau die Behandlung nutzt und wie Aspirin den Krebs eindämmt. Experten warnen vor zu großer Euphorie und den Nebenwirkungen einer dauerhaften Aspirin-Einnahme.

So lief die Studie ab

Daten von 13.715 Patienten, die zwischen 1998 und 2011 die Diagnose "Krebs im Magen-Darm-Trakt" bekommen hatten, wurden ausgewertet. Die meisten Patienten (circa 43 Prozent) hatten einen Tumor im Kolon, einem Teil des Dickdarms. Am zweit- und dritthäufigsten waren Tumore im Mastdarm (bei 25 Prozent der Patienten) und in der Speiseröhre (gut 10 Prozent der Patienten).

Die Forscher glichen die Überlebensraten der Patienten mit Daten des niederländischen Forschungsinstituts Pharmo ab, das erfasst hatte, wie viel Aspirin jeder Patient nach der Diagnose verschrieben bekommen hatte. Zusätzlich berücksichtigten die Forscher Angaben der Patienten zur Einnahme von Aspirin vor der Diagnose. Die Entwicklung der Patienten wurde nach der Diagnose unterschiedlich lange nachverfolgt, im Median gut viereinhalb Jahre.

Die Ergebnisse

Nach Angabe der Forscher haben insgesamt etwa 30 Prozent der Patienten Aspirin bereits vor der Diagnose genommen und acht Prozent ausschließlich im Anschluss. Die Mehrheit (etwa 60 Prozent) nahm das Medikament nie.

Der Erfolg einer Krebstherapie wird üblicherweise in der Überlebensrate nach fünf Jahren angegeben. Von den Aspirin-Patienten, deren Entwicklung so lange verfolgt wurde, überlebten im Schnitt 75 von 100. Bei den Probanden der Kontrollgruppe waren es 42 von 100 Betroffenen. Den Einfluss von Geschlecht, Alter, Krebsstadium sowie Therapien (Operationen, Chemotherapie etc.) auf die Überlebenswahrscheinlichkeit der Patienten rechneten die Forscher aus ihrer Statistik heraus.

Das kann die Studie nicht

Der exakte Nutzen von Aspirin bei Tumoren im Verdauungstrakt lässt sich noch immer nicht genau abschätzen. Es bleibt unklar, auf welche Krebsarten und Tumorvarianten das Schmerzmittel wirkt und auf welche Weise.

Wie viele der Patienten genau bis fünf Jahre nach der Diagnose begleitet wurden, geht aus den bisher veröffentlichten Daten nicht hervor. Bisher wurde die Studie nicht in einem Fachmagazin publiziert, eine Qualitätskontrolle durch Fachleute fehlt deshalb noch. Die Reaktionen auf dem Krebs-Kongress in Wien waren aber positiv.

Unsicherheiten ergeben sich, wie bei allen Beobachtungsstudien, auch daraus, dass Faktoren, die in der Studie nicht berücksichtigt wurden, das Ergebnis erklären könnten. So ist etwa unklar, warum die Patienten Aspirin genommen haben. Denkbar wäre beispielsweise, dass Patienten mit entsprechenden Symptomen generell eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben.

Wer hat’s bezahlt?

Das Projekt wurde vom Medical Centre der Universität Leiden finanziert.

 (Spiegel online, 29.9.15, Julia Merlot)

 

 

Neuroblastome

Diclofenac gegen Krebs

Diclofenac gehört als entzündungshemmendes und schmerzlinderndes Mittel zu den am häufigsten verwendeten nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAID). Gemeinsam mit anderen Vertretern der Wirkstoffgruppe wird das Medikament immer wieder mit der Prävention von Krebserkrankungen in Verbindung gebracht.

Tatsächlich gibt es Hinweise aus präklinischen Studien und Fallberichten, dass durch die Hemmung der Cyclooxygenase (COX) durch Diclofenac oder Acetylsalicylsäure (ASS) die Entstehung von Tumoren verhindert werden kann. Im vergangenen Jahr startete eine groß angelegte Studie mit mehr als 11.000 Teilnehmern, in der die präventive Wirkung von ASS in der Krebsbehandlung klinisch bestätigt werden soll.

Für eine Wirksamkeit bei bereits erkrankten Patienten fehlen bislang allerdings für beide Moleküle handfeste Belege Das Wissen um den Wirkmechanismus von Diclofenac ist dabei noch immer relativ vage. Zwar sind seine schmerz- entzündungshemmenden Eigenschaften durch die COX-Hemmung gut bekannt. Wissenschaftler vermuten aber, dass der Wirkstoff über weitere Mechanismen in die Angiogenese von Tumorzellen eingreifen und das Immunsystem beeinflussen könnte.

Vereinzelte Hinweise auf eine tumorhemmende Wirkung waren Anlass für die Forscher des „Repurposing Drugs for Onclology Project“ (RDOP), sich das Molekül genauer anzusehen. Die Wissenschaftler aus den USA, Belgien und Großbritannien haben es sich zur Aufgabe gemacht, bereits bekannte Arzneimittel auf zytostatische Eigenschaften zu untersuchen. Wenn bekannte und bereits gut untersuchte Wirkstoffe für neue Indikationen genutzt werden können, könnten teure präklinische Untersuchungen gespart werden, so die Überlegung. Auch die Herstellung der Wirkstoffe ist einfach und kostengünstig – ein großer Vorteil gegenüber den neuen, oft aufwändig zu produzierenden Onkologika.

Die Forscher führten eine gezielte Literaturrecherche durch und suchten nach Daten aus Labor- und Tierversuchen, in denen Diclofenac einen Einfluss auf das Wachstum von Tumorzellen gezeigt hatte. Dabei stießen sie auf überraschend viele Ergebnisse: Mehr als 20 Studien trugen die Wissenschaftler zusammen, in denen Diclofenac sowohl als Einzelsubstanz als auch in Kombination mit anderen Wirkstoffen, getestet worden war, in unterschiedlichen Krebsarten. Auch einige Fallstudien mit Krebspatienten flossen in die Analyse ein.

Alle untersuchten Studien zeigten ähnliche Ergebnisse: Diclofenac trägt effektiv zu einer Tumorhemmung bei. Der Wirkmechanismus scheint dabei vielfältiger zu sein als von anderen NSAID, für die eine Wirkung zur Krebsprävention vermutet wird: Zum einen inhibiert Diclofenac die Aktivitäten der COX-1 und COX-2, deren potenziell tumorfördernde Wirkung bekannt ist. Darüber hinaus scheint es auch COX-unabhängige Effekte zu geben. So wurde in mehreren Studien eine Apoptose-induzierende Wirkung des Mittels beobachtet, andere Untersuchungen zeigten eine Wirkung auf den Glucose-Metabolismus in einigen Krebszelllinien, die zum Absterben der Tumorzellen führten.

Besonders stark zeigte sich Diclofenac in Untersuchungen mit Neuroblastomzellen. Neuroblastome sind eine der häufigsten Krebsarten bei Kindern und ein wichtiges Ziel für die Entwicklung neuer Wirkstoffe. In Tierversuchen zeigte sich nach einer zweitätigen Gabe des NSAID eine signifikante Reduktion der Tumorzellen.

In Kombination mit bereits etablierten Krebsmitteln konnte das Antirheumatikum die tumorhemmenden Effekte unter anderem in Darm-, Eierstock- und Pankreas-Krebszellen deutlich verstärken.

Nach ihrer Analyse der präklinischen Tests drängen die Autoren darauf, den Wirkstoff in klinische Studien zu testen, und zwar mindestens als Zusatzbehandlung zu etablierten Chemotherapeutika. Erste Studien haben bereits begonnen: So wird derzeit die orale Gabe von Diclofenac in einer festen Kombination mit Cimetidin, Sulfasalazin und Cyclophosphamid zur Behandlung von Prostata- und Pankreaskrebs untersucht.

(www.apotheke-dahoc.de, 25.1.16, Dr. Kerstin Neumann)


 

 

Die guten Gegenspieler bei Krebs

Hanfpflanzen besitzen Substanzen, die ein bei Tumoren aktives Protein blockieren können

Der Hedgehog-Signalweg reguliert viele wichtige Vorgänge während der Entwicklung eines Lebewesens. Bei Insekten etwa steuert er die Einteilung in Segmente, bei Wirbeltieren sorgt er für die Orientierung an einer symmetrischen Rechts-Links-Achse und spielt – auch im ausgewachsenen Organismus – eine wichtige Rolle bei der Regeneration von Gewebe. Das Protein Hedgehog gibt dabei Signale über ein weiteres Protein mit dem Namen Smoothened weiter. Auffallend ist, dass eine sehr hohe Aktivität von Smoothened zu Tumoren führen kann und in einige Krebsarten involviert ist. Es gibt körpereigene Substanzen, die diese Signalkette blockieren können, bisher waren diese Moleküle aber kaum erforscht. Wissenschaftlern am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik ist es nun mit biochemischen Methoden gelungen, die hemmenden Substanzen genau zu identifizieren: Es handelt sich dabei um sogenannte Endocannabinoide. Als zukünftiges Therapieprinzip könnten diese Stoffe gezielt als Gegenspieler zu Smoothened eingesetzt werden. In unserem Körper imitieren sie die Effekte, die auch Cannabinoide hervorrufen – diese Stoffe kommen in der Natur in der Hanfpflanze Cannabis vor.
So wichtig das Protein Hedgehog während der embryonalen Entwicklung auch ist, so problematisch kann es in ausgewachsenen Organismen werden. Dann nämlich ist es wichtig für die Regeneration von Gewebe, wirkt dazu aber in einer sehr kontrollierten Weise. Das kann außer Kontrolle geraten: Bei einigen Tumorarten, wie etwa bestimmten Hautkrebs- und Hirntumorarten, zeigt sich eine extrem hohe Aktivität des Proteins Smoothened. Schon länger sieht man deshalb in der klinischen Forschung eine Manipulation der Aktivität dieses Proteins als einen vielversprechenden Ansatz. Unser Körper scheint entsprechende Moleküle zu produzieren, die die problematische Wirkung von Smoothened in der Regel wirkungsvoll unterbinden können – was sie aber genau sind und wie sie funktionieren, das war bisher völlig unklar.
Das Labor von Suzanne Eaton hat die Substanzen nun genau identifiziert. Erste Versuche in Fliegen gaben Hinweise darauf, dass die gesuchten Verbindungen in Lipoprotein-Partikeln existieren. Dazu züchteten die Forscher Gewebe aus menschlichen Zellen, und spalteten die enthaltenen Lipide in einem Massenspektrometer in ihre Bestandteile auf. Es zeigte sich: Die Substanzen, die das Protein Smoothened blockieren können, sind Endocannabinoide. Sie wirken auf die gleiche Weise wie Cannabinoide, die bisher ausschließlich in der Hanfpflanze nachgewiesen werden konnten. Beide Substanzen verrichten über andere Rezeptoren noch viele weitere Aufgaben. Des Weiteren konnten die Dresdner Forscher zeigen, dass dieser Mechanismus nicht nur in Fruchtfliegen vorkommt, sondern auch in höheren Entwicklungsstufen, sogar in Säugetieren, also auch dem Menschen, und dort identisch wirkt.

Kiffen gegen Krebs?

Das Potential von Marihuana als Arzneimittel speziell in der Krebstherapie wird schon länger erforscht, allerdings waren bisher keine positiven Effekte von Cannabis bei Krebserkrankungen belegbar. „Unsere Ergebnisse bedeuten nicht automatisch, dass der Konsum von Marihuana gut gegen Krebs sein muss“, so Suzanne Eaton, die an dem Dresdner Institut eine Forschungsgruppe leitet. Eher weist sie darauf hin, dass der Hedgehog-Signalweg in Säugetieren auch bei der Heilung und beim Nachwachsen von Gewebe der Leber oder der Haut entscheidend ist – diese wichtigen Funktionen könnten durch Marihuana-Konsum ebenfalls gestört werden.
Eaton sieht es eher so, dass ihr Team mit den Endocannabinoiden einen vielversprechenden Ansatz für neue Therapiemöglichkeiten entdeckt hat. Es gibt bereits Medikamente, die an Smoothened ansetzen: „Das Problem ist, dass sie nur gegen manche Tumorarten gut wirken, gegen andere gar nicht, und dass Tumore oft eine Resistenz entwickeln“. Die jetzt identifizierten Substanzen könnten als ein weiterer, leicht anderer Weg dienen, um die Aktivität von Smoothened zu heilenden Zwecken gezielt zu steuern.
Das Signalprotein Hedgehog treibt die Forscher um Suzanne Eaton schon länger um. Erst vor kurzem etwa konnten sie zeigen, wie es von Fruchtfliegen genutzt wird, um bei Nahrungsknappheit ihr Wachstum zu bremsen und die Entwicklung zu verzögern. Zudem fanden sie heraus, dass Hedgehog weite Strecken zwischen Organen zurücklegen kann.

(Max-Planck-Gesellschaft, mpg.de, 3.3.2015, FF/HR)

 

US-Gesundheitsministerium bestätigt

Studien zeigen: Cannabis tötet Krebszellen

Gute Nachrichten aus der Krebsforschung: Cannabis lindert offenbar nicht nur die Schmerzen von Krebspatienten durch Krankheit und Behandlung, sondern kann auch direkt zur Heilung beitragen.

In verschiedenen Studien haben Forscher gezeigt, dass Cannabinoide, medizinisch wirksame Substanzen aus der Pflanze, Krebszellen zerstören können.

Das US-Gesundheitsministerium hat auf seiner Informationswebsite zu Krebserkrankungen offiziell bestätigt, dass sich der Konsum von Cannabis positiv auf die Heilung von Krebs auswirken kann.

„Unter Laborbedingungen konnte gezeigt werden, dass Cannabis Krebszellen abtötet“, heißt es dort. Besonders hoffnungsvolle Ergebnisse hätten Studien für Leber- und Brustkrebs erbracht. Die Forscher betonen allerdings, dass die Tests bisher nur an Mäusen durchgeführt wurden. Bis ein Medikament für Krebspatienten entwickelt werden kann, sind noch zahlreiche Untersuchungen notwendig.

(Focus, 3.1.16)

 

 

 

Asthma, Krebstumore oder MS:

Bei welchen Krankheiten Cannabis hilft

Marihuana aus der Apotheke: Diese Krankheiten lindert Cannabis

Der deutsche Bundestag hat diese Woche ein Gesetz verabschiedet, dass schwer kranken Menschen den Zugang zu Cannabis als Medikament erleichtert. Für betroffene Patienten ist das Marihuana in der Apotheke erhältlich, die Kosten übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung. Doch gegen welche Krankheiten ist das Rauschmittel überhaupt wirksam?

Leichterer Zugang zu Marihuana

Zwar ist der Konsum, Anbau, Besitz oder Handel von beziehungsweise mit Marihuana in vielen Staaten illegal, doch zu medizinischen Zwecken darf das Rauschmittel in manchen Ländern schon seit längerem konsumiert werden. Nun verabschiedete der Bundestag ein Gesetz, das schwer kranken Menschen erleichtert, Cannabis als Medizin zu erhalten. „Bei schweren Erkrankungen wie chronischen Schmerzen oder Multiple Sklerose kann Cannabis als Medizin helfen, Symptome zu lindern“, erklärte die Parlamentarische Staatssekretärin Ingrid Fischbach. Es gibt in der Tat eine Reihe von Krankheiten, gegen die Marihuana helfen kann.

Cannabis als Medizin

Schon vor der Verabschiedung des Gesetzes wurde Cannabis in Deutschland zu medizinischen Zwecken eingesetzt. So durften Ende letzten Jahres über Tausend schwer Kranke Marihuana zur Therapie kaufen.

Das neue Gesetz, das die vollständige Kostenübernahme der Krankenversicherungen vorsieht, war lange umstritten. So hatten sich etwa Ärzte in Deutschland gegen freies Marihuana auf Krankenschein ausgesprochen.

Doch nun ist es endlich verabschiedet. „Schwerkranke Menschen müssen bestmöglich versorgt werden. Dazu gehört, dass die Kosten für Cannabis als Medizin für Schwerkranke von ihrer Krankenkasse übernommen werden, wenn ihnen nicht anders wirksam geholfen werden kann“, sagte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe.

Gegen verschiedene Krankheiten wirksam

Schon seit 2011 durften in Deutschland Fertigarzneimittel auf Cannabisbasis hergestellt und zudem über Betäubungsmittelrezept von Ärzten verschrieben werden.

Der Deutsche Hanfverband schreibt auf seiner Webseite: „Die fünf häufigsten Diagnosen, wegen denen deutsche Patienten eine Ausnahmegenehmigung zum Kauf und Besitz von medizinischem Cannabis erhalten, sind chronische Schmerzen, Multiple Sklerose, ADHS, Tourette-Syndrom und depressive Störungen.

Da künftig mehr Menschen Marihuana aus der Apotheke beziehen können, ist es sinnvoll zu wissen, gegen welche Krankheiten der Wirkstoff sonst noch eingesetzt werden kann.

Entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung

Bekannt ist, dass vor allem zwei Inhaltsstoffe im Cannabis Wirkung zeigen. Zum einen das Delta-9-Tetrahydrocannabinol, besser bekannt als THC, das auch berauscht. Und Cannabidiol (CBD), dem eine entzündungshemmende und schmerzlindernde Wirkung nachgesagt wird.

Die Cannabisblüten werden geraucht, die Wirkstoff gibt es jedoch auch als Flüssigextrakt oder in Kapselform. Marihuana als Medizin kann auch Nebenwirkungen verursachen. Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit, kardiovaskuläre Effekte, psychische Effekte und Toleranzentwicklung gegenüber Nebenwirkungen sind einige, die der Deutsche Hanfverband in einem Ratgeber auflistet.

Außerdem senkt regelmäßiger Cannabis-Konsum die Knochendichte, wie schottische Wissenschaftler berichteten.

Nicht mit Tabak rauchen

Neben der Behandlung von chronischen Schmerzen, von spastischen Lähmungen und Krämpfen bei Multipler Sklerose (MS), wird Marihuana unter anderem auch bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen wie Arthritis eingesetzt.

Auch die Wirkung gegen Beschwerden wie Übelkeit und Erbrechen ist wissenschaftlich belegt. Außerdem soll Cannabis hilfreich gegen Migräne sein und dazu beitragen einen Alzheimer-Ausbruch zu verhindern.

Bekannt ist zudem, dass Cannabis die Bronchien erweitert und somit die Atmung von Asthma-Patienten verbessern kann. Dafür sollte das Rauschmittel nicht mit Tabak als Joint geraucht werden.

Appetitanregender Effekt

Des Weiteren können durch die beruhigende Wirkung von Cannabis auch die spontanen, impulshaften Tics von Tourette-Patienten weniger werden.

Studien haben auch gezeigt, dass der Wirkstoff Cannabidiol den Augeninnendruck senken kann und so das Risiko für Grünen Star (Glaukom) reduziert.

Hilfreich kann außerdem der appetitanregende Effekt von Marihuana sein, denn Menschen, die Krebs mittels Chemo- und Strahlentherapie bekämpfen, leiden oftmals an Appetitlosigkeit. Für diese Patienten erwies sich Cannabis ebenfalls in der Vergangenheit als hilfreich.

Eine positive Wirkung stellt sich auch bei Aids ein, in dessen Verlauf Betroffene dazu tendieren abzumagern, keinen Appetit haben und unter Schmerzen und Übelkeit leiden.

Darüber hinaus hilft Cannabis Patienten bei vielen weiteren Erkrankungen, wobei die Wirksamkeit bislang nicht in allen Fällen eindeutig wissenschaftlich belegt ist.

(Heilpraxis.net, 23.1.17, ad)

 

 

 

Cannabis-Urteil

Krebs und Rheuma - Bei diesen Krankheiten hilft Cannabis

Appetitanregend, schmerzlindernd und krampflösend - Mediziner setzen Cannabis für die Therapie vieler Erkrankungen ein. Nicht immer ist der medizinische Nutzen eindeutig belegt. Ein Überblick.
In Einzelfällen können Schmerzpatienten in Deutschland darauf hoffen, künftig Cannabis zu Therapiezwecken selbst anzubauen. Laut einem Urteil des Verwaltungsgerichts Köln soll sich das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) erneut mit entsprechenden Anträgen zum Eigenanbau der Droge befassen. Einigen Substanzen im Marihuana wird eine medizinische Wirkung zugeschrieben – etwa bei starken Schmerzen oder Krebs.
Cannabis wird unter anderem zur Behandlung eingesetzt von:
- chronischen Schmerzen,
- Nervenschmerzen
- bei grünem Star (Glaukom) zur Reduzierung des Augeninnendrucks
- bei ADHS und dem Tourette-Syndrom.
Verwendet wird Hanf auch gegen Übelkeit und zur Appetitsteigerung:
- bei Krebs- und Aidspatienten
- bei Rheuma sowie
- bei spastischen Schmerzen bei Multipler Sklerose.

Inhaltsstoffe gelten als schmerzlindernd und entzündungshemmend

Die beiden wichtigsten Inhaltsstoffe sind Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Ihnen wird unter anderem eine schmerzlindernde, entzündungshemmende, appetitanregende und krampflösende Wirkung zugeschrieben. Nicht immer ist der medizinische Nutzen eindeutig belegt. Es gibt viele positive Beobachtungen, allerdings oft noch zu wenige aussagekräftige Studien.
Seit Mai 2011 dürfen zugelassene Fertigarzneimittel auf Cannabis-Basis auch in Deutschland hergestellt und von Ärzten auf Betäubungsmittel-Rezept verschrieben werden. Bisher ist mit Sativex lediglich ein Extrakt aus Cannabis sativa – so der lateinische Name für die Hanfpflanze – zugelassen, und zwar für Patienten, die an Multipler Sklerose erkrankt sind und an schweren spastischen Lähmungen und Krämpfen leiden.

Patienten müssen die Kosten bislang selbst tragen

Das Mittel kann auch außerhalb der zugelassenen Indikationen verschrieben werden. Zudem können Patienten im Ausland zugelassene Fertigarzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol und Nabilon verschrieben bekommen. Für die Kosten müssen sie in der Regel dann aber selbst aufkommen.
Alternativ können Patienten bei der Bundesopiumstelle am Bfarm eine Ausnahmeerlaubnis zum Erwerb von Cannabisblüten oder -extrakten "im Rahmen einer medizinisch betreuten und begleiteten Selbsttherapie" beantragen. Das Cannabiskraut wird dann von einem niederländischen Unternehmen an eine bestimmte Apotheke in Deutschland geliefert.

Nur wenige Patienten haben bislang Ausnahmeerlaubnis

Derzeit verfügen um die 200 Patienten über eine solche Ausnahmeerlaubnis. Dazu gehören auch die Kläger am Verwaltungsgericht Köln. Die Patienten müssen für die Cannabisblüten monatlich allerdings etwa 300 bis 600 Euro bezahlen. Kritiker monieren, dass sich viele Betroffene Cannabis daher nicht leisten könnten und gezwungen seien, das Marihuana auf dem Schwarzmarkt zu besorgen.
Schätzungen zufolge erhalten in Deutschland weniger als 4000 Patienten eine Behandlung mit Cannabisextrakten, Cannabisblüten oder einzelnen Cannabinoiden, also Mittel auf Cannabisbasis.

(© Berliner Morgenpost 22.07.2014 - Alle Rechte vorbehalten)

 

 

Neuer Therapieansatz für Knochenkrebs

Knochenfresszellen sind bei Osteosarkompatienten hyperaktiv – das Protein RANK-Ligand könnte ein neues Angriffsziel für die Behandlung sein

Die Hemmung jenes Faktors, der zum Ausreifen von Knochenfresszellen führt, könnte ein Therapieansatz beim gefährlichen Osteosarkom darstellen. Das hat ein internationales Wissenschafterteam mit österreichischer Beteiligung herausgefunden. Die Ergebnisse wurden in Science Translational Medicine publiziert.

Die Wissenschafter, federführend waren Forscher vom Princess Margaret Cancer Centre in Toronto in Kanada, beschäftigten sich mit der häufigsten Form von Knochenkrebs, dem Osteosarkom, das speziell im Kindes- und Jugendalter auftritt. Sie züchteten genetisch veränderte Mäuse, welche an solchen Sarkomen erkranken.

Protein ausschalten

In einer Reihe von Experimenten konnten sie belegen, dass die Krankheit auch mit einer Hyperaktivität von Knochenfresszellen verbunden ist. Ein wesentlicher Faktor ist dabei das RANK-Liganden-Protein (RANKL). Bei Ausschaltung von RANKL hingegen zeigte sich eine Verzögerung des Krankheitsausbruches und eine Verlängerung der Überlebenszeit der Versuchstiere.

Die Studie mit dem Leiter des Instituts für Molekulare Biotechnologie (IMBA), Josef Penninger, als Co-Autor zeige, dass die Blockade von RANKL im Prinzip einen Behandlungsansatz darstellen könnte, stellten die Fachleute fest. Derzeit sind bereits klinische Studien mit dem monoklonalen Antikörper Denosumab im Anlaufen, der seit einiger Zeit vor allem zur Behandlung der Osteoporose eingesetzt wird und bei Brustkrebs ebenfalls eine Wirkung besitzt.

Originalstudie: RANKL blockade prevents and treats aggressive osteosarcomas

(Der Standard/Wien, 10.12.15, APA)

 

 

Neue Therapieoptionen bei Krebs in Lunge und Dünndarm: neuroendokrine Tumore besser behandelbar

Neuroendokrine Tumoren sind seltene Wucherungen, die aus hormonbildenden Zellen hervorgehen und zum Teil Hormone produzieren und in den Blutkreislauf abgeben. Etwa fünf Menschen von 100 000 erkranken in Deutschland jährlich daran. Die Geschwulste/Tumoren wachsen langsam und treten vor allem im Magen, Dünndarm, Dickdarm, Wurmfortsatz oder Lunge auf. Professor Dr. med. Matthias M. Weber, Mediensprecher der DGE und Leiter des Endokrinen und Neuroendokrinen Tumorzentrums von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, erklärt: „Ein Großteil der neuroendokrinen Zellen befinden sich im Magen-Darm-Trakt oder der Lunge. Daher entstehen dort auch die meisten NET.“

Von der neuen, zielgerichteten Therapie profitieren nun vor allem auch Patienten mit fortgeschrittenen, nicht mehr operativ zu entfernenden NET des Magen-Darm-Trakts, bei welchen bisher lediglich eine Behandlung mit Depotpräparaten des wachstumshemmenden Hormons Somatostatin zugelassen war, erklärt Weber. Die neuen Medikamente machten sich besondere biologische Eigenschaften des Tumors zunutze. „Die Substanz Everolimus etwa blockiert eine zentrale Schaltstelle in der Tumorzelle, die für Zellteilung und Zellwachstum zuständig ist“, so Weber. In der randomisierten, doppelblinden, multizentrischen Phase III-Studie „RADIANT-4“ hatten Wissenschaftler 302 Patienten mit fortgeschrittenem neuroendokrinen Tumoren des Gastrointestinaltrakts oder der Lunge mit Everolimus behandelt. Die Ergebnisse, die in Wien auf dem europäischen Krebskongress vorgestellt wurden, seien sehr überzeugend, so der DGE-Mediensprecher. Das „progressionsfreie“ Überleben, also das Überleben ohne ein Fortschreiten der Erkrankung, lag bei der Everolimus-Gruppe bei elf Monaten verglichen mit 3,9 Monaten bei der Placebo-Gruppe.

Mit der sogenannten Peptid-Radiorezeptortherapie (PRRT) gelingt es Ärzten zudem, die Tumorzelle auch von Innen heraus zu bestrahlen. „Auf der Oberfläche der Tumorzellen sitzen Rezeptoren“, erklärt Weber. Die Bindungsstellen für das Hormon Somatostatin nutzt das Medikament als Andockstelle. „Das Radionuklid ist mit einem Somatostatin-Analogon verbunden“, sagt Weber. Es dockt so an den Rezeptor an und bestrahlt zielgerichtet unmittelbar die Zellen des Tumors. In der NETTER-1 Studie, an der 230 Patienten teilnahmen, konnten Forscher aus Europa und den USA nun erstmals eindeutig zeigen, dass die Radiorezeptortherapie mit 177Lu-DOTATATE bei Patienten mit einem fortschreitenden NET des Dünndarms gegenüber der reinen Gabe von hochdosierten Somatostatin-Analoga das progressionsfreie Überleben der Patienten signifikant erhöht. Dabei bewirkte die PRRT bei 19 Prozent der Patienten eine deutliche Tumorverkleinerung und reduzierte das Risiko für ein Fortschreiten des Tumors im Vergleich zur reinen medikamentösen Behandlungsgruppe um fast 80 Prozent. „Das stellt diese bisher nur in einigen großen europäischen Zentren verfügbare Therapie auf eine sehr gute wissenschaftliche Evidenzlage“, so der NET-Experte.

Professor Weber fasst zusammen: „Beide Behandlungen waren eindeutig wachstumshemmend und werden wahrscheinlich zu einer baldigen Zulassung für diese Therapien führen. Damit schließt sich eine therapeutische Lücke. Wir können jetzt Patienten mit NET des Dünndarms und der Lunge, die nicht operiert werden können, besser behandeln.“

(medizin-aspekte.de, idw 2015/10|2. Oktober 2015, arnold@medizinkommunikation.org)

 

 

 

Neue Ansatzpunkte für zielgerichtete Tumortherapie

Wissenschaftler aus Köln haben durch die molekulare Charakterisierung von Tumorzellen einen neuen therapeutischen Ansatz für die Behandlung von Tumorpatienten entwickelt.

KÖLN. Wissenschaftler um Professor Christian Reinhardt von der Uniklinik Köln und des Exzellenzclusters CECAD haben durch die molekulare Charakterisierung von Tumorzellen einen neuen therapeutischen Ansatz für die Behandlung von Tumorpatienten entwickelt. Das teilt die Universität zu Köln mit.

"Diese neuen Erkenntnisse bieten einen neuartigen molekularen Ansatzpunkt, um genetisch definierte Tumore in der Zukunft effektiver zu behandeln" wird Studienleiter Reinhardt in der Mitteilung zitiert. An der Studie haben Forscher aus Deutschland, Dänemark und England mitgearbeitet.

Reinhardt leitet an der Klinik I für Innere Medizin der Uniklinik Köln eine Arbeitsgruppe, deren Forschung maßgeblich durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Deutsche Krebshilfe und die Volkswagenstiftung gefördert wird.

Beschleunigte Zellvermehrung

Das Wissenschaftlerteam hat mit Hilfe eines neuen Screening-Verfahrens die Effektivität verschiedener Substanzen, insbesondere neuer Substanzkombinationen getestet (Cell 2015; 162(1): 146-159). Die Ergebnisanalyse ergab, dass vor allem Tumorzellen und Tumore mit einer Mutation im sogenannten KRAS-Gen eine Abhängigkeit von zwei bestimmten Enzymen (Chk1 und MK2) zeigen.

Das KRAS-Gen ist eines der am häufigsten mutierten Gene in menschlichen Tumorerkrankungen. So ist KRAS in fast allen Tumoren der Bauchspeicheldrüse, sowie in zirka einem Drittel aller Bronchial- und Dickdarmtumoren mutiert.

Eine detaillierte Analyse ergab, dass KRAS-Mutationen zu einem massiv gesteigerten Zellwachstum führen. Diese beschleunigte Zellvermehrung der Tumorzellen führt zu Problemen: So ist die Verdopplung der DNA, die Tumorzellen vor einer jeden Zellteilung durchführen müssen, unter den beschleunigten Wachstumsbedingungen nur erschwert möglich.

Die neuen Daten der Kölner Forscher zeigen, dass KRAS-mutierte Tumorzellen zur fehlerfreien Verdopplung ihrer DNA auf die Funktion der Enzyme MK2 und Chk1 angewiesen sind, heißt es in der Mitteilung. Diese Abhängigkeit unterscheidet KRAS-mutierte Tumorzellen von gesundem Gewebe, das weitestgehend ohne die Funktion der Enzyme MK2 und Chk1 auskommt.

Genau an diesem Unterschied zwischen Tumorzellen und normalen Zellen setzt die neue Therapiestrategie an. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass Tumorzellen und Tumore mit KRAS-Mutationen sehr gut auf eine Kombinationstherapie mit Chk1- und MK2-Hemmstoffen ansprachen. Die Kombinationstherapie wurde vom Normalgewebe nebenwirkungsarm toleriert.

Konzept bei KRAS-Mutation

Genauer betrachtet sind die Chk1- und MK2-Enzyme Proteinkinasen. Diese spezifische Enzymgruppe sei in den letzten zehn Jahren vermehrt in den Fokus von großen Pharmafirmen gerückt, so die Uni Köln. Enzyme sind pharmakologisch potenziell hemmbar und bieten daher Optionen für die Entwicklung neuer Therapeutika.

Eine kombinierte pharmakologische Hemmung von Chk1 und MK2 ist eine therapeutische Strategie, mit der speziell KRAS-mutierte Tumoren behandeln werden könnten.

"Diese Chk1/MK2 Hemmung kann speziell gegen KRAS-mutierte Krebszellen wirken, während normales Gewebe geschont bleibt, da in den gesunden Zellen das KRAS-Gen nicht mutiert ist", beschreibt Dr. Felix Dietlein, Erstautor der Publikation, das therapeutische Konzept.

Professor Michael Hallek, Leiter der Klinik I für Innere Medizin an der Uniklinik Köln, hält das neue therapeutische Konzept für sehr vielversprechend: "MK2 ist eine Proteinkinase, die schon seit längerer Zeit genau untersucht wird, denn die Funktion dieses Proteins scheint ebenfalls eine Rolle bei der Entwicklung rheumatischer Erkrankungen zu spielen.

Auch die Proteinkinase Chk1 wurde in den letzten Jahren intensiv betrachtet, und es finden aktuell bereits erste klinische Untersuchungen mit verschiedenen Chk1-Inhibitoren statt.

Diese faszinierenden neuen Daten geben den behandelnden Ärzten in naher Zukunft möglicherweise ein Werkzeug an die Hand, mit dessen Hilfe KRAS-mutierte Tumoren effektiv behandelt werden können", so Hallek. Aktuell liegt noch keine Zulassung der MK2-Hemmer vor, aber es wird schon seit einiger Zeit an der Entwicklung solcher Medikamente geforscht.

Die Arbeiten an diesem Projekt wurden durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Deutsche Krebshilfe und die Volkswagenstiftung maßgeblich gefördert.

(Ärzte-Zeitung online, 5.8.15, eb)

 

 

 

Der Einfluss der Gene auf Krebs und seine Therapie

Wenn Mediziner bei einer Tumorerkrankung von einer "ungünstigen Prognose" sprechen, überbringen sie damit in der Regel eine schlimme Nachricht. Im Fall des Ovarialkarzinoms, wie im Ärztedeutsch eine Krebserkrankung der Eierstöcke bezeichnet wird, ist das leider oft der Fall. Weil sich ein Tumor der Eierstöcke zu Beginn kaum bemerkbar macht, werden drei von vier Ovarialkarzinomen erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Nur vier von zehn Patientinnen, zeigt die Statistik des Robert-Koch-Instituts, leben fünf Jahre nach der Diagnose noch.

In diesem Sommer wird nun in Europa ein Medikament in den Handel kommen, das die Chancen eines Teils der Patientinnen deutlich verbessern soll. Wobei Professor Wolfram Henn, Leiter der genetischen Beratungsstelle der Universitätsklinik des Saarlands in Homburg, in diesem Satz zwei Vokabeln betont: "eines Teils". Profitieren können vom Olaparib genannten Wirkstoff allein Frauen, deren Tumorgewebe typische Veränderungen - Mediziner sprechen von Mutationen - in den Genen BRCA-1 oder -2 zeigt. Doch der Gentest, der das klären soll, kann, falls er für eine Patientin diese positive Nachricht bringt, in ihrer Verwandtschaft einen Schock auslösen. Der Arzt, der einer 60-jährigen Frau sagt, dass sie von der neuen Behandlung profitieren kann, unterrichtet sie damit auch darüber, dass in ihrer Familie das Risiko für erblichen Brust- und Eierstockkrebs erhöht ist. BRCA-1 und -2 sind die bekanntesten Hochrisiko-Gene der erblichen Form des Brust- und des Eierstockkrebses. Hat ein Elternteil eine mutierte Form eines BRCA-Gens in seinen Körperzellen, beträgt die Wahrscheinlichkeit eines Kindes, diese Genveränderung zu erben, 50 Prozent.

Der Gentest weist auf diese Möglichkeit hin - nicht mehr und nicht weniger. Die Patientin kann die Mutation von ihren Eltern ererbt haben, dann ist sie erblich - sie kann aber auch erst in den Krebszellen entstanden sein, dann kann sie nicht weitergegeben werden. Diesen komplizierten Sachverhalt muss der Arzt vor dem Test erläutert haben, damit die Patientin und ihre Familie sein Ergebnis richtig interpretieren können und auch vorher wissen, was für sie dabei auf dem Spiel steht, so Wolfram Henn.

Das Beispiel zeigt, wie viel Sensibilität und Mitgefühl im Umgang mit den modernen Errungenschaften der Humangenetik vonnöten ist. Ein Thema, bei dem der optimistisch gestimmte Genetiker der Saar-Universität ("Wir können viel Gutes mit dieser Technologie tun") ins Grübeln gerät. Denn er sieht das Risiko eines "technologischen Dammbruchs" bei den Verfahren der Genanalyse und die Gefahr, dass schon in nächster Zukunft eine Flut missverständlicher genetischer Informationen über ein völlig unvorbereitetes Publikum hereinbricht.

Die erste Komplettanalyse des menschlichen Erbguts begann im Jahr 1990. Rund 1000 Forscher arbeiteten über eineinhalb Jahrzehnte an diesem Milliardenprojekt. Heute kostet ein Gentest, der auf Mutationen in den BRCA-Genen zielt, unter 5000 Euro. Das Ergebnis liegt binnen weniger Wochen vor, so Wolfram Henn. Dabei gehört dieser Test, der bei Risikopatienten von den Krankenkassen bezahlt wird, längst zum alten Eisen. Es gibt unter dem Stichwort "Next Generation Sequencing" mittlerweile Verfahren (Multi-Gen-Panels), die fürs gleiche Geld bis zu 100 Gene analysieren - häufig allerdings mit unklaren und damit beunruhigenden Ergebnissen. Technisch, so der Professor der Saar-Universität, ist es auch kein Problem mehr, das komplette Exom eines Menschen - das ist der kleine Teil des Erbguts, den die Körperzellen für die Produktion von Proteinen nutzen - auf einen Rutsch komplett zu analysieren. Den absehbaren Endpunkt der Entwicklung, so Henn, bilden Nano-Verfahren, die das vollständige Erbmaterial eines Menschen in einem Gerät von der Größe eines Smartphones für 100 Euro aufzeichnen. Gibt's Genanalysen demnächst vom Biotech-Discounter? Dem Humangenetiker graut es vor den rechtlichen Problemen mit der neuen Technik. "Der größte Anbieter von Multi-Gen-Panels sitzt heute in China. Wie sollen da die strengen Standards des deutschen Datenschutzes durchgesetzt werden", fragt der stellvertretende Vorsitzende der Ethikkommission der Bundesärztekammer.

Zusätzlich gibt es eine Reihe medizinischer Fragen, die Henn umtreiben. Die Forschung könne schon heute mit dem Tempo der technologischen Entwicklung kaum mehr Schritt halten. "Früher", so Henn, "hatten wir tausend Fragen, bekamen aber nur wenige Antworten. Heute bekommen wir tausende Antworten und müssen uns dazu die passenden Fragen überlegen." Allein bei den beiden wichtigsten BRCA-Genen seien mittlerweile mehrere tausend Veränderungen in medizinischen Datenbanken erfasst, von denen viele, aber eben längst nicht alle als mutmaßliches oder manifestes Krebsrisiko eingestuft seien. Bei einer ganzen Reihe sei noch nicht geklärt, ob es sich um eine harmlose genetische Abweichung oder um eine krankmachende Mutation handelt.

Und der Patient? Für ihn ist eine Gen-Analyse ohne kundigen Kommentar eines Fachmanns nichts wert, so Wolfram Henn, der zu den entschiedenen Kritikern von Internet-Anbietern gehört, die derartige Dienstleistungen offerieren. "Der Aufwand für die Interpretation genetischer Informationen wird immer größer." Das Ergebnis einer Analyse bestehe eben nicht aus der Auflistung klarer Fakten und einfacher Ratschläge - sondern aus medizinischer Mathematik, die individuell interpretiert werden muss. Es enthält die Beschreibung möglicher Gesundheitsprobleme, die einem Patienten drohen oder drohen könnten.

Der Ethikrat schlägt aus diesem Grund in einer Stellungnahme zur Gendiagnostikeinen speziellen medizinischen Tätigkeitsschwerpunkt vor. Gen-Berater sollten Patienten über Ergebnisse und mögliche Konsequenzen von Erbgut-Analysen informieren. Dies, so das Beratergremium von Bundesregierung und Bundestag, könne "von Haus- oder Fachärzten nicht mehr ohne Weiteres erwartet werden".

(RP online, 16.6.15)

 

 

 

Nebenwirkungen

Die Therapie von Krebs ist oft zu aggressiv:
Abbruchrate bleibt hoch

Die moderne Medizin hat gegen viele Krebsformen bereits effektive Mittel hervorgebracht. Da die Tumoren jedoch oft sehr aggressiv sind, muss eine Behandlung ebenfalls intensiv sein und belastet Körper und Seele der Patienten daher zusätzlich zur eigentlichen Erkrankung.

Hohe Abbruchrate in Europa

Viele Betroffene leiden derart stark unter den Nebenwirkungen, dass sie die Therapie vor dem eigentlichen Ende selbst abbrechen. Einer aktuellen Schätzung zufolge sind es in Europa sechs Prozent der Krebspatienten.

Das Ergebnis basiert auf der Analyse einer Stichprobe von 8.000 Krebsfällen. Die Frauen und Männer kamen aus Deutschland, Spanien. Italien. Großbritannien und Frankreich.

Besonders häufig betroffene Krebserkrankungen

In 22 Prozent der Fälle handelte es sich bei der Krebsform um Brustkrebs, bei 14 Prozent um Darmkrebs und in 13 Prozent um Lungenkrebs. Die restlichen 51 Prozent entfielen auf viele verschiedene Tumorarten. 87 Prozent der Patienten hatten eine Chemotherapie erhalten und die übrigen 13 Prozent mussten Hormonpräparate nehmen.

Mögliche Nebenwirkungen

Wer Hormone bekommen hatte, der brach seine Therapie meist mit der Begründung ab, dass starke Schmerzen aufgetreten waren.

Neutropenie

Ferner erkrankten diese Patienten oft an einer sogenannten "Neutropenie". Dabei kommt es zu einer Abnahme der weißen Blutkörperchen. Hat man zu wenige davon im Blut, schwächt dies das Immunsystem entscheidend und der Körper wird sehr anfällig für alle Infektionen.

Wer eine Chemotherapie bekommen hatte, besaß ebenfalls das erhöhte Risiko für eine Neutropenie. Weitere Gründe zum Abbruch der Therapie waren in dieser Gruppe häufige Übelkeit und Erbrechen. Davon waren vor allen Dingen jene Patienten betroffen, die an Darm- oder Lungenkrebs litten.

Die Studie zeigt, dass die Therapien derzeit noch alles andere als ideal sind. Oft bleibt jedoch keine Alternative, als mit den harten Bandagen gegen Krebs vorzugehen.

Eine verstärkte psychologische Betreuung der Patienten könnte helfen, sie besser in der schweren Situation zu unterstützen.

(paradisi.de, 8.10. 2014)

 

 

 

Stammzellen

Prostata: Hilfe bei Erektionsstörungen nach Krebs

Probleme beim Sex gehören zu den häufigsten Nebenwirkungen einer Prostata-Operation. Eine kleine Studie aus Frankreich macht nun Hoffnung: Stammzellen führten zu Verbesserung bei Erektion und Orgasmus.

Es ist die häufigste Krebserkrankung von Männern in Österreich und kann mit unangenehmen Begleiterscheinungen einhergehen: Prostatakrebs . Neben Inkontinenz ist auch Impotenz eine mögliche Nebenwirkung der Krebstherapie. Neue Hoffnung macht nun eine Untersuchung aus Frankreich: Männern mit Erektionsstörungen nach Prostatakrebs kann offenbar mit einer Transplantation von Stammzellen geholfen werden.

Das französische Institut für Gesundheit und medizinische Forschung (Inserm) veröffentlichte Ergebnisse einer Untersuchung mit zwölf Männern, die mehrere Monate nach der Transplantation von spürbaren Verbesserungen berichteten.

In Penis injiziert

Die Studie wurde in dem Fachmagazin "European Urology" veröffentlicht. An der Untersuchung nahmen zwölf Patienten teil, die nach einer überstandenen Erkrankung an Prostatakrebs über Erektionsstörungen klagten. Ihnen wurden dann Stammzellen aus ihrem Knochenmark in den Penis injiziert.

Sechs Monate später hätten die Männer von "signifikanten Verbesserungen" beim Geschlechtsverkehr berichtet, erklärte das Institut. Dies betreffe nicht nur die Erektion und ihre Dauer, sondern auch die "Qualität des Orgasmus".

Häufige Nebenwirkung

Probleme beim Sex gehören zu den häufigsten Nebenwirkungen nach einem chirurgischen Eingriff wegen Prostatakrebs. Grund dafür sei die Verletzung von Gefäßen und Nerven im Penis, die mit der Operation einhergehe, erklärte das Institut.

(kleinezeitung.at / Wien, 28.1.16)

 

 

Neue Methode gegen Pankreastumore

Mikrobläschen und Ultraschall gegen Krebs

Mit inoperablem Bauchspeicheldrüsenkrebs bleibt den meisten Patienten trotz Chemotherapie nicht mehr als ein halbes Jahr. Um diese verbleibende Lebensspanne zu verlängern, arbeiten Forscher aus Norwegen an einer neuen Therapiemethode. Zentrales Element: winzige Gasbläschen, bestrahlt mit Ultraschall.

"Sie kommen tagtäglich in jedem Krankenhaus zum Einsatz. Sie werden in die Venen injiziert, um als Kontrastmittel bei Ultraschalluntersuchungen das strömende Blut sichtbar zu machen. Sie gelten als absolut sicher und werden routinemäßig eingesetzt."

Die Gebilde, von denen Spiros Kotopoulis spricht, sind winzige Gasbläschen. Für gewöhnlich finden sie als Kontrastmittel Verwendung, und zwar bei bestimmten Ultraschalluntersuchungen. Kotopoulis dagegen, Forscher am Haukeland Universitätskrankenhaus im norwegischen Bergen, hat die Mikrobläschen zweckentfremdet, und zwar für die Krebstherapie:

"Bestrahlt man die in die Blutbahn injizierten Mikrobläschen mit Ultraschall, verändern sie ihre Form. Sie fangen an zu schwingen, ähnlich wie eine Glocke. Diese Schwingungen wirken sich dann auf Tumorzellen aus, die sich in der Nähe befinden. Dadurch kann ein Chemotherapeutikum, das im Blut ist, deutlich effektiver in die Zellen eindringen."

Überraschende Ergebnisse

Die durch den Ultraschall in Schwingungen versetzten Gasbläschen machen die Tumorzellen ein wenig porös, bohren bildlich gesprochen winzige Löcher in die Zellmembran. Durch diese Poren kann der Wirkstoff dann eindringen und die Krebszellen effektiver angreifen. Damit wirken die Mikroblasen als Türöffner für das Medikament. Soweit das Konzept. Doch würde es in der Praxis funktionieren? Um Hinweise darauf zu bekommen, initiierten die Norweger eine erste klinische Studie mit zehn Freiwilligen:

"Zunächst verabreichten wir den Patienten das Medikament per Infusion - genauso, wie es bei der Standard-Chemotherapie läuft. Unmittelbar danach injizierten wir die Mikroblasen, eine halbe Stunde lang alle dreieinhalb Minuten. Gleichzeitig bündelten wir einen Ultraschallstrahl auf den Tumor. Im Prinzip also ganz einfach."

Die Prozedur wurde regelmäßig wiederholt, etwa einmal im Monat. Die Ergebnisse waren durchaus überraschend, sagt Kotopoulis:

"Bei einigen Patienten schrumpfte der Tumor, was bei Bauchspeicheldrüsenkrebs ziemlich selten ist. Und das Wichtigste: Die durchschnittliche Überlebensspanne stieg deutlich: Wir konnten sie mehr als verdoppeln - von acht auf 18 Monate."

Praxisreife in zehn Jahren?

Allerdings sind die Resultate noch mit Vorsicht zu genießen - die Aussagekraft einer Studie mit zehn Patienten ist beschränkt. Schädliche Nebenwirkungen jedenfalls seien nicht aufgetreten, bis auf die üblichen Nebenwirkungen der Chemotherapie, sagt Kotopoulis - und sieht trotz der ermutigenden Ergebnisse noch Forschungsbedarf:

"Wir wollen noch einiges verbessern: Wir suchen noch nach der optimalen Ultraschalldosis, der optimalen Behandlungszeit und den optimalen Mikrobläschen. Bislang haben diese Bläschen ziemlich unterschiedliche Größen, was für den Einsatz als Kontrastmittel egal ist. Für unsere Therapie jedoch wäre es besser, wenn alle Bläschen eine ähnliche Größe hätten. Damit ließe sich dann noch mehr Wirkstoff in die Tumorzellen einschleusen."

Es wird also noch dauern, bis die Gasbläschen als Wirkstoff-Türöffner reif sind für die Praxis. Zuvor nämlich müssen sie sich noch in ausgedehnten klinischen Studien beweisen:

"Wir hoffen, möglichst bald mit der Phase II einer klinischen Studie beginnen zu können. Die würde etwa drei Jahre dauern. Danach müsste sich die Phase III anschließen mit deutlich mehr Patienten. Also: Wenn alles rund läuft, könnte unsere Methode in zehn Jahren in jedem Krankenhaus der Welt zum Einsatz kommen."

(dlf, 27.5..16, Frank Grotelüschen)

 


Versorgung der Zukunft in Netzen

Große Erfolge verzeichnet ein Netzwerk bei Lungenkrebs an der Uni Köln: Patienten, die in einer der angeschlossenen Praxen und Kliniken versorgt werden, profitieren von individuellen Therapien.

KÖLN. Mit der gezielten Therapie auf Basis molekular-genetischer Diagnostik lassen sich große Erfolge erzielen. Das zeigt das 2010 gegründete Netzwerk Genomische Medizin Lungenkrebs.

Das Prinzip des Netzwerks: die Bündelung der diagnostischen Kompetenz an der Universitätsklinik Köln und die dezentrale Behandlung der Patienten in Kooperation mit rund 70 niedergelassenen Ärzten und Kliniken.

Die Kölner Experten untersuchen inzwischen pro Jahr rund 3800 Gewebeproben auf Mutationen.

 "Das entspricht rund sieben Prozent aller deutschen Lungenkrebspatienten", sagte Professor Jürgen Wolf, einer der Sprecher des Netzwerks und Ärztlicher Direktor des Centrums für Integrierte Onkologie Köln Bonn (CIO), bei einer Veranstaltung an der Kölner Uniklinik.

Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs sprächen nur zu 20 bis 30 Prozent auf eine Chemotherapie an, das mediane Überleben betrage zehn bis zwölf Monate, sagte Wolf.

Anders bei der gezielten Arzneimittel-Therapie auf Basis einer molekulargenetischen Untersuchung: "Bei der mutationsspezifischen Therapie liegt die Ansprechrate bei 70 bis 80 Prozent, das mediane Überleben bei über 30 Monaten."

Ziel des Netzwerks ist es, viele weitere Kooperationspartner zu finden und möglichst viele Patienten von den neuen Therapien profitieren zu lassen.

AOK will Fortschritt in die Breite bringen

Die AOK Rheinland/Hamburg ist die erste Krankenkasse, die für ihre an Lungenkrebs erkrankten Versicherten die Kosten der Diagnostik übernimmt. Sie zahlt 1750 Euro.

"Für uns ist es wichtig, diesen Fortschritt in die Breite zu bringen", erläuterte Vorstand Matthias Mohrmann. Die Behandlungsmöglichkeiten müssten auch Patienten offen stehen, die sie nicht selbst finanzieren können, betonte er.

Nach Einschätzung von CIO-Direktor Professor Michael Hallek werden sich mit dem molekular-genetischen Ansatz bei einer Vielzahl von Krebserkrankungen Erfolge erzielen lassen.

Entscheidend ist für ihn, dass dabei die zentrale Diagnostik mit der dezentralen Behandlung verbunden wird. "In der Onkologie wird es dazu kommen, dass Schlüsselentscheidungen in der Therapie in Form von Kompetenznetzen getroffen werden", sagte Hallek.

Auch Dr. Hagen Pfundner, Vorstand von Roche Deutschland und Vorstandsvorsitzender des Verbands forschender Pharma-Unternehmen (vfa), ist vom Potenzial der personalisierten Krebstherapien überzeugt.

"Das Wissen steigt in diesem Bereich exponentiell." Von den 70 neuen Substanzen, die Roche zurzeit in der Pipeline hat, hätten viele eine molekulare Zielstruktur.

"Ich glaube, dass sich in der Onkologie in den nächsten Jahren so viel tun wird wie in keinem anderen Therapiegebiet", sagte Pfundner.

(iss, Ärzte Zeitung App, 11.09.2014)

 

 

Berliner Krebsgesellschaft hilft erkrankten Eltern und Familien

Wenn Kinder ihren Halt verlieren

Diagnose: Krebs. Wenn Kinder das bei ihren Eltern mitbekommen, sind sie meist tief verunsichert und trauen sich nicht, ihr eigenes Leben weiterzuleben. Die Krebsstiftung Berlin hilft Familien in schwierigen Situationen, die Sprachlosigkeit zu überwinden – und Halt zu finden.

Die Diagnose war niederschmetternd: Prostatakrebs. Als sei das nicht genug, bekam Ferdinand Warland (Name geändert) nach der Diagnose auch noch familiäre Probleme. Tochter Luise, mit 15 Jahren sowieso in einem schwierigen Alter, konnte den Vater nicht leiden sehen. Das äußerte sich in einem massiven Vertrauensverlust und entsprechenden Kommunikationsproblemen. „Sie konnte nicht mehr mit uns sprechen“, erzählt der 48-Jährige zwei Jahre nach dem Tag, der sein Leben von Grund auf veränderte. Luise begann grundlos zu weinen, sich selber Schmerzen zuzufügen, Dinge zu zerstören. „So kannte ich meine Tochter nicht“, sagt Warland rückblickend.

Sie brauchen Erbschaften und Spenden

Für den Gründungsdirektor des Universitären Tumorzentrums an der Charité, Peter Schlag, sind die Symptome nicht verwunderlich. Er hat viel zu tun gehabt mit Familien, die von Krebs betroffen sind. Für Kinder, die selber erkranken, gibt es länger schon Netze. Unter welchen Problemen Kinder erkrankter Eltern leiden, ist erst in den letzten Jahren herausgekommen, vor allem durch ein Forschungsprojekt, das auch in Hamburg und Tübingen lief. Dabei ging es darum, welche Probleme auftauchen und was für einen Betreuungsbedarf es gibt.

„Je mehr man weiß, desto größer ist der Bedarf, etwas zu tun“, sagt Schlag und erklärt so den Auslöser zur Gründung der Krebsstiftung Berlin im Dezember 2012. Er ist auch Vorsitzender der Berliner Krebsgesellschaft, die vor allem von Spenden und Vermächtnissen finanziert wird, deshalb aber nur zeitlich befristete Projekte in Angriff nehmen kann. Mit der Stiftung wollte man langfristig Versorgungslücken schließen. Zwar ist, besonders angesichts der niedrigen Zinsen, der Grundstock noch nicht so hoch, wie er sein könnte. Neben Erbschaften, regelmäßigen Spenden und Zuwendungen von Betrieben, die ihrer sozialen Verantwortung nachkommen wollen, hofft Schlag daher besonders auf Zustiftungen, auf Stifter also, deren Kapital zwar für eine eigene, aber nur handlungsschwache Stiftung reichen würde. Da die Stiftung sich in ihrer Arbeit auf Berlin und die Randgebiete konzentriert, besteht für Stifter hier die Möglichkeit, sich direkt in der Stadt zu engagieren.

Angst vor der Endlichkeit

Nach wie vor sei Krebs ein tabuisiertes Thema, sagt Schlag. „Besonders wenn es um Unheilbarkeit geht.“ Jeder weiß, dass das Leben endlich ist, aber man muss nicht immer dran denken. „Krebs ist das Signal, dass das Leben akut begrenzt ist.“ Die Patienten selber machen zuerst eine Phase der Wut durch, dann ziehen sie sich zurück. Nur wenige setzen sich aktiv mit der Krankheit auseinander. Sind sie Mutter oder Vater, steht bald die Frage im Mittelpunkt: „Wie sage ich es meinem Kind?“ Nicht jeder weiß, was für Schlag selbstverständlich ist: „Verschweigen ist das Allerschlimmste, was man tun kann.“ Denn für die Kinder geht alle Sicherheit verloren. Hilflosigkeit ersetzt Verlässlichkeit, die Kontrolle geht verloren, es gibt keinen regelmäßigen Rhythmus mehr im Leben. Plötzlich liegt die Mutter im Bett, wird jeden Tag weniger, muss immer wieder ins Krankenhaus. Kommt sie zurück nach Hause, freuen sich die Kinder auf endlich wieder gemeinsame Spiele, aber dazu ist die Mutter dann vielleicht zu schwach. Viele Kinder reagieren auf den drohenden Verlust des wichtigsten Halts im Leben auch mit schlechtem Gewissen. Eigentlich möchten sie zum Sport gehen oder zum Tanzen, sich mit Gleichaltrigen vergnügen. Aber dürfen sie das angesichts der Probleme der Mutter? Hier beginnt der Teufelskreis. Die Kinder ziehen sich ebenfalls zurück, vernachlässigen ihre Freundschaften. Sie werden in der Schule schlechter und haben keinen Spaß mehr am Leben. Oft kommen finanzielle Probleme hinzu. Für Musikunterricht oder den Ausflug mit dem Sportverein ist plötzlich kein Geld mehr da. Zum wichtigen Fußballspiel kann die Mutter nicht mehr kommen. Alleinerziehende tendieren dazu, die Kinder wie Elternteile zu behandeln, ihnen die Fürsorge zu überlassen. Ursache von diesen Problemen ist meist Unsicherheit, wie man mit dem Schicksalsschlag Krebs umgehen soll.

Kinder vermitteln, dass sie Spaß haben dürfen

An dieser Stelle tritt die Stiftung ein. Sie beschäftigt zwei Kinderpsychologen, die Erfahrung haben mit Onkologie, mit Familientherapie und mit Jugendpsychiatrie. Sie gehen direkt in die Familien nach Hause. Derzeit werden etwa 130 Familien betreut. Mal gilt es, die Sprachlosigkeit aufzubrechen. Mal können sie Kinder und Eltern an andere Projekte vermitteln, um die schlimmsten Folgen aufzufangen. Es gibt ja viele Hilfsangebote. Nur sind Menschen, die von einer schweren Krankheit betroffen sind, oft nicht mehr in der Lage zu Recherchen.

Drei Monate nach der Diagnose erfuhr Ferdinand Warland durch die Lektüre eines Zeitungsartikels zufällig von der Arbeit der Stiftung. Der Ansatz leuchtete ihm ein, mehr noch nach dem ersten Gespräch. „Es braucht in so einer Situation Leute von außen, die nicht involviert sind, die eine andere Sichtweise haben.“

Die Kinderpsychologin Manon Recknagel arbeitet für die Stiftung und weiß genau, wie es ganz konkret aussieht in einer Familie nach der plötzlichen Krebsdiagnose. „Alles gerät aus den Fugen. Oft haben gerade sensible Eltern schlicht Angst, dass das Kind einen Knacks bekommt, wenn es die Wahrheit erfährt.“ Zur Angst vor der eigenen Zukunft kommt eine neue Unsicherheit im Umgang mit den eigenen Kindern. Recknagel hat immer wieder erfahren, dass es ein großer Irrtum, ist zu glauben, die Kinder bekämen nichts mit, nur weil man über die Krankheit schweigt. „Die Fantasie der Kinder läuft dann unkontrolliert in jede Richtung.“ Gerade Jüngere geben sich selber mal die Schuld an der Krankheit. Freilich entwickeln sich nicht immer Störungen. „Kinder haben Ressourcen.“ Die muss man zu aktivieren wissen.

Kinder wagen sich nicht außer Haus

Manche Kinder ziehen sich, wie Luise, zurück und sprechen nicht mehr mit den Eltern. Kinder im Alter zwischen acht und 13 bekommen häufig Schulprobleme. Sie wollen nicht mehr in die Schule gehen, weil sie Angst haben, bei der Rückkehr nach Hause könnte etwas Schlimmes passiert sein. Hier sieht Manon Recknagel Handlungsbedarf bei den Eltern. Der Satz: „Du kannst unbesorgt zur Schule gehen, wenn etwas ist, sagen wir dir Bescheid“ kann eine große Bürde von den kindlichen Schultern nehmen. Es ist wichtig, dass sich nicht das ganze Familienleben über die Krankheit definiert. Wichtig ist es auch, dass die Eltern dem Kind sagen: „Wir freuen uns, wenn du weggehst und Spaß hast“. Die offizielle Erlaubnis der Eltern, auch mal unbeschwert zu sein, ist für die Kinder wichtig.

Felix Warland jedenfalls hat gute Erfahrungen gemacht. Es gab mehrere Gespräche mit der Psychologin, mal in der Familie, mal von Angesicht zu Angesicht. Heute sagt er über seine Tochter: „Sie ist in ihrer Persönlichkeit gereift und ständig gewachsen. 

(Der Tagesspiegel, Berlin, 14.08.2014 von Elisabeth Binder)

 

 

 

Mit Krebs zum Zahnarzt

Die Diagnose Krebs belastet. Innerhalb kurzer Zeit stehen zudem viele Entscheidungen zur Behandlung an. Warum es sich lohnt, ausgerechnet jetzt an die Gesundheit von Mund und Zähnen zu denken, erläutert das neue Faltblatt "Als Krebspatient zum Zahnarzt".
Herausgeber sind der Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV).

Krebspatienten können vorbeugen

Geschmacksverlust, trockener Mund, Entzündungen - die Behandlung einer Krebserkrankung hat häufig auch Auswirkungen auf Mund und Zähne. Doch Krebspatienten können vorbeugen: "Wer die Krebsbehandlung mit gesunden Zähnen und gesundem Zahnfleisch beginnt, leidet weniger unter diesen Nebenwirkungen. Der Termin beim Zahnarzt gehört daher in der Regel bereits zur Vorbereitung auf eine Krebstherapie dazu“, erklärt der BZÄK-Vizepräsident Prof. Dr. Dietmar Oesterreich.

Warum Zahnarzt und Onkologe eng zusammenarbeiten sollten

„Eine enge Kooperation zwischen Zahnarzt und Onkologen hilft nicht nur, die Mundgesundheit der Patienten während des gesamten Spektrums von Therapien bei Krebserkrankungen zu erhalten. Sie sichert auch den Erhalt einer mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität während der Behandlung“, erläutert der KZBV-Vorsitzende Dr. Wolfgang Eßer.

Unter einer Chemotherapie leiden die Schleimhäute im Mund: Kleine Wunden verursachen Schmerzen und entzünden sich leicht. Manche Krebsmedikamente beeinträchtigen die Stabilität des Kieferknochens. Besonders belastend für Zähne und Zahnfleisch ist eine Bestrahlung im Kopfbereich.

Eine erste Orientierung für Betroffene

„Um Krebspatienten eine erste Orientierung zu geben, haben wir gemeinsam dieses Faltblatt erarbeitet. Betroffene erfahren in Kurzform, was sie selbst tun können und warum es wichtig ist, sich mit ihren behandelnden Ärzten und auch ihren Zahnärzten auszutauschen“, betont Dr. Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes des DKFZ.

Das Faltblatt „Als Krebspatient zum Zahnarzt. So schützen Sie Zähne und Zahnfleisch während der Krebsbehandlung“ steht ab sofort zum Download bereit.

Patienten, Krebszentren und onkologische Praxen können das Faltblatt in Papierform bestellen über www.krebsinformationsdienst.de, Stichwort „Unsere Broschüren“. Fragen zum Thema Krebs beantworten Mitarbeiter des Krebsinformationsdienstes am Telefon unter der kostenlosen Nummer 0800 - 420 30 40, täglich von 8 bis 20 Uhr, oder per E-Mail: krebsinformationsdienst@dkfz.de.

(Zahnärztliche Mitteilungen, sf/pm, 3.9.14) 

 

 

Ansturm auf Methadon-Arztpraxis

Erfolge im Kampf gegen Krebs

Letmathe.   Der Letmather Arzt Dr. Hans-Jörg Hilscher kann sich eines Massenansturms kaum noch erwehren. Seit einem Fernsehbericht über neue Heilungs- und Therapiechancen bei Krebs.

„Die Leute rennen mir die Bude ein. Anrufe aus aller Welt von London bis Australien – das Telefon steht keine zehn Sekunden still.“ Seit der Letmather Arzt Dr. Hans-Jörg Hilscher im Fernsehen von seinen Erfolgen in der Krebsbekämpfung berichtet hat, ist er mehr als ein gefragter Mann.

„Manchmal übernachten die Leute auf dem Praxisparkplatz im Wohnmobil, um morgens bei der Sprechstunde die ersten zu sein“, beschreibt der 63-jährige Mediziner den unglaublichen Andrang. Und unter den Anrufern sind jeden Tag im Schnitt 20 Ärzte, die sich bei Hilscher Rat holen wollen für die Behandlung von Krebspatienten.

Woher dieser Ansturm? Seit 1999 verabreicht der Letmather Arzt, der eng mit dem Hospiz Mutter Teresa zusammenarbeitet, sterbenskranken Menschen Methadon als Schmerzmittel. Unter Ärzten gilt dieses Medikament wegen seiner Nebenwirkungen allgemein als verpönt. Doch Dr. Hilscher hat damit stets gute Erfahrungen gemacht. Seit 2014 setzt er Methadon nicht mehr nur zur Schmerzlinderung, sondern auch in direkter Verbindung mit Chemotherapien zur Heilung ein. Mit einer spektakulären Bilanz. „Seit 2014 habe ich vier Patienten, die an einem tödlichen Hirntumor litten, mit Hilfe von Methadon heilen können. Der Turmor war weg. “ Ist der Letmather ein Wunderheiler? „Keinesfalls,“ korrigiert der 63-Jährige viel zu hohe Erwartungen.

Längere Lebenszeit und Qualität dank Methadon

„Was ich mit Hilfe von Methadon bewirken kann, ist eine zusätzliche Chance zur kontrollierten Therapie von schwer krebskranken Menschen. Das führt in der Regel zu mehr Lebensqualität und in vielen Fällen zu einer längeren Lebenszeit, in manchen Fällen auch zur Heilung.“ Dr. Hilscher kann dies statistisch nachweisen: „Sterbenskranke Gäste im Letmather Hospiz haben im Schnitt eine um 14 Tage höhere Lebenserwartung als in Nachbar-Hospizen.“ Und diese Gäste wurden alle mit Methadon behandelt.

Methadon – bekannt aus der Drogentherapie – sei völlig zu Unrecht als Schmerzmittel verleumdet worden, stellt Hilscher fest. Methadon habe nicht mehr und nicht weniger Nebenwirkungen als die sonst üblichen Opiate. Den einzigen Grund für den schlechten Ruf sieht der Palliativmediziner darin, „dass man mit Methadon kein Geld machen kann“. Wenn eine Krebstherapie für zwölf Euro ähnlich effektiv sei wie eine solche für 25 000 Euro, habe ein Pharmakonzern an ersterer weniger Interesse.

Damit liegt Dr. Hilscher voll auf der Linie des Fernsehmagazins „plusminus“, das am 11. April über Erfolge mit Methadon in der Krebstherapie berichtete. In der Sendung wurden die vielversprechenden Forschungsergebnisse einer Wissenschaftlerin aus Ulm ebenso dargestellt wie die guten Erfahrungen von Dr. Hilscher. Auch einige seiner Patienten, die wieder neue Hoffnung schöpfen können, kamen zu Wort. Seit 2006 arbeiten der Letmather Arzt und die Ulmer Forscherin zusammen.

Beide beklagen nicht das Gewinnstreben der Konzerne, wohl aber die fehlenden Forschungsgelder der öffentlichen Hand. Um nicht von Sponsoren abhängig zu sein, müsste der Staat viel mehr Geld ausgeben, damit solche Mittel wie Methadon und deren Anwendung in größerem Stil untersucht und gefördert werden können. Solange dies nicht der Fall ist, werden die Betroffenen wohl weiterhin dem Letmather Arzt die Bude einrennen. Der Fernsehbeitrag hat einen Erdrutsch ausgelöst.

(Iserlohner Kreisanzeiger und Zeitung/Funke-Gruppe, 4.5.17, Helmut Rauer)

 

 

Interdisziplinäre Stammzelltransplantation an der MHH erfolgreich akkreditiert

Ein großer Erfolg für die Interdisziplinäre Stammzelltransplantation an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH): Der Bereich wurde vom Joint Accreditation Committee ISCT-EBMT (JACIE) nach europaweit gültigen Standards akkreditiert. JACIE ist eine Kooperation der Internationalen Gesellschaft für Zelltherapie (ISCT) und der Europäischen Gesellschaft für Blut- und Knochenmarktransplantationen (EBMT) – das sind die beiden führenden wissenschaftlichen Fachgesellschaften zur Qualitätssicherung der hämatopoetischen Stammzelltransplantation. An der MHH werden seit mehr als 25 Jahren Stammzelltransplantationen durchgeführt. Die Hochschule gehört zu den größten Einrichtungen dieser Art in Deutschland. Sie bietet als einziges Zentrum in Niedersachsen alle Arten der Stammzelltransplantation bei Erwachsenen und Kindern.

Interdisziplinär zum Erfolg

„Die Stammzelltransplantation ist ein sehr komplexer Prozess, bei dem viele Disziplinen eng zusammenarbeiten müssen. Die Akkreditierung hat gezeigt, dass das bei uns sehr gut funktioniert und wir die hohen Qualitätsansprüche erfüllen können. Über die Auszeichnung freut sich das ganze Team“, sagt Professor Dr. Martin Sauer von der Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie, der das JACIE-Programm leitet. Die Interdisziplinäre Stammzelltransplantation der MHH wird von den Kliniken für Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Stammzelltransplantation und für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie, sowie dem Institut für Transfusionsmedizin und dem Cellular Therapy Centre des Instituts für Zelltherapeutika gemeinsam gebildet. Diese vier Einrichtungen sind akkreditiert.

Qualität wird begutachtet

Bei der JACIE-Akkreditierung wird von den Prüfern vor allem auf ein gut funktionierendes Qualitätsmanagement Wert gelegt. Während einer zweitägigen Begutachtung stellten sie anhand einer umfangreichen Checkliste fest, ob alle international definierten Kriterien erfüllt werden. Dazu gehören zum Beispiel die personelle und räumliche Ausstattung, die Qualifikation der Ärzte und Pflegekräfte sowie die Standardisierung der Abläufe rund um die Transplantation und deren Dokumentation. Zweieinhalb Jahre hatte sich die Interdisziplinäre Stammzelltransplantation der MHH auf die Akkreditierung vorbereitet. „Es war für alle Beteiligten eine große Anstrengung, aber es hat sich gelohnt“, sagt Professor Martin Sauer. Bei der Stammzelltransplantation arbeiten nicht nur die vier akkreditierten Einrichtungen zusammen. Darüber hinaus kooperiert die Interdisziplinäre Stammzelltransplantation mit vielen Partnern innerhalb und außerhalb der MHH, dazu gehören beispielsweise die Klink für Strahlentherapie und Spezielle Onkologie, die Institute für Pathologie, Virologie, Mikrobiologie und Krankenhaushygiene, die MHH-Apotheke, das Norddeutsche Knochenmark- und Stammzellspender-Register, das Zentrale Knochenmarkspender-Register für die Bundesrepublik Deutschland und die Europäische Gesellschaft für Blut- und Knochenmarktransplantationen.

Hilfe bei vielen Erkrankungen

Stammzelltransplantationen werden vor allem bei Patienten durchgeführt, die an verschiedenen Formen von Leukämien und Lymphdrüsenkrebs sowie an Defekten der Blutbildung oder des Immunsystems leiden. Dabei wird zwischen der autologen und der allogenen Stammzelltransplantation unterschieden. Bei dem autologen Verfahren, das hauptsächlich bei Lymphdrüsenkrebs und bei Plasmozytomen – einer Form von Lymphdrüsenkrebs, die das Knochenmark befällt – angewendet wird, ist der Patient sein eigener Stammzellspender. Die Stammzellen werden mittels einer sogenannten Leukapherese aus seinem Blut gewonnen, eingefroren und später, nach einer Hochdosischemotherapie, dem Patienten wieder rückübertragen.

Für Patienten mit Hochrisikoleukämien ist das allogene Verfahren meist die einzige Heilungsmöglichkeit. Hierbei werden die gesunden Stammzellen von fremden Spendern, beispielsweise von Schwester, Bruder oder einem unverwandten Spender übertragen. Die Eignung eines Spenders wird zuvor durch Untersuchung von Gewebemerkmalen überprüft. Allogene Stammzellen können dann bei Gewebsverträglichkeit aus dem Knochenmark oder dem peripheren Blut oder auch aus Nabelschnurblut gewonnen werden. Die allogene Transplantation vom unverwandten Spender ist die häufigste Transplantationsart an der MHH. Vor jeder Stammzelltransplantation steht für den Patienten eine Chemo- und/oder Strahlentherapie, um die Krebszellen zu vernichten und das Anwachsen der fremden Stammzellen zu ermöglichen. Da hierunter auch das blutbildende System leidet oder zerstört wird, wird es durch die neuen, fremden oder eigenen Stammzellen ersetzt.

Jährlich etwa 180 Stammzelltransplantationen an der MHH

An der MHH werden pro Jahr etwa 90 erwachsene Patienten und 40 Kinder mit einer allogenen und etwa 50 Patienten mit einer autologen Stammzelltransplantation behandelt. „Gerade bei Patienten mit akuten Leukämien und myelodysplastischen Syndromen haben wir an der MHH weit überdurchschnittliche Therapieerfolge mit der allogenen Stammzelltransplantation“, erklärt Professor Dr. Arnold Ganser, Direktor der MHH-Klinik für Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Stammzelltransplantation.

Weitere Informationen erhalten Sie bei Professor Dr. Martin Sauer, Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie, Telefon (0511) 532- 6716, , oder bei Professor Dr. Arnold Ganser, Direktor der MHH-Klinik für Hämatologie, Hämostaseologie, Onkologie und Stammzelltransplantation, Telefon (0511) 532-3020

(eJournal MEDIZIN ASPEKTE, idw 2014/09 - September)

  

 

Rhön-Klinikum

Neue Tumortherapie in Marburg

Die Partikelanlage an der Uniklinik Marburg soll 2015 in Betrieb gehen. Bis zu 1000 Patienten sollen pro Jahr mit der Partikeltherapie zur Behandlung von Krebs versorgt werden können.

Eines der ambitioniertesten medizinischen Vorhaben in Hessen könnte doch noch funktionieren: die Partikeltherapie zur Behandlung von Krebskranken an der Uniklinik Marburg. Die ersten Patienten sollten im vierten Quartal 2015 behandelt werden, wie Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) am Mittwoch in Wiesbaden ankündigte. Ursprünglich hatte die Firma Rhön-Klinikum, der das Universitätsklinikum Gießen-Marburg gehört, die Inbetriebnahme schon für Ende 2012 zugesagt, sich aber nicht daran gehalten.

Rhein sprach von einem "sehr erfreulichen Anlass", als er gemeinsam mit der Marburger Unipräsidentin Katharina Krause und mit Martin Menger vom Rhön-Vorstand vor die Presse trat. Menger bezeichnete den Vertrag zwischen seinem Unternehmen und dem Land sogar als "Meilenstein". Bis Montag waren nach seinen Angaben 28 Verträge zwischen allen Beteiligten geschlossen worden, darunter auch der Herstellerfirma Siemens und der Uniklinik Heidelberg. Sie ist mit 75,1 Prozent Mehrheitseigentümerin der Partikeltherapie-Anlage in Marburg, Rhön hält 24,9 Prozent.

Mit der Partikeltherapie, die bisher nur in Heidelberg und Schanghai betrieben wird, können möglicherweise Tumore behandelt werden, die mit herkömmlichen Bestrahlungsverfahren nicht erreichbar sind. Man stehe damit aber noch am Anfang, bremste Unipräsidentin Krause zu hohe Erwartungen. In Marburg werde es auch darum gehen, "die Technik selbst weiterzuentwickeln".

Regierung verteidigt die Klinik

Rhön hatte bei der Privatisierung der Uniklinik im Jahr 2006 vertraglich vereinbart, dass es 107 Millionen Euro zurückzahle, falls die Großanlage nicht in Betrieb gehe. Als der vereinbarte Zeitpunkt verstrich, gab es daher Forderungen der Opposition, das Land solle das Geld einklagen. "Davon hätte kein Patient etwas gehabt", kommentierte der Grünen-Abgeordnete Daniel May.

Sowohl die damalige schwarz-gelbe als auch die heutige schwarz-grüne Landesregierung betonten, für sie sei vorrangig, dass die Anlage überhaupt in Betrieb gehe. So antwortete Minister Rhein auch am Mittwoch, als er auf mögliche Schadenersatzforderungen angesprochen wurde: "Für uns ist wichtig, dass Menschen behandelt werden."

Rhön hatte bisher 3,75 Millionen Euro an Strafe ans Land gezahlt. Das berichtete Vorstandsmitglied Menger.

Zu Zahlen aus den aktuellen Verträgen wollten sich die Beteiligten nicht äußern. Es sei Stillschweigen vereinbart worden, hieß es. "Rhön hat eine Menge Geld investiert und legt Wert darauf, dass es angerechnet wird", sagte Minister Rhein lediglich.

Verabredet ist nach Angaben der Vertragspartner, dass mit der Anlage bei "Vollauslastung" 1000 Patienten im Jahr behandelt werden. Dafür sollen laut Rhön 70 bis 80 Beschäftigte angestellt werden; derzeit seien es zwei Mitarbeiter. In Heidelberg würden mit etwa 100 Beschäftigten etwa 750 Patienten im Jahr versorgt.

Sieben Jahre Klagefrist

Das Land Hessen behält sich vor, innerhalb der nächsten sieben Jahre zu klagen, falls der Betrieb der Partikelanlage erneut nicht anläuft. Danach soll das Klagerecht verfallen.

Der SPD-Abgeordnete Thomas Spies sagte, es sei kein Grund zu übertriebenem Jubel, wenn Rhön nun endlich den Vertrag einhalten wolle. Auch er freue sich, wenn Patienten behandelt würden. Man dürfe den Krebskranken aber auch keine zu großen Hoffnungen machen, da die Therapie noch nicht ausreichend erprobt sei.

 (Frankfurter Rundschau, 24.09.14, Pitt v. Bebenburg)

 

 

Luzerner Roboter-Know-How ist gefragt

Am Luzerner Kantonsspital wurde vor kurzem die neuste Generation des Operations-Roboters «Da Vinci» in Betrieb genommen. Von dem Gerät verspricht man sich einen Vorteil im Kampf gegen Prostata-Krebs. Das neue Modell macht aber auch andere Einsätze möglich.

«Da Vinci» ist ein vierarmiger Operationsroboter, der in älteren Versionen bereits seit 2008 am Kantonsspital in Betrieb ist. Der neue Roboter ermögliche noch komplexere Eingriffe in feinsten Organ- und Gewebestrukturen, teilt das Kantonsspital Luzern am Mittwoch mit. Mit dem älteren Modell hätten vorrangig die Chirurgen der Urologie bei Prostata-Krebspatienten operiert.

Mit dem neuen Modell würden erstmals auch Patienten der Klinik für Viszeral- und Gynäkologie operiert. Der Vorteil des neuen Roboters liege etwa darin, dass es durch die längeren Instrumente auch möglich sei, besonders feste und korpulente Patienten zu operieren.

Neuer Chefarzt Urologie

Die Anschaffung des neuen Gerätes geht einher mit der Wahl eines neuen Chefarztes der Urologie: Der Spitalrat wählt Dr. med. Agostino Mattei, der bis anhin Leiter der Roboter Chirurgie war, zum neuen Leiter der Abteilung.

Agostino Mattei ist bereits seit 2006 am Kantonsspital Luzern tätig und bringe eine langjährige Erfahrung in der roboter-assistierten, lapraskopischen und onkologischen Chirurgie mit, heisst es seitens des Kantonsspitals. «Seit der Einführung dieser modernen Technik haben wir wesentlich daran mitgearbeitet, die Roboterchirurgie weiterzuentwickeln und zu optimieren.

Mit unseren heutigen verfügbaren Systemen nehmen wir die führende Rolle in der Zentralschweiz weiterhin wahr. Dies ermöglicht unseren Patientinnen und Patienten spezifische Beratungen, eine individuelle Therapie und optimale Resultate», sagt Agostino Mattei.

«Da Vinci»-Robotereinsätze am Kantonsspital

 pd/uus. Bei der Da-Vinci-Technologie überträgt ein Operationsroboter die Handbewegung des Operateurs auf Instrumente, die durch kleine Schnitte im Bauch des Patienten platziert worden sind (Schlüsselloch-Chirurgie). Der Operateur kontrolliert die Bewegungen der Instrumente über eine hochauflösende dreidimensionale HD-Videodarstellung mit bis zu 10-facher Vergrösserung, was zu sicheren Operationsresultaten bei hoher Präzision führe.

«Wir haben weit über 500 Eingriffe bei Patienten durchgeführt und operieren seit Jahren mit dem gleichen und etablierten OP-Team. Unser Know How wird über die Kantonsgrenze hinweg von Kolleginnen und Kollegen anderer Spitäler angefragt», sagt Agostino Mattei, Chefarzt Urologie am Kantonsspital Luzern. So habe der Spezialist die Einführung dieser Technologie auch in anderen Spitälern, etwa am. Kantonsspital St. Gallen und am Centre hospitalier universitaire vaudois begleitet.

Vereint mit der grossen Erfahrung der Operateure werde dank «Da Vinci» eine onkologische Heilung mit sehr guten Resultaten erzielt. Dies insbesondere im Hinblick auf die Kontinenz und Potenz bei Prostatakrebs. Weniger Schmerzen und eine schnellere Wundheilung tragen zu einer Verkürzung des Spitalaufenthaltes bei.

(Neue Luzerner Zeitung Online, 3.12.14, pd/uus)

 

 

Neue Technik gegen Krebs

Die Uniklinik Dresden beginnt als Erste in Ostdeutschland mit einer Protonentherapie. Sie hat auch schon einen Partner.

Daumen hoch. Jens Heydel versucht es mit einem kleinen Spaß, während die schwere Technik über ihm in Position gebracht wird. Der 51-Jährige ist einer der ersten Patienten, der im Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden die Protonentherapie erhält.

Zwei Tage nach seinem 50. Geburtstag war der Spezialist für Reinräume auf Arbeit plötzlich umgefallen. Später wurde im Krankenhaus ein Hirntumor diagnostiziert. „Mein Sohn wurde operiert und hat eine Chemotherapie erhalten“, erzählt seine Mutter Ursula Heydel. Seit jenem Tag ist nichts mehr wie früher, sie fährt ihren Sohn überall hin, unterstützt ihn, wo sie kann. Gegen eine linksseitige Lähmung hat Jens Heydel bereits erfolgreich angekämpft. Nun hofft er, durch die neuartige Bestrahlungsmöglichkeit den Krebs ganz besiegen zu können.

Nach Heidelberg und Essen ist Dresden das dritte Universitätsklinikum in Deutschland, das die Protonentherapie einsetzen kann. Sie hat den Vorteil gegenüber der klassischen Strahlentherapie, dass gerade das empfindliche und nervenreiche Gewebe wie an der Schädelbasis geschont wird. „Der Protonenstrahl kann in eine wohldefinierte Tiefe des Körpers gelenkt, aber unmittelbar nach dem Tumor gestoppt werden“, erklärt Professor Michael Baumann. Der Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie hofft, so den Patienten Spätschäden ersparen zu können. Das trifft beispielsweise auch für die Behandlung von Tumoren bei Kindern zu.

Für das neue Gerät ist an der Händelallee ein neues Gebäude entstanden. Die Kosten von 32 Millionen Euro haben Land und Bund übernommen. Weitere 19 Millionen Euro kostet der Protonenstrahler. „Für die laufenden Betreibungs-, Wartungs- und Personalkosten rechnen wir mit zehn Millionen Euro im Jahr“, sagt Wilfried Winzer. Der kaufmännische Vorstand der Uniklinik hat in diesem Jahr für die Anlaufkosten der neuen Technik einen Verlust geplant. „Mit dem erfolgreichen Start der Protonentherapie gehört das Dresdner Universitätsklinikum zu den weltweit führenden Einrichtungen“, sagt er.

Ein Team aus Mitarbeitern der Medizinischen Fakultät und des Helmholtz-Zentrums Dresden Rossendorf hat seit Sommer die Voraussetzungen geschaffen, damit die neue Technik in Betrieb gehen kann. Dazu gehörten neben den Genehmigungen für Strahlenschutz und Betriebssicherheit auch die Strahlenmodelle, erklärt Professor Mechthild Krause. Die 38-Jährige ist für das Forschungsprojekt zuständig. Zu jedem Patienten werden Studienprotokolle gefertigt, um die Wirksamkeit nachweisen zu können. Durch die Kooperation mit dem Helmholtz-Zentrum wird die Technologie ständig verbessert. „Wir erforschen, wie wir mit intensiverem Laserlicht Protonen beschleunigen können, um kompaktere und günstigere Anlagen zu entwickeln“, sagt Professor Roland Sauerbrey vom Forschungszentrum in Rossendorf.

Möglich wurde das gesamte Projekt auch durch die Zusammenarbeit mit der AOK Plus. „Als uns vor fünf Jahren das Konzept vorgestellt wurde, waren wir gleich davon überzeugt und haben sofort einem Modellvertrag zugestimmt“, sagt AOK-Plus-Vorstandsvorsitzender Rainer Striebel. Seine Kasse übernimmt die Kosten für die neue Therapie im Rahmen eines Modellprojektes. Im ersten Jahr rechnet Striebel mit 150 Patienten und einem finanziellen Aufwand von vier Millionen Euro. Wenn die Anlage voll in Betrieb ist, sollen 400 bis 500 Patienten pro Jahr behandelt werden. Die Uniklinik möchte auch gern mit anderen Kassen Verträge schließen. Bisher verhandelt sie über jeden Fall einzeln.

Zunächst werden mit der Protonentherapie vor allem Tumore im Hirn, an der Schädelbasis, des hinteren Bauchraums und des Beckens behandelt. Die neue Therapie eigne sich besonders für Kinder. Sie kann auch bei bereits vorbestrahltem Gewebe eingesetzt werden. Derzeit kommt sie für etwa ein Prozent der Krebskranken zur Anwendung, sagt Professor Baumann. In den nächsten 15 Jahren könne sich der Anteil auf zehn bis 20 Prozent erhöhen. Da das Interesse bei der Bevölkerung groß ist, hat die Uniklinik eine Hotline eingerichtet.

(Sächsische Zeitung online, 17.12.14, Bettina Klemm)

 

 

 

Mit Strahlung gegen den Krebs

Nach Problemen in der Asklepios Klinik St. Georg – ein Interview über Abläufe und Qualitätskontrollen in der Therapie

Hamburg. Fehler bei der Bestrahlung von zehn Krebspatienten im Rahmen einer sogenannten Brachytherapie in der Strahlentherapie der Asklepios-Klinik St. Georg in der Zeit zwischen 2010 und 2013 werfen viele Fragen auf. Noch ist ungeklärt, wie es dazu kommen konnte. Darüber, wie eine Strahlentherapie normalerweise abläuft, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und wie die Qualität überprüft wird, sprach das Abendblatt mit Prof. Frederik Wenz, Direktor der Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Universitätsklinikum Mannheim, und Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie.

Hamburger Abendblatt: Welche Formen der Strahlentherapie gibt es?

Es gibt zwei Arten, die Teletherapie von außen und die Brachytherapie von innen. Die Teletherapie wird mit Linearbeschleunigern so durchgeführt, dass die Strahlung von außen durch die Haut auf den Tumor konzentriert wird. Bei der modernen Brachytherapie wird eine kleine radioaktive Kugel in die Nähe des Tumors gebracht, über natürliche Körperöffnungen oder durch eine Hohlnadel.

Wie läuft die Teletherapie ab?

Bei der Teletherapie erfolgt nach Stellung der Indikation und Aufklärung des Patienten eine Computertomografie zur Bestrahlungsplanung, mit der ein dreidimensionales Modell des zu bestrahlenden Körperbereichs des Patienten erstellt wird. Auf der Basis dieses individuellen Modells berechnet man die Bestrahlung. Dann folgt eine Qualitätssicherungsschleife durch Medizinphysiker und schließlich die Freigabe durch den fachkundigen Arzt und den fachkundigen Physiker. Die Bestrahlung wird typischerweise fraktioniert, das heißt in mehreren kleinen Einzelportionen einmal am Tag über mehrere Wochen verabreicht.

Wie ist das Vorgehen bei der Brachytherapie?

Bei der modernen Brachytherapie wird heute üblicherweise auch eine Computertomografie oder eine Kernspintomografie zur Bestrahlungsplanung herangezogen. Anschließend wird die Dosisverteilung berechnet. Die Brachytherapie arbeitet mit höheren Einzeldosen als die Teletherapie, die je nach Indikation in einer bis fünf Sitzungen appliziert werden. In der Regel erhält der Patient eine Therapie pro Woche, nur die Brachytherapie bei Brustkrebs wird teilweise täglich angewendet. Die Strahlenquelle wird in den Körper hineingebracht, dort für eine bestimmte Zeit belassen und wieder herausgeholt. Die Strahlendosis wird in der Bestrahlungsplanung festgelegt. Man weiß, welche Dosis pro Minute die Strahlenquelle abgibt und kann daraus ableiten, wie viele Minuten die Bestrahlung dauern muss.

Wer stellt die Indikation?

Ob für einen Patienten eine Strahlentherapie angezeigt ist, wird in einem sogenannten Tumorboard entschieden. Das ist ein Gremium, in dem Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen den Krankheitsfall eines Patienten und das therapeutische Vorgehen besprechen. Zu diesen Fachleuten gehören Operateure, medizinische Onkologen, Strahlentherapeuten, Pathologen und Radiologen. Die Zusammensetzung der Tumorboards richtet sich nach Vorgaben der Krebsgesellschaft.

Bei welchen Erkrankungen wird die Strahlentherapie angewandt?

Bei der Teletherapie handelt es sich in 90 Prozent der Fälle um bösartige Tumoren. Am häufigsten wird sie bei Brust-, Prostata-, Lungen- und Darmkrebs angewandt, auch bei Kopf-Hals-Tumoren und Gebärmutterkrebs. Die restlichen zehn Prozent der Patienten leiden an gutartigen Tumoren oder chronischen Reizzuständen, etwa Entzündungen. Mit der Brachytherapie werden vor allem Tumoren der Brust und der Prostata behandelt.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Man geht davon aus, dass weniger als fünf Prozent dauerhafte Probleme nach einer Strahlentherapie haben. Das kann – je nachdem, welches Organ bestrahlt wurde – sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Zum Beispiel kann Übelkeit auftreten, wenn im Bauch bestrahlt wird oder Haarausfall bei Bestrahlungen des Kopfes. Außerdem kann nach allen Bestrahlungen ein Müdigkeitssyndrom auftreten. Aber dank der modernen Techniken, mit denen die Tumoren immer gezielter behandelt werden und gesundes Gewebe geschont wird, ist die Strahlenbelastung heute deutlich geringer als früher.

Gibt es in der Behandlung allgemeingültige festgelegte Abläufe?

Mittlerweile gibt es für viele Erkrankungen Leitlinien für die Diagnostik und Therapie, die von den jeweiligen Fachgesellschaften erstellt werden. In der Krebstherapie gibt es die meisten Leitlinien. Fast alle Aspekte der Therapie sind in diesen Leitlinien festgelegt. Dabei sind geringe Abweichungen möglich, weil individuelle Patientenfaktoren mit zu berücksichtigen sind. Diese Leitlinien sind Empfehlungen für die behandelnden Ärzte und die beteiligten Medizinphysiker. In begründeten Ausnahmefällen kann man von den Leitlinien abweichen. Das muss aber in den Tumorboards besprochen werden.

Wie wird die Qualität der Strahlentherapie kontrolliert?

Es gibt kein anderes Fach in der Medizin, in dem so viele Kontrollen von außen vorgenommen werden. Die Strahlentherapie ist ein sehr reguliertes Fach. Die Strahlentherapeuten müssen ihre Fachkunde alle fünf Jahre auffrischen, und die Geräte werden regelmäßig gewartet. Alle zwei Jahre gibt es Überprüfungen durch die Ärztlichen Stellen an den zuständigen Ärztekammern. Und die zuständige Stelle in der jeweiligen Landesregierung als Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde führt regelmäßig Begehungen durch. Wenn die Strahlentherapie Teil eines zertifizierten Krebstherapiezentrums ist, werden auch im Rahmen der Zertifizierung regelmäßig Kontrollen durchgeführt.

(Hamburger Abendblatt, 18.2.15, Interview: Cornelia Werner)

 

 

 

Impfung gegen Krebs

Antigene wecken effektiv Immunsystem

Impfungen helfen gesunden Menschen, gesund zu bleiben. Eine neue Art und Weise einer Krebstherapie aktiviert auch das körpereigene Immunsystem. Durch den Einsatz von Antigenen kann die vielversprechende Therapie ebenfalls als Impfung bezeichnet werden.

Mainzer Forscher wollen verschiedene Krebsarten mit einer besonders effektiven Immuntherapie bekämpfen. Dabei wird das körpereigene Immunsystem stimuliert, sich selbst gegen die Tumore zu wehren. Das Team hat leicht negativ geladene Nanopartikel entwickelt, die gezielt therapeutische Krebsimpfstoffe in bestimmte Zellen des Immunsystems transportieren, wie die Forscher in der Fachzeitschrift "Nature" schreiben. Diese sogenannten dendritischen Zellen wiederum geben die Information, dass ein bestimmter Typ von Tumorzellen im Körper bekämpft werden soll, wie ein Fahndungsfoto an andere Immunzellen weiter.

Bislang sei das Verfahren an Mäusen und drei Menschen mit Schwarzem Hautkrebs getestet worden, sagte Krebsforscher Ugur Sahin, der die Untersuchung betreute. "Überraschenderweise bekamen wir bei sehr geringer Dosis sehr starke Immunantworten." Das Prinzip kann auch auf die Therapie anderer Krebsarten übertragen werden.

Neuer Trick bei Adressierung

Für Hans-Reimer Rodewald vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ), der an der Studie nicht beteiligt war, sind die Ergebnisse "enorm interessant". Die Immuntherapie gegen Tumore gilt als vielversprechender Ansatz der Krebsbehandlung. Dabei werden die Krebszellen nicht etwa in einer Chemotherapie mit Giften attackiert oder mit Röntgenstrahlen zerstört, sondern es wird die Abwehr im Körper selbst aktiviert. Diese Anregung erfolgt durch Antigene - deswegen sprechen die Forscher von einem Impfstoff.

Dieses therapeutische Impfen wird nicht bei gesunden Menschen angewandt, sondern bei Kranken. Bislang wurden bei den Ansätzen in der Immuntherapie die Nanopartikel mit Adressaufklebern versehen, entweder mit Antikörpern oder Liganden, die sich speziell an die dendritischen Zellen anlagern. Das Forscherteam habe nun einen anderen Trick gefunden, sagte Rodewald. Durch die leicht negative Aufladung der Nanopartikel würden diese zu den dendritischen Zellen im Lymphsystem wie etwa die Milz geleitet. "Das ist sehr bemerkenswert", sagte er.

Krebsbekämpfung mit "Fahndungsfoto"

Die Entwicklung basiert auf den Forschungsarbeiten der Translationalen Onkologie an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (TRON) und der Firma BioNTech in Mainz. An den Versuchen sind die Universitätsmedizin Mainz, das Uniklinikum Heidelberg, das Uniklinikum Mannheim und die Universitätsmedizin Frankfurt beteiligt.

Bei dem in "Nature" vorgestellten Ansatz wird die Bauanleitung (RNA) eines Tumor-Antigens in eine schützende Membranschicht gesteckt, die außen negativ geladen ist. Diese Nanopartikel werden in den Blutkreislauf gegeben und erreichen so das Lymphatische System. Dort nehmen die dendritischen Zellen die RNA auf, und nutzen sie zum Aufbau von Tumorantigenen. "Diese Zellen sind quasi die Instrukteure des Immunsystems. Sie präsentieren die von uns eingebrachten Antigene wie ein Fahndungsfoto. Die anderen Immunzellen kommen vorbei und schauen sich das an", sagt Sahin. Die Abwehrzellen können daraufhin die Tumorzellen bekämpfen.

Beeindruckende Immunantworten

Jolanda de Vries und Carl Figdor vom Radboud University Medical Center in Nijmegen in den Niederlanden schreiben in einem Kommentar zu den Resultaten in "Nature", die Immunantwort der T-Zellen der drei Patienten sei beeindruckend. Es müsse allerdings eine größere, randomisierte Studie durchgeführt werden - deren Ergebnis mit größtem Interesse verfolgt werde. Das Potenzial sei da, dass dieser Ansatz das therapeutische Impfen bei Krebserkrankungen stark voranbringt.

Sahin sagte, die Studie laufe weiter. Bislang seien alle Patienten klinisch stabil, das heißt die Tumore wachsen nicht mehr weiter. "In einem Jahr werden wir wissen, wie wirksam die Behandlung ist", sagte er. "Ich bin selber Arzt und davon motiviert, Patienten neue Behandlungsmöglichkeiten zu bieten." Erst kürzlich hatten britische Forscher von einer Immuntherapie gegen Krebs berichtet, bei der sie T-Zellen aus dem Blut entnehmen und im Labor gentechnisch so verändern, dass sie Blutkrebszellen erkennen und direkt angreifen. Auch dieser Ansatz steckt noch im Versuchsstadium.

(n-tv.de , 2.6.16, jaz/dpa)

 

 

 

Tumoren wegimpfen

Tübingen – Es gibt in der Medizin Worte, die man nur ungern in den Mund nimmt. Durchbruch etwa. Davon gibt es ausgesprochen wenige. In der Krebsmedizin gibt es einen solchen. Er ist seit der Entschlüsselung des Genoms das Resultat von 15 Jahren Forschung.

Ähnlich wie bei Aids könnte es nun auch bei Krebs neue Kombinationstherapien geben, die die Erkrankung in Schach halten. Und das nicht mehr nur für Monate, sogar Jahre könne man den Tumorenabtrotzen. Grund für den Optimismus ist die Immuntherapie. Sie ist wissenschaftlich ein Durchbruch, denn erstmals ist es gelungen, das körpereigene Abwehrsystem gegen die Tumoren scharfzumachen.

Und das nicht nur auf einem einzigen Weg. Im Prinzip gibt es drei Arten von Immuntherapien. Eine von ihnen, die Checkpoint-Inhibitoren, hat auch bereits das Leben einiger Patienten verlängert, vor allem die von schwerkranken Hautkrebs- und Lungenkrebspatienten. Die Checkpoint-Inhibitoren lösen die Bremsen des Abwehrsystems, die der Tumor zum Teil selbst aktiviert hat, und machen ihn für die körpereigenen zellulären Killerkommandos angreifbar. Etwa ein Fünftel der Patienten profitiert von dieser so neu entfesselten Abwehr.

Wie eine Tarnkappe

Allerdings klappt es nur dann, wenn der Krebs die T-Zellen zu sich vordringen lässt. Das ist in immerhin 50 bis 60 Prozent der Erkrankungen aber nicht der Fall. "Krebs versteckt sich hinter einer Art molekularer Tarnkappe", sagt Kees Meliefs. Sie gelte es aufzubrechen.

Der Niederländer ist ein Urgestein auf dem Gebiet der Tumorimmunologie. Über Jahrzehnte leitete er die Fachabteilung an der Universität Leiden. Inzwischen ist er Geschäftsführer von ISA Pharmaceuticals, einem Unternehmen, das Technologien anbietet, um individuell Impfstoffe gegen Tumoren zu entwickeln. Dazu aber muss das Immunsystem Krebszellen erkennen.

Um Tumoren zu demaskieren, suchen Mediziner Angriffspunkte: In der Vergangenheit hieß das oft, die Lebens- und Teilungsfähigkeit entarteter Zellen zu blockieren, um das Wachstum zu stoppen. "Das funktioniert auch", sagt Meliefs, "etwa bei Brustkrebs, aber gesunde Zellen wachsen und teilen sich, und sie tragen ebenfalls diese Merkmale", fügt er hinzu. Die besseren Angriffspunkte, sagt er, seien bösartige Mutationen.

Das sind winzige Veränderungen im Erbgut, die dafür sorgen, dass Zellen entarten, unkontrolliert wachsen und es schaffen, sich vor der Körperabwehr zu verstecken. Eine Mutation in dem Protein IDH1 etwa kommt ausschließlich im Gehirn vor. Die Veränderung lässt seltene Hirntumoren entstehen. Gliome heißen sie. Michael Platten, Neuroonkologe vom Deutschen Krebsforschungszentrum, ist auf diese Form von Krebs spezialisiert und sammelt Patienten. Es sind Menschen mit besonders schlechten Überlebenschancen.

An acht Zentren soll im Rahmen einer klinischen Studie ein kleines Stück des mutierten Proteins durch Patientenblut fließen. Wissenschafter aus Heidelberg und Tübingen haben es nachgebaut. Es ist nicht lang, aber gerade so, dass das Immunsystem das bösartige IDH1 erkennen kann. Und dann, so hofft Platten, sollten die Abwehrzellen im Körper den Tumor bekämpfen. Getestet haben die Mediziner das Prinzip in Mäusen. Dort hat es funktioniert.

Individuelle Cocktails

Die Gliome, die Platten bekämpfen will, tragen ihre Veränderung nur an einer einzigen Stelle. "Das macht es einfacher", sagt er selbst. Die meisten anderen Tumoren hingegen zeichnen sich durch vielfältige genetische Veränderungen aus. Der Niederländer Kees Meliefs verfolgt eine fast unvorstellbare Idee: eine individuelle Impfung. Er will mithilfe von Gentests Tumoren nach charakteristischen Veränderungen absuchen. "Mutationen sind besonders geeignet", sagt er. Denn auf diese Weise könne man sicher sein, dass das Abwehrsystem nicht die gesunden Körperzellen bekämpft.

Er ist mit dieser Idee nicht allein. In Tübingen etwa, beim Unternehmen Immatics, hat man ein Verfahren entwickelt, das innerhalb kurzer Zeit aus einer Tumorprobe Mutationen aufdecken kann. Anhand dieser Merkmale bauen die Wissenschafter kurze Eiweißstränge zusammen. "Und diese werden vom Immunsystem erkannt, wenn sie ins Blut gespritzt werden", sagt Meliefs.

Sogenannte dendritische Zellen wandern mit ihnen in die Lymphknoten, wo sie dann die kämpferischen T-Zellen aktivieren sollen. Mit einer Krebsform, den Nierenzellkarzinomen, sind die Tübinger bereits weit vorangeschritten. In Kürze, so heißt es, sollen die Daten in einer Zulassungsstudie vorgestellt werden. Prinzipiell aber sollte sich das Verfahren auf andere Krebsformen anwenden lassen.

Das aber stellt die Zulassungsbehörden vor neue Herausforderungen. Wie sollen Therapien geprüft werden, die auf jeweils einen Patienten ausgerichtet sind? Das Genehmigungsverfahren für solche Tumorimpfungen ist aufwendig. "In solchen Fällen kann nicht mehr das Endprodukt, also die Impfung, sondern es muss der gesamte Prozess von der Feststellung der geeigneten Mutationen bis zur Herstellung des fertigen Impfstoffs zugelassen werden", sagt Michael Platten.

Und die Nebenwirkungen? Bislang werden sie in großen Patientengruppen gesammelt. Gerade die Aktivierung des Immunsystems kann auch mit erheblichen Risiken verbunden sein, wie Onkologen von den Checkpoint-Inhibitoren gelernt haben. Sowohl Platten als auch Meliefs halten das Risiko für ausgesprochen gering. "Wir gehen Strukturen an, die sonst im Körper nicht zu finden sind", sagt Meliefs, fügt aber hinzu, dass die Patienten einer strengen Kontrolle unterliegen sollten.

Work in Progress

Doch es bleiben Fragen: Gerade an der Wandelbarkeit der Tumoren scheitern bisherige Therapien, weil sie mit der Zeit wirkungslos werden. Wie also können Impfungen, die einige wenige Merkmale erkennen, aggressive Tumoren vollständig bekämpfen? "Hier kommt die Kombinationstherapie ins Spiel", sagt Meliefs.

Von den Checkpoint-Inhibitoren weiß man inzwischen, dass abwehrende Tumoren etwa durch eine Strahlentherapie angreifbar gemacht werden. Ähnliches glaubt Meliefs von den Impfungen. "Wir werden künftig zwei, drei oder vier Wege haben, die Krebsgeschwüre zu bekämpfen", sagt er.

(DerStandard/Wien, 28.9.15, Edda Grabar)

 


 

Krebs: Die Chemo als Therapiekiller

Die Nebenwirkungen machen Patienten oft starke Probleme - Therapien müssen abgebrochen werden

Mehr als 500 von knapp 8.000 Krebspatienten beenden Chemo- oder Hormontherapien wegen der Nebenwirkungen vorzeitig. Das zeigt eine britische Studie, die auf dem Europäischen Krebskongress ESMO 2014 in Madrid vorgestellt wurde. Analysiert wurden Therapiedaten aus fünf europäischen Ländern (Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien).

"Die Nebenwirkungen einer Krebstherapie können erheblich sein. Damit ist es naheliegend, dass sie der häufigste Grund für den Abbruch einer Behandlung sind. Im Rahmen unserer Arbeit haben wir analysiert, unter welchen Tumoren die Patienten litten, welche Therapien angewendet wurden, und welche Nebenwirkungen sie entwickelten", erklärt Studienautorin Rheena Khanna, IMS Health, London.

Toxische Belastung

Durchgeführt wurde die Studie mit Daten aus dem Jahr 2013 aus einer Patienten-Datenbank, die auf vierteljährlichen Erhebungen bei Ärzten basiert. Analysiert wurden Diagnosen und Therapie-Nebenwirkungen von Patienten, die wegen Nebenwirkungen ihre Therapie abgebrochen haben. Da viele Patienten mehr als eine Nebenwirkung erlebten, können die errechneten Zahlen 100 Prozent überschreiten.

Insgesamt wurden für die Analyse Daten von 7899 Patientinnen und Patienten herangezogen, von denen 531 ihre Therapie wegen Unverträglichkeit vorzeitig beendet hatten.

Aus dieser Gruppe hatten 87 Prozent eine zytotoxische Chemotherapie und 13 Prozent eine Hormontherapie erhalten. Die häufigsten Diagnosen waren Brustkrebs (22 Prozent), Dickdarmkrebs (14 Prozent), und nicht-kleinzelliger Lungenkrebs (13 Prozent). Die häufigste Nebenwirkung war mit 36 Prozent Neutropenie (Blutbildveränderung), gefolgt von Übelkeit/Erbrechen (23 Prozent), Blutarmut (21 Prozent), Neuropathie (17 Prozent) und Schleimhautentzündung (15 Prozent).

Aus der Gruppe der Brustkrebspatientinnen, die ihre Therapie abbrachen, hatten 57 Prozent eine zytotoxische Chemotherapie und 43 Prozent eine Hormontherapie bekommen. Bei den Patientinnen unter Hormontherapie waren Schmerzen der häufigste Grund für den Therapieabbruch, gefolgt von Neutropenie.

Viele Patienten mit Darm- oder Lungenkrebs wurden mit platinhaltigen Chemotherapien behandelt und brachen die Behandlung wegen Übelkeit, Erbrechen und Neutropenie ab.

Konsequenzen daraus

"Aus dieser Studie geht hervor, dass die Verabreichung und Verschreibung von unterstützenden, sogenannten supportiven, Therapien und ihre Befolgung durch PatientInnen essentiell sind. Empfehlungen der europäischen Krebsgesellschaft ESMO geben den Wissenstand wider, nach dem solche Schritte zur Optimierung der Lebensqualität unter und nach Krebsbehandlung erfolgen sollten", kommentiert Christoph Zielinski, Vorstand der Klinik für Innere Medizin I und Leiter der Klinischen Abteilung für Onkologie, Medizinische Universtität Wien/AKH Wien.

In weiteren Untersuchungen soll geklärt werden, ob und in welchem Maße sich das Therapieergebnis durch den Abbruch verschlechterte. Daten zur Mortalität lassen sich aus der Datenbank von IMS Health, so Reena Khanna, indirekt ableiten.

Khanna: "Man kann diese Ergebnisse als Aufruf an die Ärzteschaft sehen, die verfügbaren Möglichkeiten zur Kontrolle der Nebenwirkungen von Krebstherapien voll auszunützen. Denn bei Patienten, die ihre Medikamente nicht nehmen, können wir auch von einem schlechteren Therapieergebnis ausgehen." Wie weit psychologische Strategien und bessere Beratung geeignet sind, die Therapietreue zu verbessern, lässt sich aus den verfügbaren Daten nicht ableiten.)

(Der Standard/Wien, 25. September 2014, red)

 

 

 

Chemotherapie für Krebspatienten im terminalen Stadium “verbessert nicht ihre Lebensqualität”

Holly G. Prigerson vom Weill Cornell Medical College in New York und ihr Team haben ihre Erkenntnisse kürzlich im JAMA Oncology veröffentlicht (doi:10.1001/jamaoncol.2015.2378).

Vielen Patienten mit einer terminalen Krebserkrankung wird heutzutage eine Chemotherapie zur Verbesserung der Lebensqualität angeboten. Glaubt man allerdings einer neuen Studie, so profitieren Patienten, die dem Tode nahe sind, keineswegs von einer solchen Behandlung. Im Gegenteil, sie würde den Zustand von Patienten mit verhältnismäßig gutem Befinden sogar verschlechtern.

Laut Dr. Prigerson haben erstmals Ärzte Bedenken geäußert, dass Krebspatienten mit nur noch sehr kurzer Lebenserwartung nicht von einer Chemotherapie profitieren würden.

Sie bezogen sich dabei auf ein Fachgremium der American Society of Clinical Oncology (ASCO), die 2012 eine solche Behandlung als die “am weitesten verbreitete, meist verschwenderische und unnötige Praxis in der Onkologie” bezeichnete. Grund für die Äußerung war vor allem die fehlende Evidenz, dass die Chemotherapie in irgendeiner Form profitabel sei.

Nichtsdestotrotz bemerkten Prigerson und ihr Team, dass terminalen Krebspatienten diese Form der Behandlung fortwährend angeboten wird – Vor allem jenen die eigentlich leistungsfähiger sind und bessere Fähigkeiten zur Selbstversorgung vorweisen.

Mit ihrer neuen Studie wollen sie nun das Wissen darüber verbessern, was die Chemotherapie im terminalen Stadium tatsächlich mit den Patienten tut und wie sie sich auf deren Lebensqualität auswirkt.

Leitlinien bezüglich des Einsatzes von Chemotherapeutika bei Patienten mit terminaler Krebserkrankung “sollten überarbeitet werden”

Zwischen September 2002 und Februar 2008, erhoben die Wissenschaftler die Daten von 312 an Krebs erkrankten Patienten, deren Lebenserwartung auf nicht länger als 6 Monate geschätzt wurde.

Zum Zeitpunkt der Baseline, erhielten mehr als die Hälfte der Patienten eine Chemo. Die Leistungsfähigkeit der Patienten, die sich aus der allgemeinen Aktivität und der Fähigkeit zur Selbstversorgung zusammensetzt, wurde von der Gruppe mittels eines Punktesystems bewertet. Je höher der Score ausfiel, desto schlechter war die Leistungsfähigkeit eines Patienten.

Verglichen mit Patienten die keine Chemo erhielten, konnte bei Patienten mit einer schlechten Leistungsfähigkeit und einer Chemotherapie keine Verbesserungen der Lebensqualität in der letzten Woche vor ihrem Tod festgestellt werden.

Noch eindrücklicher ist jedoch die Erkenntnis, dass die Lebensqualität von Patienten mit erhaltener Chemotherapie und guter Leistungsfähigkeit in ihrer letzten Woche schlechter war als die von Patienten mit ebenfalls guter Leistungsfähigkeit aber ohne Behandlung mit Chemotherapeutika.

Gegenwärtig behaupten die Leitlinien von ASCO, dass terminale Krebspatienten mit guter Leistungsfähigkeit am ehesten von einer Chemotherapie profitieren würden. Die in der Studie erlangten Erkenntnisse deuten jedoch auf das genaue Gegenteil hin.

Prigerson und Kollegen sagen: “Die Ergebnisse dieser Studie suggerieren, dass der Einsatz von Chemotherapien bei Patienten mit Chemo-refraktären und metastasiertem Krebs von fragwürdigem Nutzen ist, wenn es um die Lebensqualität der Patienten in ihrer letzte Woche geht. Unabhängig von ihrem Leistungsstatus konnten die Patienten nicht von der Chemotherapie profitieren oder eine Verbesserung feststellen. Darüber hinaus erschien ihr Einsatz bei Patienten mit guter Leistungsfähigkeit sogar eher schädlich zu sein.”

“Die ASCO-Guidelines bezüglich des Einsatzes von Chemotherapeutika bei terminalem Krebs sollten überarbeitet werden, um einen potentiellen Schaden durch sie an Patienten mit malignen Erkrankungen zu vermeiden.”

Jedoch sagen Dr. Charles D. Blanke und Erik K. Fromme, von der Oregon Health and Science University, in einem Editorial, welches sich auf die Studie bezieht, dass es zu früh sei, um eine Änderung der ASCO-Leitlinien zu fordern.

“Zu diesem Zeitpunkt ist es noch nicht angebracht zu fordern, die Leitlinien so zu verändern, dass der Einsatz von Chemotherapeutika bei allen Patienten mit terminalem Krebs verboten wird. Hierfür sind unwiderlegliche Daten nötig, die genau aufzeigen welche Patientengruppen womöglich doch von einer solchen Behandlung profitieren können und welche eben nicht”. Weiterhin meinen sie aber, dass „wenn ein Onkologe die Lebensdauer auf kürzer als 6 Monate beziffert, die Standardtherapie eine eher passive sein sollte.“

Anfang des Monats hat Medical News Today über eine Studie berichtet, die im Cell veröffentlicht wurde und eine neue Technik beschreibt bei der es mit Hilfe von Licht möglich ist, Chemotherapeutika in bestimmten Krebszellen zu aktivieren. Dies könnte die Effektivität von Krebsbehandlungen verbessern.

(esanum, 31.7.15, ss/pvd)

 

 

Leverkusen

Bei Krebs jetzt auch Tabletten statt Chemo

Neue Wege beschreitet das Klinikum Leerkusen jetzt vor allem in der Therapie von Lungenkrebs: Statt der Chemotherapie werden jetzt immer häufiger neu entwickelte Tabletten eingesetzt, wie Onkologie-Chef Dr. Utz Krug auf Nachfrage unserer Redaktion berichtet. Seit August/September werde diese neue Therapieform, die weitgehend ambulant ablaufe, praktiziert. Der große Vorteil gegenüber der zumeist stationären Chemotherapie sei die Tatsache, dass diese Tabletten das Immunsystem nicht mehr so angreifen wie die Chemotherapie. Durch die neuen Medikamente wird laut Dr. Utz die Interaktion der Krebszellen mit dem Immunsystem des Körpers gestört: Die Krebszellen würden regelrecht ausgetrickst, sagt der Onkologe. Allerdings gebe es auch bei der Tabletten-Therapie gegen Krebs Nebenwirkungen, wie im schlimmsten Fall entstellende Hautausschläge und lebensbedrohliche Magen-Darm-Erkrankungen. "Deshalb bereiten wir die Patienten sehr genau auf diese neue Therapie vor. Sie müssen sich, wenn sie Durchfall bekommen, sofort in Behandlung begeben, sonst kann es lebensbedrohlich werden", betont der Chefarzt.

Auch müssten Patienten, die mit Tabletten gegen Krebs behandelt werden, öfter zu Kontrolluntersuchungen. "Außerdem sind diese Medikamente noch sehr teuer", bedauert der Facharzt. So koste eine Monatsdosis etwa 4000 Euro, die die Krankenkassen aber nicht unbedingt alle übernähmen. Die Patienten im Klinikum bekamen diese Medikamente aber kostenfrei, berichtet Dr. Krug: "Das machen nicht alle Krankenhäuser so, aber wir verstehen es als Service."

Derr Mediziner betont: "Trotz Tabletten kann man auf die Chemotherapie nicht ganz verzichten." Das hänge von Art und Schwere der Krebserkrankungen ab. Aber auch in diesem Bereich habe die Forschung Fortschritte gemacht: Die Chemotherapien selbst, aber auch die Mittel gegen die bekannten Nebenwirkungen, wie etwa Übelkeit, seien deutlich weiterentwickelt worden.

Sehr gute Erfahrungen hat der Onkologe mit einem Gerät namens Kopfkühlhaube gemacht, das gegen den verbreiteten Haarausfall bei der Chemotherapie zum Einsatz kommt: "Wir haben inzwischen 40 Patientinnen mit der Kopfkühlhaube behandelt, und zwei Drittel haben ihre Haare behalten", freut sich Dr. Krug. Zwar müsse die Haube vor und nach einer Chemotherapie bis zu drei Stunden lang getragen werden: "Wir packen die Patienten dafür ganz dick ein, denn sie frieren sehr stark", berichtet der Mediziner. Aber vor allem Frauen seien sehr motiviert, die Kälte auszuhalten, um ihre Haare nicht einzubüßen.

Während Fälle von Hautkrebs am Klinikum Leverkusen nicht behandelt, sondern diese Patienten in Hautkliniken weiterverwiesen werden, stellt der Chefarzt eine weitere Zunahme von Lungen- und Darmkrebs auf seiner Station fest. Dies entspreche auch den bundesweiten Statistiken. Die Zahl der Raucher lasse zwar nach. Aber wer mit dem Rauchen aufhöre, könne auch Jahrzehnte später noch Lungenkrebs bekommen. Hinzu kämen inzwischen immer noch steigende Fälle von Lungenkrebs durch Asbest, der in den 1970er Jahren als Baumaterial verwendet wurde.

(RP online, 28.9.15, Gundhild Tillmanns)

 

 

 

Chemo während Schwangerschaft

Krebs bei Schwangeren belastet Babys nicht - auch nicht mit Chemotherapie

Weil Krebs bei Schwangeren nur einmal unter Tausend Fällen auftritt, haben Hebammen und Ärzte nur wenig Erfahrung damit. Eine Behandlung ist nicht so schädlich wie angenommen.

Bei Schwangeren, die an Krebs erkrankt sind, geben Hebammen und Ärzte meist nur zögernd Ratschläge. Denn es kommt sehr selten vor - etwa einmal in acht Jahren - dass Geburts-Experten mit einer Krebserkankung während der Schwangerschaft konfrontiert werden. Zudem gibt es verschiedene Arten von Krebs, die auf verschiedene Arten behandelt werden können. Doch nun wurde nachgewiesen, dass selbst eine Chemotherapie nicht so schwerwiegende Folgen für den Fötus hat, wie bislang angenommen. Davon berichtet "The New England Journal of Medicine".

Im Jahr 2012 hatten Wissenschaftler etwa 1.050 Publikationen aus 50 Jahren Forschung analysiert. Nach 18 Monaten konnten sie aus dieser Analyse Schlüsse auf die Auswirkungen bestimmter Medikamente einer Krebstherapie während der Schwangerschaft ziehen. Doch die Daten stammten stets aus kleinen Studien oder Fallberichten. Bei diesen unvollständigen Datensätzen fehlen häufig wichtige Informationen, wie die Dosis eines Medikaments und die Dauer der Anwendung, oder Nebenwirkungen. Gerade die Folgen einer Chemotherapie während der Schwangerschaft bei dem Baby blieben meist unerforscht.

Krebs in der Schwangerschaft: Jeder Fall ein Einzelfall

Das Problem ist: Es gibt viele Möglichkeiten, Krebs zu behandeln, und in Abhängigkeit von Gewicht, Kombination mit anderen Arzneimitteln oder gesundheitlichen Besonderheiten wird jeder Patient zum Einzelfall. Zudem entwickeln Forscher die Chemotherapie so schnell weiter, dass Informationen leicht veraltet sind. Bei einer neuen Studie wurden Kinder von krebskranken Schwangeren und gesunden Schwangeren verglichen. Dabei wurden kognitive und kardiale Funktionen überprüft. Von 129 überprüften Kindern waren 96 einer Chemotherapie und elf einer Radiotherapie ausgesetzt, weil ihre Mütter an Krebs litten.

Dabei stellten die Wissenschaftler fest, dass in über der Hälfte der Fälle Kinder von an Krebs erkrankten Müttern frühzeitig zur Welt kamen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eines dieser Kinder bei der Geburt für seinen Entwicklungsstand klein war, war bei Kindern mit krebskranken Müttern leicht erhöht - bei einer Radiotherapie der Mutter war sie höher als bei einer Chemotherapie. In einem Alter von drei Jahren konnten keine bedeutsamen Unterschiede bei der kognitiven oder Herzfunktion zwischen Kindern, deren Mütter eine Krebstherapie erhielten, und der Kontrollgruppe festgestellt werden. Die Forscher empfehlen Schwangeren mit Krebs, sich trotz der Schwangerschaft unbedingt behandeln zu lassen - am besten aber erst im zweiten und dritten Trimester.

(Augsburger Allgemeine, 1.10.15, sh)

 

 

 

 

   

 

Photodynamische Therapie: Krebszellen mit Farbe besiegen

Wiener Forscher ist es gelungen, die Anlagerung von Methylenblau, eine der gängigsten Substanzen der Photodynamischen Therapie, an die DNA von Krebszellen zu simulieren

Wien - Die Photodynamische Therapie ist ein neues Verfahren zur Behandlung von Krebs und mikrobiellen Infektionen, das vorwiegend in der Dermatologie, aber auch in der Onkologie und Augenheilkunde Anwendung findet. Dabei wird dem Patienten eine durch Licht aktivierbare Substanz verabreicht, die sich in den Tumorzellen bzw. in den Mikroorganismen anreichert. Durch anschließende Bestrahlung werden toxische Substanzen, insbesondere Sauerstoffradikale, erzeugt, die Krebszellen oder Mikroorganismen abtöten und damit den Tumor vernichten. Der Vorteil dieser Behandlungsmethode liegt darin, dass keine weiträumige Entfernung von gesundem, nicht vom Tumor befallenem Gewebe notwendig ist.

Methylenblau als Antitumormittel

Die Chemiker Juan Nogueira, Markus Oppel und Leticia González vom Institut für Theoretische Chemie der Uni Wien untersuchen die molekularen Grundlagen der Wirksamkeit von solchen Antitumormitteln. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf dem Verständnis der Mechanismen, die der Photodynamischen Therapie zugrunde liegen. "Eine der am häufigsten eingesetzten Verbindungen für diese Therapie ist Methylenblau", erklärt Gonzalez. In einer vorangehenden Arbeit konnten die ForscherInnen bereits nachweisen, wie sich das Molekül an die DNA bindet. "Wir konnten allerdings noch keine Aussage treffen, inwieweit die Art der Einlagerung in die Erbsubstanz den Mechanismus der Erzeugung der Sauerstoffradikale beeinflusst", sagt die Chemikerin.

Simulation mit Supercomputer

Mittels Computersimulationen am Supercomputer Vienna Scientific Cluster, den die Universität Wien gemeinsam mit der TU Wien, BOKU, TU Graz und Universität Innsbruck betreibt, ist es den WissenschafterInnen nun gelungen, die Anlagerung von Methylenblau an die DNA des Zellkerns von Krebszellen zu simulieren. "Es hat sich herausgestellt, dass das eingelagerte Methylenblau durch die DNA von dem in den Zellen vorhandenen Wasser abgeschirmt wird", resümiert Nogueira. Der Mechanismus der Sauerstoffradikalerzeugung ähnelt daher mehr dem Vorgang im Vakuum und nicht, wie bisher angenommen wurde, dem Reaktionsverlauf in wässriger Lösung.

Modifikation für mehr Effizienz

"Dieses neue Verständnis der Reaktionsbedingungen erlaubt es, gezielt nach Modifikationen von Methylenblau zu suchen, welche einerseits die Einlagerung unverändert lässt, andererseits aber die Effizienz der Erzeugung des toxischen Sauerstoffs steigert, indem unerwünschte Nebenreaktionen unterbunden werden", erklärt Nogueira. Durch die gewonnenen Erkenntnisse soll laut Angaben der Wissenschaftler die Wirksamkeit von Methylenblau drastisch erhöht werden.

(derStandard.at, 24.2.2015, red)

 

 

 

Verbesserte Therapien – Hautkrebs Patienten leben länger

Die Diagnose schwarzer und weißer Hautkrebs galt lange Zeit als Todesurteil, und für die Betroffenen gab es noch vor wenigen Jahren kaum eine Hoffnung auf Heilung. Heute sieht es anders aus, denn beide Hautkrebsarten können nicht nur besser und effektiver behandelt werden, die Patienten haben mittlerweile auch eine höhere Lebenserwartung, die je nach Hautkrebsart bis zu fünf Jahre betragen kann. Vor allem die weiße Krebsvariante ist sehr gut therapierbar, und beim schwarzen Hautkrebs haben sich die Therapiemöglichkeiten sogar verbessert, selbst wenn der Krebs schon in einem fortgeschrittenen Stadium ist.

Wie gefährlich ist Hautkrebs?

In Deutschland leiden mehr als 1,5 Millionen Menschen unter Hautkrebs, und in den meisten Fällen ist die Sonne an der tückischen Krebserkrankung schuld. Die UV-Strahlung der Sonne beschädigt die Hautzellen und schließlich bilden sich bösartige Wucherungen. Dieser Prozess kann viele Jahre dauern, besonders Menschen mit einem hellen Teint und blonden Haaren sind gefährdet. Unterschieden wird der Krebs in eine weiße und eine schwarze Form, beide sind gefährlich, weil sie zunächst keine Beschwerden verursachen. Der weiße Krebs zeigt sich zunächst nur mit leichten Rötungen der Haut, erst später wird die Haut schuppig oder es bilden sich verhornte Stellen. Die schwarze Form macht durch dunkle Pigmentflecken auf sich aufmerksam, die an ein Muttermal erinnern, und auch wenn ein bereits bestehendes Muttermal größer oder dunkler wird, dann kann das ein Zeichen für schwarzen Hautkrebs sein.

Früh erkannt ist Hautkrebs heilbar

Jedes Jahr bekommen in Deutschland rund 230.000 Menschen die Diagnose Hautkrebs. 80 % der Wucherungen und Karzinome treten im Gesicht auf, nicht selten gleich an mehreren Stellen. Die gute Nachricht ist, dass vor allem die weiße Variante sehr selten streut und damit die Gefahr für andere Organe gering ist. In der Regel reicht ein kleiner operativer Eingriff aus, um die bösartigen Tumore zu entfernen. Wird der Krebs erst später erkannt und ist bereits tief in die Haut eingewachsen, dann ist eine größere Operation notwendig. Gehen die Betroffenen in einem frühen Stadium zu einem Hautarzt, dann können oftmals schon spezielle Cremes oder auch eine Lichttherapie verhindern, dass der Krebs fortschreitet.

Der schwarze Hautkrebs

Zwar lässt sich der schwarze Hautkrebs besser erkennen, dafür ist er um einiges aggressiver als die weiße Krebsvariante. In Deutschland erkranken jedes Jahr 22.000 Menschen an einem Melanom und bei rund 3.000 Patienten bilden sich sehr schnell gefährliche Metastasen. Wenn sich bereits Tochtergeschwüre gebildet haben, dann ist der Krebs nur noch sehr schwer heilbar. Auch hier spielt es eine wichtige Rolle, wie tief der Krebs bereits in die Haut eingedrungen ist. In Deutschland wird der Krebs in 70 % aller Fälle meist dann entdeckt, wenn er schon mehr als einen Millimeter tief in der Haut ist. In diesem Fall ist das Risiko, dass sich Metastasen bilden, sehr gering, es reicht oft schon aus, wenn die Haut rund um den Krebsherd großräumig entfernt wird. Der Arzt vermisst anschließend das Melanom unter dem Mikroskop und an der Größe orientiert sich dann die weitere Therapie.

Große Fortschritte

Immer wenn ein Melanom gestreut hat, zum Beispiel in das Lymphsystem, dann galt noch vor einigen Jahren, dass für den Patienten keine Hoffnung auf Heilung besteht. Noch vor fünf Jahren hatten Patienten eine Lebenserwartung von zehn Monaten, heute gibt es neue Immuntherapien, die die Lebenserwartungen deutlich erhöhen. Schon 2012 wurde ein neues Medikament auf den Markt gebracht, zwei weitere Präparate sollen noch in diesem Jahr folgen. Neue Forschungen, die sich mit der Funktionalität der Krebszellen befassen, machen heute eine verbesserte und zielgerichtete Therapie möglich, die unter anderem das bislang unkontrollierte Wachstum der Krebszellen stoppen können. Auf dem Gebiet der Gene wird ebenfalls an neuen Therapien gearbeitet, denn vielfach ist der Krebs auch vererbbar.

(gesundheits-magazin.net, 11.12.15, Ulrike Dietz)

 

 

Neue Therapien gegen schwarzen Hautkrebs

«Revolution», «begeistert», «dankbar» - Begriffe, die man auf medizinischen Kongressen selten hört, schon gar nicht, wenn es um Tumore geht. Beim Deutschen Hautkrebskongress aber herrscht beinahe so etwas wie Euphorie.

Keine Krebserkrankung nimmt an Häufigkeit so stark zu wie Hautkrebs. Auf dem Deutschen Hautkrebskongress, der noch bis zum Wochenende in Frankfurt stattfindet, beraten 800 Experten über die neuesten Forschungsergebnisse - und die sind recht vielversprechend. Denn auch wenn die Fallzahlen steigen: Es gibt immer mehr und immer bessere Behandlungsmöglichkeiten, selbst für den tödlichen schwarzen Hautkrebs.

«Wir sind zurückhaltend mit dem Begriff Heilung», sagt Prof. Dirk Schadendorf, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie (Essen). «Aber wir sehen viele Fortschritte, die das Langzeitüberleben sichern.» Die Entwicklung sei vergleichbar mit Aids, sagt Kongresspräsident Prof. Roland Kaufmann (Frankfurt), der Chef der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft: «Wir haben berechtigte Hoffnung, dass aus einer todbringenden Erkrankung eine chronische Krankheit wird - bei guter Lebensqualität.»

220 000 Patienten erkranken in Deutschland jedes Jahr neu an Hautkrebs, bei 20 000 ist es schwarzer Hautkrebs, der bisher im fortgeschrittenen Stadium - wenn er in die inneren Organe streut - fast immer tödlich verlief. 3000 Todesfälle pro Jahr verzeichnet das Krebsregister. Beunruhigend finden Experten die Zunahme der Fallzahlen von rund vier Prozent pro Jahr. Zwei Gründe nennen die Fachgesellschaften: mehr und längere Urlaube zu entfernteren Zielen und die älter werdende Bevölkerung. «Wenn die sonnenverwöhnte Generation alt wird, erlebt sie ihren Hautkrebs», sagt Kaufmann.

Daher pochen die Hautärzte auf dem Kongress so stark darauf, zu viel Sonne zu meiden und über 35 Jahre mindestens alle zwei Jahre zum - von den Kassen bezahlten - Hautkrebsscreening gehen, Risikogruppen wie Rothaarige, Immungeschwächte oder Draußen-Arbeiter besser öfter.

Heller Hautkrebs ist gut behandelbar: Die befallene Stelle wird weggeschnitten, bei großen Flächen wird Haut transplantiert. Seltener, aber weit gefährlicher ist schwarzer Hautkrebs: «Nur fünf Prozent der Patienten mit einem fortgeschrittenen malignen Melanom haben bisher länger als fünf Jahre überlebt», erklärt Peter Mohr von der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie (Buxtehude).

In den letzten fünf Jahren habe es aber gleich mehrere «Revolutionen» bei den Behandlungsmöglichkeiten gegeben, berichten die Vertreter aller Fachgesellschaften unisono. Weil die Therapien so neu sind, könne man über Langzeiterfolge bei bereits gestreutem schwarzen Hautkrebs noch nichts abschließend sagen, «aber wir gehen davon aus, dass die Überlebensrate bald bei 40 Prozent liegt», sagt Mohr.

Zwei neue Formen von Medikamenten gegen fortgeschrittene Stadien sind inzwischen in Deutschland zugelassen. Peter Mohr erklärt, wie sie funktionieren. Bei der einen neuen Behandlungsoption ist ein mutiertes Protein namens BRAF das Ziel. Die Hälfte der Patienten hat diese Mutation, ist also prinzipiell für diese Therapie empfänglich. Das Medikament unterbricht den Signalweg in den entarteten Zellen und hemmt so die Teilung der Tumorzellen.

Mit der anderen neuen Behandlungsmethode wird eigentlich nicht der Krebs behandelt, sondern das Immunsystem gestärkt. Das Gute: Wenn diese Behandlung bei Hautkrebs funktioniert, könnte sich auch für andere Tumore funktionieren, sagt Kaufmann. «Die Haut ist das Modellorgan für die Krebsforschung.»

Bei aller Euphorie dürfe man aber eines nicht verschweigen, sagt Mohr: «Das wird uns viel Geld kosten.» Bei der Immuntherapie fallen rund 100 000 Euro pro Patient an, bei dem Proteinhemmer 6000 bis 9000 pro Monat. Zudem müssen immer mehr Hautkrebs-Patieten in Krankenhäusern behandelt werden, wie das Statistische Bundesamt kürzlich berichtete. 2012 wurden 91 900 Menschen mit dieser Erkrankung stationär versorgt.

(dpa, Bernd Wüstneck, 12.9.14)

 

 

Uni Würzburg:

Neues Leukämie-Medikament bald verfügbar

Das Krebszentrum am Universitätsklinikum Würzburg hat einen Wirkstoff entwickelt, der die Heilungschance von Leukämiekranken erhöht. Laut der Uni Würzburg soll dieses Mittel bald als reguläres Medikament in den Handel kommen.

Wie die Pressestelle der Uniklinik Würzburg am Mittwoch (30.07.14) mitteilte, hilft der Wirkstoff "Blinatumomab" dem Immunsystem von Krebspatienten, Tumorzellen zu erkennen und zu vernichten. Der Wirkstoff wurde im Wesentlichen am Universitätsklinikum Würzburg entwickelt und getestet. "Blinatumomab" wurde mittlerweile insgesamt über 300 Studienpatienten verabreicht. "Bei der Mehrzahl war zumindest ein teilweiser, häufig auch ein kompletter Rückgang der Tumorzellen zu beobachten", berichtet Ralf Bargou vom Comprehensive Cancer Center, das am Universitätsklinikum Würzburg angesiedelt ist.

Arzneimittel steht kurz vor Markteinführung

Laut Bargou habe "Blinatumomab" im Juli 2014 von der US-amerikanischen Zulassungsbehörde Food and Drug Administration die so genannte Breakthrough Therapy Designation erhalten. "Dieser Status bringt unter anderem eine beschleunigtes Zulassungsverfahren mit sich, so dass wir damit rechnen können, dass schon im kommenden Jahr ein fertiges Blinatumomab-Medikament auf den Markt kommt", sagte Bargou.

(Bayerischer Rundfunk, 30.7.2014) 

 

 

 

Nanopartikel

Mit Pflanzenviren gegen Krebs

Nanopartikel gelten als vielversprechende Alleskönner. Auch in der Krebstherapie experimentieren Wissenschaftler damit. Forscher von der Case Western Reserve University School of Medicine verwenden jetzt Nanopartikel, die schon seit Millionen von Jahren existieren: Pflanzenviren.

Nanopartikel aus Metallen oder Mineralien haben mehrere Nachteile. Sie sind teuer herzustellen und sie können sich im Körper ablagern und dann Ärger bereiten. Darum hat sich Nicole Steinmetz für ihre Forschung Nanopartikel angeschaut, wie sie die Natur selbst herstellt: Viren, genauer gesagt Viren, die normalerweise Pflanzen krank machen. Das hat einen wichtigen Grund, sagt die Professorin für biomedizinisches Ingenieurswesen an der Medizinischen Fakultät der Case Western Reserve University in Cleveland, Ohio.

"Der Vorteil ist einfach, dass es ein Protein ist. Der menschliche Körper kennt Proteine und kann das über die Zeit abbauen - von einem Virus dann in die Proteine und Aminosäuren, sodass es keine Anlagerungen von Fremdmaterialien im Körper gibt."

Bohnen-Virus löst Immunantwort des Tumors hervor

Nicole Steinmetz hat vor kurzem zwei ganz verschiedene Ansätze vorgestellt, wie Pflanzenviren gegen Tumoren wirken können. Beim ersten verwendet sie das Cowpea Mosaic Virus, das Augenbohnen befällt. Die Forscher haben gezeigt, dass es gegen Tumoren wirken kann. Dazu haben sie es Versuchsmäusen in Geschwüre gespritzt.

"Wir haben herausgefunden, dass dieses Cowpea Mosaic Virus eine Immunantwort, die ganz aggressiv gegen den Krebs wirkt, hervorruft. Und diese Immunantwort ist zunächst lokal. Das Schöne an der Sache ist, dass nicht nur der Krebs dort behandelt wird, sondern eine systemische Immunantwort hervorgerufen wird, die Metastasen, die weit entfernt von dem Haupttumor sind, mitbehandelt."

Der Tumor hat das Immunsystem eingelullt, das Pflanzenvirus weckt es wieder auf. Bei Hautkrebs, Brustkrebs, Eierstockkrebs und Darmkrebs habe diese Therapie in Mäusen funktioniert.

Welche Mechanismen genau dahinterstecken, das verstehen Nicole Steinmetz und ihre Kollegen noch nicht. Nur so viel: Ein Teil der Wirkung beruht auf der Form des Virus. Das Cowpea Mosaic Virus ist eine kleine Kugel.

"Die kugelförmigen Viren werden sehr schnell von Makrophagen, dendritischen Zellen und neutrophilen Zellen erkannt, also Zellen vom Immunsystem, und sie werden sehr schnell von diesen Zellen auch aufgenommen. Das leitet dann eine Immunantwort ein."

Tabak-Virus wird mit Chemotherapeutikum gefüllt

Ganz anders sieht es bei dem anderen Pflanzenvirus aus, mit dem Nicole Steinmetz und ihr Team arbeiten: dem Tabakmosaikvirus. Es ist lang, dünn und hohl - wie ein winziger Strohhalm. Die Wissenschaftler verändern seine äußere Hülle. Sie fügen Bausteine hinzu, sodass die Viren menschliche Krebszellen befallen können.

Eine Krebszelle sieht anders aus auf der Oberfläche als eine normale Zelle. Diese Unterschiede haben Krebsforscher schon für verschiedene Krebsarten herausgefunden. Man kann die äußere Fläche so verwenden, dass das Partikel an eine Krebszelle anbindet, aber nicht an eine Nicht-Krebszelle.

Gleichzeitig füllen die Forscher das Virus mit einem Chemotherapeutikum: Sie nutzen es als Medikamentenfähre. Ein großes Problem mit diesen Giften besteht darin, dass sie nicht nur Krebszellen, sondern auch gesundes Gewebe angreifen und damit heftige Nebenwirkungen verursachen.

Im Labor haben es Nicole Steinmetz und Kooperationspartner vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit einem Chemotherapeutikum beladen, das 40-mal so aggressiv ist, wie ein vergleichbares herkömmliches Medikament.

"Das ist natürlich schon ein Durchbruch, so eine hohe Potenz in dem Medikament zu haben. Es hat dann aber eben auch wieder die Gefahr: Die Nebenwirkungen können natürlich auch wieder stärker sein. Und da ist es eben besonders wichtig, dass man ein Transportmittel hat, um dieses Medikament sicher an den Tumor anzubringen. Und dadurch die ganzen Nebenwirkungen zu vermindern und dem Patienten eine bessere Lebensqualität anbieten zu können."

(dlf, 31.5.16, Joachim Budde)

 

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